Rückkehr zu dir selbst

Der Wind hat mich an der Bahnsteigkante fast umgehauen, hat meine Mütze vom Kopf gerissen, noch bevor ich den ersten Schritt auf den Bahnsteig tun konnte. Ich musste sie im Flug fangen, während die kalten Finger der Herbstluft sofort bis zum Kragen durchdrangen. Es roch nach nassem Laub, nach Rauch aus fernen Schornsteinen und nach etwas vertrautem nach Metall, Öl und altem Holz. Der Duft der Kindheit.

Ich sah mich um.

Ein niedriges Backsteingebäude, das die verblasste Beschriftung Bahnhof Dürnau trug. Der Bahnsteig, früher von Onkel Franz, dem Gärtner, sauber gefegt, lag jetzt im Unkraut und Gänseblümchen, die durch Risse im Asphalt wuchsen. Alles war gleich, und doch irgendwie anders.

Es war, als hätte jemand die ganze Welt in eine Faust gepresst.

Die Bäume, die früher wie Riesen wirkten, reichten jetzt kaum noch bis zur Bahnhofsdachrinne. Der Kiosk, an dem ich einst wartete, sah jetzt winzig aus, die Bretter waren von Moos überzogen. Auch der Himmel schien niedriger zu hängen.

Ich zog die Mütze fester, schulterte den Rucksack und schlenderte die vertraute Straße hinunter.

Sie führte zum Fluss.

Zu dem Ort, wo das alte Haus meines Opas stand.

Der Weg schlängelte sich zwischen schiefen Fachwerkhäusern, umging verlassene Felder mit verrotteten Zäunen. Das Dorf starb leise.

Die Jugend war längst weg einige in die Stadt, andere auf dem Bau. Nur die Alten blieben, die ihren letzten Tag in stiller Einsamkeit verbrachten, und ein paar Familien, die keinen Ausweg mehr sahen. Viele Fenster starrten ins Leere, Türen hingen nur noch an einer Scharnier.

Ein einsamer Hundbell kläffte nicht fröhlich, sondern trüb, als hätte er vergessen, warum er jaulte. Und das Quietschen der alten Gießkanne bei Frau Grete.

Opas Haus stand ganz am Straßenrand, dort wo ein Pfad im Sand des Flusses versank und die Wurzeln uralter Weiden sich mit dem erodierten Ufer verflochten. Das hölzerne Bauwerk war vom Zahn der Zeit schwarz geworden, aber unnachgiebig, mit geschnitzten Leisten, die Opa an kalten Winterabenden gehackt hatte. Jede Windung, jede Blüte war mir noch im Gedächtnis als Kind stand ich auf Zehenspitzen und strich mit den Fingern über die Muster, als würde ich geheime Schriftzeichen lesen.

Die Stufenknarrten noch immer so laut wie vor zwanzig Jahren. Das Schloss an der Tür war zu einem rostigen Klumpen verrotten, doch ich tastete unter dem dritten Tritt des Eingangs nach dem verborgenen Schlüssel dem, dem mit abgebrochenem Zahn, der immer steckenblieb.

Die Tür gab nach, als wolle das Haus keinen Fremden hereinlassen.

Der Geruch schlug mir in die Nase:

Staub, der über Jahre der Leere gesessen hatte,
ein säuerlicher Hauch alter Bücher,
ein bitterer Nachklang von Ofenrauch, der in die Balken eingedrungen war,
Sonnenstrahlen, die durch staubige Fenster fielen und tanzende Partikel in die Luft warfen. Alles stand noch an seinem Platz, als hätte die Zeit hier an dem Tag ihres Aufbruchs stehen bleiben lassen:

Ein massiver Eichentisch mit Schlägen vom alten Beil,
eine Petroleumlampe unter einem Glasdeckel ein ewiges Denkmal an winterliche Abende,
ein Schrank voller Gewehre zwei Flinten und ein alter Säbel, die nach Leinöl und Schwarzpulver rochen,
an der Wand hingen leicht schiefe Fotos in selbstgemachten Rahmen:

Opa in jungen Jahren mit einem Nagant am Gürtel und strengem Blick (1923, handschriftlich notiert),
Oma Anna mit einem tragbaren Holzschlitten zwei Eimer voller Holz, der Julihimmel im Hintergrund,
kleiner Johann mit einer Angel barfuß, im ausgebleichten Hemd, mit einem frechen Grinsen.

Ich schmiss den Rucksack aufs Bett, und eine Staubwolke stieg zur Decke. Ich blieb kurz stehen und hörte das Knarren der Dielen das gleiche Geräusch, das jedes Mal meine nächtlichen Ausflüge zum Fluss verriet.

