Der perfekte Ausgleich: Die Kunst der Harmonisierung im Leben

Hey, du, ich muss dir unbedingt erzählen, was neulich bei mir zu Hause passiert ist das war fast schon ein Film!

Meine Mama, die Anna Müller, war immer die praktischste Frau, die ich kenne. Sie hat ihr ganzes Berufsleben als Buchhalterin verbracht, hat nicht nur jeden Cent nachgeprüft, sondern auch jedes ihrer eigenen Entscheidungen penibel dokumentiert. Nichts Überflüssiges, nichts Unüberlegtes. Selbst die Scheidung von ihrem Mann vor zwanzig Jahren hat sie ohne großes Drama abgewickelt einfach den Antrag gestellt, weil er einfach nie mit dem Trinken aufgehört hat.

Das einzige, was ihr immer aus der Ruhe brachte, war ihr Sohn Max.

Max war das totale Gegenteil. Als Kind hat er in die Hefte piratenartige Zeichnungen gekritzelt, später in der Schule Gedichte um drei Uhr morgens geschrieben und jetzt, mit fünfunddreißig, hängt er immer noch irgendwo zwischen Ich will was finden und Ich will nicht festgefahren sein, wie Mama es Flucht vor Verantwortung nennt. Er springt von Job zu Job, hält sich nie länger als einen Monat höchstens eineinhalb.

Mama, du verstehst das nicht, schwenkt er die Arme, ich kann nicht einfach 30Jahre in einer Firma festhängen, so wie du!

Ich bin nicht festgehangen, erwidert sie kühl, ich habe meine Karriere aufgebaut.

Max rollt nur mit den Augen.

Jedes Gespräch endet in einem kleinen Wortgefecht. Sie ist stur, rational, hat klare Pläne. Er ist leichtsinnig, impulsiv, lebt im Moment.

Du wohnst immer noch bei mir, weil du dir keine eigene Wohnung leisten kannst!, knurrt sie.

Aber ich reise ja!, kontert er.

Mit welchem Geld denn?, fragt sie skeptisch.

Mit dem, was ich verdiene, und dem, was du mir gibst, grinst er, und Anna wird noch wütender.

Sie versucht, ihn zu richten: meldet ihn bei normalen Jobs an, schickt ihn zu Psychologen, sogar mit dem Erbe zu drohen. Aber Max bleibt Max unbeschwert, unpraktisch und trotzdem unendlich geliebt.

Denn jedes Mal, wenn er mit leuchtenden Augen von neuen Ideen spricht, denkt sie: Gott, er war früher genau wie ich. Und das macht ihr fast mehr zu schaffen als alles andere, weil sie selbst in ihrer Jugend von Schulden und Pflichten erstickt ist.

Heute hat Max die Wohnung fast wuchtig aufgerissen, so dass die Rechnungen vom Tisch flogen. Anna hat fast ihre Teetasse fallen lassen, die sie gerade zum Mund führen wollte.

Mama!, keuchte er, angehalten mitten im Raum, als wäre er gerade durch die ganze Stadt Berlin gerannt. Seine Augen funkelten, als ob nicht das Sonnenlicht vom Fenster, sondern etwas noch viel Helleres dort drinnen wäre.

Anna stellte die Tasse behutsam zurück, ließ die Stirn krausen. Sie kannte diesen Blick das letzte Mal sah sie ihn, als Max sechzehn war und mit der Nachricht kam, dass er an die Kunstschule gehen darf.

Ich habe sie getroffen, sagte er, fast feierlich.

Wen denn?, fragte Anna, obwohl sie schon ahnte, dass er wieder jemanden im Kopf hatte.

Die eine, fuhr Max fort, strich sich durch das immer wirrer werdende Haar. Ein scheues Lächeln spielte um seine Lippen, das er kaum zurückhalten konnte.

Anna verschränkte die Arme. Das war das dritte Mal in zwei Jahren, dass sich das gleiche Drehbuch abspielte.

Wieder ‘ne Künstlerin?, fragte sie, versuchte die Stimme gerade zu halten. Oder, Gott bewahre, eine Dichterin? Beim letzten Mal hatte ich genug von deinen kreativen Gesellen.

Max lachte, klar und herzlich, fast wie damals, als sie ihm vor dem Einschlafen die Zähne putzte.

Nein!, rief er und machte einen Schritt nach vorn. Sie ist Ärztin. Therapeutin. Arbeitet in unserer Poliklinik.

Er sagte das, als hätte er gerade einen Nobelpreis gewonnen. Anna zog die Brille ab, wischte sie langsam mit dem Saum ihrer Schürze ab.

