Die Schwiegermutter hat den Schwiegersohn verdächtigt
Er hat mir sofort nicht gefallen!, erklärt Angelika. Man sieht doch an seinem Gesicht, dass er nur wegen Geld hierher kommt!
Sie meint, er wolle nicht arbeiten, sondern sich bei der reichen Braut einrollen, um sie bis auf den letzten Cent auszutricksen.
Mama, warum hast du das nicht früher gesagt?, ruft Liselotte auf. Wir sind doch schon seit zwei Jahren verheiratet!
Ich dachte, du regelst das selbst!, wirft Angelika die Hände in die Luft. Du bist ja völlig blind geworden, was deinen Fritz betrifft! Du siehst das Offensichtliche nicht!
Mama, was hätte ich denn sehen sollen?, fragt Liselotte.
Naivheit!, schimpft Angelika. Ein Bursche aus ganz Görlitz! Stell dir vor, er hat das ganze Land durchquert! Und warum?
In jedem Fleck gibt es Arbeit, meint sie. Aber er fährt sofort in die Hauptstadt, gleich zu unserem Vater, arbeitet in seiner Firma und will sofort die Tochter des Chefs heiraten! Und er tut dabei so höflich, kultiviert, zuckersüß!
Mama, ich bin doch kein Krokodil, staunt Liselotte.
Dem ist es egal!, schüttelt Angelika den Kopf. Hauptsache, du hast Zugriff auf das Geld meines Vaters, und deshalb bist du für ihn die Größte auf Erden!
Während Liselotte noch in Verwirrung steckt, wirft Angelika weiter ein:
Nach eurer Hochzeit kam er zu unserem Vater und verlangte, ihr eine Wohnung zu kaufen. Und unser Vater der ist doch so großzügig hat sofort zugestimmt!
Ich habe darauf bestanden, dass er den Vertrag auf dich abschließt, nicht auf ihn. Sonst wärst du längst aus der Wohnung geflogen!
Und jetzt plant er, sich zu scheiden und mir die Hälfte der Wohnung abzunehmen!, droht Angelika.
Wir wollen doch nicht auseinander, meint Liselotte.
Kein Problem, er hat sein Geld noch nicht gestopft. Sobald er alles ausgespült hat, wirft er dich gleich wieder raus! Ich sehe das an seinem dreisten Gesicht!, bekräftigt Angelika.
Er arbeitet doch, verdient sein Geld selbst, protestiert Liselotte verwirrt.
Ich habe keine Ahnung, wo er verdient! Aber denk dran, wo er arbeitet!, sagt Angelika.
Nicht bei unserem Vater, entgegnet Liselotte. Er hat gleich nach der Hochzeit gekündigt!
Genau! Er hat Angst vor bösen Nachbarn! Und man hätte ihm doch gesagt, dass er nicht nur wegen der ChefTochter heiratet!, stimmt Angelika zu. Er hat auf Bitte unseres Vaters einen guten Posten in der Firma eines Freundes meines Mannes bekommen.
Wenn unser Vater das nicht gefordert hätte, wäre er nie dort gelandet, schließt Angelika. Er zeigt nur ein weißes, flauschiges Äußeres!
Ach, Mama, seufzt Liselotte enttäuscht, ich habe das nie gedacht
Ich habe das beobachtet, lächelt Angelika. Und ich wäre nicht überrascht, wenn sich herausstellt, dass er eine Geliebte hat!
Warum sollte er das tun?, fragt Liselotte erstaunt.
Für die Liebe!, sagt Angelika überzeugt. Für ihn bist du nur das Geld!
Liselotte wird rot, atmet tief ein und schreit:
Papa!!!
Ihr Vater, Heinrich Müller, hört das durch das ganze Haus. Die Familie ist wohlhabend, das Haus groß, und das laute Rufen ist zu ihrem Alltag geworden.