Ich ging nach draußen.

Der Fluss.

Er rauschte wie immer, ein dumpfes, rollendes Grollen, als würde hinter dem Tor ein riesiges Tier atmen. Der Wind trieb kleine Wellen, die das Sonnenlicht in tausend funkelnde Splitter brachen. Auf der anderen Seite, unberührt von Zivilisation, lag ein düsterer Wald uralt und schweigsam wie ein Gedächtnis.

Ich atmete tief ein, sog die feuchte Luft ein mit einem Hauch von Algen und verrottenden Ästen.

Ich war nicht ohne Grund hier.

Nach dem Jobverlust (keine Verabschiedung von den Kollegen),
nach der Scheidung (die Tür knallte endgültig zu),
nach dem Druck der Stadt mit ihren Mauern, Menschen, Stimmen und Gleichgültigkeit.

Da kamen Opas Worte zurück, geflüstert am Lagerfeuer einer kalten Nacht:

Wenn die Seele weint, mein Junge, geh zum Fluss. Bleib am Wasser, bis du seine Stimme hörst. Das Wasser wäscht alles weg den Groll, den Schmerz. Der Fluss erinnert sich an alle, die zu ihm kamen.

Meine Fäuste ballten sich von selbst. Irgendwo im Herzen pochte ein Stich Erinnerung oder Vorahnung?

Die ersten Tage vergingen in stiller Leere. Komplett still.

Die Stille umarmte mich von Anfang an, dicht und zäh wie Harz. Nicht die falsche, laute StadtStille, die immer nur das Dröhnen von Autos, die Schritte der Nachbarn über mir und das Heulen von Alarmanlagen kannte. Hier war die Stille lebendig, heilend.

Ich reparierte das Dach flickte löchrige Stellen mit Stoffbahnen. Der Hammer klang auf den Nägeln und hallte weit über den Fluss, als würde jemand an den Türen verlassener Häuser klopfen.

Ich hackte Holz Opas Beil war immer noch scharf. Die Scheite flogen mit knackendem Geräusch, das die Maserungen des Holzes zeigte. Der Duft von Kiefernnadeln mischte sich mit meinem Schweiß.

Ich fischte saß auf dem gleichen Stein wie früher, warf die Angel ins dunkle Wasser. Die Bisse kamen selten kleine Fische, nicht die fetten, wie früher. Aber das war egal. Wichtig war das Zittern der Schnur, das Wasserwiderstand, das geduldige Warten.

Einsamkeit.

Sie war nicht leer wie in der Stadt nicht die eisige Leere von Aufzügen und UBahn, nicht das Schweigen eines Telefons, das nicht mehr klingelt. Hier atmete sie.

Sie füllte sich mit:

1. Erinnerungen

Hier, an diesem knorrigen Baumstumpf, lehrte mich Opa, Fallen für Hasen zu bauen seine rauen Hände justierten die Schleife. Nicht zu fest, Junge, sonst riecht’s nach Metall.
Hier, unter dem schiefen Vordach, trocknete Oma Anna Pilze weiße wie Butter, Steinpilze, duftend nach Wald. Sie sortierte sie, murmelte Gebete, und ich stahl Stückchen, solange sie’s nicht sah.
Und hier, am Türrahmen, stand meine Mutter zuletzt im billigen blauen Kleid, einen Koffer in der Hand. Ich komme zurück. Doch sie kam nicht zurück.

2. Geräusche

Das Knarren der Bäume alte Weiden reiben ihre Äste, flüstern etwas Wichtiges.
Das Plätschern des Wassers kein Stadtwasser, sondern echtes Flussrauschen, mit Blasen und Steinen, die ans Ufer geschleudert werden.
Der Schrei einer nächtlichen Kreatur keine Eule, kein Uhu, vielleicht gar kein Vogel

3. Das Vorhandensein derer, die nicht mehr da sind

Sie waren nicht greifbar. Keine Schatten in den Ecken, kein Knistern auf dem Dachboden. Doch manchmal:

Auf dem Tisch tauchte von selbst Opas alte Tasse auf.
Der Ofen knisterte plötzlich lebhafter, als sollte.
Am Morgen lagen frische Fußspuren auf der Fensterbank als hätte jemand mit den Handflächen gegen das Glas gedrückt.

Ich zog eine Zigarette, ließ den Rauch in die kühle Luft steigen. Und aus der Ferne, hinter dem Fluss, hörte ich ein Heulen. Einsam, langgezogen, vertraut.

