Liselotte.
Von dem Moment an, als sie geboren wurde, war sie für ihre Mutter Johanna völlig uninteressant. Johanna behandelte sie eher wie einen Gegenstand in ihrer Wohnung da oder nicht da, das war ihr egal.
Ständig stritt sie sich mit ihrem Vater Roman, und als er dann zu seiner rechtmäßigen Frau zog, verlor Johanna völlig die Fassung.
Er ist weg, was? Dann hast du ja nie vorgehabt, mich und mein kleines Chaos zu verlassen! Du hast mich belogen schrie sie ins Telefon und jetzt lässt du mich und unser Kind allein? Soll ich sie aus dem Fenster schmeißen oder am Bahnhof mit den Obdachlosen zurücklassen?
Liselotte verstopfte sich die Ohren und weinte leise. Die Ablehnung ihrer eigenen Mutter saugte sie wie ein Schwamm auf.
Mir ist völlig egal, was du mit deiner Tochter machst. Ich bezweifle ernsthaft, dass sie etwas mit mir zu tun hat. Leb wohl!, sagte Roman am anderen Ende der Leitung.
Johanna, wie besessen, warf Liselottes Kleider in eine Tasche, warf dort die Papiere hinein und setzte das fünfjährige Mädchen in ein Taxi.
Ich zeig ihm, was für ein Mist das ist! Ich zeig euch allen, was ich kann!, drehte sich das in ihrem Kopf. Mit hochmütiger Stimme nannte sie dem Taxifahrer die Adresse, wohin er sie bringen sollte.
Sie wollte das Mädchen bei Romands Mutter, Frau Erna, im Umland lassen.
Der Taxifahrer war nicht gerade begeistert von der überheblichen jungen Frau, die unhöflich auf die Fragen des verängstigten Mädchens reagierte.
Mama, ich muss aufs Klo, stammelte Liselotte, während sie den Kopf auf die Schultern legte, ohne etwas Gutes von ihrer Mutter zu erwarten.
Und tatsächlich: Als Johanna das Bedürfnis ihrer Tochter hörte, brüllte sie das Mädchen so laut an, dass dem Taxifahrer die Hände zitterten. Er selbst hatte eine Enkelin im gleichen Alter, und solche Ausbrüche machten ihn wütend.
Halt durch! Du gehst zu deiner kultivierten Oma!
Johanna wandte sich vom Kind ab und starrte aus dem Fenster, die Nase von Zorn gerötet.
Ganz ruhig, Mama. Sonst setz ich dich auch noch aus. Und dein Kind schick ich ins Jugendamt.
Was? Halt die Klappe! Du denkst, du bist ein Schutzengel für kleine Mädchen? Ich melde dich sofort wegen deiner anzüglichen Bemerkungen! Wer glaubt eher ein Taxifahrer oder eine verängstigte, weinende Mutter? Meine Tochter, ich erziehe sie, wie ich will. Also halt die Fresse!
Der Mann knirschte mit den Zähnen. Mit so einem Irrsinnigen hatte man lieber nichts zu tun das war ihm zu teuer, obwohl ihm das Mädchen leid tat.
Nach etwa anderthalb Stunden kamen sie an.
Warte kurz, ich bin gleich da!, wandte sich Johanna ab, und sofort hörte sie, wie der Taxifahrer durch das Gaspedal drückte.
Du läufst zu Fuß, Schlange!, hallte es aus dem Wagen.
Johanna spuckte wütend und fluchte.
Du Mistkerl!, packte sie ihre Tochter am Handgelenk und stürmte mit schnellen Schritten zum Hof, trat die Tür mit dem Fuß an.
Na bitte! Nehmt sie, was ihr wollt, macht damit, was ihr wollt. Dein Sohn hat zugestimmt. Ich brauch sie nicht mehr! brüllte Johanna mit rauer, verraucherter Stimme, drehte sich auf hohen Absätzen um und verließ das Haus.
Erna stand verwirrt hinter ihr.
Mama! Mama, geh nicht!, schluchzte das kleine Mädchen, während sie mit schmutzigen Fäusten ihr Gesicht verwaschte.
Das Kind rannte hinter ihrer Mutter her, die bereits die Straße hinunterlief.
Verschwinde von mir! Geh zu deiner Oma! Leb jetzt bei ihr!, schrie Johanna, während sie versuchte, das Mädchen aus ihrem karierten Rock zu reißen.
Neugierige Nachbarn lugten aus den Fenstern. Erna packte ihr Herz und eilte, so schnell sie konnte, zu der schreienden Großmutter.
Komm, meine Kleine. Komm, ich habe dich schon lange vermisst, flüsterte Erna, Tränen liefen über ihr runzliges Gesicht. Sie hatte keine Ahnung, was Johanna getan hatte.
Roman hielt es nicht für nötig, das uneheliche Kind zu melden.
