Liebes Tagebuch,
mein Leben misst sich an den sauberen Blättchen eines abreißbaren Kalenders, den wir seit den frühen 70erJahren an der Küchenwand hängen. Jedes Jahr hänge ich einen neuen Kalender auf und jeden Morgen blättere ich das neue Datum ab, während das alte hinter mir zurückbleibt.
Der heutige Tag war eine exakte Kopie des gestrigen: Aufstehen im Halbdunkel, ein Teebeutel in die Tasse, zwei Butterbrote mit Gouda. Dreiundachtzig Jahre genau so lange habe ich vom jungen Gesellen bis zum Schichtleiter alle Wege von meiner Wohnungstür zum Werkstor und zurück zurückgelegt. Die Fabrik dröhnte mit dem Lärm der Pressen, die Pläne brannten mir ins Auge, das Ölgeruch und der Metallstaub lagen überall in der Luft.
Zuhause erwartete mich Stille. Tiefe, von Teppichen getragene Stille, die nur von der monotonen Stimme des Nachrichtensprechers im Fernsehen unterbrochen wurde. Die Kinder, die hier aufgewachsen waren, hatten längst ihre eigenen Umlaufbahnen gefunden einer arbeitet jetzt in München, der andere in Dresden. Sie rufen nur sonntags an. Ihre Stimmen klingen hell, aber fern, wie Signale aus einer anderen, schnellen Welt.
Und dann war da noch Liese. Liese Semmel, meine Frau, mit der ich einst offenbar in einem anderen Leben lachte und Pläne für ein später schmiedete. Dieses später ist jetzt eingetreten, und wir haben kaum noch etwas, worüber wir reden können. Wir teilen denselben Raum wie zwei Gegenstände, die aneinander gewöhnt sind, aber die gemeinsame Sprache verloren haben. Sie lebt ihr paralleles Leben pflegt Veilchen auf der Fensterbank, schaut alte Fernsehserien, trifft sich mit Freundinnen. Unsere Gespräche beschränken sich auf Alltagsfloskeln: Brot holen?, Kam der Installateur?, Hast du den Blutdruck gemessen?.
Manchmal, wenn ich auf ihre Schultern und Hände sehe, die ständig mit Putzen oder Stricken beschäftigt sind, stellt sich mir überraschend die Frage, wann ich sie das letzte Mal wirklich lachen sah. Unser Dasein gleicht jenem abreißbaren Kalender die Seiten wechseln nicht, ein Tag vergeht langsam und verrostet. Der einzige Ort, an dem die Zeit noch anders fließt, ist meine Werkstatt in der Garage.
Die Werkstatt ist mein Heiligtum. Ein kleines Backsteingebäude am Rand unseres Wohnkomplexes, durchtränkt von Leinöl, altem Holz und einer zeitlosen Ruhe. Hier fließt die Zeit nicht linear von Gestern nach Morgen, sondern kreist, kehrt zu den Ursprüngen zurück. Auf Regalen, die ich einst aus nutzlosen Balken gebaut habe, stehen Patienten, die auf ihre Wiederbelebung warten: ein uralter Radiowecker, eine Kuckucksuhr, die seit zehn Jahren schweigt, ein Vorkriegs-Phonograph mit einem riesigen Trichter, der an eine Blume erinnert.
In diesem stillen Reich, nur vom leisen Kreischen einer Feile oder dem Zischen des Lötkolbens durchbrochen, bin ich nicht der ausgebeutete Rohstoff, den ich im Werk bin, noch das stumme Dekorationsobjekt, das ich zu Hause geworden bin. Hier bin ich Schöpfer, der das Leben zurückholt, was andere längst zum Schrott erklärt haben.
Jedes reparierte Gerät ist ein kleiner Sieg über das Chaos der Welt, ein Beweis, dass noch immer etwas zu retten ist. In den schwieligen Fingern finde ich den Sinn, der aus allen anderen Bereichen meines Daseins wie Sand durch die Finger rinnt.
Jürgen ist der einzige, dem ich den Zugang zu diesem Heiligtum gewähre. Er kommt nicht nur rein er fliegt förmlich in mein Leben, wie eine Zugluft, die das Feuer im Ofen kitzelt. Unsere Freundschaft, über Jahrzehnte gewachsen, ist ein zuverlässiger Mechanismus, genau wie die Geräte, die ich an meinem Tisch zusammenbaue. Sie braucht keine leeren Gespräche als Schmiermittel. Wir können stundenlang schweigend am Garagenschleusenrand sitzen, rauchen und den Sonnenuntergang beobachten, und dieses Schweigen ist reicher als manche endlosen Unterhaltungen.
