Die Witwe mit fünf Kindern ein Traum
Man kann seine Kinder nicht nicht lieben, dachte Merle Schneider, während sie durch einen von Schnee begrabenen Pfad stapfte. Doch Liebe fühlte sie nicht. Nur Erschöpfung, Zorn und ein endloses Gefühl von Machtlosigkeit. Einst, als Wolfgang noch lebte und sie bereits im fünften Kind war, flüsterte die Nachbarin aus dem sechsten Stock, überzeugt, dass Merle die Tür bereits verschlossen und ihre Worte nicht hörte:
Für das Elterngeld gebären sie, und die Kinder werden immer wieder verstoßen!
Merle schluchzte bis zum Keuchen, weil das Wort ihr so tief traf. Ja, sie schaffte es, vier Kinder zu versorgen, aber sie blieben nie allein: Die Mutter kam, solange sie konnte, dann stellte man eine Nanny ein. Ihre Arbeit liebte sie und hielt sie nicht für richtig, einfach so aufzuhören, weil die Kleinen noch klein waren. Und wenn sie groß wurden was dann? Wer würde Merle dann sein?
Dieses Dilemma erwies sich als richtig, denn als Wolfgang nicht mehr war, reichte ihr Lohn kaum, aber er reichte für das, was ihre Kinder brauchten. Die Rente ließ sie unberührt, auf Sparkonten bewahrt, damit die Kinder später ihr eigenes Leben starten konnten. Doch eine Witwe mit fünf Sprösslingen zu sein, war selbst für sie zu schwer.
Die ganze Nacht fiel dichter Schnee, die Wege, einst schmal, wurden zu kaum erkennenden Schleifen. Hätte sie nur vorausschauen und das Auto anders parken können, wäre es nicht nötig gewesen, Egon und Lina wie zwei Lastkörbe bis zum Garten zu schleppen und zurück. Merle achtete so sehr auf ihre Stiefel, dass sie den Mann, der ihr entgegenkam, nicht bemerkte. Sie stießen zusammen, er hielt das Gleichgewicht, Merle sank in den Schnee. Er streckte ihr die Hand zu, ließ dabei einen großen roten Herzballon fallen.
Erschreckender Valentinstag!, fluchte Merle in sich hinein.
Gestern bis Mitternacht hatte sie ihrer mittleren Tochter Ilse warme Filzstiefel gebunden und ihrem Sohn Paul einen Bericht über das Fest geschrieben, während die älteste Tochter Liese einen Anfall bekam, weil ein riesiger Pickel auf ihrer Stirn auftauchte. Liese war überzeugt, dass ihr Schwarm ihr morgen ein Kärtchen schicken und zu einem Date einladen würde. Währenddessen klauten die Jüngsten Acrylmarker und besprühten die weiße Kommode, den Linoleumboden und einander. Die Erzieherin taufte sie am Morgen scherzhaft als Papuas und riet, Nagellackentferner mit Aceton zu kaufen.
Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gesehen, sagte der Mann.
In Merles Innerem wetteiferten Zorn über das Übersehen und Scham über den verlorenen Ballon, der sicher einer Geliebten bestimmt war. Der Zorn gewann.
Ach, ich bin schuld. Schade um den Ballon.
Der Mann blickte zum Himmel.
Nichts. Auch die Vögel werden feiern.
Ihre Frau wird sicher traurig sein.
Das ist für meine Tochter, lächelte er. Ich kaufe einen neuen.
Tränen sprudelten plötzlich aus Merles Augen. Der Mann wirkte verunsichert und wusste nicht, was er tun sollte.
Entschuldigung, das war ein Versehen, schluchzte Merle.
Ist alles in Ordnung? Was ist passiert?
Merle klagte selten über ihr Leben als Witwe mit fünf Kindern, doch dieser Fremde war ein völlig unbekanntes Gesicht, und sie war erschöpft.
Er hörte zu und sagte:
Sie sollten meine Frau kennenlernen. Sie hat sich in das dritte Kind verliebt, und ich sage ihr: Warte, lebe erst einmal für dich. Ich will nicht sagen, dass viele Kinder schlecht sind das ist gut, ich wünsche mir auch ein drittes, aber Entschuldigung, ich verliere den Faden. Ich bin kein guter Trostspender.
Ach ja, winkte Merle ab. Manchmal denke ich, ich muss sie unendlich lieben. In Wirklichkeit ärgere ich mich nur. Wo bleibt die Liebe?
Sie ist da, bestätigte er fest. Sie ist nur vom Schnee begraben, wie dieser Pfad. Erinnern Sie sich, was im Sommer hier wächst?
Was?
Löwenzahn.
Merle verstand, was er meinte, doch das Gefühl der Leere blieb.