Ich tu dir nichts, keine Angst. Willst du Pfannkuchen? Ich hab Sahne, sagte Erna liebevoll und führte das Kind ins Haus.
An der Haustür drehte sich Erna um und sah, wie Johanna in einem vorbeifahrenden Auto verschwunden war, nur Staubwolken zurücklassend.
Man hörte nie wieder etwas von ihr.
Erna nahm die Enkelin mit offenen Armen an, sah sie als Gottes Geschenk an und zweifelte keine Sekunde, dass sie ihre eigene ist. Sie sah aus wie ein kleiner Römi, der selten zu ihr aufs Land kam und dessen Gesicht sie fast vergessen hatte.
Ich zieh dich groß, Liselotte. Ich setz dich auf die Beine, gebe dir alles, was ich noch habe.
Und so wuchs das Mädchen in Liebe und Fürsorge auf. Erna brachte sie zur Grundschule, dann in die weiterführende Schule, dann an die Hochschule. Die Zeit verging wie im Flug.
Schon bald war Liselotte eine hübsche, freundliche, kluge und belesene junge Frau, die Medizin studieren wollte aber im Moment war nur das Fachoberschuljahr noch offen.
Schade, dass mein Vater mich nicht anerkennt, seufzte sie, während sie Erna umarmte. Abends saßen sie gern auf den Stufen der Terrasse und sahen den Sonnenuntergang.
Erna strich mit zitternder Hand über Liselottes seidiges Haar. Was konnte sie sagen? Ihr Sohn Rom, ihr leiblicher Vater, weigerte sich strikt, sich an der Erziehung zu beteiligen. Er hatte sich mit seiner ersten Frau versöhnt und lebte mit ihrem gemeinsamen Sohn zusammen, den er über alles liebte. Liselotte hingegen war für ihn nur ein Ärgernis, das er bei jeder Gelegenheit mit abfälligen Bemerkungen herabwürdigte.
Du bist doch ein Lump!, fluchte Erna einmal. Du kommst nur zum Pensionsalter, bettelst Geld und lässt deine eigene Frau arbeiten. Und jetzt willst du noch das letzte Geld von deiner Mutter? Verschwinde, Rom! Und komm nie wieder! Lieber gar nicht erst, als bei dir zu sein!
Du hast doch nichts mehr zu sagen, alte Nörglerin!, brüllte Rom und schrie seinem Sohn Vadim zu, der gerade ein paar Kisten vor dem Haus schob. Du wirst hier nicht mehr wohnen.
Erna antwortete kühl: Möge Gott ihn richten, diese kleine Liselotte. Sie stand auf, sagte: Komm, wir trinken einen Tee und dann schlafen wir. Morgen bekommst du dein Zeugnis.
Der Sommer verging, das Gemüse wuchs, und es war Zeit, Liselotte in die Stadt zu schicken, um zu studieren.
Wir schaffen das nicht mehr allein. Ich frage den Nachbarn Victor, er fährt uns zum Bahnhof. Erna fühlte sich in letzter Zeit nicht mehr so fit. Es musste jetzt etwas entschieden werden, solange noch Zeit war.
Vor dem Studentenwohnheim umarmte Liselotte ihre Großmutter lange.
Du bist mein ganzer Stolz, lerne, das ist das Wichtigste. Später kannst du nur noch auf dich selbst zählen. Ich bin alt und schwach, nicht mehr viel übrig.
Liselotte schluckte die Tränen hinunter.
Hör auf, Oma, ich bin nicht alt! Du bist die stärkste Frau, die ich kenne!
Erna lächelte. Sie setzte sich in Victors Auto und fuhr zur Notarkanzlei, erledigte die Formalitäten und kehrte mit ruhigem Herzen zurück ins Dorf.
Liselotte besuchte ihre Oma jedes Wochenende, machte sich Sorgen um ihre Gesundheit, paukte eifrig und träumte davon, nach dem Abschluss mit Auszeichnung Medizin zu studieren und ihrer Großmutter ein schönes Alter zu schenken.
Später sah sie seltener nach Hause, verliebte sich in ihren Kommilitonen Sascha. Er war ebenfalls fleißig, wollte ebenfalls Medizinstudium starten.
Erna freute sich nur. Liselotte schloss das Kolleg mit Auszeichnung ab, heiratete Sascha, sie waren beide erst zwanzig.
Auf der bescheidenen Hochzeit, in einem günstigen Café, saß nur die Großmutter im Publikum.
Du bist nicht nur meine geliebte Oma, du bist für mich Mama und Papa zugleich. All die Jahre hast du mir Wärme und Liebe geschenkt, hast dich um mich gekümmert, mich großgezogen, gekleidet, gefüttert. Du hast mir ein echtes Zuhause gegeben. Ich liebe dich, Oma! Danke für alles!
