23. Oktober 2024
Liebes Tagebuch,
heute hat sich wieder etwas Unfassbares ereignet. Peter mein Freund seit einigen Monaten brachte die Idee auf, meine Tochter Leni für immer zu übergeben.
Lass deine Tochter bei deiner Mutter wohnen, sagte er, während wir am Küchentisch standen. Wir brauchen Zeit, um uns aneinander zu gewöhnen, und das Kind ist dabei ein Störfaktor. Schick sie doch für ein paar Tage zu deiner Mutter.
Ich seufzte tief. Peter, das haben wir doch schon hundertmal besprochen. Ich gebe Leni nicht einfach ein paar Tage, geschweige denn ein paar Stunden ab.
Ganz genau, nicht abgeben, verzog er das Gesicht. Gott sei Dank, Christian, ich bin doch kein Monster! Denk doch mal nach: Wir sind beide 35, wir haben endlich einander gefunden Und ich will mit dir reisen, dich ins Theater, ins Restaurant bringen, am Wochenende lange ausschlafen und den Tag im Bett verbringen, bis es Abend wird. Mit einem Kind geht das nicht.
Unmöglich?, erwiderte ich scharf. Mit einem Kind kann man doch nicht glücklich sein, oder?
Peter schwieg. Sein Blick verriet, dass ich ihn getroffen hatte.
Peter kam vor etwa sechs Monaten in mein Leben, als wir uns buchstäblich im Supermarkt an der Joghurttheke anrempelten. Er stieß mich versehentlich, verlegen entschuldigte er sich und bot mir dann einen Kaffee als Entschädigung für den moralischen und physischen Schaden an. Ich nahm den Vorschlag an; sein Lächeln war irgendwie entwaffnend.
Er war ein richtiger Romantiker. Mit Leni verstand er sich ausgezeichnet: er spielte mit ihr Brettspiele, brachte ihr das Rollschuhlaufen bei und half ihr sogar gelegentlich bei den Hausaufgaben. Nach drei Jahren einsamer Tristesse war das für mich wie ein Schluck Wasser in der Wüste.
Drei Monate nach unserem Kennenlernen nahm ich Peters Antrag an. Meine Mutter war skeptisch sie meinte, ich kenne ihn noch nicht gut genug aber ich war überzeugt, dass er gut, fürsorglich und liebevoll sei.
Vor drei Wochen brachte Peter erstmals das Thema auf, Leni für die Ferien zu meiner Mutter zu schicken. Zuerst sprach er nur von den Schulferien, dann ließ er einwerfen, dass es ganz gut wäre, wenn sie dort bleiben könnte.
Denk doch mal nach, sagte er, die Schule ist gut, das Umfeld sauberer, und insgesamt
Halb im Scherz erwiderte ich: Und überhaupt, sie ist dir ja im Weg.
Er sagte nichts, sah mich nur eindringlich an und schwieg. Das ließ mich fühlen, dass er nicht ganz überzeugt war. Doch ich war verliebt und dachte, das wird sich mit der Zeit einpendeln. Schließlich hat Peter ja keine eigenen Kinder.
Leni ist kein gewöhnliches Kind für mich, sie ist ein Schatz, acht Jahre alt, klug und hübsch, ein Geschenk aus meiner ersten Ehe. Mein ExMann Andreas hat inzwischen Zwillinge, aber er kümmert sich gern um Leni: holt sie am Wochenende ab, nimmt sie ins Kino und verwöhnt sie. So läuft das, wie es sich gehört.
Neulich bekam Leni eine Erkältung, das Fieber stieg. Wie jedes kranke Kind war sie launisch. Peter wurde dabei unruhig, nicht offen wütend, aber ich sah ihn die Stirn runzeln, wenn er das Husten aus dem Kinderzimmer hörte, und die Augen verdrehen, wenn ich mit dem Thermometer zu ihr ging.
Wie wäre es, wenn deine Mutter kommt?, schlug er beim Frühstück vor. Sie hat im Ruhestand nichts zu tun.
Ich glaube nicht, dass meine Mutter das verstehen würde, wenn ich ihr sage, dass sie wegen Leni kommen soll, während ich ja doch da bin, erwiderte ich.
Peter murmelte etwas vor sich hin, ich schenkte das keine große Bedeutung, dachte nur, er sei müde.