Am Freitagabend nach der Arbeit, wie üblich, wartete ich Jürgen in der Garage. Sieben, acht Stunden die Ungeduld trieb mich an die Tür, während ich dem Abendwind lauschte.
Handys verabscheuen wir Jürgen nennt sie Leinen für Sklaven, und ich sehe keinen Sinn darin. Ohne ihn zu sehen, rief ich nach ihm von zu Hause aus. Die Leitung nahm Ursula, meine Frau, ab.
Ihre Stimme klang seltsam gerade, fast einstudiert:
Herr Berger Jürgen fühlt sich sehr schlecht. Der Arzt ist gerade gegangen.
Was ist passiert? platzte es aus mir, und sofort zog sich ein unsichtbarer Vorhang über das Gespräch.
Blutdruck gesprungen, Herzinfarkt, Vorhofflimmern das hat Ursula gesagt. Der Arzt befahl völlige Ruhe. Keine Aufregung. Ihre Stimme war nicht nur fürsorglich, sondern entschlossen, das Unnötige auszublenden.
Ich könnte kurz vorbeischauen, begann ich, spürte bereits die Sinnlosigkeit.
Nein!, brach es ihr plötzlich aus, dann sammelte sie sich wieder. Er braucht Ruhe. Und eigentlich, ihr beiden solltet euch beruhigen. Keine Jungen mehr, die in Garagen mit ihren Geräten rumhängen. Sie legte auf und ließ mich in die bedrückende Stille meiner eigenen Wohnung zurück. Mir wurde klar: Es war kein einfacher Krankheitsfall, sondern der Beginn einer Belagerung. Ursula baute um Jürgen eine Mauer, und der erste Stein war für mich, für unsere vier Jahrzehnte lange Freundschaft.
Ich schritt ins Wohnzimmer. Die Hand gierte nach einer Zigarette, doch ich hielt inne Liese verträgt keinen Tabakgeruch. Ich setzte mich in den alten Sessel am Fenster und starrte hinaus in die dunkel werdende Straße.
Zwei Tage später konnte ich nicht mehr und fuhr zu ihnen. Die Tür öffnete Ursula, ihr Blick war kühl, doch sie ließ mich hinein.
Jürgen lag auf dem Sofa, blass, um Jahre gealtert. Neben ihm schwirrte seine Frau, ihr Klang wie ein zersplitterter Glöckchen, das die Stille übertönt.
Alles, Klaus, keuchte er, den Blick zur Decke gerichtet. Das Band läuft nicht mehr. Ich bin jetzt nur noch dieser Phonograph nur zum Anschauen, ohne Nutzen.
An diesem Tag sprachen wir nicht über die Zukunft. Die Zukunft schien an diesem Sofa zu erstarren. Doch als ich ging, drückte Jürgen mir fest die Hand.
Verlass die Werkstatt nicht, hörst du?, flüsterte er. Sonst habe ich keinen Ort mehr, wo ich hinkommen kann.
Diese Worte brannten mir den Weg nach Hause ein. Zu Hause erwartete mich wieder dieselbe Stille und Liese, die gleichgültig das Abendessen erwärmte.
Wie gehts Jürgen? fragte sie aus der Küche, ohne sich umzudrehen.
Lebt, antwortete ich knapp und ging in mein Zimmer, das Herz schwer, aber ein Entschluss keimte langsam.
Monate vergingen. Jürgen erholte sich, doch das Funkeln in seinen Augen verflog. Ursula pflegte ihn mit doppelter Strenge, verwandelte sein Leben in ein Regiment aus Tabletten, Diäten und Blutdruckmessungen.
Eines Abends rief ich ihn an. Die Leitung ging wieder an Ursula.
Er ruht, Herr Berger, sagte sie süß, aber bestimmt. Ich will ihn nicht stören. Sie verstehen das, oder?
Ich verstand. Ich begriff, dass mein Freund in einer sterilen Zelle der Fürsorge gefangen war, aus der es kein Entkommen gab.
Beim nächsten Besuch nahm ich Jürgen bei der Hand, half ihm beim Anziehen und sagte zu Ursula, die mit geweiteten Augen dastand:
Wir gehen. Nur für eine halbe Stunde. Er braucht keine Ruhe, sondern Luft.
Wir traten in die Garage. Der Geruch von altem Holz und Motoröl war vertraut, er erinnerte an unsere Jugend. Liese hatte diesen Ort seit Jahren gemieden, hielt ihn für einen Schmutz- und Unsinnplatz.
