Ich kann mein erstes Kind doch nicht im Stich lassen

Gundula bleibt im Türrahmen stehen. Markus liegt auf dem Sofa, das Handy fest in der Hand, und wirft keinen Blick zu ihr. Er schüttelt nur verneinend den Kopf.

Kein Geld, Gundula.
Wie bitte?

Gundula runzelt die Stirn und tritt einen Schritt nach vorn, die Hände ruhen automatisch auf den Hüften.

Gestern hast du doch noch deinen Lohn bekommen.

Markus legt das Handy endlich beiseite. Sein Gesicht ist aus Stein, kein Anflug von Schuld oder Reue.

Ich habe Erika den Unterhalt für zwei Monate überwiesen, sagt er kalt.

Gundula erstarrt. In ihr brodelt ein heißer Zorn.

Und das wars? Nichts mehr übrig?

Seine Stimme zittert ein wenig.

Nur ein paar Groschen. Ich muss noch zur Arbeit, mich noch was zu essen besorgen. Auf Reserve habe ich nichts.

Er greift wieder nach dem Handy, als wäre das Gespräch beendet. Gundula kann nicht mehr halten.

Für Lukas hast du nie Geld! Nie, Markus! Verstehst du das überhaupt? Der Kindergarten, die Kleidung, das Essen das liegt alles an mir. Und du denkst nur an deine Erika!

Gundula, hör jetzt nicht damit, brummt Markus, ohne aufzublicken. Unterhalt ist Gesetz. Ich muss zahlen. Wir haben ja einen gemeinsamen Haushalt, warum sollte es mich kümmern, wer was bezahlt?

Gundula wirft sich hektisch nach seiner Jacke vom Kleiderhaken, Tränen sammeln sich bereits hinter ihren Wangen, doch sie will nicht, dass er das sieht. Die Tür knallt hinter ihr zu.

Sie geht die Straße entlang, das Tempo hoch, achtet nicht auf den Verkehr. Der kalte Wind zupft an ihren Haaren, doch das stört sie nicht. Sie beißt die Zähne zusammen und wählt die Nummer von Liselotte.

Lisi, bist du zu Hause? Kann ich zu dir kommen?
Natürlich, Gundula. Was ist los?
Erzähl ich dir später.

Gundula legt auf und ruft ein Taxi.

Eine halbe Stunde später sitzt sie in Liselottes Küche. Liselotte sitzt ihr gegenüber.

Wieder Geldprobleme?
Gundula nickt und nimmt einen Schluck Tee, der ihre Lippen brennt, doch sie lässt es nicht zu.

Wir leben seit fünf Jahren zusammen, Lisi. Fünf Jahre! Wir haben einen gemeinsamen Sohn. Und jedes Mal muss ich mich demütigen, wenn Geld für Lukas gebraucht wird.

Sie stellt die Tasse ab und streicht sich über das Gesicht. Die Müdigkeit überkommt sie plötzlich.

Er zahlt die Unterhaltsraten für seine Tochter aus der ersten Ehe pünktlich das ist das Gesetz, das Gericht.
Und Lukas?
Lukas kann warten. Der Kindergarten ist nicht bezahlt? Meine Mutter kümmert sich. Die Schuhe sind gerissen? Meine Mutter kauft neue. Markus winkt nur ab: kein Geld, mein Gehalt reicht nicht für alle.

Sie schweigt und schaut aus dem Fenster, wo Regen in grauen Tropfen die Straße hinunterläuft und die Konturen der Welt verwischt. Liselotte beugt sich leicht nach vorn, die Hände um die Tasse geschlungen.

Habt ihr das wirklich ernst gemeint?
Zehnmal, jedes Mal das gleiche. Ich spreche über Lukas, über das Geld, über meine alleinig schwere Lage. Und er antwortet: Ich kann nichts machen, mein Gehalt ist für alle, ich kann den ersten Sohn nicht im Stich lassen. Und das wars. Das Gespräch ist beendet.

