Weiter zusammen
Sie fuhren am frühen Juli-Morgen aus Krefeld los, gerade als die Autobahn A7 noch ohne LKW-Truppenzug war und die RasthofCafés erst begannen, Plastikmenüs auf die Tische zu legen.
Nadja Müller saß am Steuer ihres betagten VW Golf, hielt das Lenkrad fest, als könnte das Auto plötzlich umdrehen. Auf dem Beifahrersitz plazierte sich Lieselotte Schneider mit einer Thermoskanne Kaffee und einer Tüte belegter Brötchen zu ihren Füßen. Im Handschuhfach klirrten Blutdrucktabletten, daneben lagen die Fahrzeugpapiere und ein frischer TÜVBericht.
Bist du sicher, dass du noch gut fahren kannst? fragte Lieselotte und richtet ihren Gurt. Falls was ist, kann ich einspringen.
Ich bin noch fit, antwortete Nadja und gab dem Gaspedal einen kleinen Schubs. Und du mit deinem Burnout, lachte sie, hast ja selbst gesagt, du solltest dich nicht zu sehr anstrengen.
Lieselotte rollte die Augen, nahm es aber nicht persönlich.
Ich habe keinen Knochenbruch, sondern ein Nervensystem, sagte sie. Und mein Psychologe meint, ein Tapetenwechsel tut gut. Also bin ich offiziell in Therapie.
Das Wort Psychologe klang für Nadja noch ungewohnt. Sie hatte erst vor Kurzem gelernt, das Wort Scheidung ohne Stolpern auszusprechen. Zwanzig Jahre Ehe zerbrachen nach einem Hammerschlag des Richters und nun fuhr sie die A7 mit einer alten Studienfreundin, ohne daran zu denken, dass zu Hause niemand mehr auf sie wartete.
Wohin genau fahren wir? fragte Lieselotte. Hast du einen Plan oder lässt du das Schicksal entscheiden?
Soetwas wie ein grober Plan, zuckte Nadja mit den Schultern. Erst nach Weimar, dann nach Jena, dort bei der Cousine halt. Danach schauen wir, wie es mir geht. Sie deutete auf den Atlas, der zwischen den Sitzen lag. Ich bin nicht fanatisch, ich will einfach
Sie ließ den Satz offen. Lieselotte wusste, was hinter dem einfach steckte aus der Wohnung auszubrechen, in der jedes Teil an den ExMann erinnerte, und sicherzugehen, dass das Leben nicht an der Tür des Standesamtes endet.
Ich will einfach Luft holen, vollendete Lieselotte sanft. Und nicht bei jedem Brief vom Büro zusammenzucken.
Lieselotte verließ die Werbeagentur vor drei Monaten. Davor schlief sie im Büro, stritt mit Kunden und schrieb Kampagnen für Marken, die ihr egal waren. Irgendwann merkte sie, dass ihr beim Weg zur Arbeit die Luft wegströmte und sie abends grundlos weinte. Der Arzt nannte es Burnout, stellte einen Krankenschein aus und riet ihr, ihr Leben umzustellen.
Bist du sicher, das ist kein Fluchtversuch? fragte Nadja einmal am Telefon.
Was, wenn doch? erwiderte Lieselotte. Vielleicht brauche ich genau das.
So entstand die Idee einer RoadTripTherapie. Lieselotte wollte Freiheit, Spontanität, offene Straßen. Nadja wollte klare Etappen, saubere Tankstellen und Toiletten, die nicht nach Reinigungsmitteln stanken. Sie einigten sich darauf, beides zu probieren.
Draußen zogen grüne Felder, vereinzelte Dörfer, Schilder Hausmannskost und Bratwurst vorbei. Im Radio wechselten Schlager und Nachrichten. Nadja merkte, dass ihr das bloße Fahren gefiel. Der Asphalt zog Erinnerungen an GerichtsSchlachten und müde VideoCalls mit den erwachsenen Kindern aus dem Kopf.
Lass etwas peppigere Musik an, bat Lieselotte. Sonst gibt’s gleich die Morgenschau und wir sind wieder am Ende.
Nadja schaltete um. Ein alter Popsong aus der Studienzeit startete, zu dem beide einst auf dem Abschlussball getanzt hatten. Lieselotte lachte, summte mit und Nadja spürte, wie etwas in ihr zu schmelzen begann.
