Dein Sohn räumt unseren Kühlschrank aber auch wirklich leer! platzte es schließlich aus mir heraus.
Der Kühlschrank brummte wie ein mattes Tier. Ich, Martin, stand vor der offenen Tür und starrte auf ein leeres Regalbrett, wo heute Morgen noch ein großes Stück Käsekuchen mit Rosinen gelegen hatte.
Diesen Kuchen hatte ich gestern extra in der Bäckerei am Münchner Hauptbahnhof gekauft es war ein kleiner Umweg vom Büro nach Hause gewesen.
Jetzt stand dort nur ein kleiner Plastikbehälter mit der Aufschrift Graupen. Daneben eine halbleere Packung Magerquark und ein traurig aussehender Apfel.
Langsam schloss ich die Tür. Das Klicken war in der stillen Wohnung überraschend laut.
Aus dem Zimmer meines Stiefsohns, Jonas, klangen dumpfe Geräusche von Computerspielen.
Was ist denn, Martin, hast du heute dein Nachtlager vor dem Kühlschrank aufgeschlagen? hörte ich die Stimme meiner Frau hinter mir.
Sabine lief an mir vorbei, eine dampfende Tasse Tee in der einen, auf der Untertasse zwei perfekte, fluffige Quarkbällchen aus der Pfanne, sorgfältig mit Sahne und ein paar gefrorenen Johannisbeeren garniert.
Genau die Beeren, die ich für unser gemeinsames Sonntagsfrühstück aufgehoben hatte.
Ich suche noch meinen Käsekuchen, sagte ich betont ruhig, ohne mich umzudrehen.
Ach, Jonas war nach dem Training ausgehungert, den habe ich ihm gegeben, meinte Sabine und verschwand. Er ist ja noch im Wachstum, braucht die Proteine!
Er ist dreiundzwanzig, wächst seit fünf Jahren maximal in die Breite, dachte ich bitter, schwieg aber.
Ich hatte auch vor ein paar Tagen geschwiegen, als die Hähnchenfrikadellen, die für zwei Tage reichen sollten, nach einer Nacht weg waren.
Dienstags hatte Sabine Jonas zum Abendessen kurzerhand die teure geräucherte Forelle gegeben, die ich für einen besonderen Anlass gekauft hatte.
Mittwochabend waren alle Mandarinen weg und nur noch ein Häufchen Schalen lag auf dem Tisch.
Ich nahm die Dose mit Graupen und stellte sie auf den Tisch, während ich aus dem Fenster blickte.
Draußen hing ein grauer Januartag über München. Sabine und ich waren jetzt sechs Jahre verheiratet, die letzten zwei davon wohnte Jonas, nachdem die eigene Wohnungskrise gescheitert war, bei uns.
Zwei Jahre fütterte Sabine, fast unmerklich aber konsequent, ihrem Sohn aus erster Ehe immer das Beste zu; übrig blieb das, was keiner freiwillig isst.
Als Sabine wiederkam, war ihre Stirn gerunzelt, aber nicht meinetwegen.
Jonas sagt, bei ihm auf der Arbeit stehen wahrscheinlich Entlassungen an. Der ist total gestresst, braucht jetzt einfach unsere Unterstützung.
In Form von Nahrung? platzte es aus mir heraus.
Sabine sah mich an, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht.
Was soll das, Martin?
Das heißt, ich komme nach einem anstrengenden Tag nach Hause, und der Kühlschrank ist leergeräumt. Was für uns beide gedacht war, liegt im Magen deines Sohnes und der verdient selbst genug Geld, um sich Quarkbällchen zu gönnen!
Er spart auf ein Auto! verteidigte Sabine ihn, die Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Außerdem: Ich kaufe ein, ich koche, ich entscheide, wem was zusteht. Du musst doch nicht hungern! Da ist Graupen, da ist Quark iss, ist sogar gesund!
Das ist keine Mahlzeit, das ist ein Statement ein Zeichen, wo mein Platz in diesem Haus ist. Irgendwo zwischen Katze und der Zimmerpflanze, die wenigstens ab und zu gegossen wird, murmelte ich.
