Und warum bist du gekommen? Wir dachten nicht, dass du hier auftauchen würdest…, murmelte die Schwägerin verwirrt, als sie Rita auf der Schwelle ihres eigenen Wochenendhauses stehen sah.
Rita schaltete den Motor aus und betrachtete das Häuschen durch die Windschutzscheibe. Es schien, als hätte sich nichts verändert das gleiche blaue Dach, die gleichen Birken entlang des Grundstücks, dasselbe Gartentor, das ihr Vater einst grün gestrichen hatte. Seltsam nur, dass auf der Veranda Licht brannte. Vielleicht die Nachbarn? Aber… die Nachbarn wussten, dass Rita seit fast einem Jahr nicht mehr hier gewesen war.
Sie griff nach ihrer Tasche auf dem Rücksitz und erstarrte plötzlich. Jemand bewegte sich auf dem Grundstück. Eine Silhouette huschte zwischen den Apfelbäumen hindurch, dann wieder näher zum Haus. Eine Frau in T-Shirt und Shorts, mit einem Kind auf dem Arm.
Was zum Teufel…, murmelte Rita, als sie aus dem Auto stieg.
Sie ging zum Tor und blieb wie angewurzelt stehen. Aus dem Haus drangen Stimmen, Gelächter, das Klirren von Geschirr. Auf der Veranda hing Kinderwäsche zum Trocknen. Unter dem Vordach standen Fahrräder zwei für Erwachsene und eines für ein Kind. Und das Tor… das Tor war nicht verschlossen. Rita stieß es an, es öffnete sich mit dem vertrauten Quietschen.
Ihre Beine trugen sie wie von selbst zur Haustür. Nur ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Jemand lebte in ihrem Haus. Ihrem Haus. Auch die Tür war unverschlossen, und im Flur stolperte Rita fast über einen Kinderschuh. An den Haken hingen fremde Jacken, in der Ecke standen zwei große Koffer und ein Korb mit Spielzeug.
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Rita lauschte aus der Küche drang eine Frauenstimme, etwas über einen morgigen Waldspaziergang, dann Kinderlachen und das Rascheln von Besteck. Es roch nach Bratkartoffeln und Dill.
Mama, können wir morgen an den See?, rief eine helle Jungenstimme.
Mal sehen, Tommi. Wenn es nicht regnet…
Rita machte einen Schritt in Richtung Küche. Noch einen. Erstarrte in der Tür.
Am Tisch saß ein Mann Mitte dreißig in einem karierten Hemd, neben ihm eine Frau etwa gleichen Alters blondes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Auf ihrem Schoß hockte ein dreijähriges Mädchen, und gegenüber erzählte ein älterer Junge lebhaft etwas und fuchtelte mit einer Gabel.
Die Frau bemerkte Rita zuerst. Ihr Gesicht erstarrte, die Augen weiteten sich. Die Teetasse glitt ihr aus der Hand und zerschellte klirrend auf dem Boden.
Und warum bist du gekommen?, stammelte die Frau verwirrt. Wir dachten nicht, dass du hier auftauchen würdest…
Rita erkannte die Stimme. Inge. Die Schwester ihres Ex-Mannes. Die Schwägerin, die immer freundlich und nett gewesen war, solange Rita mit Viktor verheiratet war. Nach der Scheidung war sie plötzlich verschwunden.
Inge?, Ritas Stimme klang seltsam rau. Was macht ihr hier?
Der Mann offenbar Inges Ehemann erhob sich langsam vom Tisch. Sein Gesicht war rot, verlegen. Die Kinder verstummten und starrten die fremde Tante neugierig an.
Rita…, begann der Mann. Wir dachten… Nun, Vicky sagte, du würdest hier nicht mehr herkommen. Dass das Haus leer steht.
Vicky hat das gesagt?, Rita spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Und was hat Vicky noch gesagt?
Inge hob die Teetasse vom Boden auf, immer noch die Tochter auf dem Arm. Das Mädchen schniefte und drückte sich an die Mutter.