Ein Wolf? Vielleicht. Aber Opa sagte es anders: Das sind nicht Tiere, mein Junge. Das sind unruhige Seelen, die an der Schwelle der Lebenden klopfen an die, die vergessen wurden, an die, die aus dem Gedächtnis gestrichen sind. Sie wandern am Ufer, können den Fluss nicht überqueren, solange kein Herz auf Erden sie wirklich erinnert, mit Liebe.

Eine Gänsehaut lief mir den Rücken hinunter, doch nicht aus Angst.

Es war Wiedererkennen.

Jenen Herbst kehrte ich nicht in die Stadt zurück. Ich blieb im Haus meines Opas hackte Holz, heizte den Ofen, im Frühling pflanzte ich einen Garten, säte Kartoffeln. Morgens trank ich Tee mit Preiselbeermarmelade, abends las ich die alten Bücher aus dem Schrank. Hin und wieder fuhr ich in die Stadt für Lebensmittel und Zigaretten. Manchmal half ich Frau Grete bei der Hausarbeit, wenn sie mich bat.

An einem Sommertag kam mein Sohn Tobias zu Besuch fünfzehn, kantig, Kopfhörer im Ohr, immer mit einer mürrischen Miene. Der erste Tag verbrachte er mit dem Handy rumzupfuschen und zu jammern, dass es hier kein gutes Internet gibt.

Am zweiten Tag rutschte ihm das Handy aus der Hand und landete im Wassereimer. Der Junge stand wie versteinert, zog das nasse Gerät heraus.

Verdammt!, fluchte er. Jetzt geht das nie mehr!

Er warf das Handy wütend in den Rucksack.

Die restlichen Tage verliefen anders. Erst suchte Tobias panisch seine Taschen, dann begann er, aus Langeweile zu helfen, und bald mit echtem Enthusiasmus. Am fünften Tag, als ein silberner Barsch am Haken zappelte, leuchteten in seinen Augen echte Kinderaugen.

Als er ging, fragte er plötzlich:

Papa, darf ich in den Ferien, stammelte er, nochmal kommen? Kauf mir aber kein neues Handy, okay?

Ich nickte, ein Lächeln versteckt:

Wie du willst. Vergiss nur die Angel nicht.

Eine Woche später kam Tobias wieder diesmal blieb er bis zum Ende des Sommers.

Im Herbst klingelte das Telefon.

Ich stand gerade am Holzstapel hinter dem Haus und hörte es nicht sofort. Das Handy lag auf dem Gartentisch, das Display zeigte: Lena.

Ich erstarrte. Wir hatten das letzte Mal vor einem halben Jahr gesprochen, als meine ExFrau laut ins Telefon schrie, ich sei ein nichtsnutziger Vater.

Hallo?, krächzte ich, wischte mir die Hand über die Schürze.

Zuerst nur das Rauschen der Stadt. Dann eine unsichere Stimme:

Hey, Johann!, Lena machte eine Pause, suchte Worte. Ich muss dir was über Tobias sagen Er ist ganz anders geworden.

Ich ließ mich auf die Bank sinken.

Er spült jetzt selbst das Geschirr. Räumt sein Zimmer auf. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren, lachte sie nervös. Und danke. Ihr Lachen klang warm, fast wie ein Kichern. Danke dir.

Ich stellte mir vor, wie sie in unserer alten Küche stand, eine Hand über die Schulter gelegt so machte sie das immer, wenn sie nervös war.

Er hat einfach ein neues Leben gesehen, sagte ich vorsichtig.

Nein. Er hat dich gesehen. Sie pausierte lange. Ich will kommen. Mit ihm. Im Winter. Geht das?

Ein Strom von Erinnerungen schoss durch mich.

Hier ist es kalt, stieß ich schließlich heraus. Den Ofen muss man anheizen.

Zeigst du mir, wie?, flüsterte sie.

Kommt doch, sagte ich und plötzlich merkte ich, dass ich lächelte. Nur warme Sachen mitnehmen. Und Stiefel.

Stiefel, wiederholte sie, und zum ersten Mal seit Jahren klang ihre Stimme zärtlich. In Ordnung.

Das Gespräch endete, ich ging zurück zum Holzhäckseln. Die Axt fiel schnell, fast spielerisch, und mein Atem ging schneller vor Aufregung.

Ich warf das letzte Stück Holz in den Korb und streckte mich. Über dem Fluss zog Nebel auf, umhüllte das Ufer mit einem sanften Schleier. Der Winter kam bald, dachte ich, doch dieses Mal erwartete ich ihn nicht mit schwerem Herzen, sondern mit leiser Vorfreude.