Zum Mittag hielten sie an einem kleinen Rastplatz mit dem verblassten Schild Gemütlich. Der Innenraum roch nach Bratkartoffeln und Suppe. Hinter der Theke stand eine Frau im Schürzenhemd, die Gläser putzte. Vor dem Parkplatz standen zwei LKWs und ein paar PKWs.
Wir nehmen die Suppe und die Frikadellen, sagte Lieselotte bestimmt. Und einen Tee aus dem Topf.
Ich nehme nur Salat und Suppe, erwiderte Nadja. Ich muss ja noch das Steuer halten.
Sie saßen am Fenster. Lieselotte breitete Landkarten, ein Notizbuch und einen Stift aus.
Wie wäre es: Einen Tag nach deinem Plan, dann übernachten bei meiner Cousine, am nächsten Tag nach meinem Plan zufällig. Sie zeigte auf ein Schild für ein Museum für Filzschuhe. Wenn wir das sehen, fahren wir hin.
Nadja verzog das Gesicht.
Ich mag das Zufällige nicht. Dann landen wir irgendwo ohne Hotel.
Genau das testen wir, grinste Lieselotte. Vielleicht finden wir den besten Kuchen des Jahres in dieser Lücke.
Nadja wollte protestieren, doch dann kam das Essen. Sie ließ den Streit beiseite und stach mit der Gabel nach einer Frikadelle. Der Konflikt zwischen ihren Lebensstilen Lieselotte, die immer wieder den Job, die Stadt, den Mann wechselte, und Nadja, die ein Haus baute und auf Stabilität setzte war plötzlich greifbar.
Nach dem Essen fuhren sie weiter. Die Sonne kletterte höher, im Auto wurde es wärmer. Nadja ließ das Fenster einen Spalt offen, spürte die warme Luft an der Wange. Der Verkehr war locker, nur vereinzelte Überholmanöver.
Siehst du das Schild da? zeigte Lieselotte nach vorne. Basislager Flussblick. Lass uns dort kurz anhalten und baden.
Wir haben noch zwei Stunden bis Weimar, erwiderte Nadja. Ich habe meiner Cousine versprochen, abends da zu sein.
Ruf sie einfach an, sag, wir sind etwas spät. Wir sind ja nicht im Dienst, wir sind im Urlaub.
Nadja ballte das Lenkrad fester. Etwas ärgerte sie das lockere Auftreten.
Leute warten auf uns. Das ist unhöflich.
Und was ist unhöflich? Einen starren Plan zu haben, der nicht mehr zu dir passt? flüsterte Lieselotte.
Die Worte trafen sie. Sie schwieg, das Schild blieb unbeachtet.
Kurz darauf begann eine Baustelle. Der Verkehr wurde auf eine Spur reduziert, ein langer Stau bildete sich. Der Asphalt war zerschnitten, die Räder hüpften über die Übergänge.
Langsamer, bitte, sagte Lieselotte. Hier gibts wohl Schlaglöcher.
Sehe ich, antwortete Nadja.
Sie sah tatsächlich, aber ihr Kopf drehte sich immer noch um Lieselottes Bemerkung. Plan, der nicht mehr passt. Was wäre jetzt passend? In einer DreiZimmerWohngemeinschaft leben? Ein kleineres Apartment? Zurück in den Buchhaltungsjob? Oder etwas ganz Neues wagen?
Ein hinterher fahrender LKW mit Kies ließ Steine gegen die Motorhaube klopfen. Nadja wollte überholen, bevor der Streckenabschnitt weiter ging.
Jetzt nicht, rief Lieselotte, als Nadja den Blinker setzte. Hier gibt es keine Markierung.
Er fährt 40km/h, wir schaffen das nicht bis Abend.
Nadja zog in die Gegenfahrbahn. In der Ferne sah sie Scheinwerfer, hielt aber Abstand. Sie gab Gas, holte auf, doch das rechte Vorderrad fuhr in eine tiefe Vertiefung.
Ein Ruck, das Auto wackelte. Nadja richtete das Lenkrad, ein lautes Krachen ertönte, der Golf zog scharf nach rechts. Sie packte das Lenkrad, drückte die Bremse, das Herz hämmerte ihr in die Kehle. Der LKW war jetzt hinter ihr, ein entgegenkommendes Auto hupte.
Sie hielten am Seitenstreifen. Ein Moment lang saßen beide schweigend im Auto, atmeten schwer.
Sind wir noch am Leben? keuchte Nadja.
Sieht so aus, antwortete Lieselotte, schnallte sich ab. Mal schauen, was los ist.
