Schaumzucker-Lenchen

Die Familie Ehrlich war eine ausgesprochen ruhige und gebildete Erscheinung. Heinz Ehrlich, seines Zeichens Chemieingenieur, und seine Gattin Marianne, eine hochgeschätzte Pädagogin ihr Lehrerinnenfoto zierte sogar das Wohnzimmer: Da sieht man eine jugendlich-strenge Marianne, Hand in Hand mit irgendeinem berühmten Didaktikprofessor, beide strahlen erfreut in Richtung Kamera. Was für ein herzerwärmender Anblick!

Die älteste Tochter, Ingeborg, studierte fleißig an der Universität, sog Fremdsprachen auf und träumte davon, illustre Delegationen aus aller Welt durch das vorzügliche Berlin zu führen und das in High Heels, versteht sich. Schön, klug und offen, und stets umgeben von Verehrern, deren Blumensträuße in Vasen landeten, alle vorbildlich aufgereiht. Wenn aber ein junger Mann zu Hause anrief und statt Ingeborgs Stimme die der gestrengen Marianne vernahm, legte er lieber abrupt auf.

»Na, bald steigt hier eine Hochzeit, was?«, lachte Marianne. »Stell doch endlich mal deinen Bräutigam vor, damit er sich nicht mehr so schüchtern vor mir drücken muss!«

»Mama! Hochzeit? Im Ernst? Ich habe Vorlesungen, Pläne, ein ganzes Leben vor mir heiraten klingt wie unbequeme Schuhe!«, winkte Ingeborg ab, drapierte aber brav weiterhin Sträuße in alle Vasen.

»Warum triffst du dich dann überhaupt mit diesen Kerlen? Willst du sie an der Nase herumführen?«, fragte plötzlich Hildegard Ehrlich, die jüngere Schwester Oberstufenschülerin, im Familienkreis weitläufig als »etwas weltfremd«, mit einer Prise Naivität bedacht.

»Was redest du da, Hildi? Kümmere dich gefälligst um deinen Reimquatsch und schreib ein Gedicht über Regenwürmer oder so!«, blaffte Ingeborg zurück.

Hildegard, stets kreativ, schrieb seit Kindheitstagen Gedichte zuerst über die Katze Minka und Hund Waldi, dann über Mama, den Regen, die Sonne, darüber, wie in Bonn nasses Grau zu Frühlingserwachen wird; über glühende Dächer, die Milchstraße, die sich wie ein Seidenschal über Köln zieht, der betörende Fliederduft Mainachts und das scharlachrote Schimmern eines frostigen Januarmorgens…

Kindlich-entrückt, las Hildi bei jedem Familienfest ihre Verse mit begeistertem Stimmchen in die Runde in der einen Hand ein Taschentuch, Röckchen glattgezogen, die Stirn in dichterischer Sorge gefurcht. Tauchten Tränen auf, zitterte die Stimme.

»Hysterie!«, zischte Ingeborg Marianne zu. »Die fällt doch gleich in Trance! Mama, tu was, die Gäste verdrehen schon die Augen!«

In der Tat war die Zuhörerschaft hin- und hergerissen zwischen Lächeln, Stirnrunzeln und verstohlenem Kichern niemand wagte, seine Kartoffeln zu pieksen, während Hildi deklamierte. Gestichelt wurde natürlich auch gern, besonders auf Kosten der etwas kräftig gebauten Lyrikerin.

Doch Hildegard ließ sich nicht beirren, sie schwärmte weiter und präsentierte stolz ihr Werk.

»Nicht so streng, Ingeborg! Hildegard ist talentiert, und wie alle Begabten halt nun ja, etwas besonders,« beschwichtigte Marianne »Zeig bitte Nachsicht.«

Hildegard war Ehrlichs »zarter Schmerz«, das Kreuz, das sie vermutlich bis ans Lebensende tragen würden.

Dabei fing alles bereits in Mariannes Schwangerschaft holprig an. Die Kleine kam früher als geplant, ganz winzig, mit roten Flecken übersät, das Gesichtchen blau. Sie schrie auch nicht, quieckste nur leise und kläglich.

»Ist schon gut, Mädchen, willkommen in dieser tollen Welt! Atme einfach weiter, ja?«, betütelte die Hebamme. »Christ, was für aufgeweckte Augen! Pass auf sie auf, Marianne.«

Hildegard trank schwer, ballte die Fäuste, bog sich steif im Bettchen Bauchweh, tränende Augen und Ausschlag.