Und was ist an ihr so besonders?, fragte sie, doch schon beim Ton seiner Stimme wusste sie, dass es diesmal ernst war.

Alles, flüsterte Max, und in diesem einen Wort lag so viel Ehrfurcht, dass Anna unwillkürlich die Augenbraue hob.

Er konnte nicht anders formulieren, nicht mit den Worten, die seine Mutter erwartete. Nicht über Ausbildung, nicht über Titel, nicht über Karriere. Er stand einfach da, sein Gesicht leuchtete.

Gestern, begann er schließlich, bin ich ins Büro gegangen, um eine Bescheinigung für das Schwimmbad zu holen, und sie hat mich angesehen

Er stockte, die Unterlippe zitterte.

Und ich hab’s kapiert. Das ist sie.

Er fuhr fort:

Mama, wir haben uns heute getroffen! Im Café an der Ecke.

Anna stellte die Tasse auf den Tisch.

Na und, wie war euer Date?

Sie, Max stockte, wusste nicht, wo er anfangen sollte. Sie ist so ganz normal und doch so ungewöhnlich.

Ungewöhnlich?, fragte seine Mutter, die Braue leicht hochgezogen. Was genau meinst du?

Max dachte kurz nach, dann erhellte ein warmes Lächeln sein Gesicht:

Weißt du, Mama, mit ihr ist es, als ob man mit einem alten Freund zusammen ist. Keine Anspannung, kein Spiel. Wir saßen einfach da und quatschten über belanglose Dinge zum Beispiel, dass sie keine Orangen mit Kernen mag und ich es nie ertrage, wenn im Saft Fruchtfleisch schwimmt.

Er lachte, erinnerte sich:

Irgendwann merkte ich, dass ich ihr seit einer halben Stunde von unserer alten Hütte erzähle und davon, wie ich als Kind vor den Fröschen im Teich zurückgeschreckt bin. Und sie hat nicht gezögert, nicht aufs Handy geguckt sie hat wirklich zugehört.

Anna lächelte unwillkürlich:

Das ist heutzutage echt selten.

Das Seltsamste, senkte Max die Stimme, ist, dass ich nichts erfinden musste, um sie zu beeindrucken. Ich war einfach ich selbst und das reichte.

Er begann, durch die Küche zu gehen, gestikulierte wild:

Und dann verließen wir das Café und du glaubst es nicht! Sie hat plötzlich vorgeschlagen, zu Fuß weiterzugehen, obwohl schon dunkel war und ein leichter Regen fiel. Sie sagte: Ich liebe den Geruch von nassem Asphalt.

Anna blickte auf seine nassen Turnschuhe am Türrahmen.

Also sind die Füße nass? Ich dachte, du bist wieder in einer Pfütze gelandet.

Mama, wir sind zwei Stunden gelaufen!, fluchte Max, breitete die Arme aus. Wir haben gequatscht, gelacht

Er wurde still, sah aus dem Fenster, wo der Regen in Strömen herabtropfte.

Und das Verrückteste?, fuhr er fort, als ich sie nach Hause brachte, sagte sie einfach Danke für den schönen Abend und ging. Kein Vielleicht irgendwann, nichts von dem ganzen Theater.

Anna schenkte ihm einen Schluck heißen Tee ein:

Na, dann hast du wohl endlich die Frau gefunden, die zu dir passt. Aber wenn du beim Regen erkältest, dann heile ich dich, nicht sie. Klar?

Max grinste und griff nach einem Keks, doch Anna klopfte ihm liebevoll auf die Hand:

Zieh erst mal trockene Klamotten an! Und wasch dir die Hände!

Er zog ein beleidigtes Gesicht, ging aber brav ins Bad, kam nach einer Minute trocken und mit einem Handtuch über den Schultern zurück.

Mama, darf ich sie am Sonntag zu uns einladen?, fragte er hoffnungsvoll.

Anna zog ein spöttisches Gesicht:

Na gut, wenn du das so entschieden hast Nur bitte sag ihr, dass ich keinen offiziellen Empfang plane. Sie kann kommen, wie zu uns nach Hause.

Danke!, hüpfte Max fast vor Freude. Sie hat gerade gesagt, sie liebt einfach Hausmannskost.

Also habt ihr schon die kulinarischen Vorlieben geklärt, schnippte seine Mutter. Dann mach ich deinen LieblingsApfelkuchen.

Du bist die Beste!, rannte Max zu ihr und umarmte sie.

Er griff nach einem Keks, und diesmal ließ Anna ihn nicht los. Sie sah zu, wie ihr Sohn glücklich kaute, und merkte plötzlich, dass sie ihn lange nicht so echt und zufrieden gesehen hatte.

