Trotz allem, die Mutter

Maus, meine Süße, könntest du bitte wenigstens zehn Euro überweisen?, jammerte die Mutter am Telefon. Ich habe die Stromrechnung vergessen, die Firma droht zu sperren! Wie soll ich denn jetzt im Dunkeln sitzen?

Klara hörte die altbekannte Rantiererei, während ihr Blick stumpf an die Küchenwand gerichtet war. Ihr Gesicht blieb unbewegt, ihre Finger drückten fester auf das Handy.

Nein, sagte sie kurz und legte auf.

Sie blickte hoch. Gegenüber, am Küchentisch, saß ihre Schwiegermutter Irma Schmitt. Irma hatte die ganze Unterhaltung mit angehört und sah nun mit einem fragenden Blick zu Klara auf.

Nichts Besonderes, winkte Klara ab. Wir sind ja nicht gerade die WohltäterClubMitglieder.

Irma runzelte die Stirn, legte die Gabel beiseite und tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab.

Muss man denn so mit den Eltern umgehen? fragte sie ehrlich verwirrt. Eine Mutter, schließlich

Klara schob die halbe Frühstücksplatte beiseite und sah Irma fest an.

Ja, das geht, antwortete sie bestimmt, wenn man von ihnen sogar schlechter behandelt wird als von einem Fremden.

Irma schwieg, offensichtlich überrascht von der Antwort. Das Ticken der Wanduhr erfüllte die Stille, und Klara senkte den Blick.

Entschuldige, ich wollte nicht so schroff sein.

Irma schüttelte den Kopf. Nein, nein. Ich bin nur erstaunt. Du hast nie über deine Beziehung zu deiner Mutter gesprochen.

Klara nahm die Tasse mit kaltem Tee, nahm einen Schluck und stellte sie zurück.

Das ist eine lange Geschichte.

Irma lächelte sanft. Wir haben Zeit. Wenn du willst, erzähl doch.

Klara überlegte einen Moment.

Alles fing vor langer Zeit an, begann sie. Ich hatte gerade die Schule beendet und wollte zur Uni in München gehen.

Sie erinnerte sich an den heißen Sommertag, an dem sie in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung am Hackeschen Markt nervös die Hochschulwebsite refreshte.

Und plötzlich stand mein Name auf der Liste! Ich hatte einen Platz im BaföGProgramm bekommen! Ich schrie vor Freude, rannte durch die Wohnung und rief allen Freundinnen zu.

Das ist ja toll!, rief Klara mit einem traurigen Seufzer. Aber dann

kam die Diagnose, fuhr sie fort. Eine schwere Krankheit, die sofort operativ behandelt werden musste und das Ganze kostete Geld.

Sie drehte gedankenverloren den Löffel zwischen den Fingern. Meine Mutter hatte eine Einzimmerwohnung, die sie von einer Cousine geerbt hatte. Sie wohnte nie dort, vermietete sie. Ich dachte, wir könnten die Wohnung verkaufen und die OP bezahlen.

Irma hörte aufmerksam zu, stützte ihr Kinn mit der Hand.

Ich flehte meine Mutter an, sie solle die Wohnung verkaufen, sagte Klara, und ich saß am Küchentisch, Tränen im Gesicht.

Mama, bitte!, schnappte sich die 18jährige Klara, sonst verliere ich den Studienplatz! Ich müsste ein Jahr pausieren!

Die Mutter stand am Herd und rührte die Suppe, drehte sich nicht um, sondern rief nur: Nein! Diese Wohnung ist mein Erbe, mein Geld. Ich gebe es nicht aus.

Aber es geht um meine Gesundheit!, schrie Klara, um meine Zukunft!

Die Mutter drehte sich abrupt, die Augen verengt. Und an meine Zukunft hast du je gedacht? Ich muss bis zur Rente noch von etwas leben. Wart auf das kostenlose Krankenhaus! Ich verkaufe die Wohnung nicht!

Aber das dauert Jahre!, sprang Klara vom Stuhl.

Die Mutter zuckte nur mit den Schultern. Dann warte. Es wird dir nichts zustoßen.

Klara schwieg, ein Kloß bildete sich im Hals. Irma fragte leise: Und dann?

Klara lächelte bitter. Dann verlor ich zwei Jahre meines Lebens, wartete auf die kostenlose Behandlung, verlor den Studienplatz. Nach der OP erholte ich mich nur langsam.

Irma flüsterte mitfühlend: Armes Mädchen.

Ich musste arbeiten, einen Nebenjob, eine möblierte Wohnung. Ich schaffte es, studierte im Fernstudium und zog aus bei meiner Mutter aus.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie auszog. Die Mutter stand in der Tür, missmutig:

Wohin gehst du? Zu wem?