Wie kannst du sowas sagen! Du bist eifersüchtig auf meinen eigenen Sohn? Er ist mein Kind, Martin! Mein Fleisch und Blut. Ich MUSS mich kümmern. Und du du bist doch ein Mann, du schaffst das alleine.
Ja, Sabine, das stimmt, ich schaffe. Ich kümmere mich um die Nebenkosten, unsere Hypothek, den Badumbau, den ich selbst gemacht habe. Und ich schaffe es auch, mich wie ein Gast zu fühlen, der nur noch die Reste bekommt.
Ich verließ wortlos die Küche. Mein Herz raste. Es war nicht unser erster Streit, aber zum ersten Mal hatte ich deutlich gesagt, was ich empfand.
Am nächsten Tag blieb ich länger im Büro. Als ich heimkam, herrschte in der Küche reges Treiben.
Es duftete nach frischem Kuchen. Jonas, ein großer, leicht pummeliger Kerl, saß am Tisch mit einem riesigen Stück Schokokuchen auf dem Teller. Sabine blickte ihn liebevoll an.
Hallo Martin, schön Sie zu sehen, nuschelte Jonas zwischen zwei Bissen. Mama hat Wahnsinnstorte gebacken, willst du probieren? Da ist noch ein Rest auf dem Blech.
Ein krummes, von der Seite abgebrochenes Stück lag tatsächlich noch auf dem kleinsten Tablett.
Auf der Arbeitsplatte lagen leere Päckchen mit belgischer Schokolade und Butter. Sabine bemerkte meinen Blick.
Ich wollte dir was aufheben, aber Jonas kam mit seiner Freundin, die haben fast alles aufgegessen. Aber ich hab dir extra ein Stück abgeschnitten.
Extra abgeschnitten. Resteverwertung, dachte ich verbittert.
Danke, hab grad keinen Appetit, sagte ich und öffnete den Kühlschrank.
Da ist eh nix, meldete Jonas. Mama, kann ich noch Saft?
Der Kühlschrank war wieder leer bis auf ein Glas Senf, eine angebrochene Butter und die unvermeidlichen Graupen.
Sabine goss Jonas aus einem großen Einmachglas Kirschsaft ein ausgerechnet der Kompott aus den Kirschen, die wir gemeinsam bei meinen Eltern auf dem Land geerntet und eingekocht hatten.
Ich erinnerte mich, wie Sabine damals gelacht hatte, die Hände klebrig vom Saft. Jetzt flossen diese Kirschen in Jonas Glas an den Einkauf im Supermarkt hatte er sich offenbar nie beteiligt.
Sabine, wir müssen reden, meinte ich ruhig.
Später, Martin, siehst du nicht, ich bin beschäftigt? winkte sie ab.
Das spätere Gespräch kam an diesem Abend nicht mehr zustande Sabine ging früh ins Bett, Kopfschmerzen.
Ich saß allein im Arbeitszimmer und begriff, dass ich in diesem Haus kein Ansehen mehr besaß. Mein Platz war schon längst vergeben.
Mir kam in den Sinn, wie Sabine vor einem Jahr mein altes, geliebtes Kamera-Set einfach Jonas gegeben hatte.
Er braucht das für die Uni! Du hast ja schließlich eine neue.
Mir fiel auch ein, wie sie zugesagt hatte, mit zu meinen Eltern zum Geburtstag zu fahren, dann aber plötzlich doch nicht konnte, weil Jonas so einsam war.
Das Wochenende kam. Ich wachte mit dem festen Entschluss auf, dieses Gespräch mit Sabine zu suchen.
In der Küche sah ich Sabine, blass und still, einen riesigen roten Herzkuchen aufschneiden. Gegenüber saß Jonas verweinte Augen.
Mama, ich weiß nicht, was ich machen soll. Sie hat gesagt, ich bin kindisch. Und… dass ich immer noch bei dir wohne.
Ich musste aufpassen, nicht zynisch aufzulachen. Die Ironie war zu offensichtlich.
Ach, mein Junge, mach dir nichts draus, tröstete Sabine mit zitternder Stimme. Sie war dich nicht wert. Hier, dein Lieblingskuchen das Leben geht weiter.
