DIE RACHE DES EHEMANNES

2. August2024
LiebeTagebuch,

Wie gut es meiner Schwiegermutter Gisela im Haus meiner Tochter Heike geht, doch ein leiser Ruf zieht mich immer wieder zurück nach Hause. Heike hat mir ein eigenes Zimmer eingerichtet sauber, gemütlich, reichlich ausgestattet. Dennoch blick ich aus dem Fenster, fühle die Enge wie ein Vogel im Käfig, und mein Herz pocht nach Freiheit.

Jeden Morgen fragt Heike mich: Mami, was soll ich dir kochen Milch, Fleisch oder Fischsuppe? Ich wollte ihr antworten: Sternenstaub, damit du schneller nach Hause fliegst. Stattdessen sage ich nur: Was du brauchst, bring mir einfach. Und kümmere dich nicht zu sehr um mich, ich werde im Frühjahr den Gemüsegarten neu anlegen. Ich erinnere mich an die mehrjährigen Wurzeln im Keller, an die bunten Blumen, die ich säen will, und an das Versprechen, nicht länger nur die faule Verwandte zu sein, die sich an euch klammert, bis es zu spät ist.

Heike lacht laut, ich lächle mit Schmerzen. Der Frühling naht, meine Gedanken kreisen um das kleine Häuschen, den Hof, das Land, das ich so sehr vermisse. Früher stehe ich noch vor Sonnenaufgang auf dem Klinker, bevor die Sterne verschwinden. Aus den Schornsteinen meiner Nachbarinnen steigt stolz der Rauch, die Vögel zwitschern, als wollten sie den Tag segnen. Hans, unser Nachbar, treibt die Kuh zur Weide er liebt die Morgenstunden mit seinem Vieh. Liese klagt ständig, dass er immer nass von der Tauwiese kommt. Und Kolja schlägt mit dem Hammer, baut und renoviert, solange die Sonne brennt. Währenddessen eilt Manja zum Brunnen, füllt die Kühe, wischt den Stall aus und muss bald zu mir kommen, um meinen Gesundheitszustand zu prüfen, um meine Schwiegertochter zu tadeln und den Sohn zu bemitleiden.

Wenn ich die Straße vor mir sehe, die vertrauten Gesichter meiner Heimat, wird mir klar, dass hier keine Suppe reicht. Ich sehne mich nach einer deftigen Eintopfpfanne aus dem Ofen, nach einem gemeinsamen Tee aus dem Kannenherd, süß gesüßt mit Honig. Wenn Freundinnen zum Nachmittagskaffee kommen, bringen sie Bonbons, frische Brezeln und ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Wir trinken und lachen, und ich sage: Ihr rühmt euch mit euren Süßigkeiten, doch das wahre Glück liegt im einfachen Brot, im Zucker, im herzhaften Geschmack, den wir nie vergessen werden.

Ich erinnere mich an die erste Nacht im neuen Haus mit meinem Mann Friedrich. Anstatt eines Esstisches stand dort ein alter Fassdeckel, die Stühle waren durch alte Kisten ersetzt, Vorhänge fehlten, der Boden war bloß. Ich war Waise, kannte meine Eltern nicht, meine Großmutter zog mich groß. Als Friedrich mich nach vielen Jahren vorschlug zu heiraten, trotz meines Alters, drängte meine Mutter mich schnell in ein gut verdientes Haus.

Friedrich war für mich sofort das Wunschmann schön, gehorsam, schüchtern. Meine Schwiegermutter schrie, drohte, den Sohn mit seiner ungewollten Braut zu verjagen. Doch Friedrich hielt stand, unbeirrbar, keine Bitten, kein Zögern halfen nicht. Mein Vater, alteingesessen und knarrend, war zufrieden mit seinem Sohn, doch plötzlich platzte der Eichentisch und er rief: Hört zu, wir schicken keinen Sohn in den Krieg, sondern in ein Familienleben. Er wies mich an, die Badewanne bereit zu machen, weil morgen die Verlobungsfeier anstand. So lebten wir zusammen.

Friedrich hatte noch zwei Brüder und musste nach dem Gesetz vom elterlichen Hof ausziehen. Sie bekamen ihr Erbe, bauten ein Haus. Er war stark, fleißig, liebte meine Schwester Anke so sehr, dass er Berge versetzen würde. Anders als meine Schwiegermutter hatte Friedrich Respekt vor mir, doch die Nachkriegszeit war hart, wir konnten uns nicht verwöhnen, das Schulterblatt war stets für den Mann da. Während Friedrich auf der Baustelle war, ging ich, schwanger, zum Heu mähnen. Das Mähen begann spät im Sommer, das Gras wuchs hoch, die Halme waren spitz und scharf wie Messer. Man nannte die trockenen Halme Röcke. Meine Schwiegermutter dachte, ich würde das nicht schaffen, und gab mir eine Sense. Nackt im Wasser, barfuß, schnitt ich das Heu, band es zum Trocknen auf meinen Rücken und trug es zurück zum Stall. Tag für Tag ging ich hin, meine Hände bluteten, meine Zehen stießen gegen die Halme, mein Rücken schmerzte.

