Jeden Tag läuft er ins Krankenhaus, wartet unter den Fenstern, hofft, dass sein Herrchen winkt – und fährt dann mit der letzten Straßenbahn nach Hause. Dort kennen ihn längst alle Schwestern, er kommt schon das zweite Jahr …

Jeden Tag läuft er zur Klinik, steht unter den Fenstern Wache, wartet, bis sein Herrchen winkt. Und dann fährt er mit der letzten Straßenbahn zurück nach Hause. Im Krankenhaus kennt ihn inzwischen jeder, immerhin kommt er schon im zweiten Jahr

Die Straßenbahn rollte gleichmäßig durch die abendlichen Straßen von Berlin, das Rattern der Räder klang, als würde sie leise vor sich hin schimpfen vermutlich über die müden Fahrgäste, die an diesem Abend ihren Heimweg antraten. Die Stadt wurde langsam ruhiger, das Gebrüll der Autos und das Stimmengewirr tausender Menschen ebbte ab Berlin bereitete sich, halb schläfrig, auf die Nacht vor.

Der erschöpfte Viktor nickte auch beinahe ein, nachdem der Tag mal wieder alles von ihm verlangt hatte. Er arbeitete bei den Filmstudios in Babelsberg und war dort für den Umgang mit Tieren zuständig. Schon morgens war alles drunter und drüber gegangen: Zuerst hatte sein alter Golf gestreikt, dann das obligatorische Drama in der Werkstatt, und als Krönung…

… war bei Außenaufnahmen auch noch der Star abgehauen ein zappeliger Deutsch-Kurzhaar namens Timo. Die ganze Crew rannte im Kreis um den Hund wieder einzufangen und ihm klarzumachen, dass der Tatort nun wirklich gedreht werden musste.

Am Abend nahm Viktor, der das Berliner U-Bahn-Gedränge um diese Zeit kannte wie seine Westentasche, lieber den altmodischen Weg und stieg in die Straßenbahn. Die Probleme des Tages ließen ihn nicht los. Seit zwei Wochen suchte er vergeblich nach einem geeigneten tierischen Hauptdarsteller für eine neue Serie und niemand Geringerer als der berühmte Regisseur Schuster selbst bestand auf Genialität und Ausdruck von Hundeseite.

Dutzende Agenturhunde hatte Viktor bereits durch, doch Schuster winkte nur ab. Die Zeit drängte. Wo sollte bitte die perfekte Spürnase herkommen?

An einer Haltestelle stieg ein ganz besonderer Fahrgast ein. Ohne jede Eile sprang er auf den vorderen Fensterplatz und blickte bedeutungsschwer aus dem Fenster. Es war ein rotbrauner Terrier mit dunklen Ohren, Rücken und buschigem Schwanz ein lupenreiner Schnauzbartträger.

Zerzaust, aber mit einem teuren Lederhalsband und der Haltung eines Hundes, der zu Hause warm sitzt, wirkte er überhaupt nicht wie ein Streuner, sondern grüßte mit jeder Faser: Ich bin hier der Herr Baron.

Der bärtige Passagier saß unbeweglich, seine Ohren zuckten nur ab und zu beim Stationsnamen durch die Lautsprecher. Viktor wurde neugierig, setzte sich dazu und versuchte Kontakt herzustellen.

Na, grüß dich, wie wärs mit einer Freundschaft?, meinte er gutgelaunt und hielt dem Hund freundschaftlich die Hand hin.

Der Hund schaute interessiert, legte dann aber nur ganz kurz seine Pfote darauf, als wolle er sagen: Na schön, aber keine weiteren Verpflichtungen, und drehte sich wieder zum Fenster.

Viktor schlenderte zum Fahrer vorne.

Sagen Sie, kennen Sie den Hund? Warum fährt der immer allein?

Keine Ahnung, wem der gehört, sagte der Fahrer verschmitzt. Der fährt schon ewig mit immer von der Klinik bis zur Endstation, meist auf der letzten Fahrt. Früher hat er eine alte Dame begleitet, jetzt fährt er halt alleine Heim. Er ist ruhig, tut niemandem was. Und um diese Uhrzeit kontrolliert hier eh niemand Tickets, grinste er und zuckte mit den Schultern.

Viktor fuhr zwei Stationen weiter mit, ließ seine eigene Haltestelle sausen und stieg mit dem Terrier am Endpunkt aus. Der Hund marschierte zielsicher auf einen schicken Berliner Plattenbau zu, beäugte das Klingelfeld, setzte sich davor und wartete ordentlich. Viktor blieb in gebührendem Sicherheitsabstand stehen.

Der Hund war hellwach Fremde kannte er nicht, alle Nachbarn hingegen schon. Was machte dieser hier? Warum kam er nicht rein?

Da parkte ein alter Mercedes, und eine Frau mit Einkaufstüten und Gehstock stieg aus. Sie grüßte Viktor freundlich und öffnete mit einem elektronischen Brummton die Haustür. Der Hund schlüpfte flink nach drinnen, ignorierte demonstrativ den Aufzug und griff die Treppe an.

Im fünften Stock machte der Terrier Halt vor einer Eisentür, warf Viktor einen Pass auf mich auf, Fremder-Blick zu und drückte mit der Pfote auf die Klingel. Richtig mit Stil.

Also, du bist ja ein Profi!, staunte Viktor.

Der Hund interpretierte das Lob als Ansporn, klingelte noch einmal und setzte seinen berühmten Ich kann das aber wirklich-Blick auf.