Aus einer Hauswinkel hörte ich das Knarren das alte Tor schrie leise im Wind. Muss ich bis zu ihrer Ankunft reparieren, dachte ich. In meinem Kopf formte sich sofort eine ToDoListe: Ofen säubern, Lüftungsgitter schmieren, Decken und Kissen aus dem Dachboden holen und trocknen.

Ich blieb vor dem Tor stehen und begriff, dass ich das Haus nicht mehr nur als Zufluchtsort sah, sondern als ein Zuhause, das bald von Stimmen erfüllt sein würde. Dieses neue, zerbrechliche Gefühl machte selbst die kalte Luft ein bisschen wärmer.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Rückkehr zu dir selbst
„Dein Sohn plündert unseren Kühlschrank komplett – hältst du das für normal?“ platzte es aus meinem Mann heraus Der Kühlschrank brummte wie ein erschöpftes Tier. Thomas stand vor der offenen Tür und starrte auf das leere Fach, wo heute Morgen noch ein Stück Quarkauflauf mit Rosinen lag – gekauft beim Bäcker am S-Bahnhof, wohin er extra nach Feierabend gefahren war. Anstelle des Auflaufs stand dort jetzt nur ein einsamer Plastikbehälter mit der Aufschrift „Buchweizen“. Daneben: ein halber Becher Magerquark und ein trauriger Apfel. Langsam schloss er die Tür. Das Klicken hallte laut durch die stille Wohnung. Aus dem Zimmer seines Stiefsohnes Niklas drangen gedämpfte Schussgeräusche vom PC-Spiel. „Tom, willst du im Kühlschrank übernachten?“, rief Anna, seine Frau, hinter ihm. Sie lief vorbei mit einer Tasse aromatischem Tee und einem Teller mit zwei perfekten, dicken Quarkpfannkuchen, garniert mit Sahne und Beeren aus dem Tiefkühlfach – genau die, die Thomas fürs Wochenendfrühstück aufgehoben hatte. „Ich such den Auflauf“, sagte er nüchtern, ohne sich umzudrehen. „Ach, Niklas war nach dem Fitness hungrig, ich hab’s ihm gegeben“, tönte Annas Stimme aus dem Flur. „Der ist ja noch in der Wachstumsphase, der braucht Eiweiß!“ „Mit 23 wächst der nur noch in die Breite!“, dachte Thomas, sagte aber nichts. Schon montags hatte er sein Abendessen geschluckt, als die Hähnchenfrikadellen verschwunden waren. Dienstags wanderte der schicke Räucherlachs für den Feiertag statt auf den eigenen Teller plötzlich zu Niklas. Mittwochs war die Obstschale leer, nur Schalen lagen noch übrig. Thomas nahm die Buchweizenbox, stellte sie auf den Tisch und sah aus dem Fenster auf den grauen Januarnachmittag. Sechs Jahre verheiratet, die letzten beiden lebte Niklas, Annas Sohn aus erster Ehe, nach gescheiterter Wohnungsverselbstständigung wieder bei ihnen. Zwei Jahre lang gab Anna ihm geduldig alles Leckerste aus Küche und Kühlschrank. Als sie in die Küche zurückkam, war ihr Blick besorgt, nicht seinetwegen. „Niklas hat Angst, dass es bald Entlassungen gibt im Büro. Voller Stress! Der braucht jetzt Trost.“ „In Form von Essen?“, fiel Thomas heraus. Anna blieb stehen, sah ihn vorwurfsvoll an. „Wie meinst du das?“ „Ich meine, Anna, dass ich nach Feierabend ebenfalls genug Stress habe – und zu Hause nur noch leere Regale finde! Alles Feine für alle – außer mich, deinen Mann, der die Miete zahlt. Auch dein Sohn kann sich Quarkpfannkuchen kaufen!“ „Er spart für ein Auto!“, verteidigte sie Niklas. „Und überhaupt: Ich koche, ich kaufe ein, ich entscheide, für wen was ist. Hungern musst du ja nicht. Guck, Buchweizen, Quark, isst du mal was Gesundes!“ „Das ist weniger Essen als ein Zeichen – ein Zeichen, wo ich stehe: Irgendwo zwischen Hauskatze und Gummibaum.“ „Hör auf, so etwas zu sagen! Du bist eifersüchtig auf meinen Sohn!“ „Nein, Anna. Ich kümmere mich um Rechnungen, Haus, Reparaturen. Und trotzdem bin ich Gast hier – geduldet, aber nur bei den Resten.