Liselotte trommelt nachdenklich mit den Fingern auf den Tisch. Ihre Stirn legt sich in einer Linie zusammen, ein Blick, den Gundula kennt ihre Freundin überlegt etwas.

Ihr seid ja nicht verheiratet, oder?
Doch, natürlich nicht, zuckt Gundula mit den Schultern. Wir wollten das nicht, bevor Lukas geboren war. Ich war im Mutterschaftsurlaub, er hat gearbeitet. Keine Zeit, und warum? Wir waren doch schon zusammen.

Und wer steht im Geburtenregister als Vater?
Markus, natürlich.

Gundula blickt verwirrt.

Lisi, was meinst du?

Liselotte lächelt plötzlich, ein fast kecker, aber triumphaler Ausdruck.

Gundula, dann stell doch einen Unterhaltstitel auf!

Gundula lässt die Tasse fallen, bevor sie zum Mund kommt.

Wie bitte? Wir leben doch zusammen.

Liselotte hebt den Zeigefinger.

Aber nicht verheiratet. Formal seid ihr Mitbewohner. Du hast das Recht, Unterhalt zu verlangen. Das Gesetz steht auf deiner Seite.

Aber ist das
Ehrlich? Gerecht? Richtig? fragt Liselotte und lehnt sich näher. Markus lässt dich jahrelang im Stich. Vielleicht reicht eine Drohung mit Unterhalt, damit er endlich mit seinem Sohn verantwortungsvoll umgeht.

Gundula schweigt. Der Gedanke wirkt verrückt, doch logisch. Ein Teil von ihr will sofort handeln, der andere hält ein, weil es sich falsch anfühlt wie ein Verrat.

Ich weiß nicht. Ich muss darüber nachdenken.

Am Abend holt Gundula Lukas aus dem Kindergarten ab. Der Junge erzählt begeistert, wie sie heute eine Rakete gemalt haben, während Gundula nur nickt, ihre Gedanken jedoch ganz woanders sind. Die Worte ihrer Freundin nagen wie ein Splitter in ihrem Kopf.

Zuhause liegt Markus immer noch auf dem Sofa. Lukas rennt zu ihm und ruft Papa!, aber Markus streichelt nur abwesend den Kopf des Jungen und starrt wieder ins Handy. Gundula presst die Lippen zusammen und geht in die Küche, um das Abendessen zu kochen.

Sie hat noch nicht vor, Liselottes Rat zu folgen. Das erscheint ihr zu drastisch. Sie sind doch eine Familie, warum sollte das so enden?

Zehn Tage später ändert sich alles.

Lukas zeigt ihr seine abgenutzten Turnschuhe. Die Sohle ist an einer Stelle völlig abgerissen.

Mama, ich brauche neue, sagt er schuldbewusst. Es war nicht meine Schuld.

Gundula setzt sich zu ihm.

Keine Sorge, Schatz. Morgen kaufen wir neue, schöne.

Sie geht zu Markus, der am Computer spielt.

Markus, Lukas braucht neue Schuhe. Gib mir Geld.
Kein Geld, Gundula.

Er dreht sich nicht einmal um. Etwas in Gundula knackt. Sie packt ihn am Schultergürtel, dreht ihn abrupt zu sich.

Markus! Kein Geld? Wieder kein Geld für deinen Sohn? Wie lange noch?!
Schrei nicht.

Markus zuckt die Schultern und löst sich aus ihrem Griff.

Ich habe doch gesagt, kein Geld. Was willst du von mir?

Gundula lässt nicht locker.

Ich will, dass du ein Vater bist! Nicht dass dein Sohn in löchrigen Schuhen rumläuft, weil du nie Geld hast! Wenn du dich nicht änderst, stelle ich Unterhalt!

Markus springt vom Stuhl, das Gesicht vor Wut verzogen. Er schiebt sich vor ihr.