Liselotte kniete sich zu Erna hinab, drückte sich an sie. Sie war unendlich dankbar und konnte sich ein Leben ohne ihre Oma nicht vorstellen.
Die Gäste wurden gerührt, fast alle weinten.
Setz dich, Liselotte. Es ist ein bisschen unbequem, flüsterte Erna verlegen, ihr Herz war voller Stolz.
Was gibt es da schon zu befürchten!, rief Sascha laut und setzte Erna neben sich. Ihr seid jetzt ein Teil meiner großen Familie! Willkommen!
Den ganzen Abend wurden Toasts auf das Glück des Paares und die Gesundheit von Erna gesprochen.
Kurz darauf verstarb Erna, als hätte sie ihre ganze Aufgabe erfüllt.
Liselotte und Sascha kümmerten sich abwechselnd um sie, pendelten zwischen Stadt und Dorf, während Liselotte ihr Medizinstudium weiterzog.
Eines Tages ergriff Erna fest die Hand ihrer Enkelin und sagte:
Wenn ich nicht mehr da bin, werden meine Söhne und Schwiegersöhne wie Geier um das Haus kreisen. Du musst dich wehren. Ich habe ein Testament hinterlegt, alles ist beim Notar beglaubigt.
Oma
Sag nichts! Du hast nie echte Eltern gehabt, ich habe dich allein großgezogen. Bald werde ich gehen, aber ich will, dass du ein Dach über dem Kopf hast. Verkauft das Haus mit Sascha und kauft eine Wohnung in der Stadt.
Liselotte brach in Tränen aus, ihr Hals verstopfte sich.
Nach dieser Unterhaltung lebte Erna noch anderthalb Jahre und schlief dann friedlich ein, ohne Qualen.
Wie sie gewarnt hatte, meldete sich nach vierzig Tagen Rom mit seiner Familie zurück.
Räum das Haus!, befahl er. Solange meine Mutter lebte, durfte ich hier wohnen. Jetzt ist sie tot, also verschwinde.
Liselotte war fassungslos, sah in seinem abfälligen Gesicht, seine Frau, die sie noch nie gesehen hatte, und ihren Bruder, der gelangweilt Kaugummi kaute und das Haus besichtigte. Er dachte schon daran, das Haus schnell zu verkaufen und das Geld für ein Auto zu nutzen egal welchen, solange er etwas hatte.
Sascha kam vom Markt zurück und blickte die ungebetenen Gäste an.
Wer seid ihr denn? Schon wieder Gäste?, brüllte Rom.
Sascha ging vorbei, stellte ruhig die Einkaufstüten auf den Tisch.
Ich bin ihr rechtmäßiger Ehemann. Und ihr seid wer? Ich erinnere mich nicht, euch je gekannt zu haben.
Rom wurde rot vor Wut.
Raus hier! Alle! schrie er.
Auf welcher Grundlage ist dieser unhöfliche Ton? Und wer ist hier die Eigentümerin? Soll ich euch das Testament zeigen? sagte Sascha spöttisch.
Welches Testament?, stotterte Rom fast.
Rom, deine Mutter ist betrunken von deinem Mist. Wir müssen sofort vor Gericht!, schrie seine Frau.
Ich lass das nicht zu! Ich beweise, dass du nicht meine Tochter und nicht meine Enkelin bist! schwenkte Rom die Fäuste in die Luft.
Pack deine Koffer, Lump. Wir sorgen dafür, dass du hier nicht mehr wohnst, knurrte sein Stiefbruder.
Sie gingen, ließen ein leeres Haus zurück. Liselotte sank zu Boden, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte.
Warum tun sie das? Was habe ich ihnen getan? Sie haben mir nie ein Stück Schokolade gebracht, und jetzt wollen sie mir das Zuhause wegnehmen.
Sascha nahm sie behutsam vom Boden, drückte sie an sich.
Morgen stelle ich ein Inserat für das Haus. Dann werden sie nie wieder hier auftauchen. Und du, Liselotte, das war das Letzte, was uns von Oma bleibt.
Sie verkauften das Haus schnell, ein wohlhabendes Paar kaufte es sofort sie hatten schon lange den Traum vom Landhaus. Sie haben nicht einmal verhandelt.
Das Anwesen war riesig, voller Obstbäume, abseits der Straße. Die Fenster blickten in einen Kiefernwald, im Garten stand eine kleine Laube, überwuchert von Weinreben. Der solide Backsteinhof gefiel den neuen Besitzern sofort.
Liselotte und Sascha zogen in eine gemütliche, kleine Wohnung im Stadtzentrum. Sie freuten sich darauf, bald ein Kind zu bekommen ihr Wunsch wurde endlich wahr.
Bevor sie einschlief, dachte Liselotte leise an ihre Großmutter: Danke, meine Liebe, du hast mir das Leben geschenkt.





