Sie ist so langweilig, kann sich einfach nicht freuen

Also, hör mal Sie ist so langweilig, kann sich über nichts freuen.

Hör zu, Friedrich Meier, du willst doch dein lila Wohnviertel bauen, oder?

Weißt du, Klaus Schneider, seufzte Friedrich, das ist mein Traum. Meine Firma hat die Mittel und die Erfahrung. Ich werde das Viertel so gestalten, dass es zum Wahrzeichen wird Führungen inklusive. Aber du musst mir das Bauland sichern. Soll ich deinem Sohn, dem Tom, dort eine Wohnung besorgen?

Damit ich wegen Bestechung aus der Stadtverwaltung fliege? Eine Wohnung oder sogar ein Haus kann ich Tom selbst kaufen. Ich brauche nur noch eine Frau für ihn.

Fängst du schon wieder damit an? Meine Tochter Johanna hat schon einen Freund. Und ich weiß genau, was für ein Schürzenjäger und Faulenzer dein Tom ist. Die Uni hat er hingeschmissen, obwohl du ihn da nur mit Mühe reingequetscht hast. Tut mir leid, aber so einen Schwiegersohn will ich nicht mal geschenkt. Und wie stellst du dir das vor? Soll ich sie an der Leine zum Standesamt schleifen?

Wenn es sein muss, dann ja. Auf das Grundstück haben schon viele ein Auge geworfen

Friedrich und Klaus kannten sich lange, waren zusammen die Karriereleiter hochgeklettert. Die Verbindung zwischen Beamten und Bauunternehmer war profitabel und erfolgreich. Gemeinsam hatten sie ganze Stadtteile modernisiert, alte Gebäude saniert.

Genauer gesagt, Friedrich und seine Firma hatten die Arbeit gemacht, während Klaus wie man in der Verwaltung sagte die Bauaufsicht übernahm. Er half bei lukrativen Aufträgen, gewinnbringenden Ausschreibungen, der Beschaffung von Baumaterial. Jetzt sah er das Potenzial in Friedrichs neuem Wohnprojekt eine goldene Gelegenheit, sich zu bereichern.

Die Idee war gut: Mehrere Hochhäuser um einen begrünten Innenhof mit Tiefgarage, dazu Läden und Dienstleistungen im Erdgeschoss. Die Leute würden kommen, weil alles direkt vor der Haustür wäre also sicherer Profit. Und die Läden sollten nur an ihre Leute vermietet werden, von denen man stillschweigend eine Gewinnbeteiligung verlangen konnte. Ein sicheres Einkommen fürs Leben. Aber dafür mussten die Familien enger zusammenrücken.

Natürlich waren die beiden auch privat verbunden. Die Frauen freundeten sich an, aber bei den Kindern klappte das nicht. Friedrichs Tochter Johanna stand kurz vor ihrem Abschluss als Landschaftsarchitektin und wollte ihr eigenes Büro eröffnen und dem Vater bei seinen Projekten helfen.

Klaus Sohn Tom dagegen war ein ewiger Problemfall. Keine Ambitionen, nur Party. Der Vater steckte von morgens bis abends in der Verwaltung, Tom hatte keine männliche Bezugsperson. Geld war nie ein Problem Klaus kaufte sich damit frei. Vielleicht würde er sich ja mit Johanna zusammentun und zur Vernunft kommen?

Aber wahrscheinlich nicht. Nach dem Gespräch mit Friedrich traf Klaus Tom in bester Laune an:

Vater, wir fahren morgen nach Berlin, zu einem Musikfestival. Alle sind da.

Alle? Deine goldene Jugend, die auf Kosten ihrer Eltern lebt? Ihr seid nutzlos wie ein Eimer ohne Boden. Wann fängst du endlich an zu arbeiten? Johanna will bald ihr eigenes Büro eröffnen

Sicher nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem ihres Vaters. Gib mir auch was, dann eröffne ich was.

Eine Kneipe? Die wäre in zwei Wochen pleite. Schließ dich Johanna an, sie ist clever. Vielleicht heiratet ihr, ich kann dich nicht ewig durchfüttern.

Sie hat doch schon einen Freund. Außerdem ist sie so langweilig kein Funke Lebensfreude.

Den Freund kannst du ihr ausreden. Ich helfe dir. Nimm sie mit in Restaurants, zu Partys, ich geb dir Geld. Wenn sie das schöne Leben sieht, wird sie schon auftauen. Brauchst du etwa noch Anleitung?

Zur gleichen Zeit sprach Friedrich mit Johanna:

Was hast du eigentlich vor, Johanna?

Worauf willst du hinaus? Du hast mir doch selbst Unterstützung für mein Büro versprochen. Ich zahle es zurück, sobald es läuft.

Das Geld brauchst du nicht zurückzuzahlen. Aber wie siehts mit deinem Liebesleben aus? Heiraten willst du irgendwann?