Heinrich eilt herbei, das Gesicht blass, der Atem keucht, die Augen noch gerötet von den häufigen Rufen seiner Tochter.
Was ist los, mein Kind?
Papa! Du musst ihn vernichten! Du musst ihn zerquetschen! Du musst ihn auslöschen!
Wen?, stutzt Heinrich.
Fritz!, ruft Liselotte.
Was hat er getan?, fragt Heinrich verwirrt.
Er betrügt mich! Und er hat mich wegen Geld geheiratet!, brüllt Liselotte.
Ernsthaft? Das ist ja eine Neuigkeit! Woher weißt du das?
Meine Mutter hat es mir gesagt! Sie sieht alles durch!, sagt Liselotte.
Ach, meine Frau, sagt Heinrich leise. Und du, was siehst du?
Ich habe nichts bemerkt, bis meine Mutter mir die Augen geöffnet hat!
Heinrich wendet sich an Angelika:
Danke, Angelika Müller, dass Sie meine Tochter in diese Situation gebracht haben!, sagt er verbeugt sich leicht.
Nenn mich nicht mit Vornamen!, kreischt Angelika. Das altert mich!
Wenn ich wüsste, wie ich dich nennen soll, damit du klüger wirst, schüttelt Heinrich resigniert. AngelikaAngelika
Papa, fragt Liselotte unsicher. Was bedeutet das?
Deine Mutter hat wieder mal alles erfunden und dann grandios aufgemotzt. Und du hast deinen Mann gar nicht erkannt, weil sie dir einbildet, was sie will!
***
Fritz, ein junger Ökonom aus Görlitz, kommt nach Berlin, um dort Karriere zu machen. Er hat einen Master in Wirtschaftswissenschaften und will die Hauptstadt erobern.
Er weiß, dass jeder nach Berlin kommen kann, aber nur wenige schaffen etwas. Seine erste Aufgabe ist, nicht im Großstadtdschungel zu ersticken.
Er mietet zunächst ein kleines Zimmer und findet eine Stelle als JuniorManager in einer mittelständischen Firma. Er will erst Erfahrung sammeln und sich an den Rhythmus gewöhnen, bevor er nach mehr strebt.
Die Einarbeitung dauert etwa ein halbes Jahr. Es gibt viele Versuchungen, doch er will nicht im Trubel untergehen.
Sein Wille ist stark; er bleibt sauber, gerät in keine Schwierigkeiten. Das Gehalt als JuniorManager reicht nicht, um viel zu sparen, also gibt er das Geld, das er aus Görlitz mitgebracht hat, vorsichtig aus.
Nach einem Jahr wird er zum SeniorManager befördert. Er sitzt zwar noch immer am unteren Ende der Hierarchie, aber der Aufstieg motiviert ihn.
Kurz darauf organisiert die Firma ein NeujahrsEvent in einem Resort mit Bar, Restaurant, Bowling, Sauna, Pool und Karaoke. Fritz nimmt am Hauptprogramm teil, am zweiten Tag erkundet er das Angebot und langweilt sich dann ein wenig.
Während er das Resort durchstreift, bemerkt er eine hübsche junge Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat. Er spricht sie an, stellt sich vor. Das Gespräch dreht sich um Musik, Literatur und Film, und sofort entsteht gegenseitige Sympathie.
Er erfährt, dass die Dame Liselotte heißt und nicht in seiner Firma arbeitet, sondern die Tochter des Firmeninhabers ist.
Das ist ja ein Ding, denkt Fritz, ich muss das mit Vorsicht angehen. Liselotte nimmt seine Stellung locker:
Ich mag ihn! Und wenn jemand nach seinem Status fragt, bitte ich meinen Vater, ihn zu befördern!
Die Beziehung entwickelt sich über ein Jahr. Liselotte verlangt keine teuren Geschenke oder extravagante Reisen. Sie weiß, dass ein SeniorManager nicht viel verdient und dass ihr Vater noch nichts für ihn tun muss.