Eines Morgens bekam ich Kopfschmerzen, Schweiß, Schüttelfrost, meine Glieder waren erstarrt, mein Bauch fühlte sich an, als würde er auf den Knien ruhen. Meine Schwiegermutter brummte: Wir sollten nicht mehr mähen, wir ruhen. Ich konnte nicht aufstehen, das Fieber war so stark, dass Friedrich meine Stirn berührte, rief: Ich hole den Arzt. Später weinte er am Türrahmen, schluchzte verbrennend, weil er meine erste Tochter nicht beschützen konnte. Meine Schwiegermutter tröstete ihn scharf wie das Unkraut: Sie wird wieder gebären, vielleicht einen Jungen, doch du sollst nicht verzweifeln. Sie befahl mir, das Stillen zu ertragen, das Milch wie ein heißes Eisen auf meiner Brust. Die Schmerzen brannten, das Feuer schien meinen ganzen Körper zu zerreißen.

Ich wollte allein sein, weinen, die Trauer um das verlorene Kind spüren. Ich sah meine Schwiegermutter mit harten Händen, fühlte ihren Griff und dachte, sobald ich aufstehe, wird der Weg zur Großmutter führen, weil sie mich hier nicht wollte. Friedrich schwang zwischen Baustelle und Feld, ließ mich allein zu Haus. Ich aß und trank nicht. Das Milchflüssigkeit brannte aus, das Fieber sank, doch die bittere Trauer blieb für immer.

Meine Schwiegermutter pflegte weiter zu mähen, sah, dass nichts gegessen wurde, und sagte: Um zu essen, muss man erst Arbeit haben. Friedrich sah unser Haus fertig, baute den Ofen, verglaste die Fenster, wir zogen in das neue Heim. Meine Großmutter übergab ihre Kuh, zehn Hühner, ein Ferkel, mein Vater brachte Mehl, Getreide und ermahnte: Sohn, trage keinen Groll gegen deine Mutter, sie ist hart, doch sie will das Beste. Zwei Jahre später bekam ich einen Sohn, dann jedes Jahr drei Töchter. Alles lief gut mit Friedrich, wir ertrugen die Sorgen schweigend. Die Kinder kamen nicht oft, die Schwiegermutter brachte Geschenke, die Enkel kamen selten.

Ich sah die teuren Möbel in den Wohnungen meiner Kinder, erinnerte mich an das alte Holzbett, an die ersten Vorhänge, an die ersten halbfertigen Teppiche, an die bunten Blumengemälde, die wir selbst gestickt hatten. Der erste Fernseher, das Sideboard, das Sofa, das Regal alles schien plötzlich wie ein Traum.

In unserer Familie gilt das Gesetz: Ältere respektieren, Jüngere nicht schikanieren, Eltern achten und gehorchen. Bildung steht an erster Stelle, nach der Schule gehen alle ihren Beruf nach. Jeden Abend sitzen Friedrich und ich nach getaner Arbeit im Garten auf einer Bank, beobachten die prächtigen Rosen, die an unsere Kinder erinnern. Jeder Apfelbaum trägt den Namen eines Kindes Liesel, Greta, Karl und jeder Geschmack spiegelt seine Persönlichkeit.

Wenn ich an die Kinder denke, sehe ich meine erste Tochter, stelle mir vor, wie sie heute wäre. Friedrich bittet um Verzeihung: Die Zeiten waren hart, wir Männer dachten, wir könnten alles allein tragen. Du hast gepflügt, ohne zu klagen, ich habe es für selbstverständlich gehalten. Jetzt, wo wir unser Kind verloren haben, bereue ich es tief.

Die Kinder gründeten eigene Familien, kommen seltener. Friedrich wird alt, hinkt, wird krank. Er spricht oft darüber, dass ich nach meinem Tod nicht zu den Kindern eilen soll, dass das Haus, der Garten, die Erde das wahre Zuhause sind. Die Apfelbäume werden mich begrüßen, wenn ich den Garten betrete, sie haben mein Leben beobachtet, vom jungen Mann zum Greis. Sie werden mit mir zusammen in einem Ganzen weiterleben.

Ich spüre seine Worte, werde klar: Bringt mich nach Hause, sonst gehe ich zu Fuß. Ich lege mich in dein weiches Bett, doch es ist kalt, mein Hals knackt, ich trockne aus. Nehmt euch die Schuld nicht zu Herzen, bringt mich zurück.

Die Kunde verbreitet sich schnell, dass ich heimgekehrt bin. Freundinnen bringen Lebkuchen, Bonbons zum Tee, tanzen vor Freude. Der Garten begrüßt mich mit den ersten sprießenden Blättern, die Wände des Hauses umarmen mich warm. Der Ofen erwärmt sich, zeigt seine Zuneigung, wird rot vor Glück.

Meine Kinder rufen täglich an, sagen: Danke für deine Fürsorge, wir wollen jetzt für das Haus und den Garten sorgen. Grüße von uns und tiefen Respekt.

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Homy
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