In der Diele stehen zwei Koffer mit ihren Sachen.
Was zum?! Noch dazu, dass ich deine Tochter füttere, wollt ihr mir jetzt auch noch den Sohn um den Hals hängen!
Sind die Leute völlig durchgedreht? Lass sie doch erst einmal abkühlen.
Wie auch immer Lotta versucht, ihren Mann Thomas zu beruhigen, ihn zu überreden sie weint sogar er bleibt bei seiner Entscheidung: Entweder Lotta räumt zusammen mit dem Baby aus, oder ich gehe!
Lotta erinnert sich daran, wie sie ihr ganzes Leben versucht hat, die Liebe ihrer Mutter, Klara Schmidt, zu verdienen. Das lief nie gut selbst in den ersten fünf Lebensjahren, als sie noch bei ihren Eltern wohnte, zeigte ihre Mutter kaum Zuneigung.
Ja, Klara kümmerte sich um die Tochter: sie fütterte, zog an, wusch, brachte sie in die Kinderkrippe, doch Wärme und Zärtlichkeit blieben aus.
Dann trennten sich die Eltern, der Vater Thomas fuhr irgendwo hin und verschwand. Sie hatte ihn ohnehin selten gesehen er arbeitete ständig, war immer unterwegs, und wenn er zu Hause war, stritten Klara und er oft. Deshalb fiel ihr Verschwinden nicht besonders schwer; die Mutter jedoch vermisste sie sehr.
Kurz nach der Scheidung schickt Klara ihre Tochter zu ihrer Großmutter, Gerda Müller, aufs Land.
Du bist hier nicht zum Spielen, sagt die Großmutter streng. Deine Mutter hat ein hartes Leben hinter sich und hat ein Recht auf Glück. Oder liebst du sie nicht?
Ich liebe sie, schluchzt die kleine Lotta, Tränen schlucken, ohne zu verstehen, warum ihre Mutter ohne sie glücklicher wirkt.
Jahre später, als Lotta erwachsen wird, erfährt sie aus beiläufigen Gesprächen, dass Klara in ihrer Jugend einen Markus geliebt hatte. Sie wollten heiraten, stritten sich dann und Markus heiratete eine andere, ambitioniertere Frau. Aus Zorn heiratete Klara den Thomas, der sie vergötterte, bekam ein Kind und versuchte, den Verräter zu vergessen.
Es gelang ihr nicht besonders gut, aber das Leben ging weiter: Ehe, Kind, gemeinsame Wohnung und ein Job. Dann tauchte Markus wieder auf. Er bereute kaum etwas, bat nur um Verzeihung und versprach früheren Verlobten goldene Berge. Klara stürzte sich in die Arme ihres neuen Mannes, und dieser mochte nicht, dass eine fremde Frau aus seiner Sicht ihr Kind beschattete. Deshalb schickte Klara die Tochter schnell zu ihrer Großmutter.
Gerda behandelte Lotta nicht schlecht, war aber streng. Sie zog sie ständig in Hausarbeiten, Viehpflege und Garten ein. Manchmal schrie sie, aber im Großen und Ganzen lebten sie harmonisch. Klara kam fast jeden Monat zu Besuch, und Lotta wartete sehnlichst darauf.
Komm, wir fahren nach Hause, mein Schatz. Ich habe dich so vermisst, könnte die Mutter jetzt sagen.
Doch Lottas Freundin Lea spottet sie: Du wirst doch wohl sehen, dass deine Mutter dich gegen einen Mann eingetauscht hat und du jetzt nur noch Wunder erwartest!
Du verstehst das nicht!, protestiert Lotta. Das sind einfach die Umstände
Ja, ja! Total außergewöhnlich!, lacht Lea laut.
Sie stritten sich ein paar Mal ernsthaft, versöhnten sich aber wieder schließlich sind sie Freundinnen.
Als Gerda starb, war Lotta fünfzehn. Sie bot ihr Mitgefühl, weil die Großmutter ihnen sehr am Herzen lag, und jetzt konnte sie endlich bei ihrer Mutter wohnen. Die Unterbringung im Heim war keine Option, doch das Zuhause war ebenfalls nicht besonders einladend.
Schick sie doch in eine andere Stadt zur Ausbildung, meint Markus, überzeugt, dass sie dort ein Studentenwohnheim und einen Beruf finden würde.
Markus, das geht nicht, widerspricht Klara zaghaft. Das Mädchen hat nach der Großmutter gerade einen Schock erlitten, und was sagen die Leute
Du bist ständig auf Dienstfahrt, du wirst sie kaum sehen, sagt Thomas. Ich spreche mit ihr.
Na gut, versuchen wir es, brummt der Stiefvater.