Kurz vor der Hochzeit ruft Heinrich Fritz zu sich, um die Zukunft seiner Tochter zu besprechen.
Junger Mann, was denken Sie?, fragt er.
Ich finde, die Hochzeitskosten sollten wir teilen, antwortet Fritz ernst. Und danach will ich kündigen.
Ein überraschender Plan!, lacht Heinrich. Warum das mit der Kündigung?
Das Geld kommt von meiner Mutter, aber ich will nicht, dass es Missverständnisse gibt. Fritz erklärt weiter: Mein erster Aufstieg kam, bevor Sie mich kannten. Jetzt, wenn wir heiraten, werden alle denken, meine Beförderungen kämen nur durch Ihre Unterstützung. Ich will alles selbst erreichen.
Heinrich nickt anerkennend. Das ist ein ehrgeiziger Gedanke. Und wenn Sie wirklich gehen wollen, helfe ich Ihnen, einen anderen Job zu finden. Nicht als Schwiegersohn, sondern als Fritz aus Görlitz.
Fritz wird daraufhin zum Abteilungsleiter befördert, bleibt aber nicht lange; er steigt weiter auf dank eigener Leistung, nicht wegen Vetternwirtschaft.
Bei der Hochzeit lernt Heinrich die Mutter von Fritz kennen, Maria Stepanova, die aus einem kleinen RestaurantKonzern in Görlitz stammt. Sie erklärt, dass ihr verwitweter Ehemann ihr das Vermögen hinterlassen hat, doch sie möchte, dass ihr Sohn selbstständig wird.
Fritz will alles selbst erarbeiten, um den Namen seiner Familie zu ehren, sagt sie. Während er das tut, kümmere ich mich um das Familiengeschäft. Sobald er bereit ist, übergebe ich ihm alles und ziehe mich zurück.
In Görlitz warten drei Restaurants und ein kleines Netzwerk von Imbissständen auf Fritz. Wer von ihnen mehr Geld macht, bleibt offen.
Angelika hat das Gespräch zwischen ihrem Ehemann und Fritz nur teilweise mitbekommen. Sie hörte, wie Fritz fragte: Kaufen Sie uns die Wohnung?, doch verpasste den Teil, in dem er sagte: Oder soll ich sie selbst kaufen, damit wir nicht zwei Wohnungen haben und das Geld nicht verschwenden.
Angelika schlussfolgert, dass Fritz ein typischer Schmarotzer ist, der nur auf das Geld aus ist, und teilt das nicht sofort ihrer Tochter mit, weil sie selbst mit ihrem Mann über mögliche Untreue nachdenkt.
Heinrich berichtet später, dass er die Wahrheit über den Schwiegersohn bestätigt hat. Der Wunsch nach fremdem Geld war also unbegründet. Angelika hingegen vermutet, dass er andere Frauen haben könnte ein Verdacht, den sie seit 25 Jahren hegt, weil sie alle Männer für untreu hält.
Am Ende sagt Heinrich: Unser Nachwuchs urteilt nach sich selbst! Sie wollte mein Geld, sonst hätte sie keine Kreditkarte mit Limit. Wenn man ihr vollen Zugang zu den Finanzen gibt, flüchtet sie ins Warme. Liebe funktioniert nicht, aber Geld schon. Hör nicht auf sie!
Fritz ist ein guter Kerl, vernünftig, fügt Heinrich hinzu. Wenn die Zeit kommt, übergebe ich ihm meine Firma. Angelika blickt ihn hasserfüllt an, aber schweigt und verlässt würdevoll den Raum.
Siehst du, sie hat nicht mal protestiert, meint Heinrich. Guter Mann, den du nicht verletzen solltest!
Liselotte lächelt: Bald bist du Opa.
Heinrich umarmt sie: Das ist tolle Neuigkeit! Und hör weiter nicht auf deine Mutter!