Was laberst du? Unterhalt? Du bist genauso materialistisch wie Erika! Alles, was ich habe, ist für euch da! Ich bin nur ein Geldbeutel auf Beinen!

Gundula hält durch, obwohl ihr Inneres vor Wut und Schmerz bebt.

Traue dich nicht, mich mit ihr zu vergleichen! Ich habe fünf Jahre an dich geglaubt, gewartet, dass du dich änderst! Und du wirst nur schlechter!

Markus brüllt laut:

Dann verschwinde! Wer du bist, geh! Niemand hält dich fest!

Gundula erstarrt. In Markus Augen liegt nur Leere kalte, dunkle Leere, in der weder Liebe noch Hoffnung mehr existieren.

Sie antwortet leise:

Gut. Ich gehe. Und ich werde trotzdem Unterhalt verlangen. Du kannst das gern ignorieren.

Sie geht ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Lukas steht in der Tür, die Augen weit offen.

Mama, wohin gehen wir?
Zur Oma, mein Schatz.

Gundula setzt sich zu ihm und umarmt ihn fest.

Wir wohnen bei Oma.

Eine Stunde später stehen sie vor der Tür ihrer Mutter. Sie öffnet, sieht die Tränen in Gundulas Augen und die Koffer ihres Enkels, umarmt beide still.

Kommt rein.

Am nächsten Tag trifft Gundula einen Anwalt. Das ist das Ende. Das Ende von fünf Jahren, von Hoffnungen, von einer Familie, die es nie wirklich gab. Als sie das letzte Dokument unterschreibt, fühlt sie sich leichter, als wäre eine schwere Last von ihren Schultern gefallen.

Markus versucht alles zurückzugewinnen. Er ruft an, schreibt, fährt vorbei. Er verspricht, es zu besprechen, sich zu ändern, nicht vor Gericht zu gehen. Doch Gundula bleibt hart.

Zu spät, Markus. Zu spät.

Der Prozess verläuft rasch. Der Unterhalt wird auf fast zehntausend Euro im Monat festgesetzt ein Viertel von Markus Gehalt. Er sitzt bleich, die Hände geballt, und Gundula sieht, wie sich die Haut seiner Wange zuckt. Es ist ihr egal.

Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter und Lukas. Ruhig, geordnet. Jeden Monat kommt das Geld pünktlich. Es ist mehr, als was Lukas erhalten hat, solange sie zusammen wohnten.

Gundula kauft ihrem Sohn neue Turnschuhe leuchtend, schön, genau die, von denen er geträumt hat. Lukas rennt durch die Wohnung und lacht. Gundula schaut ihn an und weiß, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat.

Sie und Markus sind nicht mehr zusammen. Doch sie ist glücklich. Sie muss nicht mehr jede Münze betteln, nicht mehr sich demütigen und ertragen. Markus zahlt, wie das Gesetz es vorschreibt, und das ist gerecht.

Am Abend, nachdem Lukas eingeschlafen ist, sitzt Gundula in der Küche mit einer Tasse Tee. Irgendwo ist Markus, ärgerlich, gibt ihr die Schuld. Doch das ist ihr egal.

Sie ist frei. Sie hat ihren Sohn geschützt. Und das reicht.