Und so zogen die Ehrlichs regelmäßig die mühsam akquirierte Säuglingsschwester aus der städtischen Klinik hinzu Schwester Pauline, die Marianne früh mit ihrer Besserwisserei auf die Palme brachte: Das Kind läge falsch, sei nicht genug gewickelt, zu wenig geschaukelt…

»Reg dich ab, junge Frau«, konterte Marianne, »du hast vermutlich selbst keine Kinder! Ich habe schon eine großgezogen bekomme auch die zweite groß, danke.«

»Aber so geht das nicht!«, empörte sich Pauline. »Hildegard ist ein Frühchen, sie braucht Nähe. Trage sie, dann hört sie auch auf zu weinen.«

»An meine Hüfte wird sie nicht gewöhnt wie soll aus ihr denn ein Mensch werden?!«

»Aber sie braucht doch einfach Zuwendung! Tiere kuscheln doch auch mit ihrem Nachwuchs…!«

Marianne hingegen war überzeugt, Hildi könne ruhig mal schreien sie würde sich in der Wiege schon beruhigen, wie es Ingeborg auch tat. Stand in jedem Ratgeber!

»Ich sei unmütterlich? Also, Schwester Paulinchen oder wie auch immer Sie brauchen sich hier nicht weiter aufzudrängen! Sie bekommen erst mal selbst Kinder, dann sehen wir weiter. Ich bin Pädagogin mit Auszeichnung.«

Also suchte Heinz eine andere Schwester Frau Baumgart, robust, pragmatisch, die Hildi beim Wickeln eher durchschüttelte und dann Marianne beschwichtigte: »Na hören Sie mal da muss nicht jeder ein Einstein werden! Sie haben doch Ingeborg, die liest Bücher und spricht besser als der Bürgermeister! Auf das Zweitgeborene da macht Mutter Natur meist Pause!«

Hildegard ließ sich Zeit mit dem Sitzen, Krabbeln und Sprechen. Sie klammerte sich besonders an Heinz, vergrub sich an Papas Jackett und erstarrte.

Aber irgendwann gewöhnte man sich oder liebte sie dann halt trotzdem. Nicht mehr so fordernd, spielte Hildi öfter allein, tischte sich selbst auf, und Marianne fand, dass alles bestens sei.

Ging im Radio ein Hörspiel los oder wurde ein Gedicht rezitiert, war Hildi mit ihrer kleinen Sitzbank sofort parat lauschte den Reimen und Akzenten, verstand kein Wort, war aber fasziniert vom Rhythmus. Dann musste die Familie das Radiotheater bis zum Ende ertragen; erst beim Zeitzeichen stellte Hildi den Hocker wieder in den Eck und verschwand.

So wurde aus dem unbeholfenen Mädel mit dünnen Zöpfen bereits ein kleiner Goethe…

Wirkliche Explosionen des Talents (oder Kapriolen, wie Ingeborg fand) gab es mit zehn: Gedichte zu Festen, vom Tortenbuffet bis Taufe, Hauptsache Hildi reimte los, stolz die Stirn empor, Hände auf dem Rücken, Blick ins Nirgendwo.

»Jetzt trägt Hilde mal wieder was vor,« kündigte Marianne an, wenn Hildi an ihrer Bluse zupfte.

»Och nee, Mama, wir wollten Mensch-ärgere-dich-nicht spielen!« grummelte Ingeborg, genervt, dass Hildis Poesie offenbar wichtiger war als Algebra oder Lebensplanung.

Marianne versprach Tee mit Kuchen nach Hildegards Darbietung, entschuldigte sich dezent bei Besuchern halb schamhaft, halb stolz.

Hildegard, ganz in ihrem Element, tönte weiter…

Vater Heinz hörte immer aufmerksam zu, wie bei einer mündlichen Prüfung.

»Du wirst sehen, Marianne, aus unserer Hildi wird noch was! Ein ziemliches Chaos, besonders bei Liebesgedichten, aber Talent hat sie! Ganz klar!« so abends, als das Besteck klirrte und draußen melancholisch der Regen einsetzte.

»Ich weiß ja nicht, Heinz Hilde, die tuscheln in der Schule über sie, im Hof sowieso und hübsch wie Ingeborg war sie halt auch nie Ich liebe sie, ehrlich, und manchmal schäme ich mich, dass ich sie als Baby so abgestoßen habe. Aber draußen sind die Leute hart, Heinz, sie wird leicht verletzt Gestern fast Rotz und Wasser geheult, weil die Freundin ihre Katze vermisst. Wenn sie mit jedem Kummer so leidet, schafft sie das Leben nicht.«

»Tja ein dickeres Fell müsste sie haben… Vor allem fühlt sie wohl einfach zu viel.«

Eines Abends war zur Hausmannskost auch Dr. Konstantin Schumacher eingeladen, Heinz’ Kollege. Zunächst schnackten die Herren hitzig im Wohnzimmer, dann lockte Mariannes feiner Auflauf alle an den Tisch. Heinz goss sich und dem Gast einen Schwenker Weinbrand ein, Ingeborg und Marianne schnappten sich Roten Hilde, wie immer, Hollundersaft.

