Sie hatte sich mit kinderreichen Müttern unterhalten und verstand nun, warum diese oft unbeliebt waren.
Ich bin eine Mutter von mehreren Kindern, man sollte Verständnis für mich haben!
Gnädige Frau, ich habe Sie nicht gezwungen, so viele Kinder zu bekommen! Lassen Sie meinen Pullover los!
Irmgard dachte immer, die Welt schulde ihr etwas. Schon während des Studiums war sie so gewesen. Damals hatte sie noch keine Familie. Doch kaum war das erste Kind da, verlor sie völlig den Verstand.
Eins. Zwei. Drei. Der Status der kinderreichen Familie war erreicht, und von da an ging es bergab.
Zuerst dachte Sabine, Irmgard hätte den Mutterschaftswahn oder wie man es nannte, wenn man nach der Geburt der Kinder jede Grenze vergaß und glaubte, alle müssten sich vor einem verbeugen.
Stell dir vor, ich stehe mit den Kindern in der Schlange, und niemand lässt mich vor!, empörte sich Irmgard, als sie sich wieder einmal mit Sabine traf.
Nun, andererseits müssen sie das auch nicht. Manche kommen erschöpft von der Arbeit und wollen einfach nach Hause, andere haben ihre eigenen Sorgen
Irmgard unterbrach sie sofort und ließ sie nicht ausreden.
Ach, was solls! Die können ruhig warten. Wovon sollen die überhaupt erschöpft sein? Die haben ja nicht mal Kinder!
Woher nimmst du die Annahme, dass man nur mit Kindern erschöpft sein kann?
Weil ich drei habe und weiß, wovon ich rede! Aber du verstehst das nicht du hast ja noch nicht einmal geboren!
Irmgard war wirklich ein besonderer Fall. Sie glaubte, es sei die Pflicht jeder Frau, mindestens ein Kind zu bekommen. Ideal wären mehrere. Diejenigen, die anders dachten, brachten sie zur Weißglut.
Sabine hingegen vertrat die Ansicht, dass sie niemals Kinder haben wollte. Natürlich verstand ihre Freundin das nicht.
Es war schwer, Irmgard von ihrer Position zu überzeugen. Ja, Sabine wollte ihr Leben genießen: Reisen, Karriere machen, Neues lernen.
Ihr Mann unterstützte sie voll und ganz und wollte ebenfalls keine Kinder. Doch Irmgard hielt es für ihre Pflicht, der unvernünftigen Freundin ihren Standpunkt klarzumachen.
Wenn du erst einmal ein Kind hast, wirst du glücklich sein!
Du verstehst es nicht, weil du keine Kinder hast!
Wer soll sich denn später um dich kümmern, wenn du keine Kinder hast?!
Gegenargumente waren sinnlos, und Sabine verschwendete keine Zeit darauf.
Als die Kinder älter waren, besuchte sie Irmgard eines Tages. Sie unterhielten sich stundenlang. Man merkte sofort, wie sehr Irmgard menschlichen Kontakt vermisste.
In letzter Zeit hatte sie sich nicht weiterentwickelt und war in Windeln und Kinderbetreuung versunken. Sabines Mann fragte sie oft, worüber sie überhaupt mit Irmgard reden konnte.
Doch seltsamerweise fanden sich gemeinsame Themen.
Irmgard, was willst du eigentlich vom Leben? Wenn deine Kinder groß sind was dann?
Na, was denn? Ich werde ihnen helfen. Bevor ich mich versehe, kommen die Enkel.
Sabine war überrascht von dieser Einstellung, sprach jedoch weiter.
Und du selbst? Willst du gar nicht für dich leben?
Wozu? Ich habe meine Kinder, alles ist für sie da. Übrigens, ich habe herausgefunden, dass uns noch mehr staatliche Unterstützung zusteht
Natürlich lenkte Irmgard das Gespräch wieder in ihre Richtung. Immer, wenn ihr Fragen unangenehm waren, tat sie das.
Und sie bekam immer, was sie wollte ohne Rücksicht auf Verluste.
Mit der Zeit schämte sich Sabine sogar, mit ihr in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Besonders nach einem Vorfall.
Sie waren zusammen einkaufen, und Irmgard hatte die Kinder dabei. Diesmal suchte sie einen neuen Pullover es gab gerade einen Ausverkauf.