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Homy
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Ich kann mein erstes Kind doch nicht im Stich lassen
Die Rivalin um die Sachen ist da – Ich bin Lara, wir arbeiten zusammen. Wir lieben einander und Sie stören! Geben Sie mir Petru zurück! – Und wie störe ich Sie denn? – wunderte sich Svetlana Anatóljewna ehrlich. – Fakten, bitte! – Also, nun ja… – zögerte die Rivalin. – Er will nicht von Ihnen weg! Onkel Petja, bist du denn blöd? Diese genialen Worte stammen von dem Jungen Sergej aus Vera Panovas Erzählung, nachdem der erwachsene Onkel Petja ihn mit einer Süßigkeit „bedachte“: aber der schöne Bonbon war leer… Und tatsächlich: blöd. Wie sagte doch mal ein deutscher Kabarettist: Es gibt keine psychischen Krankheiten – man ist einfach nur blöd! Dasselbe sagte Svetlana Anatóljewna zu ihrem Mann. Nicht direkt, als die neue Flamme im Haus erschien – das hat die Ehefrau sogar geschluckt! – sondern ein wenig später. Ja, es stellte sich heraus, dass ihr Peter Efimowitsch, Petja – „Hahn mit goldener Krone“, mit dem sie so viele Jahre verbracht hatte, eine Nebenbuhlerin hatte. Und die kam nicht einfach so, sondern mit Forderungen: „Wir lieben uns – geben Sie mir Ihren Mann zurück!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Svetlana schon einiges geahnt. Petru rasierte sich plötzlich täglich, früher nur jeden zweiten Tag. Er kaufte sich ein neues Parfüm und bügelte neuerdings die Jeans mit Bügelfalten. Svetlana wollte ihren Mann nicht enttäuschen und dachte sich insgeheim, dass ihm das nur recht geschähe. Und er ging – umhüllt von einem aufdringlichen Importduft – in die Nacht hinaus: Er wurde zum Nachtdienst eingeteilt! Ja, ihn – den Mittelstandsmanager! – Weißt du, Liebling, – schwärmte ihr Mann beim Abendessen, – wir sind eine kleine Baufirma und der Wächter hat gekündigt! Und das Budget ist begrenzt! Jetzt müssen wir abwechselnd nachts im Büro Wache schieben, um Diebe fernzuhalten! Ich würde lieber daheimbleiben: Dort kann man ja gar nirgends bequem schlafen! – Und wie willst du die Nacht überstehen? Im Sitzen etwa? – fragte Svetlana im bäuerlichen Ton. Petru verzog das Gesicht: Wie kann man so sprechen? „Im Sitzen“ – was soll das denn? Das ist ein veraltetes Adverb, fast schon russischer Slang! Seine Frau unterrichtete schließlich Deutsch am Berufskolleg, sie wusste Bescheid. Svetlana war klar, dass ihr Mann log. Da stimmte etwas nicht im Hause Dänemark. Sie waren fast zwanzig Jahre verheiratet. Die Tochter lebte bereits getrennt. Und jetzt würde der Mann wohl eine Geliebte haben. Gut, so etwas passiert: Wenn man sich verliebt, ehrlich gestehen und gehen! Die Wohnung gehörte Svetlana nämlich noch aus der Zeit vor der Ehe. Nun ja – kam, wie es kommen musste! Dämon im Alter und so weiter. Aber Peter hatte es nicht eilig, alles zuzugeben. Warum? Liebte er Svetlana noch? Oder hielt er die Sache für nicht ernst? Aber die Tatsache blieb: Der Mann lebte weiterhin zuhause, als wäre nichts passiert! Und erfüllte sogar die ehelichen Pflichten. Abgesehen von kleinen Indizien gab es für Svetlana keine echten Beweise für einen Seitensprung. Vielleicht bildete sie sich alles ein? Ein Parfüm! Gebügelte Hosen! Svetlana wollte schon ein Auge zudrücken, aber dann kam sie – die listige Rivalin „Raissa Zacharowna“. Petja war nicht