Es wurde auf Erfolge angestoßen: Ingeborgs Noten, Hildis baldigen Schulabschluss.

Natürlich hielt Hildegard ein neues Gedicht, diesmal über das große Thema Liebe. Der Gast runzelte die Stirn.

»Und, wohin wirds gehen, Frau Hildegard?«, fragte Konstantin, augenzwinkernd. Hildi stöberte scheu am Lippenrand, kaute an der Oberlippe.

Ingeborg zuckte bei der Angewohnheit. »Du spielst bald Eichhörnchen, Hildi!«

»Ah, Journalismus? Da brauchts Spitzfindigkeit, Neugier, ein wenig Dreistigkeit Journalisten sind halbe Schauspieler, halbe Diebe und, das ist das Schlimme, manchmal skrupellos!«

»Du übertreibst! Warum verunsicherst du sie?«, grummelte Heinz.

»Schon gut! Aber um sich in der Medienlandschaft durchzubeißen, braucht man Ellbogen, und die hat nicht jeder, stimmts, Marianne? Ihr Auflauf ist wirklich ein Gedicht!«

Hildegard war entmutigt, der Kompott plötzlich fade. Konstantin dozierte noch etwas über den »wahren Knall«, ohne Rücksicht auf Sentimentalitäten und als Hilde davonstürmte, war die Unruhe groß.

Ingeborg trottete später ihrer Schwester am nächtlichen Uferweg nach vergeblich. Betrübte Mienen und ein Abend voller Missverständnisse blieben zurück.

Hildegard kam erst später heim, zog sich leidend ins Bad zurück und ertrug das Leben zwischen heiß und kalt unter der Dusche.

Ihre Abi-Prüfungen schaffte Hildegard ohne Auszeichnung. Großes Glücksgefühl? Nicht wirklich. Sie saß lieber am Fenster und schrieb Verse zum Sonnenaufgang.

Am Abiball schließlich: Hilde hervorgehoben durch mädchenhaften Blick, langsamen Gang und einen ungewohnt stolzen Gesichtsausdruck, als sie ihre Urkunde bekam.

Marianne und Ingeborg schauten sich an irgendwas lag in der Luft…

Die Auflösung kam prompt am nächsten Morgen.

»Mama, ich heirate«, erklärte Hildegard beim Schuhe-Ausziehen.

»Was, bitte?«, Marianne erstarrte mitten am Küchentisch.

»Ich heirate. Endlich schreibe ich authentisch über Liebe! Das fehlt meinen Versen: echtes Gefühl!«

Und schon drehte sie tanzend Pirouetten im Wohnzimmer.

»Ist sie betrunken?!«, murmelte Ingeborg.

»Hilde, was für ‘ne Hochzeit? Für wen? Die Prüfungen warten! Schlaf dich aus!«

Tatsächlich sah Hildi erschöpft aus, die Wangen rötlich, der Blick vernebelt. Marianne tastete Stirn und Hände.

»Ach Mama, lass das!«, lachte Hildegard.

»Und wer ist es?«, fragte Marianne mit Stirnfalte.

»Konstantin«, flüsterte Hildi. »Und dann gibt’s ein Kind, Mama Ich wusste nicht, dass das so weh tut. Aber jetzt kann ich endlich darüber schreiben«

Ingeborg erstarrte. Jener Märztag, als Hilde aufgebracht wegen Konstantins Worten davongestürmt war danach schien sich dieser Dr. Schumacher plötzlich ihr zuzuneigen. Theaterbesuche, Small Talk, große Karrierehoffnungen und vielleicht, dachte Ingeborg, hätte das eine Verbindung werden können. Aber jetzt von wegen.

Konstantin an der Haustür, Zigarette im Mund, nervös wie ein Schuljunge und die Nachbarin schimpfte wegen des blauen Dunstes im Treppenhaus. Wieder gab’s Konfrontation: Ingeborg stellte ihn scharf zur Rede.

»Was fällt Ihnen eigentlich ein? Mit naiven Mädchen Kinder machen? Sie auf den richtigen Weg bringen wollen Sie wohl nicht. Hilde braucht Schule! Sonst bleiben an Mutter und Schwiegermutter alle Lasten hängen! Zerreißen Sie den Vertrag, bevor es zu spät ist!«

Konstantin blieb gelassen: »Für Sie, Ingeborg, wäre ich nicht zu alt gewesen, oder?«

Die Debatte endete damit, dass Konstantin entschlossen ins Wohnzimmer schritt Hildegard wartete.

