Was sie hier rausbringt, hat sie ja gar nicht verraten?
Was soll das hier? Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht kommen! Anneliese stampfte aus Ärger mit dem Absatz ihrer eleganten Pumps, während ihre Mutter, Gisela Hoffmann, ihr gegenüberstand.
Wir haben von meinem Mann ein paar Leckereien mitgebracht: Kartoffeln, Gurken, Marmelade. murmelte die ältere Dame verwirrt und deutete auf den alten Kleinwagen, der daneben geparkt war. Im Wagen saß Annelieses Vater, Bernd Petersen.
Ich sehe, ihr seid zu zweit. Wie oft habe ich doch gesagt, dass ich das hier gar nicht will weder die Lebensmittel noch euren Besuch!
Na und?, schwenkte Gisela die Hände.
Genau so. erwiderte Anneliese bestimmt. Fahrt schnell los mit euren Kartoffeln, bevor Walter zurückkommt.
Anneliese, lass das! rief ihr Vater, als er aus dem Auto stieg.
Und was soll das? schnappte Anneliese zurück.
Na los, Gisela. sagte Bernd trocken.
Und die Leckereien? hämisch nachgefragt.
Fang doch nicht an! rollte Anneliese mit den Augen. Nehmt, was ihr wollt, und macht euch aus dem Staub.
Bernd, hilf mir, bat Gisela, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Bernd zog zwei große Säcke aus dem Kofferraum, den dritten, etwas kleiner, nahm Anneliese selbst.
So geht das nicht mit deiner Mutter. tadelte er, während Anneliese die Tür zum Haus öffnete.
Genug davon, erziehen wir uns. spöttelte Anneliese.
Vielleicht seid ihr ja gar nicht gut erzogen worden. meinte Bernd traurig, stellte die Säcke ab und ging die Treppe hinunter.
Gisela stand die ganze Zeit am Flur und sah hoffnungsvoll zur Tür. Als sie den entschlossenen Blick ihres Mannes sah, merkte sie, dass ein Besuch nicht mehr nötig war.
Meine Füße werden hier nie wieder tanzen! fuhr Bernd aus, als sie den Hof verließen.
So ist das eben, meine Liebe. wischte Gisela eine Träne vom Gesicht und Bernd schwieg.
Anneliese war in einem kleinen Dorf geboren und aufgewachsen. Ihr ganzes bewusstes Leben lang hasste sie das Landleben und träumte davon, so schnell wie möglich aus der Idylle zu fliehen.
Ist das wirklich das Leben? Hühner, Gummistiefel, ein Gemüsebeet! Wer mag das schon? klagte sie ihrer Cousine Gretel, während sie auf einen abgebrochenen Fingernagel und das endlose Karottenfeld starrte. Sie waren beide vierzehn, und das Jäten gehörte zu ihren Pflichten.
Glück liegt nicht in der Mode? zuckte Gretel mit den Schultern. Mir gefällt das hier. Das Landleben. Und in der Stadt? Von Job zu Job hetzen. Ich will Tierärztin werden und dann zurückkommen.
Ich komme nicht zurück. Ich will nicht arbeiten. In der Stadt gibts doch so viele reiche Männer, ich heirate einen und muss nie mehr schuften. flüsterte Anneliese.
Warum gerade die? In der Stadt gibts doch jede Menge Frauen. lachte Gretel.
Du verstehst nichts! Ich bin hübsch, der Rest ist Glück. wischte Anneliese die Hände ab. Unter ihren Freundinnen war sie tatsächlich das hübsche Gesicht und schon damals die schlanke Figur.