zuhause. Svetlana war beim Putzen. Und sie – zack – stand vor der Tür! Svetlana, gutgläubig wie in ihrem Lieblingsfilm, ließ die Frau hinein: Wer weiß, warum sie kam. Soll sie erzählen, was sie will! Übrigens, später stellte sich raus, dass die „Geliebte“ fünf Jahre jünger als Svetlana war. Aber sie wirkte wie eine Frau jenseits der Vierzig! Und sie legte los: – Ich bin Lara, wir arbeiten zusammen. Wir lieben einander und Sie stören! Geben Sie mir Petru zurück! – Und wie störe ich Sie? – fragte Svetlana erstaunt. – Fakten, bitte! – Also… – zögerte die Dame – Er will einfach nicht von Ihnen weg! – Tja, das liegt aber an ihm! Ich habe nichts dagegen, sammle ihm gleich die Sachen zusammen! – schlug Svetlana vor und fragte: – Was hat er Ihnen denn erzählt? Dass ich so gut wie tot bin und er mich nicht im Stich lassen kann? – Na ja, so gut wie tot nicht –, zögerte die Besucherin –, aber fast. Ehrlich gesagt: Svetlana hatte mit Petru über das Thema nie gesprochen! Und eigentlich hatten sie beide fast gar nicht gesprochen: Alles außer dem einen Zufalls-Fremdgehen war Frucht der Fantasie… Aber Svetlana wusste das nicht. – Sehen Sie doch, mir geht’s prächtig! Also können Sie Petja ruhig haben – keinerlei Ansprüche: Morgen reiche ich die Scheidung ein! Ihnen wünsche ich alles Gute, Liebe und Glück ins Haus! – lächelte die Ehefrau. – Wirklich? – freute sich die Rivalin. – Sie sind ja so positiv! Damit hätte ich gar nicht gerechnet! Ich war auf das Schlimmste vorbereitet! „Warte nur ab, wie positiv ich wirklich bin“, dachte Svetlana und sagte laut: – Kein Problem! Wir haben großes Vertrauen zueinander! Ich respektiere Peter – und werde ihm alles sagen. Gehen Sie ruhig! Das klang wie „Ruhe in Frieden“. Die Rivalin, vor Glück ganz aufgeregt, bemerkte nichts. – Dann sagen Sie ihm, dass ich ihn heute mit seinen Sachen erwarte! – sprach Lara zum Abschied und schenkte ihrer besiegten Widersacherin ein triumphierendes Lächeln – sie hat sie „geschlagen“! – und lief ihrem Glück entgegen. – Ganz bestimmt, liebe Dame! – verabschiedete sie die Deutschlehrerin. – Warten Sie nur! Abends stand für Petru, der von der Arbeit kam, ein gepackter „Waisen“-Koffer im Flur: So viele Dinge hatte Petja gar nicht – nach der Ware die Zahlung! Am Gesicht des Mannes merkte Svetlana, dass er überhaupt nichts ahnte. Denn Peter Efimowitsch zeigte keine Anzeichen von Nervosität, küsste seine Frau wie immer und fragte: – Svetka, was gibt’s zum Abendessen? Und warum steht der Koffer im Flur? Fährst du weg? – Deine ist da gewesen! – begann Svetlana ohne Umschweife. – Wer ist „meine“? – wunderte sich Petja. – Na, die vom Nachtdienst! Mit der du immer nachts wachst! – erklärte Svetlana. – Gegen Diebstahl! Petja errötete und fragte leise: – Lara etwa? Ich habe nie mit der Nachtdienst gehabt! – Oder gibt’s da noch eine? Da bist du ja auf deine alten Tage zum Schürzenjäger geworden! – Es ist nicht das, was du denkst – begann Peter. – Und was denke ich? Sag’s mir, Messing! Na los! Sag jetzt ja nicht, dass mit ihr nichts war! Oder dass sie einfach so aufgetaucht ist? – Ich sag’s nicht! – schniefte Petja. – Es war – aber nur einmal! Erinnerst du dich, als ich mal betrunken nach Hause kam? So war’s! Ich wollte nicht – ehrlich, Svetka! Sie hat mich einfach überwältigt! Das war nur der Instinkt! Na ja, und dann… – Ich verstehe, Petja – die Liebe ist so: Wenn sie einen übermannt, kommt man nicht raus! Und wie Scharikow sagte: „Das ist was Junges!