Er begleitete sie bis zum Auto und wünschte ihr einen schönen Tag. Im Auto richtete Merle ihr Make-up und fuhr zur Arbeit. Das Herz schwer, erinnerte sie sich an frühere Valentinstage, an Kärtchen hinter dem Spiegel und Blumen auf dem Rücksitz. Der Mann war seit vier Jahren tot. Solche Tage brannten stets ein Stich der Sehnsucht in ihr. Und heute stand ein Meeting mit dem nervigen Sebastian Petersen an, der eine halbe Stunde lang seine Ergebnisse schlabberig darlegte.
Im Büro herrschte ein leichtes Aufleben: Man feierte das Fest nicht groß, aber überall sah Merle Blumen, Mädchen tuschelten und kicherten, Männer wirkten angespannt so war es immer, wenn Frauen Erwartungen unausgesprochen stellten. Beim Betreten des Raumes dachte Merle, sie hätte die falsche Tür gewählt, trat zurück, und ein Strauß roter Rosen lag auf dem Schreibtisch. Der Raum war dennoch ihr eigener, und sie näherte sich den Blumen vorsichtig, als wären sie fremde Tiere nicht wissend, ob scharfe Krallen oder ein leises Schnurren zukamen.
Eine Karte lag bei den Blumen. Merle hob sie behutsam an.
Ich würde es nie wagen, aber warum nicht heute. In deinen Augen sehe ich das All, dein Lächeln bestimmt meine Laune. Lass uns zusammen essen? L.
Sie überlegte fieberhaft, welcher Kollege mit L dies geschrieben haben könnte. Der Raum gehörte ihr, also konnte das Bouquet zufällig hier gelandet sein. Auf der Karte stand ein Restaurant und die Zeit 19:00 Uhr. Leonhard, Lukas oder Leo? Männer mit diesen Namen arbeiteten mit ihr, doch keiner zeigte Interesse. Vielleicht war es Leonhard: Vor ihrer fünften Schwangerschaft hatte Merle fast in ihn verliebt, ihr Mann war krank, sie sehnte sich nach Romantik. Er war freundlich, sie aßen zusammen zu Mittag, Merle spürte Schmetterlinge, doch ein Schwangerschaftstest zeigte nur, dass ihr Körper protestierte. Schwangerschaft kam immer überraschend, und als Wolfgang krank wurde, verschwand Leonhard aus ihrem Gedächtnis.
Den ganzen Tag über fragte sich Merle, ob sie das Date annehmen sollte. Sie musterte Leonhard, Lukas und Leo, doch alle verhielten sich wie immer. War das ein Scherz? Wer würde mit den Kindern sitzen? Ihre Mutter ging seit sechs Jahren nicht mehr aus dem Haus, die Nanny war zu teuer, die älteste Tochter würde wahrscheinlich weglaufen. Also ging sie nirgends hin.
Egon und Lina hatten ihr ein schiefes Herz geschenkt, jetzt lernten sogar die Kindergärten, Valentinskarten zu schneiden. Merle steckte sie in Overalls und zog sie durch den Schnee zum Auto, während sie an den Mann vom Morgen dachte, der seiner Tochter einen roten Ballon trug. Auch ihr könnte das passieren, und Tränen traten ihr in die Augen.
Die Kinder drängten im Auto, stritten, welchen Film sie sehen sollten, forderten Kinners, weil heute Fest war. Merle, erschöpft von ihrem Geschrei, gab nach, kaufte Kinners, versteckte drei für die Ältesten, und Fertiggerichte, weil die Kräfte fehlten.
Zuhause wartete die Überraschung: Duft von Bratkartoffeln und Kirschkompott. Die älteste Viktoria erklärte, ein Junge habe ihre Freundin zu einem Date eingeladen, sie habe nun keine Freundin mehr und keinen Jungen, aber das sei gut, denn ihr Pickel wuchs weiter. Sie beschloss, das Essen zu kochen. Die mittleren Kinder räumten die Zimmer auf und wischten die Marker von der weißen Kommode. Merle wurde tief berührt, umarmte die Kinder und erkannte, dass sie sie doch liebte nicht nur jetzt, wenn sie brav waren, sondern immer. Sie grub ein altes, kleines schwarzes Kleid aus dem Schrank, das sie seit Jahrhunderten nicht mehr getragen hatte, nahm der ältesten Tochter ihr Parfüm, der mittleren ihr Lippenglanz.
Mama geht auf ein Date!, rief Viktoria begeistert.
Egon weinte, Merle tröstete ihn und versprach, bald zurückzukehren.
Im Restaurant kam Merle aufgeregt an: Was erwartete sie? Ein Date mit einem Fremden oder doch jemandem, den sie kannte, aber nicht genau? Es war, als würde man im Geheimen Weihnachtsmann Geschenke verteilen. Für Leonhard oder den Lageristen Vasilij hätte sie leicht ein Geschenk gefunden, doch für den Personalchef Sebastian Petersen hätte sie höchstens ein Fahrrad geschenkt, weil er einem Briefträger glich.
