Ich kann mein erstes Kind doch nicht im Stich lassen

Gundula bleibt im Türrahmen stehen. Markus liegt auf dem Sofa, das Handy fest in der Hand, und wirft keinen Blick zu ihr. Er schüttelt nur verneinend den Kopf.

Kein Geld, Gundula.
Wie bitte?

Gundula runzelt die Stirn und tritt einen Schritt nach vorn, die Hände ruhen automatisch auf den Hüften.

Gestern hast du doch noch deinen Lohn bekommen.

Markus legt das Handy endlich beiseite. Sein Gesicht ist aus Stein, kein Anflug von Schuld oder Reue.

Ich habe Erika den Unterhalt für zwei Monate überwiesen, sagt er kalt.

Gundula erstarrt. In ihr brodelt ein heißer Zorn.

Und das wars? Nichts mehr übrig?

Seine Stimme zittert ein wenig.

Nur ein paar Groschen. Ich muss noch zur Arbeit, mich noch was zu essen besorgen. Auf Reserve habe ich nichts.

Er greift wieder nach dem Handy, als wäre das Gespräch beendet. Gundula kann nicht mehr halten.

Für Lukas hast du nie Geld! Nie, Markus! Verstehst du das überhaupt? Der Kindergarten, die Kleidung, das Essen das liegt alles an mir. Und du denkst nur an deine Erika!

Gundula, hör jetzt nicht damit, brummt Markus, ohne aufzublicken. Unterhalt ist Gesetz. Ich muss zahlen. Wir haben ja einen gemeinsamen Haushalt, warum sollte es mich kümmern, wer was bezahlt?

Gundula wirft sich hektisch nach seiner Jacke vom Kleiderhaken, Tränen sammeln sich bereits hinter ihren Wangen, doch sie will nicht, dass er das sieht. Die Tür knallt hinter ihr zu.

Sie geht die Straße entlang, das Tempo hoch, achtet nicht auf den Verkehr. Der kalte Wind zupft an ihren Haaren, doch das stört sie nicht. Sie beißt die Zähne zusammen und wählt die Nummer von Liselotte.

Lisi, bist du zu Hause? Kann ich zu dir kommen?
Natürlich, Gundula. Was ist los?
Erzähl ich dir später.

Gundula legt auf und ruft ein Taxi.

Eine halbe Stunde später sitzt sie in Liselottes Küche. Liselotte sitzt ihr gegenüber.

Wieder Geldprobleme?
Gundula nickt und nimmt einen Schluck Tee, der ihre Lippen brennt, doch sie lässt es nicht zu.

Wir leben seit fünf Jahren zusammen, Lisi. Fünf Jahre! Wir haben einen gemeinsamen Sohn. Und jedes Mal muss ich mich demütigen, wenn Geld für Lukas gebraucht wird.

Sie stellt die Tasse ab und streicht sich über das Gesicht. Die Müdigkeit überkommt sie plötzlich.

Er zahlt die Unterhaltsraten für seine Tochter aus der ersten Ehe pünktlich das ist das Gesetz, das Gericht.
Und Lukas?
Lukas kann warten. Der Kindergarten ist nicht bezahlt? Meine Mutter kümmert sich. Die Schuhe sind gerissen? Meine Mutter kauft neue. Markus winkt nur ab: kein Geld, mein Gehalt reicht nicht für alle.

Sie schweigt und schaut aus dem Fenster, wo Regen in grauen Tropfen die Straße hinunterläuft und die Konturen der Welt verwischt. Liselotte beugt sich leicht nach vorn, die Hände um die Tasse geschlungen.

Habt ihr das wirklich ernst gemeint?
Zehnmal, jedes Mal das gleiche. Ich spreche über Lukas, über das Geld, über meine alleinig schwere Lage. Und er antwortet: Ich kann nichts machen, mein Gehalt ist für alle, ich kann den ersten Sohn nicht im Stich lassen. Und das wars. Das Gespräch ist beendet.

Liselotte trommelt nachdenklich mit den Fingern auf den Tisch. Ihre Stirn legt sich in einer Linie zusammen, ein Blick, den Gundula kennt ihre Freundin überlegt etwas.

Ihr seid ja nicht verheiratet, oder?
Doch, natürlich nicht, zuckt Gundula mit den Schultern. Wir wollten das nicht, bevor Lukas geboren war. Ich war im Mutterschaftsurlaub, er hat gearbeitet. Keine Zeit, und warum? Wir waren doch schon zusammen.

Und wer steht im Geburtenregister als Vater?
Markus, natürlich.

Gundula blickt verwirrt.

Lisi, was meinst du?

Liselotte lächelt plötzlich, ein fast kecker, aber triumphaler Ausdruck.

Gundula, dann stell doch einen Unterhaltstitel auf!

Gundula lässt die Tasse fallen, bevor sie zum Mund kommt.

Wie bitte? Wir leben doch zusammen.

Liselotte hebt den Zeigefinger.

Aber nicht verheiratet. Formal seid ihr Mitbewohner. Du hast das Recht, Unterhalt zu verlangen. Das Gesetz steht auf deiner Seite.

Aber ist das
Ehrlich? Gerecht? Richtig? fragt Liselotte und lehnt sich näher. Markus lässt dich jahrelang im Stich. Vielleicht reicht eine Drohung mit Unterhalt, damit er endlich mit seinem Sohn verantwortungsvoll umgeht.

