Im Sommer war ich in einer Klinik für Heilfasten, um meinen Körper zu entgiften. An einem sonnigen Tag legte ich mich auf eine Liege draußen, um etwas Sonne zu tanken. Neben mir lag eine auffallend schöne Frau, das Gesicht und die Figur wie ein Model. Wir kamen ins Gespräch, wie das eben so passiert. Irgendwann kamen wir auf unsere Fastenziele zu sprechen.
Ich muss noch 400 Gramm abnehmen, sagte sie ganz ernst. Ich lachte spontan, weil ich dachte, es sei ein Scherz. Aber nein. Ich bin schon seit einem Jahr zu dick. Mein Freund meinte, er verlässt mich, wenn ich nicht abnehme … Schau, siehst du? Sie griff sich eine kleine Falte am Bauch und schien sichtlich beschämt. Ich schäme mich sogar, mich hinzusetzen …
Die Begegnung ging mir richtig nach. Seitdem denke ich an sie nur noch als Luise, 400 Gramm. Offenbar würde ihr Freund einen wie mich direkt von der Klippe stoßen, denn in seinem idealen Sparta dürfen wohl nur Dünne wohnen für gemütliche kleine Brötchen ist da kein Platz.
Kürzlich war ich mit meinem Mann auf einer Feier im Restaurant mit lauter Fremden. Eine besonders gepflegte Frau saß stilvoll auf dem Stuhl, Beine elegant übereinandergeschlagen, die Seidenstrümpfe glänzten ein bisschen, der Schuh baumelte an ihrem Fuß, und sie trank Wasser aus einem Weinglas und zog jeden Männerblick auf sich.
Dann kam ihr Mann. Er begrüßte die anderen Männer mit Handschlag, warf ihr aber nur ein herrisches Deck dich zu! Präsentierst ja die Schenkel … zu. Sie war sichtlich eingeschüchtert, errötete, bat gleich den Kellner um eine Decke, wickelte sich darin ein und saß den Rest des Abends verkrampft dort wie ein Spatz im Winter, obwohl sie direkt neben dem Kamin saß.
Neulich dachte ich, ich müsste mal Biographien großer Dichter und Denker lesen, um vielleicht das Geheimnis ihres Genies zu verstehen. Aber das ließ ich ziemlich bald wieder sein. Lebendige Menschen mit ganz gewöhnlichen Schwächen werden in meinem Kopf eben schwer mit ihren genialen Werken zusammengebracht.
Besonders deutlich wurde mir das bei der Biografie von Theodor Fontane. Ich liebe Effi Briest, aber einige Details aus seinem Leben haben mich schlicht erschüttert. Zum Beispiel: Als seine Frau Emilie nach fünf Kindern gesundheitlich schwer angeschlagen war und ihr die Ärzte wegen der vielen Geburten weitere Schwangerschaften untersagten, soll er allen Ernstes gesagt haben: Wozu brauche ich sie dann überhaupt? Emilie bekam insgesamt 13 Kinder … Das muss man erst einmal verkraften.
Ich scrolle manchmal durch Instagram. Dort herrschen perfekte Puppen-Barbies. Ihr Alltag besteht aus Fitness, Solarium, Beauty-Treatments und Spa. Sie erschaffen sich ihr Idealbild mit viel Aufwand und die Schönheitsbranche verdient prächtig daran. Es ist ein Vollzeitjob, schön zu sein, und ich respektiere jede Arbeit, doch frage mich: Haben wir nicht irgendwie alles durcheinandergebracht? Die Mädchen wollen schön sein, um geliebt zu werden. Damit die Männer sie auswählen. Man sagt ihnen genau, was schön ist: dünn, gezupfte Augenbrauen, volle Lippen, knackiger Po und sie eifern diesen Maßstäben nach.
Die Männer haben es inzwischen schwer, bei all den Kopien noch eine echte Persönlichkeit zu entdecken. Es ist wie beim Gärtner-Markt: Mein Mann suchte neulich was fürs Sommerhaus und während ich durch die Reihen schlenderte, betrachtete ich die ganzen Gartenfiguren, Wichtel mit übergroßen roten Mützen, Pilze, Eulen, Windmühlen zwei Männer suchten den schönsten Wichtel aus. Der eine schaute die Figuren von allen Seiten an, hob sie hoch, drehte sie, da lachte der andere und sagte: Nun entscheide dich endlich, Bruder … Gestern hast du die Damen im Bordell genauso kritisch ausgesucht …
Es war tatsächlich lustig, aber es hat auch was.