Willst du mich loswerden?, lachte Johanna. Ich hab Mama schon gesagt, dass ich einen Freund habe, den Lukas. Aber ans Heiraten denke ich noch nicht. Erst muss ich mich beruflich etablieren.

Versteh mich richtig, Friedrich sah sie ernst an. Du trittst nicht nur ins Geschäftsleben ein, sondern in eine Welt, in der Familie und Seriosität zählen. Und solche Verbindungen knüpft man nicht mit irgendwem.

Beginnt die Leier wieder mit Tom? Mit dem würde ich nie zur Ruhe kommen. Lass uns das Thema beenden, sonst streiten wir noch.

Johanna wusste, dass der Vater nicht ohne Grund auf eine Hochzeit drängte. Klaus bestand darauf. Von ihm hing es ab, ob Friedrich die Baugenehmigung bekam und die brauchte er dringend. Kürzlich hatte Johanna zufällig ein Gespräch der Eltern belauscht. Abends auf der Terrasse, sie hatten sie nicht bemerkt.

Warum drängst du Johanna zu dieser Heirat?, fragte die Mutter leise aber scharf. Willst du wirklich so einen Taugenichts als Schwiegersohn? Stell dir vor, wie sie mit ihm leben müsste!

Das kann ich mir gut vorstellen. Aber willst du, dass sie in Armut lebt?

Welche Armut? Wir haben hier kein Ferienhaus, sondern eine Villa. Die Stadtwohnung brauchen wir kaum.

Und wenn wir bald gar nichts mehr haben? Meine Firma steht kurz vor der Pleite, wenn ich diesen Auftrag nicht bekomme. Klaus weiß das deshalb drängt er.

Die Mutter schwieg. Dann sagte sie leise:

Wir hatten nicht immer dieses Leben, Friedrich. Erinnerst du dich noch an die Einzimmerwohnung in der WG? Und trotzdem haben wir gelacht wer hatte damals schon zwei Kühlschränke in der Küche?

Da knackte ein Ast unter Johannas Fuß das Gespräch brach ab.

Lukas reagierte alarmiert:

Und was willst du tun? Deinen Vater mit deinem Unglück retten? Es geht nicht um mich du kannst jeden heiraten, den du liebst. Aber doch nicht diesen Hanswurst! Mit dem kann man doch nicht mal reden.

Du verstehst das nicht! Die Firma ist alles für ihn. Und das Wohnviertel sein Traum. Er will es Lila nennen, mit lila Akzenten an den Fassaden und Flieder im Hof. Stell dir das im Frühling vor!

Und dafür opferst du dich? Würde sich dein Vater nicht schämen? Meine Eltern haben keine Baufirma, leben in einer Plattenbauwohnung am Stadtrand wie viele andere auch. Und sie sind glücklich, haben Kinder und Enkel

Tom tauchte nun häufiger auf lud Johanna zum Essen, zu Konzerten. Sie ging mit, um ihn besser kennenzulernen. Vielleicht hatte sie ihn falsch eingeschätzt? Er war nicht hoffnungslos, hatte Stil, kannte sich in Musik aus, sammelte sogar Schallplatten. Und er war aufmerksam, erfüllte ihr jeden Wunsch

Schließlich passierte, was alle erwartet hatten Tom machte ihr einen Antrag. Johanna bat um Bedenkzeit, kam aber abends mit einer Entscheidung nach Hause. Sie versammelte die Eltern im Wohnzimmer und lächelte:

Heute hat Tom mir einen Heiratsantrag gemacht.

Lange Stille. Dann fragte der Vater knapp:

Und was hast du geantwortet?

Noch nichts, aber ich denke, ich werde ja sagen.

Liebst du ihn?

Ich weiß nicht, Papa. Man sagt doch: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Der Vater stand auf, ging zum Fenster. Ohne sich umzudrehen, sagte er:

Lukas war gestern in meinem

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Sie ist so langweilig, kann sich einfach nicht freuen
Es hat fünfzehn Jahre gedauert, bis mir klar wurde, dass meine Ehe wie ein Fitnessstudio-Abo im Januar war – am Anfang voller guter Vorsätze, und danach das ganze Jahr über leer. Alles begann an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Ich kam von der Arbeit nach Hause und fand ihn ausgestreckt auf dem Sofa, die Hand in einer Tüte Paprika-Chips, zum dritten Mal die gleiche Zombie-Serie schauend. „Und das Abendessen?“, fragte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. In mir machte es Klick. Wie wenn man den Computer formatiert und er auf Werkseinstellungen zurückgesetzt wird. „Keine Ahnung, Schatz. Und, was ist mit dem Abendessen?“, erwiderte ich und stellte meine Tasche ab. Er sah mich verwirrt an, als hätte ich Chinesisch gesprochen. „Wie, du weißt es nicht? Du kochst doch immer.“ „Ach ja? Interessante Beobachtung. Wir sehen uns später – ich gehe mit Freundinnen essen.“ Sein Gesicht war wie ein Gedicht. Eher wie ein Haiku. Kurz, aber tiefgründig. An diesem Abend aß ich gegrillten Fisch, trank Weißwein und lachte, bis mir der Bauch schmerzte. Ich kam gegen elf nach Hause. Er hatte Pizza bestellt, die Kinder waren begeistert. „Mama, warum essen wir nicht öfter so?“, fragte die Kleine mit Ketchup auf der Nase. In der nächsten Woche ging ich noch einen Schritt weiter. Wirklich weit. „Ich fliege am Freitag nach Griechenland“, verkündete ich beim Frühstück. Er verschluckte sich fast am Kaffee. „Wie, nach Griechenland? Und die Kinder?“ „Bei dir. Du bist doch ihr Vater, oder? Ich glaub an dich.“ „Aber ich habe Meetings! Wichtige Termine!“ Ich sah ihm direkt in die Augen. „Was für ein Zufall. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre auch ständig wichtige Termine. Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft. Ich bin mir sicher, dass du mit deinem ‚außergewöhnlichen Verstand‘, von dem du so gerne sprichst, das auch meisterst.“ Ich reiste ab. Allein. Na ja, technisch gesehen mit einer Cousine, aber das zählt nicht. Am ersten Tag bekam ich siebzehn Nachrichten: „Wo ist das Sportzeug?“ „Wie geht die Waschmaschine?“ „Koch ich die Pasta mit warmem oder kaltem Wasser?“ „Ist Müsli als Abendessen okay für die Kinder?“ Ich antwortete auf eine: „Google ist dein Freund.“ Am dritten Tag klangen die Nachrichten anders: „Die Kinder wollen schon wieder Chicken Nuggets.“ „Haben die immer so viele Hausaufgaben?“ „Warum gibt es so viele Elternabende?“ Ich antwortete nicht. Ich war beschäftigt – trank am Meer eiskalten Frappé und las ein Buch, ohne alle fünf Minuten gestört zu werden. Als ich zurückkam, sah die Wohnung aus wie nach einer Naturkatastrophe. Socken an der Decke – bis heute weiß ich nicht, wie die dahin kamen. Der Hund trug einen Socken wie einen Hut und meine Tochter hatte ihr Zimmer mit meinem Lippenstift lila angemalt. Er kauerte auf dem Sofa, in Embryo-Haltung. „Du bist wieder da“, krächzte er erleichtert. „Gott sei Dank.“ „Und, wie lief’s?“, fragte ich, braungebrannt und entspannt. „Ich verstehe nicht … Wie machst du das jeden Tag? Das ist … unmenschlich.“ „Fast wie ein Vollzeitjob, oder?“ Er schwieg. Die Zombies im Fernsehen knurrten. Er auch. „Es tut mir leid“, flüsterte er schließlich. „Wirklich leid.“ Seitdem hat sich einiges geändert. Er kann jetzt drei Gerichte kochen. Gut, zweieinhalb, weil die Spaghetti manchmal noch bissfest sind. Er weiß jetzt, wo die Waschmaschine steht, wie Elternabende ablaufen und dass die Frage „Was gibt’s zu essen?“ nicht zählt, wenn er nicht selbst an den Herd geht. Ich reise alle drei Monate. Manchmal alleine, manchmal mit Freundinnen. Immer ohne schlechtes Gewissen. Letzte Woche fragte mich die Nachbarin mit kugelrunden Augen: „Lässt du die Kinder echt einfach bei deinem Mann und gehst weg?“ „Genau so“, bestätigte ich. „Er ist ihr Vater, nicht der Babysitter.“ „Aber … was, wenn was schiefgeht?“ „Dann lernt er es halt. Wie ich auch, als er mich mit allem alleine gelassen hat, während er auf ‚wichtigen Meetings‘ unterwegs war, die meistens in der Kneipe endeten.“ Sie schwieg nachdenklich. Einen Monat später sah ich sie am Flughafen. Sie flog nach Italien. Karma ist übrigens nicht immer rachsüchtig. Manchmal ist Karma ein geduldiger Lehrer, der dir Lektionen erteilt, die du schon längst hättest lernen sollen. Und wenn du sie freiwillig nicht lernst, schickt sie dich eben auf einen Crashkurs in Sachen Realität. Heute prahlt er sogar vor seinen Kumpels, dass er unserer Tochter Zöpfe flechten kann. Sie sehen zwar eher aus wie Seglerknoten, aber der Wille zählt. Gestern Abend fragte er mich: „Fährst du bald wieder weg? Nur … damit ich mich mental vorbereiten kann.“ „Ich denke an Portugal – zu meinem Geburtstag.“ Er seufzte ergeben. „Wie lange?“ „Zehn Tage.“ „Okay. Ich weiß jetzt, wo die Hausapotheke steht.“ Ich küsste ihn auf die Stirn, so wie man ein tapferes Kind küsst, das gleich geimpft wird. Bin ich eigentlich die Einzige, die findet, dass es vor der Ehe ein Pflichtfach ‚Überleben im Alltag 101‘ geben sollte – oder seid ihr auch so „komisch“ wie ich?