Sie stiegen aus. Die Sonne brannte ins Gesicht. Rechts ein offenes Feld, links eine Grabenstraße. Das rechte Vorderrad hatte fast den gesamten Reifen verloren.
Panne, stellte Lieselotte fest. Hast du ein Ersatzrad?
Ja, sagte Nadja, öffnete den Kofferraum, holte Wagenheber, Radmuttern und das Ersatzrad. Ihre Hände zitterten.
Lass mich, bot Lieselotte an. Ich habe Erfahrung.
Ich schaffe das allein, widersprach Nadja trotzig.
Sie setzte den Wagenheber an, das Fahrzeug zu heben, doch der unebene Asphalt ließ den Wagenheber wackeln. Nadja fluchte, ihr Rücken schmerzte.
Lieselotte stand still, ging dann näher.
Nad, bitte, lass mich, sagte sie. Du bist gerade zu angespannt.
Du lenkst mich ab mit deinem Gerede, platzte Nadja heraus. Lass uns hier abbiegen, rufen, nichts planen.
Ich habe dich nicht zum Überholen gedrängt, erwiderte Lieselotte ruhig. Das war deine Entscheidung.
Ja, immer meine Entscheidung. Meine Scheidung, mein platter Reifen, mein Leben alles mein Fehler.
Die Worte kamen lauter als beabsichtigt. Einige vorbeifahrende Autos drehten den Kopf. Lieselotte biss die Lippen zusammen.
Du musst nicht alles allein tragen, sagte sie. Weder das Rad noch dein Leben.
Leicht gesagt für jemanden, der immer getan hat, was er will, schnappte Nadja. Du hättest den Job kündigen können, weil du wusstest, dass du woanders landen würdest. Du konntest dich von einem Mann trennen, weil du wusstest, dass du einen anderen findest. Und ich
Sie stockte. Vor ihrem inneren Auge erschien die Küche, in der ihr ExMann seine Koffer packte, sein müdes Gesicht, ihr ständiges Versprechen: Ich ändere mich. Nichts änderte sich.
Und du? fragte Lieselotte sanft.
Ich habe immer versucht, es allen recht zu machen den Kindern, dem Mann, dem Chef. Jetzt, wo alle ihre Wege gehen, weiß ich nicht, was ich selbst will, außer nach Weimar zu kommen.
Lieselotte seufzte, kniete neben das Rad und prüfte den Wagenheber.
Okay, wir wechseln das Rad zusammen. Dann fahren wir zur nächsten Werkstatt, prüfen die anderen Reifen und entscheiden dort, wohin wir weiter. Ohne Anschreien, ohne Schuldzuweisungen.
Du wolltest Freiheit, sagte Nadja mit einem bitteren Lächeln. Hier sind wir, mitten auf der Autobahn mit einem platten Reifen.
Freiheit heißt nicht, dass alles glatt läuft, erwiderte Lieselotte. Freiheit heißt, zu wählen, wie man reagiert, wenn es holprig wird.
Die Worte klangen fast belehrend, Nadja spürte Ärger, doch gleichzeitig kam Erleichterung Lieselotte nahm den Schlüssel und begann, die Muttern zu lösen.
Sie wechselten das Rad in Stille. Vorbei fahrende Fahrer hupten zur Unterstützung. Ein Mann hielt an, fragte, ob Hilfe nötig sei. Lieselotte dankte, sagte, wir schaffen das.
Als alles fertig war, setzten sie sich ins Auto. Nadja zögerte einen Moment, bevor sie den Motor startete.
Du hast recht, murmelte sie leise. Das war meine Entscheidung, und ich hätte fast alles ruiniert.
Aber nicht ruiniert, antwortete Lieselotte. Wir leben, das Auto fährt. Das ist schon was.
Ich, stotterte Nadja. Ich habe Angst, jetzt zu fahren.
Lieselotte sah sie aufmerksam an.
Ich setze mich ans Steuer, bot sie an. Ich habe den Führerschein und Erfahrung. Du kannst dich ausruhen.
Nadja zögerte. Das Auto war für sie ein Symbol der Eigenständigkeit ihr Kredit, die Prüfungen, die TÜVPlaketten. Das Steuer abzugeben, bedeutete zuzugeben, dass nicht alles unter ihrer Kontrolle stand.
Einverstanden, sagte sie schließlich. Aber nur bis zur Werkstatt.