Übrigens, sagte sie plötzlich, wie heißt denn deine Ärztin eigentlich?

Max blieb mit einem halb im Mund steckenden Keks stehen, die Augen weiteten sich.

Du glaubst es nicht Sie heißt… Anna. Genau wie du. Aber sie möchte, dass man sie Anni nennt.

Anna hielt die Tasse, zog die Augenbraue hoch.

Anna?, wiederholte sie langsam. Na gut das Schicksal hat wohl Humor.

Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und drehte sich zu ihm:

Wann kommt sie? Am Sonntag mittags?

Ja, wenn du nichts dagegen hast, stammelte Max und schwankte auf dem Stuhl. Und du wirst sie nicht wie beim letzten Mal nach Karrierezielen und Bankeinlagen befragen, oder?

Anna lachte:

Ach was, wenn sie deine nassen Socken und die Frösche ertragen kann, dann darf ich wenigstens höflich sein.

Sie holte ein Notizbuch mit Rezepten aus dem Schrank:

Sag ihr nur, dass ich seit fünf Jahren nicht mehr für Gäste gekocht habe. Wenn der Kuchen nicht gelingt, bist du schuld.

Max grinste:

Mach dir keine Sorgen. Sie mag es, wenn es nicht perfekt ist. Sie sagt, das macht die Menschen lebendig.

Am Sonntagmorgen war um zwölf Uhr bereits ein perfekter Apfelkuchen auf dem Tisch goldene Kruste, leichter Zimtduft, hübsch gereihte Apfelscheiben. Anna, im knitterfreien Küchenschürzenhemd und mit makelloser Frisur, deckte das Esszimmer.

Mama, entspann dich, half Max beim Aufstellen der Teller.

Entspannen?, erwiderte sie, wenn ich was mache, dann mache ich es richtig.

Kurz nach halb zwei klingelte die Tür.

Anni stand im Eingangsbereich, schlichtes, aber elegantes Kleid, ein kleiner Strauß Chrysanthemen und eine Flasche guten Weins dabei.

Guten Tag, Frau Müller. Danke für die Einladung.

Anna nickte, bemerkte bei ihr gepflegte Hände, dezenten Duft und dass sie sofort die Schuhe im Flur auszog.

Am Tisch herrschte ein lockeres, aber gemütliches Gespräch. Anni stellte keine endlosen Fragen, ließ sich nicht einlegen, aber sie war kein schüchterner Schatten. Als Anna den Kuchen servierte, nahm Anni ein Stück mit der Gabel und probierte.

Wunderbar, sagte sie ehrlich. Der Mix aus Säure und Süße ist perfekt.

Danke, erwiderte Anna leicht lächelnd. Ein altes Familienrezept.

Man schmeckt die Liebe, meinte Anni und lächelte.

Max strahlte wie ein Licht, hielt sich aber zurück.

Nach dem Tee stand Anni plötzlich auf und half beim Abräumen.

Ach nein, das mache ich nicht!, protestierte Anna, trat einen Schritt vor.

Lassen Sie mich doch wenigstens die Teller in die Küche tragen, sagte Anni freundlich, aber bestimmt.

Anna zog eine Augenbraue hoch, ließ es aber bleiben.

Als Anni ging, wischte Anna den Tisch, murmelte leise:

Nicht dumm.

Max hielt die Tasse, unsicher:

Ist das ein Kompliment?

Nur eine Feststellung, legte sie die Serviette beiseite. Lade sie doch öfter ein.

Sie drehte sich zum Fenster, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Endlich, dachte sie, hab ich das Gefühl, dass sich etwas geändert hat.

Keine verwöhnte Künstlerin, keine launische Dichterin sondern eine Ärztin mit ruhigen Händen und klarem Blick. Sie hat nicht versucht, sich zu verstellen, sondern einfach mit anzupacken, als wäre sie hier schon hundertmal.

Und der Kuchen war gut, dachte Anna zufrieden.

Sie warf einen heimlichen Blick zu Max, der die Tasse, aus der Anni getrunken hatte, festhielt. In seinen Augen glitzerte etwas Neues nicht das alte schelmische Funkeln, sondern eine tiefe, stille Freude.

Du hast Glück, mein Sohn, flüsterte sie innerlich. Endlich hat das Glück dich erwischt.

Und dabei merkte sie, dass das Glück jetzt auch ihr eigenes war, denn sie sah nicht mehr den ewigen Jungen, der nie zu sich findet, sondern einen erwachsenen Mann, der glücklich ist.

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Homy
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