Jürgen setzte sich schweigend auf den Hocker, die Schultern noch immer gekrümmt, der Blick leer. Er wirkte wie eine deaktivierte Maschine.
Ich ging zum Regal, zog eine große Kartonbox voller Bauteile heraus Widerstände, Kondensatoren, Transistoren, tausende kleine Zylinder mit bunten Streifen, als wären es Perlen eines fremden Stammes.
Ich stellte die Kiste vor ihn.
Hände gehorchen nicht? Kein Problem, sagte ich. Aber die Augen sehen. Such mir einen 100µFKondensator, grün mit goldener Linie. Er muss hier irgendwo sein.
Jürgen sah skeptisch auf die Kiste, dann auf seine unkooperierenden Finger.
Klaus, ich
Ich dränge dich nicht, unterbrach ich. Ich habe genug zu tun. Dann tat ich so, als würde ich eifrig Kontakte an einem alten Relais reinigen.
Zuerst streifte Jürgen nur die Oberfläche, ließ die Teile zwischen seinen Fingern rutschen. Seine Hände zitterten, fast hätte er die Kiste umgestoßen. Doch je länger sein Blick über die bunten Streifen wanderte, desto ruhiger wurde sein Körper. Der Atem gleichte sich, das Zittern ließ nach.
Er vergaß Ursula, die Pillen, seinen unbeweglichen Körper. Die ganze Welt schrumpfte auf diese Kiste und die eine Aufgabe: den grünen Zylinder mit goldener Linie finden. Kein Wettlauf, kein Stress, nur ein gemächliches, methodisches Suchen.
Nach etwa zehn Minuten hatte er den winzigen grünen Kondensator zwischen Daumen und Zeigefinger gefasst.
Hier, glaube ich, reichte er ihm das Teil, die Hand immer noch zitternd, doch die Bewegung war sicher. Siehst du die goldene Linie?
Ich nahm das Teil, als wäre es ein Schatz.
Er ist es, nickte ich. Danke, Jürgen. Ohne dich hätte ich hier den ganzen Tag nach diesem Ding getastet wie ein blinder Kater.
Ich legte den winzigen Zylinder auf meine Hand, und wir starrten ihn an ein unscheinbares Bauteil, das nichts löste, aber alles veränderte. Es war der erste, fast unbemerkte Sieg: Aufmerksamkeit über Zerstreuung, Ordnung über Chaos, Leben über das langsame Verblassen.
Ich begleitete Jürgen nach Hause, half ihm, den Mantel an der Tür abzulegen.
Danke, Klaus, flüsterte er, und in seiner Stimme lag keine Müdigkeit, sondern Erleichterung. Ich fühle mich, als hätte ich endlich Luft bekommen.
Ursula beobachtete schweigend aus der Küche. Diesmal sagte sie kein Wort. Ihr Blick war nicht mehr Ärger, sondern Verwirrung.
Ich trat nach draußen. Die Abendluft war kühl und frisch. Ich ging langsam, das Herz leicht, die Seele ruhig. Ich hatte keinen epischen Sieg über Ursula errungen, keinen heroischen Akt vollbracht. Ich hatte etwas Wichtigeres getan meinem Freund das Gefühl zurückgegeben, gebraucht zu werden.
Ich weiß, vor mir liegen noch viele kleine, geduldige Schritte. Der erste, schwierigste, ist getan.
Morgen werde ich wieder zu Jürgen kommen. Nicht mit tröstenden Worten, sondern mit einem klaren Plan: einen gemächlichen Spaziergang bis zur Garage. Schritt für Schritt, Minute für Minute, um ihm zu zeigen, dass die Welt der langsamen Arbeiten immer noch auf ihn wartet. Dort, zwischen vertrauten Gerüchen und alten Geräten, wird er wieder Mensch sein nicht nur ein Patient, sondern ein Fachmann, dessen Wissen und Erfahrung unverändert bleiben.
So, Tropfen für Tropfen, Stein für Stein, bringe ich meinen Freund zurück ins Leben. Nicht mit Medikamenten oder Worten, sondern indem ich ihm seine eigene Gestalt zurückgebe. Jeder Besuch, jede Stunde in der Werkstatt ist wie reiner Sauerstoff für die erstickende Seele. Und dabei lese ich das Wichtigste: Das Leben ist nicht zu Ende. Es hat nur eine kleine Pause eingelegt, um neue Kraft für den nächsten Weg zu sammeln.