Na ja… wir dachten doch nicht…, plapperte Inge schnell, nervös. Wir haben Urlaub, und ein Ferienhaus zu mieten ist teuer. Vicky sagte, er habe noch die Schlüssel von damals, als wir alle zusammen hier waren. Erinnerst du dich? Zu deinem Geburtstag vor drei Jahren…
Die Schlüssel waren noch da, wiederholte Rita langsam. Und ihr habt gedacht, ihr könnt einfach in meinem Haus wohnen?
Wir hätten gefragt, fügte Inges Mann hastig hinzu. Aber deine Nummer… wir wussten nicht, wie wir dich erreichen sollten.
Rita blinzelte. Ernsthaft? Dachten sie wirklich, das Problem sei nur, dass sie nicht gefragt hatten? Dass sie, wenn sie gefragt hätten, glücklich gewesen wäre, eine ganze Familie in ihrem Haus wohnen zu lassen?
Wie lange seid ihr schon hier?, fragte Rita.
Eine Woche, antwortete Inge leise. Wir wollten noch zehn Tage bleiben…
Zehn Tage, wiederholte Rita wie ein Echo.
In der Küche breitete sich schwere Stille aus. Der Junge legte vorsichtig seine Gabel hin und sah seine Eltern an. Das Mädchen auf Inges Arm begann zu quengeln es spürte die Spannung.
Hör mal, Rita, sagte Inges Mann. Wir wollten nichts Böses. Das Haus stand doch leer. Wir haben sauber gemacht, die Blumen gegossen, sogar den Rasen gemäht. Nicht schlechter als vorher.
Nicht schlechter?, Ritas Stimme überschlug sich. Ihr dringt in mein Haus ein, lebt hier, als wäre es eures, und sagt, es sei nicht schlechter?
Wir sind nicht eingedrungen!, empörte sich Inge. Vicky hatte die Schlüssel! Wir dachten…
Was habt ihr gedacht?, unterbrach Rita sie. Dass ich tot bin? Dass das Haus niemandem mehr gehört?
Inge drückte ihre Tochter fester an sich. Ihr Gesicht war kreidebleich.
Du verstehst nicht, begann Inge mit zitternder Stimme. Wir haben nur zwei Wochen Urlaub im Jahr. Geld für eine Ferienwohnung haben wir nicht. Die Kinder haben sich so auf das Häuschen gefreut…
Und was haben meine Probleme damit zu tun?, Rita trat einen Schritt in die Küche, und die Familie wich instinktiv zurück. Das ist mein Haus! Meins! Ich habe es von meinem Vater geerbt!
Wir wissen…, murmelte Inges Mann. Aber wir dachten…
Ihr dachtet, ihr könnt einfach nehmen, was euch nicht gehört?
Der Junge brach plötzlich in Tränen aus. Rita zuckte zusammen und sah ihn an. Ein dünner Achtjähriger mit zerzausten Haaren. Tränen liefen über seine Wangen.
Mama, müssen wir nach Hause?, schluchzte er. Aber wir wollten doch an den See! Und Rad fahren!
Ritas Herz zog sich zusammen. Die Kinder waren unschuldig. Sie wollten nur ein paar Tage in der Natur verbringen. Aber… aber das war ihr Haus! Ihr einziger Rückzugsort!
Rita…, flüsterte Inge. Bitte… Lass uns noch ein paar Tage bleiben. Wir haben alles geplant, Lebensmittel für die Woche gekauft. Die Kinder waren so glücklich…
Und wo soll ich wohnen?, fragte Rita. Auf der Straße?
Das Haus ist groß, schlug Inges Mann vorsichtig vor. Es gibt genug Zimmer. Wir können uns zusammenreißen…
Rita sah ihn so an, dass er sofort verstummte.
Zusammenreißen? In meinem eigenen Haus?
Sie ließ den Blick durch die Küche schweifen. Auf dem Tisch stand fremdes Geschirr, in der Spüle lagen Töpfe, die ihr nicht gehörten. Auf der Fensterbank ein Strauß Wildblumen in einer Vase, die Rita aus Kindertagen kannte. Auf dem Herd eine Pfanne mit Bratkartoffeln, deren Duft ihr früher vertraut gewesen war.
Sie hatten es sich gemütlich gemacht. Als wäre es ihr rechtm