Der Kuchen stammte aus Münchens teuerster Konditorei. Ich hatte gestern den Kassenbon gesehen der Preis entsprach locker der Hälfte unseres Wocheneinkaufs.
Sabine, begann ich ruhig.
Sie wich zurück, als hätte sie mich auf frischer Tat ertappt.
Martin, jetzt nicht. Siehst du nicht, wie schlecht es Jonas geht?
Mir gehts auch schlecht, sagte ich leise. Schlecht, weil es mich in dieser Familie nicht mehr gibt. Ich bin bestenfalls der Geldgeber, du das Verteilzentrum und Jonas der einzige Nutznießer. Perfekter Kreislauf.
Fang schon wieder damit an! Sabine sprang empört auf, Tränen der Wut in den Augen. Immer bist du gegen meinen Jungen! Du kannst ihn doch gar nicht ab!
Es ist nicht Hass, Sabine. Es tut mir leid um ihn. Du hast ihn zu sehr verwöhnt. Aber bei dir… da verliere ich langsam die Gefühle. Und das ist schlimmer.
Ich sah auf das angeschnittene Kuchenherz, Sabines zitternde Hände, Jonas verlegene Miene, wie er schon zum nächsten Troststück griff.
Ich fahre für eine Woche zu meinen Eltern. Danach müssen wir reden ob wir überhaupt noch zusammenleben sollten.
Ich packte meinen Koffer. Sabine kam nicht hinterher. Aus der Küche hörte ich ihre beschwichtigende Stimme:
Hör nicht auf ihn, mein Junge. Er ist bloß überarbeitet. Iss noch ein Stück Süßes hilft immer…
Ich schloss die Schlafzimmertür, stellte mich ans Fenster und verließ nach zehn Minuten mit gepacktem Koffer die Wohnung.
In der Woche meldete sich Sabine kein einziges Mal. Am Samstag fuhr ich selbst zurück.
Das Bild, das mich erwartete, war befremdlich: Sabine saß mit leerem Blick am Küchentisch und kaute auf dem letzten Stück Herzkuchen.
Ihre verheulten Augen zeigten: Sie hatte die ganze Nacht geweint.
Er ist weg… Mein Sohn ist weg…
Ist das so? Warum denn? fragte ich und ließ mir meine Erleichterung nicht anmerken. Endlich hatte sich das Problem von selbst erledigt.
Seine Freundin hat ihn bloßgestellt, weil er noch bei der Mama wohnt. Ist das etwa schlimm? brach Sabine wieder in Tränen aus.
Weißt du was? Sie hat vollkommen recht, gab ich zurück. Mit dreiundzwanzig sollte man schon lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.
Gekränkt schnitt Sabine sich noch ein Stück vom Kuchen ab. Ich ging wortlos in unser Schlafzimmer.
Sabine war wochenlang außer sich. Es fiel ihr schwer, sich daran zu gewöhnen, Jonas nicht mehr bemuttern zu können.
Abends klagte sie mir ihr Leid über das böse Leben und das Schreckenswort Abnabelung.
Die haben jetzt eine eigene Wohnung. Ich war mal dort sie kocht nichts Gescheites, er muss von Tiefkühlpizza leben…
Sabine, vielleicht wirds Zeit, loszulassen? Du willst Jonas ja nicht noch mit vierzig bekochen, oder? fragte ich ruhig.
Sabine blickte zu Boden, seufzte und sagte ganz sachlich:
Du hast recht. Irgendwann hätte ich ihn doch loslassen müssen. Du hast vorhin gefragt, was ich mir nach deiner Rückkehr vorstelle wie wir weitermachen?
Ach, weißt du, lächelte ich und legte den Arm um sie, das erübrigt sich wohl jetzt.
Ich konnte kaum glauben, dass sich dieses Problem tatsächlich von selbst aufgelöst hatte.
Manchmal lösen sich die größten Spannungen von allein wenn man den Mut hat, sich zurückzuziehen und Dinge geschehen zu lassen. Das nehme ich für mich mit.