“ Er ließ sie mit der Buchweizenbox allein in der Küche. Sein Herz schlug wild. Zum ersten Mal sprach er so offen aus, was er fühlte. Am nächsten Tag kam Thomas spät heim: In der Küche roch es nach frischem Schokokuchen. Niklas, kräftig und gemütlich, schaufelte ein großes Stück hinunter, Anna strahlte ihn an. „Hallo Thomas! Mama hat klasse gebacken – auf der Platte ist noch was für dich übrig!“ Das Stück war ein Bruch vom Rand. Thomas sah die leeren Schachteln belgischer Schokolade, Anna erwiderte seinen Blick: „Wollt’ dir was lassen, aber Niklas kam mit Freundin, da wurde fast alles aufgegessen. Ich hab dir extra was abgebrochen!“ „Danke, kein Hunger“, murmelte Thomas und öffnete den Kühlschrank. Wieder: alles leer. Bis auf die alte Buchweizenbox, Butterstück mit Bisskante, Senf. Niklas war auch schon da und rief: „Mama, noch Kompott?“ Kompott aus Kirschen, mit Anna handverlesen und eingekocht im Sommer am Garten ihrer Schwiegereltern – für Niklas, der nie selbst einkaufen ging. „Anna, wir müssen reden. Ernsthaft.“ „Später, siehst du doch, wir sind beschäftigt!“ Am Abend blieb das Gespräch aus. Anna ging früh schlafen – „Kopfschmerzen“. Thomas spürte: In diesem Haus gab es keinen Platz mehr für ihn. Er erinnerte sich, wie Anna letztes Jahr – wortlos – seine alte Kamera an Niklas „fürs Studium“ weitergegeben hatte, kurzerhand einen Besuch bei seinen Eltern für Niklas’ „Unwohlsein“ abgesagt hatte. Am Wochenende stand Thomas entschlossen auf, um alles zu besprechen. In der Küche: Anna blass mit großem, rotem Herzkuchen, Niklas verheult. „Mama, was soll ich machen? Meine Freundin sagt, ich sei unselbständig und leb bei Mama…“ Thomas musste ein bitteres Lachen unterdrücken. „Du bist mein Schatz… ich hab deinen Lieblingstorte besorgt, alles wird wieder gut“, tröstete Anna. Die Torte stammte von der teuersten Konditorei – Thomas sah den horrenden Preis. „Anna“, sagte er leise. Sie zuckte. „Nicht jetzt, Thomas. Siehst du, Niklas ist traurig!“ „Ich auch. Denn in meiner Familie existiere ich eigentlich nicht mehr. Ich liefere nur noch die Ressourcen, du verteilst alles, Niklas isst es auf. Perfektes System.“ „Fang nicht wieder an! Du bist immer gegen meinen Jungen!“ „Ich bin nicht gegen ihn. Ich habe Mitleid. Aber zu dir… werde ich gleichgültig. Und das macht mir Angst.“ Er blickte auf das Herz aus Torte, Annas zitternde Hände, Niklas, der sich schon das nächste Stück nahm. „Ich fahre eine Woche zu meinen Eltern. Danach sehen wir weiter. Oder eben nicht.“ Er packte. Anna hielt ihn nicht auf. Sie hörte man in der Küche nur noch Niklas trösten: „Nicht zuhören, mein Schatz. Er ist nur müde. Nimm noch ein Stück, Süßes tut gut.“ Thomas schloss die Tür. Niemand rief ihm nach. Eine Woche bei den Eltern – kein Anruf von Anna. Am Samstag kam er zurück: Anna saß traurig mit Torte, verweinte Augen. „Er ist weg… Mein Sohn ist ausgezogen…“ „Wirklich? Warum?“ Thomas konnte die Erleichterung kaum verbergen. „Seine Freundin… lacht ihn aus, weil er mit Mama lebt! Ist das denn schlimm?“ Anna schluchzte. „Sie hat recht“, sagte Thomas ruhig. „Mit 23 soll man lernen, allein zu stehen.“ Verletzt griff Anna zum nächsten Tortenstück. Thomas räumte seine Sachen ein. Monatelang war Anna verstimmt, klagte abends über das Wort „Abnabelung“. „Sie haben eine Wohnung. Sie füttert ihn kaum… lauter Unsinn gibt’s dort…“ „Anna, vielleicht ist es jetzt Zeit, Niklas loszulassen. Willst du ihn bis 40 bemuttern?“ Anna senkte den Blick, seufzte schwer und sagte leise: „Du hast recht. Früher oder später wär’s eh so weit.“ „Du wolltest doch mit mir reden, als ich zurückkomme? Worüber?“ „Über nichts mehr“, lächelte Thomas und legte den Arm um sie. Dass sich das Problem von selbst löste, konnte er immer noch nicht fassen.