Gisela und Bernd waren einfache Leute, die ihr ganzes Leben im Dorf verbracht hatten. Sie wollten ihrer einzigen Tochter, die sie spät bekommen hatten, Bildung und die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu wählen. Als Anneliese das Abitur geschafft hatte, sparten die Eltern ein paar Jahre lang Geld, um ihr ein Studium in der nächsten Großstadt zu ermöglichen. Sie schrieb sich an der Universität Köln ein und bekam ein Zimmer im Wohnheim. Dort sah sie die Kommilitoninnen aus wohlhabenderen Familien, die ihr modisch und glamourös vorkamen. Das Geld, das ihre Eltern schickten, reichte gerade für Studiengebühren und Grundbedarf an teure Kleider blieb nur zu träumen. Aber Anneliese verzagte nicht. Eines Tages gibts ein Fest in meiner Straße, murmelte sie.
Im letzten Semester machte Anneliese ein Praktikum in einer großen Firma. Der Chef hieß Walter, ein erfolgreicher, reicher Mann in den besten Jahren. Die männlichen Kollegen wunderten sich, warum er noch ledig war; die weiblichen heimlich, ob er vielleicht Interesse an ihnen hätte. Walter jedoch fand Anneliese attraktiv, nicht nur äußerlich, sondern auch wegen ihrer offenen Art.
Sie entwickelte zwar keine tiefen Gefühle, aber sie sah in Walter einen bequemen Ausweg. Sie begannen sich zu treffen. Als er vorschlug, sie solle zu ihm ziehen, wollte Anneliese nicht über ihre Herkunft reden. Sie erfand eine wirre Geschichte von einem Vater, der ein Geschäftsmann sei, sich vor Jahren scheiden ließ und jetzt nur noch Unterhalt zahle. Ihre Mutter und ihr Vater lebten ebenfalls in anderen Städten und hielten kaum Kontakt.
Bei Walter spielte Anneliese zunächst die brave Schwester, doch je mehr er sich verliebte, desto mehr verwandelte sie sich in eine Träumerin. Sie behauptete, der Job bei ihm sei nicht das Richtige für sie, und wollte etwas Neues ausprobieren. In Wahrheit ging sie nicht mehr zur Arbeit, sondern schlenderte durch Boutiquen und Salons, kochte kaum, und beschwerte sich, Walter verdiene zu wenig, um öfter im Restaurant zu essen oder Fertiggerichte zu bestellen.
Ich hätte gern Suppe, hausgemacht, ein bisschen Püree mit Hähnchen. sagte Walter eines Tages.
Püree und Hähnchen gibts, Liebling, aber nicht heute, ich bin zu müde. kicherte Anneliese.
In einem Anflug von Übermut verriet sie einer Bekannten, wo sie jetzt wohnte. Die Freundin teilte die Neuigkeiten mit Annelieses Eltern. Daraufhin zog Gisela ihr schönstes Kleid an, überredete Bernd, den einzigen Anzug anzuziehen, und fuhr mit den mitgebrachten Leckereien zu ihrer Tochter die jedoch nicht einmal die Tür öffnete.
Anneliese versteckte die Säcke auf dem Balkon und warf sie später über den Müll. Walter sollte gerade von der Arbeit zurückkommen, und sie hatte keine Lust, alles zu erklären.
Am nächsten Tag kam Anneliese später als üblich nach Hause.
Was riecht hier? fragte sie, als sie die Küche betrat und den Duft von gebratenen Kartoffeln wahrnahm.
Wo warst du so lange? rief Walter. Das Essen muss abkühlen.
Ich blieb noch in der Vorlesung. antwortete Anneliese, während sie den gedeckten Tisch sah. Auf dem Tisch stand gebratene Kartoffel, dazu Gurken, Tomaten, Sauerkraut und ein Krug Kirschkompott.
Ich habe die Kartoffeln zu Hause gebraten. prahlte Walter. Und die Gurken ein Gedicht! Woher das alles?
Von Tante, die aus dem Dorf geschickt hat. sagte Anneliese mürrisch.
Aus dem Dorf? Warum hast du das nie gesagt? wunderte sich Walter, während er die Kartoffeln auf die Teller verteilte. Ist das Dorf weit? Wir könnten am Wochenende mal hinfahren. Ich liebe die Natur.
