SEHNSÜCHTIG ERKÄMPFTES GLÜCK
Es ist, als wäre es gestern gewesen, jener Tag, der für Annemarie der glücklichste ihres Lebens war. Sie strahlte förmlich. Nun, das ist auch kaum verwunderlich, denn zwölf lange Jahre war ihr ein eigenes Kind vergönnt geblieben. Und an jenem Tag erreichte sie die frohe Botschaft: Sie würde Mutter werden. Was könnte für eine Frau schöner sein? Jede, die das Mutterglück erfahren durfte, kann es bestätigen.
Annemarie war im siebten Himmel. Immer wieder legte sie die Hand auf ihren Bauch, sprach voller Freude mit dem kleinen Wesen, das gerade zweieinhalb Monate in ihr heranwuchs.
Annemarie hatte Konrad schon in ihrer Jugend kennengelernt. Gemeinsam besuchten sie die Universität in Heidelberg, machten dort ihren Abschluss, und feierten nur drei Monate später ihre Hochzeit. Die ersten Monate als Ehepaar waren erfüllt von Glück und tiefer Verbundenheit. Doch nach einem halben Jahr machte sich bei Annemarie Unruhe breit. Ihr Mann versuchte sie zu trösten, sprach ihr Mut zu und überzeugte sie, dass alles noch kommen würde und irgendwann auch Kinder zu ihrer Familie gehören würden.
Zwei weitere Jahre vergingen, und Annemaries Hoffnung begann zu schwinden. Sie suchte einen Arzt auf, doch ernsthafte Gründe für ihre Kinderlosigkeit wurden nicht gefunden. Konrad erkannte ihren Kummer, versuchte sie abzulenken: Er machte lange Spaziergänge mit ihr, umsorgte sie, aber Tag für Tag wurde sie trauriger. So verstrichen zwölf Jahre. Annemarie kannte das vollkommene Familienglück nicht.
Doch eines Tages, an einem warmen Julinachmittag, spazierte Annemarie allein durch die Straßen von Freiburg, während ihr Mann arbeitete. In Gedanken versunken schlenderte sie langsam, achtete kaum auf ihre Umgebung, mit gesenktem Kopf und träumendem Blick.
Plötzlich ganz unerwartet vernahm sie eine Stimme aus der Nähe:
Bist du vielleicht meine Mama?
Annemarie blieb abrupt stehen, wie vom Blitz getroffen. Sie hob den Blick und entdeckte einen kleinen Jungen, vielleicht drei Jahre alt, der sich an das Gitter eines Zauns klammerte und sie mit großen Augen ansah.
Fassungslos blieb sie stehen. Mit etwas Mut trat sie langsam näher. Im Hintergrund sah sie andere Kinder, die ausgelassen spielten sie hatte das Heim für Kinder erreicht.
Annemarie betrachtete den Jungen, suchte nach Worten, um zu sprechen. Gedanken stürmten durch ihren Kopf. Sie wusste, dass dieser Moment ihr Leben verändern könnte. Nach einer Weile fragte sie vorsichtig:
Kennst du deine Mama? Erinnerst du dich an sie?
Nein, ich habe sie nie gesehen. Deshalb warte ich hier. Sie wird mich erkennen, wenn sie vorbeikommt.
Das stimmt, erwiderte Annemarie, voller Hoffnung, dass sie vielleicht diejenige sein könnte, die ihm Mutter wird.
Wie heißt du?
Mein Name ist Lukas.
Annemarie spürte Entschlossenheit in sich aufsteigen. Sie wusste, dass sie alles tun würde, um diesen Jungen zu adoptieren. Vielleicht hatte das Schicksal sie gerade zu diesem Zaun geführt.
Ich hatte einmal einen Jungen. Aber ich habe ihn verloren, sagte sie leise. Er hieß ebenfalls Lukas, und ich suche ihn bis heute. Vielleicht bist du es?
Der kleine Junge lächelte auf einmal strahlend und rief laut:
Ja, ja! Du bist es! Du bist meine Mama! Ich erkenne dich! Du bist es!
Er streckte seine Arme durch die Gitterstäbe, und Annemarie umarmte ihn von Herzen.
Dann gehen wir sofort zur Heimleitung und sagen, dass wir uns gefunden haben! Ich nehme dich mit nach Hause.
Hurra!, jubelte Lukas.
Voller Freude betraten Annemarie und Lukas das Gebäude des Kinderheims.
Jetzt bekommt unser Lukas endlich eine Mama, sagte die Kindergärtnerin, glücklich und bewegt.
Es begannen Behördengänge, Überprüfungen, Kommissionen und endloses Warten für Annemarie verging all das wie im Nebel. Lukas aber verstand und glaubte fest, dass seine Mutter ihn gefunden hatte. Währenddessen bereitete Annemarie ihren Mann vor. Gemeinsam richteten sie ein Kinderzimmer ein, kauften Möbel und alles Nötige. Konrad konnte die Adoption nicht ablehnen; zum ersten Mal in all den Jahren sah er solche Freude in Annemaries Augen.
Endlich kam der lang ersehnte Tag! Lukas war nun ihr Sohn. Hand in Hand gingen sie nach Hause, beide überglücklich. Das Haus hatte sich verwandelt. Die Stille, die zwölf Jahre geherrscht hatte, wurde vertrieben durch das Trappeln kleiner Füße und den jubelnden Ruf: Papa, schau mal! Annemarie blühte auf. Ihre ganze Liebe widmete sie nun Lukas, und Konrad wurde für ihn der beste Vater.
Die Zeit verging, Lukas wuchs heran und bereitete den Eltern viel Freude. Eines Morgens fühlte Annemarie sich seltsam. Konrad war besorgt und sie gingen gemeinsam zum Arzt. Dort erfuhren sie das Unglaubliche: Annemarie erwartete ein Kind! Das Glück war mit Worten kaum zu fassen.
Die Familie wartete voller Spannung auf den neuen Erdenbürger, und endlich wurde eine gesunde Tochter geboren: Frieda. Nun war die Familie vollkommen.
Annemarie wusste eines: Das Wunder, das Frieda in ihr Leben brachte, geschah nur, weil sie einst an diesem Zaun nicht vorbeigegangen war, als dort ein kleiner Junge stand. Wahre Herzensgüte wird immer belohnt. Das Glück kommt nicht auf Bestellung es findet den, der sein Herz öffnet für selbstlose Liebe.