Gundula schweigt. Der Gedanke wirkt verrückt, doch logisch. Ein Teil von ihr will sofort handeln, der andere hält ein, weil es sich falsch anfühlt wie ein Verrat.

Ich weiß nicht. Ich muss darüber nachdenken.

Am Abend holt Gundula Lukas aus dem Kindergarten ab. Der Junge erzählt begeistert, wie sie heute eine Rakete gemalt haben, während Gundula nur nickt, ihre Gedanken jedoch ganz woanders sind. Die Worte ihrer Freundin nagen wie ein Splitter in ihrem Kopf.

Zuhause liegt Markus immer noch auf dem Sofa. Lukas rennt zu ihm und ruft Papa!, aber Markus streichelt nur abwesend den Kopf des Jungen und starrt wieder ins Handy. Gundula presst die Lippen zusammen und geht in die Küche, um das Abendessen zu kochen.

Sie hat noch nicht vor, Liselottes Rat zu folgen. Das erscheint ihr zu drastisch. Sie sind doch eine Familie, warum sollte das so enden?

Zehn Tage später ändert sich alles.

Lukas zeigt ihr seine abgenutzten Turnschuhe. Die Sohle ist an einer Stelle völlig abgerissen.

Mama, ich brauche neue, sagt er schuldbewusst. Es war nicht meine Schuld.

Gundula setzt sich zu ihm.

Keine Sorge, Schatz. Morgen kaufen wir neue, schöne.

Sie geht zu Markus, der am Computer spielt.

Markus, Lukas braucht neue Schuhe. Gib mir Geld.
Kein Geld, Gundula.

Er dreht sich nicht einmal um. Etwas in Gundula knackt. Sie packt ihn am Schultergürtel, dreht ihn abrupt zu sich.

Markus! Kein Geld? Wieder kein Geld für deinen Sohn? Wie lange noch?!
Schrei nicht.

Markus zuckt die Schultern und löst sich aus ihrem Griff.

Ich habe doch gesagt, kein Geld. Was willst du von mir?

Gundula lässt nicht locker.

Ich will, dass du ein Vater bist! Nicht dass dein Sohn in löchrigen Schuhen rumläuft, weil du nie Geld hast! Wenn du dich nicht änderst, stelle ich Unterhalt!

Markus springt vom Stuhl, das Gesicht vor Wut verzogen. Er schiebt sich vor ihr.

Was laberst du? Unterhalt? Du bist genauso materialistisch wie Erika! Alles, was ich habe, ist für euch da! Ich bin nur ein Geldbeutel auf Beinen!

Gundula hält durch, obwohl ihr Inneres vor Wut und Schmerz bebt.

Traue dich nicht, mich mit ihr zu vergleichen! Ich habe fünf Jahre an dich geglaubt, gewartet, dass du dich änderst! Und du wirst nur schlechter!

Markus brüllt laut:

Dann verschwinde! Wer du bist, geh! Niemand hält dich fest!

Gundula erstarrt. In Markus Augen liegt nur Leere kalte, dunkle Leere, in der weder Liebe noch Hoffnung mehr existieren.

Sie antwortet leise:

Gut. Ich gehe. Und ich werde trotzdem Unterhalt verlangen. Du kannst das gern ignorieren.

Sie geht ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Lukas steht in der Tür, die Augen weit offen.

Mama, wohin gehen wir?
Zur Oma, mein Schatz.

Gundula setzt sich zu ihm und umarmt ihn fest.

Wir wohnen bei Oma.

Eine Stunde später stehen sie vor der Tür ihrer Mutter. Sie öffnet, sieht die Tränen in Gundulas Augen und die Koffer ihres Enkels, umarmt beide still.

Kommt rein.

Am nächsten Tag trifft Gundula einen Anwalt. Das ist das Ende. Das Ende von fünf Jahren, von Hoffnungen, von einer Familie, die es nie wirklich gab. Als sie das letzte Dokument unterschreibt, fühlt sie sich leichter, als wäre eine schwere Last von ihren Schultern gefallen.

Markus versucht alles zurückzugewinnen. Er ruft an, schreibt, fährt vorbei. Er verspricht, es zu besprechen, sich zu ändern, nicht vor Gericht zu gehen. Doch Gundula bleibt hart.

Zu spät, Markus. Zu spät.

Der Prozess verläuft rasch. Der Unterhalt wird auf fast zehntausend Euro im Monat festgesetzt ein Viertel von Markus Gehalt. Er sitzt bleich, die Hände geballt, und Gundula sieht, wie sich die Haut seiner Wange zuckt. Es ist ihr egal.

Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter und Lukas. Ruhig, geordnet. Jeden Monat kommt das Geld pünktlich. Es ist mehr, als was Lukas erhalten hat, solange sie zusammen wohnten.

Gundula kauft ihrem Sohn neue Turnschuhe leuchtend, schön, genau die, von denen er geträumt hat. Lukas rennt durch die Wohnung und lacht. Gundula schaut ihn an und weiß, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat.

Sie und Markus sind nicht mehr zusammen. Doch sie ist glücklich. Sie muss nicht mehr jede Münze betteln, nicht mehr sich demütigen und ertragen. Markus zahlt, wie das Gesetz es vorschreibt, und das ist gerecht.

Am Abend, nachdem Lukas eingeschlafen ist, sitzt Gundula in der Küche mit einer Tasse Tee. Irgendwo ist Markus, ärgerlich, gibt ihr die Schuld. Doch das ist ihr egal.

Sie ist frei. Sie hat ihren Sohn geschützt. Und das reicht.

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Homy
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