Sie tauschten die Plätze. Lieselotte fuhr sicher, Nadja schaute aus dem Fenster und fühlte, wie die Anspannung nachließ, ersetzt von Müdigkeit.
Nach zwanzig Minuten erschien ein Schild: Reifenservice, Café, Motel. Lieselotte bog zur Ausfahrt ab. Ein kleiner Werkstattbereich, ein paar LKWStellplätze und ein einstöckiges Gebäude mit dem Schild Café Birke.
Der Mechaniker, ein Mann um die fünfzig, untersuchte das beschädigte Rad und schüttelte den Kopf.
Nicht mehr zu reparieren, sagte er. Alte Lauffläche, Seitenriss. Besser ein neuer Reifen.
Nadja nickte, ein innerer Taschenrechner summte. Ein neuer Reifen bedeutete Geld, das nach der Scheidung ohnehin knapp war.
Wie viel kostet das? fragte sie.
Er nannte den Preis. Nadja seufzte.
Einfach machen.
Während der Mechaniker arbeitete, gingen sie ins Café. Es war kühl, die Klimaanlage summte leise. Am Fenster saß eine Familie mit Kindern, im Hintergrund lief eine Kochshow im Fernseher.
Sie bestellten eine Schale kalte Gurkensuppe und Tee. Lieselotte kaute nachdenklich an ihrem Löffel, Nadja spürte die gespannte Stille zwischen ihnen.
Ich war unfair zu dir, brach Nadja das Schweigen zuerst. Ich habe dich grob behandelt.
Du warst verängstigt, erwiderte Lieselotte. Ich hätte auch laut geschrien, wenn ich wüsste, wie es dir geht.
Aber ich denke, du lebst immer für dich selbst, fuhr Nadja fort, den Blick auf die Suppe gerichtet. Und ich nicht. Wenn du plötzlich alles ändern willst, schnürt mich das innerlich zusammen.
Lieselotte legte den Löffel beiseite.
Weißt du, von außen sieht das so aus, als hätte ich immer das ichkannallesselbstSyndrom, sagte sie. Von innen war das oft Chaos. Ich tat viel aus Angst Angst festzustecken wie meine Eltern, Angst verlassen zu werden, Angst, nicht unersetzlich zu sein. Also rannte ich ständig weiter.
Nadja hob den Blick.
Ich wusste das nicht
Ich habe es selbst lange nicht gewusst, grinste Lieselotte. Bis ich eines Morgens im UBahnStau erstickt bin. Der Psychologe fragte, was ich will. Ich konnte nicht antworten, nur schweigen und weinen. Freiheit bedeutet nicht, jederzeit zum See zu rennen. Es heißt, ehrlich zu sich selbst zu sein, was man wirklich will, ohne nur Erwartungen zu erfüllen.
Nadja dachte nach. Ihr ExMann hatte ihr oft gesagt: Du machst alles zu kompliziert, Lass das jetzt, Ich habe es auch schwer. Jahre lang hatte sie sich angepasst.
Was, wenn ich nicht weiß, was ich will? fragte sie leise.
Dann fange klein an, schlug Lieselotte vor. Entscheide, wie du den heutigen Tag verbringen willst. Nicht, was man sollte, sondern was dir gerade leichter fällt.
Nadja sah aus dem Fenster. Der Mechaniker setzte das neue Rad, die Sonne ging schon Richtung Abend, aber bis Weimar war noch eine lange Strecke bis zur Dunkelheit.
Ich habe meiner Cousine versprochen, dort zu übernachten, sagte sie. Ich will ein normales Bad und ein gemütliches Bett. Ich bin müde.
Dann fahren wir dorthin, nickte Lieselotte. Das ist dein Wunsch, ich passe mich an.
Und du? Du wolltest doch überall abbiegen.
Lieselotte lachte, ihre Augen funkelten.
Ich wollte nicht nach fremden Drehbüchern leben. Aber ich bin nicht allein hier. Wenn dein Plan heute ein Bett und ein Gespräch mit deiner Schwester ist, dann mach ich mit.
Nadja spürte, wie ein Kloß im Hals kleiner wurde.
Morgen können wir dein ZufallsTag machen, schlug sie vorsichtig vor. Falls wir einen interessanten UmwegAm nächsten Morgen, nachdem sie die neue Strecke erkundet hatten, beschlossen sie, dass das eigentliche Ziel nicht das Ziel selbst, sondern die gemeinsame Fahrt war.