Mädels, liebe Luise 400 Gramm, liebe Sabine Deck die Schenkel zu, liebe Emilie mit den 13 Kindern … Wie kann es sein, dass wir uns selbst so wenig schätzen und respektieren? Wann haben wir zugelassen, dass man uns wie Ausschussware behandelt und das dann für Liebe halten? Wer hat uns eingeredet, dass perfekte Körper oder Gesichter eine Voraussetzung für Glück in einer Beziehung sind?
Ich habe genug Beweise, dass Liebe und Aussehen nicht miteinander korrelieren. Meine Freundin lernte ihren Mann in einer Nephrologie-Abteilung kennen sie trug Krankenhauskittel, war blass, geflickt und schleppte einen riesigen Urinbeutel mit sich herum, der unter ihrem Nachthemd hervorlugte. Ihr jetziger Mann hat sich genau in diesem Moment verliebt.
Oder schaut euch Frida Kahlo an habt ihr ihre Bilder mal gesehen? Und die Augenbrauen? Geradezu legendär. Sie wurde von den bedeutendsten Männern ihrer Zeit umschwärmt.
Vor ein paar Jahren musste mir ein Weisheitszahn gezogen werden dabei wurde die Lippe verletzt, Komplikationen, Fieber bis 40 Grad, dicke Backe, kaputter Mund. Ich lag zu Hause, sabberte Blut, sah im Spiegel aus wie ein Gespenst und heulte vor Entsetzen. Mein Mann? Stand da mit Kefir, weil ich nichts anderes zu mir nehmen konnte und sagte lachend: Du bist die Schönste auf der Welt, wirklich! Auch jetzt! Willst du mich heiraten? Jetzt? Und ich habe ihm geglaubt. Das ist für mich wahre Liebe. Nicht das perfekte Heiratsantrags-Event im Restaurant später, mit Ring, Blumen und Beifall sondern dieses erste, echte Geständnis.
Unsere Unvollkommenheiten machen uns einzigartig und lebendig, dafür werden wir geliebt gerade weil sie uns ausmachen. Perfektion ist eine Illusion, und wenn es sie gibt, dann ist sie für jeden etwas anderes.
Ich denke aktuell über feste Zahnspangen nach, meine Zähne sind ziemlich schief. Mein Mann meinte: Ich liebe dein Lächeln so, wie es ist will dich aber in allem unterstützen, was dir selbst wichtig ist. Falls ich entscheiden dürfte, würde ich alles genauso lassen.
Nach der Geburt unseres ersten Sohnes wog ich 118 Kilogramm, aber anstatt zu kritisieren, überschüttete mich mein Mann mit Komplimenten, wodurch ich jegliche Motivation zum Abnehmen verlor. Schlanker wurde ich erst, als ich es wirklich wollte. Als wir neulich alte Fotos ansahen, ich dick auf dem Sofa mit Baby, fragte ich ihn: Warum hast du nichts gesagt? Ich war ja richtig dick … Er grinste: Du warst einfach zum Anbeißen. Du nimmst ab, wann immer du das willst. Für mich war alles wundervoll.
Als ich vor fünf Jahren einen starken Schub meiner Schuppenflechte hatte, flogen wir dennoch in den Urlaub. Ich wollte mich am Strand nicht zeigen, aber mein Mann fragte eh nur: Was hast du denn? und ich merkte, dass er das gar nicht sieht. Für ihn war ich schön, ganz unabhängig von der Haut.
Ich will hier nicht meinen Mann bewerben sondern gesunde Beziehungen. Wenn ein Mann von euch verlangt, irgendeinem Schönheitsideal zu entsprechen, ist das Dominanz, keine Liebe. Du bist wunderschön, ein prächtiger Apfel! Und er sieht nur die vermeintlichen Makel? Dann sucht er keinen Partner, sondern Kontrolle.
Du darfst ihm aus Angst, etwas zu verlieren, folgen aber überleg doch, was du eigentlich verlierst: Einen Tyrannen, für den du nur ein Gartenzwerg im giftroten Pilzhut bist?
Jeder Mann mag gern bestimmen aber sein Ansehen sollte nicht auf Furcht, sondern auf deiner Wertschätzung beruhen. Wahre Hingabe ist immer eine Entscheidung: Du folgst, weil du willst, weil er stark, verlässlich, liebevoll ist und dich an die Hand nimmt bis ans Ende der Welt. Aber das muss er sich erst verdienen.
Und diese Entscheidung bleibt immer deine.



