Liebes Tagebuch,
ich bin jetzt 27, aber die Erinnerung an die ersten drei Jahre meines Lebens ist noch immer scharf wie ein frisch geschnittener Schnittlauch. Ich war noch ein kleines Kind, als meine Mutter bei einem schrecklichen Motorradunfall in der Berliner Stadthalle ums Leben kam. Ich sah, wie das rote Kleid, das sie trug, vom Feuer der Motorenzungen erfasst wurde, und dann folgte das Dunkel, das mich umhüllte. Die Ärzte retteten mich, doch sie konnten das Lächeln meiner Mutter nicht zurückholen.
Als ich nach dem Eingriff aus dem Krankenhaus entlassen wurde, brachte mich meine Tante, Schwester Gertrud, ins Kinderheim Sonnenschein in Leipzig. Dort stand ein großes Fenster im dritten Stock, das den Weg zur Hauptstraße und zur alten Lindenallee überblickte. Jeden Tag stellte ich mich aufs Geländer und starrte ins Leere, als könnte ich dort meine Mutter sehen.
Was machst du denn den ganzen Tag hier, Kleiner? schimpfte Gertrud, während sie eifrig das Besenstiel schwang.
Ich warte auf meine Mama. Sie kommt mich holen.
Sie seufzte und sagte: Komm, ich mache dir einen Tee. Und so kam ich zurück, doch das Fenster rief mich wieder.
Die Wochen wurden zu Monaten. Ich sah nie das rote Kleid, das meine Mutter einst getragen hatte, und ich hörte nie das Wort Mama von ihr zurück. Die Erzieher, Psychologen und Sozialarbeiter redeten ständig davon, ich solle nicht so lange warten, dass ich lieber mit den anderen Kindern Fußball spielen oder Zeichnen würde. Ich nickte, nickte und lief dann wieder zum Fenster. Ich habe nie gezählt, wie oft Gertrud mich verabschiedete, während sie zur Arbeit ging, und wie oft ich zurückkehrte, um den Fahrbahnschienen nachzujagen.
Eines Tages, als ich den heimischen Hofweg überquerte, bemerkte ich eine junge Frau, die zögernd über die alte Eisenbahnbrücke nach unten starrte. Ihre Augen waren voller unausgesprochener Fragen. Sie ging auf mich zu, beugte sich leicht vor und sagte: Na, du kleine Nervenbündel, was machst du hier?
Was? wiederholte ich überrascht.
Du bist ein Dummkopf, das bist du! Was hast du dir nur dabei gedacht, dein Leben zu vernachlässigen? schrie sie, und ich merkte, wie ihr Gesicht von Tränen glänzte.
Sie stellte sich als Frau Marta vor. Ich erfuhr, dass ihre Tochter, die sie Lotte nannte, vor fünf Jahren an einer seltenen Krankheit gestorben war. Seitdem lebte Marta allein in einer kleinen Wohnung am Rande von Dresden, ohne Kinder, ohne Mann. Sie lud mich ein, bei ihr zu übernachten, und versprach, dass wir zusammen Tee trinken würden.
Ich blieb bei ihr, half beim Aufräumen und kochte mit ihr. Sie erzählte mir, dass sie in einem kleinen Dorf bei Brandenburg geboren war, bis ihr Vater sie verließ und eine neue Familie gründete. Ihre Mutter, überfordert von der Trauer, begann zu trinken und ließ mich die Last des Haushalts tragen. Ich musste für die Nachbarn Unkraut jäten, Geschenke besorgen und das wenige Geld, das ich bekam, für das Essen meiner Mutter verwenden.
Als ich eines Nachts aus dem Fenster des alten Hauses in Dresden flüchtte, weil mein Stiefvater betrunken die Tür aufbrach, schaffte ich es, durch ein offenes Dachfenster in die kalte Nacht zu entkommen. Ich versteckte mich bis zum Morgengrauen in einem verfallenen Schuppen, schnappte mir ein paar Ersparnisse, die ich in einer kleinen Kiste gefunden hatte, und verließ das Haus für immer.
Mein Vater, Hans, ein Fernfahrer, kehrte nach zehn Jahren zurück, um mich zu finden. Er hatte sich während einer Route mit der reichen Gisela, einer Witwe aus Hamburg, angefreundet. Gisela hatte zwei Söhne und plante, Hans zu heiraten, um ein neues Leben zu beginnen. Sie sagte: Willst du mit uns leben? Dann komm mit. Ich spürte, dass Hans zwischen zwei Welten hin- und hergerissen war, und er entschied sich, bei mir zu bleiben.