Hinter der Tür klapperte es plötzlich, jemand rief vorsichtig: Paulchen, bist du das? (Klar war sein Name Paulchen, alles andere wäre in Berlin ja auch Quatsch).

Ein kurzes, sachliches Bellen, Schloss klick, Tür öffnet sich. Auf der Schwelle eine winzige, älteren Dame auf Krücken, die Viktor argwöhnisch musterte, während Paulchen zur Begrüßung den Schwanz rotierte wie einen Propeller.

Guten Abend, grüßte Viktor höflich.

Auch Ihnen guten Abend. Haben Sie mir den Paulchen gebracht? Das ist nett, aber er schafft das sonst allein. Oder ist irgendwas passiert?, fragte die Dame besorgt.

Viktor stellte sich vor und erklärte, dass er gerne über Paulchen sprechen wolle. Der Hund postierte sich sofort schützend zwischen sein Frauchen und den neugierigen Besucher Terrier, eben. Viktor nahm Rücksicht, verhielt sich respektvoll, als hätte er eine Eingebung von Loriot persönlich bekommen.

Bei einer Tasse Tee in der Küche erzählte Frau Margarete Schmeling ihre Geschichte…

Ihr Mann hatte als Rentner den kleinen, durchgefrorenen Welpen hinter einem Supermarkt gefunden. Es war ein langer Winter, Hund und Mensch kämpften sich gemeinsam durch. Später übernahm Herr Schmeling die Erziehung, mit Hilfe eines Hundetrainers von nebenan. Paulchen wurde klug, aufmerksam, loyal. Er holte Pantoffeln, Zeitungen und den Fernseher (naja, fast). Er war die gute Seele im Haushalt.

Doch dann wurde Herr Schmeling krank. Lange wollte er nicht zur Klinik, als er dann endlich ging, war die Operation zu spät. Frau Schmeling stockte, Tränen glänzten in ihren Augen.

Paulchen zog ein halbes Jahr los, täglich zur Klinik, saß unter dem Fenster und wartete auf sein Herrchen, bis dieser winkte. Dann fuhr er mit der letzten Straßenbahn heim. Das läuft schon im zweiten Berliner Jahr so.

Ich kann ja kaum noch laufen aber ohne ihn, flüsterte Frau Schmeling.

Viktor fasste sich ein Herz:

Frau Schmeling, wie wäre es, wenn Paulchen in einem Film mitspielen würde? Was denken Sie?

Im Kino? Ob er das schafft? Sie nehmen ihn aber nicht weg, oder?, kam sofort die Sorge.

Niemals. Vertraglich festgelegt Drehtage mit Rückgabe am selben Abend. Und bezahlt wird auch, beruhigte Viktor.

Ehrlich? Das klingt ja fast zu schön, murmelte sie.

Doch, und zwar ordentlich, bestätigte er. Das reicht locker für beide Essen, Medikamente, vielleicht sogar eine Operation.

Beschlossene Sache. Viktor wusste, selbst wenn der Regisseur nölen würde, er würde ihn überzeugen jetzt war nicht nur sein Job, sondern auch das Glück von zwei Seelen abhängig.

Das Probetraining am Set lief wie am Schnürchen. Schon nach dem ersten Take kam der große Schuster vorbei und höhnte nur: Den Hund lass ich mir gefallen. Paulchen bekam die Rolle des ehemaligen Streuners, der zum Liebling der Berliner High Society wird.

Paulchen spielte ein ganzes Jahr lang. Er arbeitete wie ein Tier (Wortspiel). Es war, als wüsste er, dass sein Talent jetzt über das Schicksal von Frauchen und ihm entschied.

Der Serienstart wurde ein Knüller. Paulchen jetzt ein Star mit Pelzmütze. Alle wollten ein Autogramm, zum Glück hatte er immer ein Stempelkissen dabei. Margarete Schmeling konnte inzwischen nach einer Operation wieder mit Paulchen spazieren gehen, stützte sich auf einen Stock und lachte: Du bist mein Lebensretter, mein kleiner Herr Professor.

Paulchen fuhr nun nicht mehr zur Klinik. Nicht, weil er es vergessen hätte, sondern weil er verstand: Herrchen war nicht mehr dort. Aber er blieb für immer bei ihm in seinem kleinen, treuen Hundehirn.

Vom ersten Gagen-Scheck bauten Viktor und Margarete einen Grabstein für Herrn Schmeling schwarzer Granit, goldene Lettern:

Für immer. Von deiner Margarete und Paulchen.

Später trat Paulchen noch in mehreren Filmen auf, war Stargast auf der Berlinale immer an Viktors Seite, der mit der Zeit zum zweiten Lieblingsmensch wurde. Seine letzten Hundejahre verbrachte Paulchen auf der Gartenlaube von Viktors Eltern geliebt, verwöhnt, und immer mit genug Leberwurst.

Berlin kann eben doch große Geschichten und manchmal endet sie für einen tapferen Terrier einfach ganz, ganz gut.

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Homy
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Jeden Tag läuft er ins Krankenhaus, wartet unter den Fenstern, hofft, dass sein Herrchen winkt – und fährt dann mit der letzten Straßenbahn nach Hause. Dort kennen ihn längst alle Schwestern, er kommt schon das zweite Jahr …
„Mein erster Flug als verantwortlicher Pilot wurde zum Albtraum. Nachdem ich einen Passagier gerettet hatte, holte mich meine Vergangenheit ein.“