Als Merle das Restaurant betrat und nicht wusste, wie sie den Tisch ansprechen sollte, wollte sie schon wieder gehen, da erschien plötzlich Sebastian persönlich. Er stand, gestreckt wie ein Strohhalm, und sah zur Tür. Als er Merle sah, errötete er, ließ den Blick aber nicht los. Merle fühlte sich verlegen, ängstlich, wütend. Er? Das Universum in den Augen? Was für ein Spiel treibt dieser Krokodilspielt? Ein Rückzug war unmöglich.
Ich fürchtete, du kommst nicht, sagte er.
Sie hatten nie du gesagt, doch Merle wusste, dass an diesem seltsamen Tag alles möglich war. Sie atmete tief ein und folgte der Kellnerin, die ihnen einen Tisch am Fenster zeigte. Von der Decke hingen verschieden große Herzchen, und Merle dachte, dass jetzt doch ihre Tochter zu einem Date gehen müsse, nicht sie. Sie musste schnell etwas erdenken und fliehen. Warum hatte sie nicht einfach die Tochter anrufen lassen und sagen lassen, zu Hause brenne es?
Das Gespräch stockte. Sebastian wirkte nervös, redete viel oder schwieg, starrte Merle mit einem so unglücklichen Blick, dass Merle Mitleid mit ihm hatte und zwangsläufig Smalltalk führen musste. Alles schien ein großer Fehler zu sein, sie wollte weglaufen, nicht knusprige Auberginen kauen und saftiges Steak schneiden. Lass etwas passieren!, betete sie innerlich. Die Kleinen malen die Wände, die Mittleren baden die Katze, Viktorias Freundin erkennt ihren Verrat und ruft zum Versöhnen!
Ihre Bitte wurde erhört, denn nach dem dritten Bissen des Steaks klingelte das Telefon. Merle sah erleichtert den Namen ihrer ältesten Tochter und sagte:
Wir müssen los, die Kinder.
Sie schilderte Sebastian fleißig ihre Familiensituation, hoffend, dass er das Date abbrechen würde. Er erzählte begeistert, dass er Einzelkind war und immer von einer großen Familie geträumt hatte.
Viktoria schluchzte ins Telefon.
Mama, Brand! Paul wollte Käsestäbchen braten, das Öl hat Feuer gefangen
Merle fror. Ihr Herz schlug wie ein Trommelfall.
Was ist passiert?, fragte Sebastian ängstlich.
Brand, hauchte sie.
Er reagierte erstaunlich ruhig: Er zog eine Karte, rief die Servicekraft, bestellte die Feuerwehr, fragte nach der Adresse, während er die Kinder anleitete, Schuhe anzuziehen und nach draußen zu laufen, die Nachbarn zu alarmieren und nichts zu retten zu versuchen.
Fünfzehn Minuten später standen sie vor dem Haus. Das Feuerwehrauto blockierte den Eingang, Nachbarn drängten sich um die weinenden Kinder, Rauch drang aus dem Fenster. Ich werde nie wieder denken, dass ich sie nicht liebe, sagte Merle. Ich will die beste Mutter sein. Sie drückte die Kinder an sich, staunte über fremde Jacken und Mützen auf ihren Schultern. Die Welt war nicht ohne gutherzige Menschen, das wusste sie immer.
Glücklicherweise war das Feuer schnell gelöscht, nur die Küche war beschädigt, in den anderen Räumen lag ein Hauch von Ruß. Auch die Katze, die Viktoria gerettet hatte, kam mit.
Hier darf man nicht übernachten, schloss Sebastian. Außerdem braucht das Haus Reparatur. Lass uns zu mir kommen.
Wie bitte?, erschrak Merle.
Sebastian sah ihr direkt in die Augen und sagte:
Wie du willst. Du kannst einfach vorbei schauen oder bei mir bleiben dauerhaft.
Die Kinder starrten Sebastian neugierig an, bislang hatte ihnen das nie aufgefallen. Egon heulte erneut, Paul verzog die Stirn, Lina fragte nach Cartoons.
Ja, es gibt welche, versprach er. Und eine Katze und einen Hund. Also, fahren wir?
Welcher Hund?, fragte Paul, die Augenbrauen zusammengezogen.
Ein Bichon,, antwortete Sebastian, genau wie Wolfgang.
Viktoria, die Situation beurteilend, sagte:
Ich sammle meine Sachen. Egon, hör auf zu heulen, wir holen die Autos zusammen.
Merle sah dankbar zu ihrer Tochter, die ihr verführerisch zwinkerte. Wie schnell sie wachse! Und Paul würde das nie mehr sehen
Okay, wir übernachten bei dir, danke. Morgen überlege ich, was ich mache, sagte Merle.
Plötzlich rief die mittlere Tochter Tabea: Mama, schau!, und Merle blickte nach oben. Ein roter Herzballon schwebte am Himmel. Sie lächelte und flüsterte:
Auch die Vögel feiern.
Sebastian ergriff sacht ihre Hand. Seine Hand war warm und weich, ungewohnt, doch Merle ließ sich nicht sofort davon reißen.