Doch das Glück währte nicht lange. Während ich die Schule besuchte, kam ich nach Hause und fand meine Mutter betrunken im Wohnzimmer. Sie erklärte mir, dass mein Vater uns verlassen habe und nie zurückkehren würde. Ich verließ das Haus und zog nach Berlin, wo ich ein kleines Zimmer von einer freundlichen Rentnerin, Frau Zita, bekam. Ich zahlte drei Monate Miete im Voraus und begann, für sie zu kochen, zu putzen und sie zu pflegen. Als Frau Zita starb, vererbte sie mir ihre bescheidene Wohnung im Stadtteil Charlottenburg.
In Berlin lernte ich Jürgen kennen, einen Banker aus dem Stadtteil Mitte. Wir heirateten, doch nach zwei Jahren entdeckte ich ihn mit einer anderen Frau. Er verließ mich, schlug mich und warf mich ins Krankenhaus. Ich war schwanger, doch das Kind starb kurz nach der Geburt, und die Ärzte sagten mir, dass ich wahrscheinlich nie wieder schwanger werden würde. Ich hatte weder ein Zuhause noch einen Mann, und das Geld, das ich von Frau Zita erhalten hatte, wurde von Jürgen verkauft, um ein teures Auto zu kaufen.
Eines Tages, nach meiner Entlassung, lief ich ziellos durch die Straßen, bis ich an einer alten Eisenbahnbrücke stand. Dort traf ich wieder auf Gertrud, die mich wie immer in ihrem kleinen Haus in Leipzig aufnahm. Sie sagte: Du hast zwar viel verloren, aber du hast noch immer ein Herz, das lieben kann. Zwei Wochen lebte ich bei ihr, bis ein neuer Polizist, Klaus, in unser Viertel kam, um die Nachbarschaft kennenzulernen. Er sprach mit mir, versprach zurückzukommen, und wurde schnell zu meinem Freund.
Klaus rief mich eines Tages an und fragte: Kennst du den Herrn Stefan Weber?
Ja, das ist mein Vater.
Er sucht dich seit Jahren.
Er kam mit einem Kleinwagen, brachte mir ein Schild mit meinem Namen und einer neuen Wohnung im Westend. Er eröffnete ein Konto bei der Sparkasse, half mir, einen Job im Verlag zu finden, und versprach, mich öfter zu besuchen.
Nun, da ich wieder zu Hause bin, besuchte ich Gertrud, um ihr ein paar Leckereien zu bringen. Sie lag mit hohem Fieber im Bett und flüsterte: Ich habe einen Jungen im Heim, Felix. Er ist fünf und wartet jeden Tag am Fenster, weil er seine Mutter im roten Kleid erwartet.
Als der Krankenwagen kam, wurde Gertrud ins Krankenhaus gebracht. Ich zahlte die Behandlung und die Reha mit meinem neu gewonnenen Geld. Nachdem sie zurückkehrte, war ihr Fenster leer Felix war adoptiert worden. Doch ein Morgen, als ich auf dem Weg zur Arbeit war, sah ich ihn plötzlich auf dem Weg zur Schule. Ein weiblicher Schatten in einem roten Kleid tauchte auf, winkte ihm zu und rief: Mama! Felix rannte zu ihr, und ich fühlte, wie ein Stück meines eigenen Schmerzes heilte.
Jetzt leben Gertrud, Klaus und ich in einem geräumigen Haus am Stadtrand. Wir ziehen Felix groß, der bald in die Grundschule geht und sich darauf freut, einen kleinen Bruder zu bekommen. Unser Alltag ist still, doch erfüllt von einer Liebe, die wir jeden Tag neu schenken.
Ich habe gelernt, dass das Rot des Kleides nie wirklich verglüht es leuchtet in jedem Lächeln, das wir teilen, und in jedem Fenster, das wir öffnen.
Mit müden, aber dankbaren Grüßen,
HeikeUnd während die Sonne über den Feldern untergeht, spüren wir alle, dass unser leises Glück nun endlich ein festes Zuhause gefunden hat.