In der versammelten Runde las Hildegard erneut einen Schwung Liebesgedichte vor. Sie packten die Zuhörer nichts für schwache Nerven.

»Na gut… ich leg dir keine Steine in den Weg,« seufzte Heinz traurig. »Aber, mein Mädchen, irgendwann musst du eigene Brötchen verdienen.«

Doch Hilde hörte nicht. Wozu auch, wenn Konstantin ihr alles brachte sie zum Mittelpunkt machte, ihr Publikum bereitstellte. Hilde war die Kuriosität, die alle bewunderten eine schwangere Poesie-Koryphäe, die nun bevorzugt über verlorene Hunde und frierende Rotkehlchen schrieb.

»Hast du meine Gedichte zum Verlag gebracht?«, nervte sie täglich.

»Ja, aber die überlegen noch. Gib nicht auf, mein Schatz wahres Talent dauert, bis es erkannt wird!«

Konstantin bruzzelte wieder Kartoffeln (sein einziges Gericht), Marianne steuerte gelegentlich einen Apfelstrudel bei. Hildi schmollte, fühlte sich als Versagerin am Herd.

Aber als die kleine Julia da war und Konstantin im Büro bis zum Hals in Stress steckte, wurde es ernst:

»Kein Verlag will deine Gedichte, weil sie naiv und kindisch sind! Du bringst nicht mal Ordnung ins Haus, kümmerst dich nicht um Julia, sitzt in Bademantel inmitten von Chaos! Ich schaffe das nicht mehr allein…«

Hildegard verschwand dann meist protestierend ins Zimmer. Konstantin wusch seufzend ab, kümmerte sich und sehnte sich manchmal nach schnöder Normalität.

An Silvester war plötzlich Schluss: Hildegard packte Sachen.

»Ich kann so nicht arbeiten, mein Kopf ist leer! Ihr habt mich ausgesaugt für echte Kunst tödlich! Ich geh, Konsti. Bitte lass mich einfach in Ruhe.«

Hilde litt spannend an Trennungsschmerz, hängte dramatische Szenen an die Klinke. Doch Konstantin reagierte nicht, nahm Julia an sich, verschwand in die Küche.

Hilde klammerte noch für einen sehnsüchtigen Abschied, doch sie blieb ungehört. Etwas Geld aus Konstantins Schublade ließ sie sich trotzdem einstecken schließlich hätte ihr Genie all die Jahre genug Entbehrung gelitten. Nun aber auf nach Hamburg es lockte die hanseatische Muse!

Dort wartete Aurel, ein Möchtegern-Dichter aus der Bibliothek, der sie in seine »shabby-chic« Altbauwohnung einlud.

Nach zwei Wochen hatte die Schwester des neuen Freundes sie schon »ausgemistet«. Geld war weg, Ruhm kam nicht. Hilde arbeitete schließlich als Platzanweiserin im Theater, bemitleidet von der Schutzfrau an der Garderobe.

Ihre Gedichte schrieben wenigstens noch die Wandzeitung voll, sie ließ bei jeder Kaffeepause wissen, wie grausam ihr Kind und ihr Mann sie verlassen hätten. Irgendwann bekam sie ein kleines Zimmer unterm Dach zugewiesen.

»Nur weniges erkennt echtes Genie, Mama! Darum vegetiere ich jetzt in diesem feuchten Loch herum! Sogar Konsti hat mich verraten! Erst war er Beschützer, jetzt fordert er Dinge… Mama, hörst du überhaupt noch zu?!«, leierte sie ins Telefon nach Aachen.

Marianne war zuerst verständnisvoll, irgendwann aber auch zu erschöpft.

»Hilde, wir sind beschäftigt. Melde dich, ja? Aber wir müssen jetzt los…«

»Mama, das ist alles DEINE Schuld! Schick mir wenigstens Geld! Ich bin dein Kind und leide!«

Natürlich überwies Marianne aber nach Hause bat sie Hildegard nie, sie liebte ihre Tochter lieber auf Distanz.

Und eines Tages, gerade als Julia Geburtstag feierte, klingelte wieder das Telefon.

»Mama, hol mich morgen am Bahnhof ab! Ich kann die Koffer nicht selber tragen… Ich bin wieder schwanger!«, klagte Hildegard, die stets empfindsame, talentierte, aber leider völlig ungepanzterte Hildegard…

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Homy
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