Zur Freundin, sagte Klara, packte ihre Koffer, blickte nicht zurück.

Undankbar! Ich habe dich aufgezogen, gefüttert, und du

Sie schloss den Koffer, sah die Mutter an:

Als ich dich brauchte, wo warst du?

Du wolltest nur Geld!, schrie die Mutter.

Klara ging vorbei.

Leb wohl, Mama.

Die Mutter rief ihr nach: Wage es nicht, zurückzukommen!

Die Haustür knallte.

Wir haben seitdem kaum Kontakt, sagte Klara und kehrte in die Gegenwart zurück. Ich habe mein Studium beendet, deinen Sohn geheiratet Sie lächelte. Wir leben noch in einer WG, wollen aber bald eine eigene Wohnung kaufen. Unsere Gehälter sind gut.

Irma nickte: Ihr seid beides großartige Menschen, ich bin stolz.

Von Freunden und Verwandten habe ich erfahren, fuhr Klara fort, dass meine Mutter die Einzimmerwohnung kurz nach meinem Auszug verkauft hat. Geld ausgegeben, ein paar Urlaube im europäischen Ausland, teure Anschaffungen.

Jetzt lebt sie in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung und kann sie kaum noch halten. Sie wurde gekündigt, erst fünf Jahre bis zur Rente. Jetzt ruft sie mich an und bittet um Geld.

Klara sah Irma an:

Würdest du an meiner Stelle einer solchen Frau Geld geben?

Irma schnappte nach Luft, verdeckte sich den Mund:

Ich hätte nie gedacht, dass deine Mutter so ist. Jetzt verstehe ich, warum sie nicht zur Hochzeit kam.

Sie ging zu Klara, umarmte sie:

Mach dir keine Sorgen, Kind. Gott hat seine Pläne, lass diese Frau einfach hinter dir.

Klara lächelte, Tränen stiegen.

Danke, Irma, für deine Fürsorge.

Irma streichelte ihr Haar:

Nenn mich doch einfach Mama, nicht immer förmlich.

Klara nickte, Worte fehlten ihr vor Rührung.

Am Abend kam ihr Ehemann von der Arbeit nach Hause und fand Klara weinend, den Kopf an seiner Mutter lehnend.

Er warf die Schlüssel auf den Nachttisch und fragte besorgt:

Was ist los?

Ihre Mutter lächelte über Klara hinweg:

Alles gut, mein Sohn. Wir haben nur ein bisschen gefrühstückt.

Klara drückte sich fester an die Schwiegermutter. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie echte mütterliche Wärme, die ihr seit ihrer Kindheit gefehlt hatte.

Ich freue mich, dass ihr euch versteht, sagte ihr Mann, setzte sich zu ihnen aufs Sofa und umarmte beide.

Klara schloss die Augen und genoss diesen Moment des Familienzusammenhalts. Sie hatte endlich das gefunden, wovon sie ihr ganzes Leben geträumt hatte eine echte Familie mit Liebe, Unterstützung und Geborgenheit.

Weißt du, flüsterte sie später ihrem Mann im Schlafzimmer, deine Mutter ist einfach fantastisch.

Er zog sie noch fester an sich:

Ich weiß. Deshalb bin ich so ein wunderbarer Mensch geworden.

Sie stieß ihm spielerisch in den Arm:

Mach nicht zu viel Protz!

Was denn? erwiderte er mit gespielter Empfindlichkeit. Übrigens, ich habe mir genauso eine großartige Frau ausgesucht.

Klara schmiegte sich an ihn, atmete den vertrauten Duft ein.

Danke, murmelte sie.

Wofür?

Für deine Familie, die jetzt auch meine ist.

Er drückte sie noch enger, küsste sie auf die Stirn:

Du verdienst das Allerbeste.

Im Dunkeln liegend neben ihrem Liebsten dachte Klara an die Wirrungen des Schicksals. Wie die Enttäuschung über die leibliche Mutter sie zu einer neuen Familie geführt hatte, in der sie endlich die bedingungslose Liebe und Akzeptanz fand, nach der sie ihr ganzes Leben gesucht hatte.

Das Handy auf dem Nachttisch blinkte mit einer neuen Nachricht. Ihre Mutter schrieb wieder und verlangte Geld. Klara sah auf das Display, hob aber nicht ab. Stattdessen schaltete sie das Telefon aus und kuschelte sich an ihren Mann.

Die Vergangenheit hatte keine Macht mehr über sie. Sie drehte sich zur Seite, schloss die Augen. Morgen würde ein neuer Tag werden ein Tag mit der Familie, die sie wirklich liebt.

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Homy
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Trotz allem, die Mutter
Ich bin nicht mehr die Königin