Lotta verabscheut ihn jetzt noch mehr. Ohne Markus würde sie wohl mit ihrer Mutter zusammen und glücklich leben. Sie lernt alles, was Gerda ihr beibringen konnte, und die Wohnung glänzt dank ihr immer sauber. Klara vergisst schnell, wie man wäscht und bügelt. Lotta kocht besser als ihre Mutter, lernt fleißig in der Schule und plant, nach der neunten Klasse eine Friseurausbildung zu machen, um später Klara finanziell zu unterstützen.
Vielleicht wirft Klara ihren nervigen Markus dann über Bord er lebt inzwischen von ihr. Lotta hat das Gefühl, dass ihre Mutter ihren Mann nicht wirklich liebt. Sie ist jung, hübsch, lebhaft, während er ein wenig dicklich, kahlköpfig und pingelig ist. Warum hat sie ihn überhaupt genommen? Diese Gedanken behält sie bisher für sich.
Ein Jahr später, während Lotta ein College besucht, stellt sich heraus, dass Klara einen jüngeren, gut aussehenden und nicht armen Nikolaus kennengelernt hat. Sie treffen sich seit Monaten und wollen heiraten.
Du wirst ihn mögen!, sagt Klara begeistert, während sie ihrer Tochter von Nikolaus erzählt. Wir werden in ein Landhaus ziehen, mit Personal und allem.
Bist du sicher?, zweifelt Lotta.
Auch sie glaubt, dass Klara Besseres verdient als den alten Markus, doch Nikolaus weckt ihr kein Vertrauen.
Nikolaus hat jedoch andere Pläne. Er erfährt, dass Klara schwanger ist das war ihr eigentlicher Trick und er verschwindet schnell. Es stellt sich heraus, dass er bereits eine Frau, zwei Kinder und einen einflussreichen Schwiegervater hat, der ihm alles erlaubt.
Wenn der Schwiegervater von uns erfährt, ist es unser Ende, sagt Nikolaus zu Klara. Er kümmert sich nicht darum, ob du eine Frau bist.
Du darfst meine Tochter nicht beleidigen!, schreit Nikolaus. Besser mach einen Schwangerschaftsabbruch.
Klara kann das nicht, weil die Schwangerschaft bereits weit fortgeschritten ist. Sie fürchtet, den Schwiegervater zu provozieren.
Du musst mich retten, fleht Klara, Tränen in den Augen. Rette uns beide, sonst bleibt uns nichts.
Mama, wir schaffen das schon, versucht Lotta, ich werde bald arbeiten.
Wie?, schreit Klara. Ich will ein normales Leben!
Sie bricht in Tränen aus, erschrickt Lotta fast zu Tode und sammelt sich schließlich.
Wenn du nicht ohne Mutter dastehst, hilf mir, drängt Klara.
Natürlich, Mama! Ich liebe dich!, kommt Lotta und Tränen laufen ihr über die Wangen.
Der Plan ist simpel: Klara bekommt das Kind, gibt es auf Lotta, die dann 17 ist, und niemand kümmert sich um den Vater. Lotta muss nicht erklären, wer der Vater ist. Alles geschieht einvernehmlich, ohne Schuldzuweisungen.
Sie bleibt zu Hause, bis das Kind sieben Monate groß ist, verlässt das Haus kaum, und dann ziehen sie zusammen in ein Gartenkollektiv, wo eine Hebamme das Kind zu Hause zur Welt bringt natürlich gegen Bezahlung.
Dieses Mal ist Markus sechs Monate auf Dienstreise, also weiß er nichts davon. Lotta interessiert sich kaum für Details; ihre Mutter regelt alles und sie kommen mit dem kleinen Daniel nach Hause, wobei in der Geburtsurkunde Lotta als Mutter steht.
Was soll das?, brüllt Markus, als er den Säugling in der Wohnung sieht.
Beruhig dich, Markus, ich erkläre alles gleich, versucht Klara. Das war die erste Liebe des Mädchens, leider unglücklich, aber das Kind ist unschuldig
Was zum?! Noch dazu, dass ich deine Tochter füttere, wollt ihr mir jetzt noch den Sohn um den Hals hängen!
Beruhig dich, Markus, er wird sich beruhigen.
Doch zwei Tage nach Markus Rückkehr kommt Lotta von einem Spaziergang mit Daniel zurück und findet im Flur zwei Koffer. Der Stiefvater steht drohend da, und es ist klar, dass Lotta keine Wahl hat. Klara blickt flehend zu ihrem Mann, während Lotta zögert.
Lotta, willst du das Kind ins Heim geben?, flüstert Klara ängstlich.
Lotta erkennt plötzlich, dass sie von ihrer Mutter nie Liebe oder Verständnis bekommen wird. Der Vater hat klar die Seite der Tochter verlassen. Sie greift entschlossen nach dem schlafenden Daniel, legt ihn in Klaras Arme:
Dein Sohn mach, was du willst.
Sie verlässt die Wohnung im bedrückenden Schweigen, trägt nur einen Koffer (im anderen waren die Sachen des Kleinen). In diesem Haus hat sie nichts mehr zu suchen.