Sabine fand ebenfalls etwas und ging in eine andere Abteilung. Doch dann hörte sie laute Stimmen und erkannte sie sofort.
Zu ihrem Entsetzen sah sie, wie Irmgard sich wegen eines Pullovers mit einer ihrer Kolleginnen stritt (obwohl sich die beiden nicht kannten).
Ich bin eine Mutter von mehreren Kindern, man sollte Verständnis für mich haben!
Gnädige Frau, ich habe Sie nicht gezwungen, so viele Kinder zu bekommen! Lassen Sie meinen Pullover los!
Sabine stürzte hinzu.
Irmgard, hör auf dich so aufzuführen! Alle schauen schon. Schäm dich vor den Kindern!
Beschämt blickte Sabine ihre Kollegin an, die sie ebenfalls erkannte.
Ja, Sabine Hätte nicht gedacht, dass du solche Bekanntschaften hast
In diesem Moment wurde Sabine klar: Mit ihrem Verhalten machte Irmgard nicht nur sich selbst, sondern auch sie lächerlich.
Wie es so schön hieß: Sage mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist. Und solche Eskapaden waren kein Einzelfall.
Nach diesem Vorfall beschloss Sabine, Abstand zu halten. Direkt die Freundschaft zu beenden, fehlte ihr der Mut es gab ja keinen wirklichen Streit.
Doch Irmgards unerträgliches Wesen war zu viel. Sabine behauptete einfach, sie habe zu viel Arbeit, um sich zu treffen.
Doch der Grund für einen Bruch ließ nicht lange auf sich warten. Irmgard suchte selbst den Konflikt. Offenbar war ihr Leben ohne Drama zu langweilig.
Eines Abends erschien sie bei Sabine und fing scheinbar grundlos an, Vorwürfe zu machen.
Willst du mir gar nichts erklären?
Wovon redest du?
Sabine dachte, Irmgard würde ihr mangelnden Kontakt vorwerfen. Doch die wahre Ursache überraschte sie.
Ich habe gestern deine Schwester mit ihrem Kind gesehen.
Und?
Ihre Tochter trug einen Designer-Overall. Genau den, den ich bei euch zu Hause gesehen habe.
Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst?
Dass du den uns hättest geben sollen, nicht deiner Schwester!
Was?!
Sabine war wie vor den Kopf geschlagen. Irmgard meinte ernsthaft, sie könne bestimmen, wem Sabine was schenkte?
Unglaublich!
Irmgard, glaubst du nicht, dass du dir zu viel herausnimmst? Vielleicht entscheide ich selbst, wem ich was gebe?, sagte Sabine verärgert.
Was soll das heißen? Deine Schwester hat nur ein Kind und kann es versorgen. Ich habe drei und kann mir keine Markenklamotten leisten. Ich brauche es mehr, verstehst du?
Doch was Irmgard wirklich gebraucht hätte, war ein gesunder Menschenverstand, nicht Designer-Kleidung. Argumente prallten an ihr ab.
Sie schrie weiter, diesmal nicht im Supermarkt, sondern in Sabines Wohnung.
Schließlich warf Sabine sie hinaus, doch Irmgard brüllte noch lange im Treppenhaus weiter. Im Hauschat musste sich Sabine bei den Nachbarn entschuldigen.
Irmgard hingegen sah nie einen Grund, sich zu entschuldigen. Laut gemeinsamer Bekannter wurde sie mit den Jahren nur schlimmer.
Zehn Jahre vergingen.
Sie hatten keinen Kontakt mehr. Sabine und ihr Mann waren ins Ausland gezogen und kamen nur selten zurück, um ihre Eltern zu besuchen.
An diesem Tag ging Sabine durch den Park, wo sie früher oft mit Irmgard spaziert war und sah sie plötzlich.
Was für ein Zufall! Dachte nicht, dass wir uns je wieder sehen würden. Ihr seid doch ausgewandert, oder?
Ja, nur kurz zu Besuch bei meinen Eltern. Wie gehts dir, Irmgard? Und den Kindern?
Irmgard deutete auf den Kinderwagen. Sie hatte vor kurzem ihr viertes Kind bekommen.
Herzlichen Glückwunsch! Freut mich für dich!
Ja, aber dir gratuliere ich lieber