Weit, Walter, sehr weit. Was soll man dort machen? Besser ans Meer fahren, wie du immer versprichst. knurrte Anneliese.
Anneliese, ich kann das noch nicht. zuckte Walter mit den Schultern. Das Projekt muss fertig.
Ich könnte es übernehmen. Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du mir doch schon jetzt einen Kurztrip buchen. sagte sie und schob den Teller weg.
Okay, nicht so wild. murmelte Walter verlegen.
Ein paar Tage später kaufte er tatsächlich eine Reise für Anneliese.
Wie sehr ich dich liebe! zwitscherte Anneliese, während sie den Koffer packte.
Freut mich. meinte Walter, ohne wirklich zu lächeln.
Anneliese fuhr in den Urlaub, und Walter begann zu zweifeln, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Vier Tage später, als er aus dem Aufzug trat, sah er eine junge Frau, die auf dem Flur auf dem Boden saß, mit einem kleinen Rucksack. Sie schlief offenbar ein wenig und lehnte sich an die Wand. Als der Aufzug öffnete, öffnete sie die Augen.
Guten Tag. sagte die Frau.
Guten Tag. erwiderte Walter neugierig.
Ist hier Anastasia Mühlbauer wohnt? fragte die Frau.
Ja, sie ist im Urlaub. antwortete Walter. Lernt ihr beide zusammen?
Ich bin ihre Schwester. sagte die Frau. Wann kommt sie zurück?
Ihre Schwester? wiederholte Walter, öffnete die Tür. Kommt rein, kommt rein. Er lud sie ein. Anneliese hat nichts von euch erzählt. Kommt, setzt euch. Wir essen gleich. Wie heißt du?
Gabriele. Wie kann ich sie erreichen?
Du kannst sie anrufen, sie hat ja eine neue Handynummer.
Etwas ist passiert. sagte Gabriele. Ich habe versucht sie anzurufen, aber sie ging nicht ran. Ihr Vater und ihre Mutter liegen im Krankenhaus, das Haus hat ein Unglück erlitten.
Welches Haus? fragte Walter verwirrt. Meine Anneliese wohnt doch nicht mit ihren Eltern zusammen.
Was? Das kann nicht sein. fluchte Gabriele. Die Tante Anna und Onkel Bernd aus dem Dorf Kaltenhof?
Erklären Sie. bat Walter.
Wie sich herausstellte, war das Haus der Eltern von Anneliese vor drei Tagen eingestürzt. Beide lagen im Krankenhaus, Bernds Zustand wurde als kritisch eingestuft.
Ich wusste, dass Anneliese sich vor ihren Eltern schämte. Sie hat fast keinen Kontakt mehr zu ihnen. sagte Gabriele. Ich habe versucht, ihr zu helfen, aber sie hört nie zu.
Lassen Sie uns sofort zu den Eltern fahren, ich spreche mit den Ärzten. schlug Walter vor. Vielleicht brauchen sie Geld für den Notfall.
Mach dir keine Sorgen um das Geld. beruhigte Walter. Können wir jetzt essen?
Anneliese kehrte am nächsten Tag zurück. Sie wollte sich entschuldigen, doch Walter hörte nicht zu. Er half den Eltern nicht nur medizinisch, sondern beim Wiederaufbau des Hauses. In der Zwischenzeit wurden Walter und Gabriele Freunde, dann verliebte sich das Paar und ein Jahr später heirateten sie. Walter überzeugte Gabriele, in die Stadt zu ziehen, doch die meisten Wochenenden und Ferien verbrachten sie auf dem Land. Gabriele eröffnete eine kleine Tierarztpraxis. Später bekam das Paar Kinder das war aber eine ganz andere Geschichte.
Anneliese jedoch änderte ihre Ziele nicht. Sie fand schließlich einen Job, baute das Verhältnis zu ihren Eltern wieder auf, aber ihr Traum blieb: einen Prinzen finden und ein sorgenfreies Leben führen.