Bald begann er sich an Lenis ständige Geräusche, laute Kindersendungen und ihr Lachen zu ärgern. Besonders, wenn sie Freundinnen nach Hause brachte
Christian, reicht das jetzt!, schrie er. Ich arbeite die ganze Woche und will wenigstens am Sonntag ein wenig Ruhe haben!
Und wo soll ich sie hinstellen? In den Schrank? Mit Handschellen und Knebel? schnappte ich.
Vielleicht in den Park, wenn du willst!
Ich musste immer wieder Kompromisse finden, damit er genug Schlaf bekam.
Dann kam das Schulferienende, und Peter verkündete plötzlich, er habe Urlaubsreisen ans Meer gebucht für uns beide.
Und Leni? fragte ich.
Sie fährt zu ihrer Großmutter, das passt!, sagte er.
Peter, wir sind doch eine Familie, versuchte ich zu protestieren.
Er sah mich seltsam an und sagte leise: Christian, das ist unsere Flitterwochenzeit! Kinder passen nicht in die Flitterwochen.
Wir fuhren nicht ans Meer. Ich weigerte mich, ohne Leni zu gehen, er war beleidigt und reichte die Tickets zurück. Eine Woche später war er wieder etwas ruhiger.
Eines Abends fragte ich ihn: Willst du eigene Kinder haben?
Natürlich! Einen Jungen, vielleicht sogar zwei!, antwortete er begeistert.
Und Leni?, hakte ich nach. Sie ist doch jetzt dein Kind.
Er schwieg einen Moment, dann vorsichtig: Christian, meine Liebe Das ist das ist etwas anderes. Ich versuche ja, ihr Spielzeug zu kaufen, sie zu verschiedenen Kursen zu schicken
Ich dachte nur: Er tut das aber das fühlt sich eher wie ein Gefallen an.
Kurz darauf brachte Leni ein Zertifikat aus der Schule mit nach Hause den ersten Platz im Vorlesewettbewerb. Stolz hielt sie es den ganzen Abend vor Peter, um es ihm zu zeigen.
Er kam nach einem anstrengenden Arbeitstag, sah das Zertifikat, winkte nur ab: Ach, Leni, das zeigst du später.
Ich sah, wie ihre Augen trübten, sie nahm das Zertifikat und schlich zurück in ihr Zimmer.
Peter, was soll das?!, schrie ich. Warum sprichst du so mit ihr?
Christian, lass uns das nicht weiter diskutieren. Ich habe keine Lust mehr auf Kinderschulscheine!, schnaubte er.
Das ist kein Kinderschulschein, das ist die Leistung unserer unserer Tochter!
Sie ist nicht meine Tochter!, platzte er heraus und verstummte sofort.
Wir saßen schweigend da, ich starrte auf das Tapetenmuster, die kleinen Rosen, die ich noch vor seiner Ankunft ausgesucht hatte, und zählte: eins, zwei, drei
Also, was jetzt? fragte ich ruhig.
Peter senkte das Gesicht, hielt sich die Hände vor das Gesicht.
Christian, es tut mir leid. Ich ich wollte nicht, was gesagt habe. Ich liebe dich, wahnsinnig. Ich dachte, wir könnten zuerst nur zu zweit leben, dann später eigene Kinder bekommen gemeinsam. Und Leni nun ja, sie könnte zur Großmutter zurückgehen Oder ihr Vater könnte sie ja auch für immer übernehmen.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Geh sofort raus, flüsterte ich.
Was?
Raus, aus meinem Haus. Sofort.
Christian, bist du verrückt? Das ist doch unsere Wohnung!
Das ist meine Wohnung, erwiderte ich kalt. Sie ist von meiner Mutter geerbt. Du wohnst hier nicht mehr.
Er verließ das Haus, nannte mich undankbar und töricht und schwor, ich würde es bereuen.
Ich habe nie bereut. Keine Sekunde.
Jetzt, wenn ich zurückblicke, frage ich mich, wie ich so falsch liegen konnte. Ich sah nur das, was ich sehen wollte. Ich stellte mir den idealen Mann vor und übersah alle roten Flaggen, weil ich die Einsamkeit satt hatte und einfach nur geliebt werden wollte endlich, für immer.
Lehre des Tages: Liebe darf nicht auf Illusionen bauen; echte Partnerschaft braucht Respekt, Verantwortung und echte Bereitschaft, das Kind als Teil des Ganzen zu akzeptieren. Ohne das wird jede Beziehung nur ein Kartenhaus im Wind.