“ Und sei nicht schüchtern – ich hab’s kapiert. Übrigens, alles geklärt. Lara wartet: Ich habe dir fest versprochen, dich gehen zu lassen! – Wo soll ich gehen? – entfuhr Petja: Lara war „zugereist“ und wohnte zur Untermiete in einer WG. – Wozu gehen? – Weil man seine Gefühle nicht verstecken sollte, Peter! Ich seh’s doch! Also geh und sieben Knoten unter dem Kiel und unter allen anderen Körperteilen! – Aber ich will nicht! – klammerte sich ihr Mann. Er wollte wirklich nicht! – Oder ist es zu heiß? – stichelte Svetlana. – Schlafen bei ihr ist sicher warm? Die Kollegin war wirklich ziemlich beleibt. Beim Gespräch tupfte sie ständig mit einem bestickten Taschentuch den Schweiß oberhalb der Oberlippe ab. Petja schwieg verloren. Und mit Lara war es wirklich nur ein Alkohol-Aussetzer nach einer Firmenfeier gewesen. Von Liebe keine Spur. Aber sie begann, ihn zu verfolgen. Svetlana hatte alles logisch zusammengesetzt. Wenn Ihr wüsstet, liebe Leute, wie viele in alten DDR-Zeiten in der Psychiatrie Bräute von Udo Jürgens waren! Unzählig: Den Sternen keine Zahl, dem Abgrund keinen Grund. Und auch jetzt gibt es Verrückte genug: wie viele „Peters“ gibt es in Brasilien… Sonst waren das durchaus normale Menschen! Sie tickten nur bei ganz bestimmten Themen aus… Aber heute hatte Lara glücklicherweise frei genommen: Schließlich stand ihr ein ernstes Gespräch mit Svetlana bevor. Und Petja atmete durch – vor dem kleinen Kollegenkreis war es ihm peinlich. „Peter, probieren Sie mal die Pfannkuchen – extra für Sie gebacken! Offenbar werden Sie zuhause nicht gefüttert!“ „Wie war Ihr Wochenende? Erzählen Sie mal?“ „Ach, Sie sind mir heute im Traum erschienen! Wollen Sie wissen, was wir zusammen gemacht haben?“ „Was für ein Depp bin ich!“, quälte sich Petja. „So hab ich mich in etwas verstrickt! Ich muss wohl kündigen!“ Schon hundert Mal hatte er bereut, dem Alkohol nachgegeben zu haben! Woher hätte er wissen sollen, dass Lara so durchgeknallt war? – Gut, – gab sich die Frau gnädig, – nehmen wir an, du lügst nicht, Casanova. Und wie stellst du dir unsere Zukunft vor? Soll ich nach all dem wieder mit dir ins Bett steigen? – Ich schlafe auf der Couch! – sagte der ertappte Mann mit Überzeugung. Er wäre sogar bereit gewesen, auf dem Flur zu nächtigen – Hauptsache, Svetlana schmeißt ihn nicht raus. Und die Frau ließ es zu: Wir werden sehen! Am nächsten Tag war Samstag – Lara erschien schon am Morgen: Na, fahren wir jetzt los? Klar, gestern ging’s nicht! Peter, der ihr öffnete, war erstaunt: So schlimm stand’s also! Er versuchte an die leicht euphorische Kollegin durchzudringen: Manische Phase – nicht zu unterschätzen… – Larissa Viktoria, liebe Dame – bei den Worten zuckte Lara zusammen: Jetzt kommt’s! – gehen Sie nach Hause! Und ganz vorsichtig – heute ist glatt draußen! – Und Sie? – wunderte sich die Kollegin. – Ich bleibe hier! – sagte der Mann möglichst bestimmt. – Bei meiner Frau! – Aber wir lieben uns doch! – brachte die Frau den Hauptgrund vor. – Das ist alles Fantasie von Ihnen! Es war nie was, nie! – sagte Petja, wohl wissend, dass es doch was war. Aber beweis das mal! Nur weil sie zusammen weggegangen waren – vielleicht sind sie nachher sofort getrennte Wege gegangen? Dass Lara einen Dachschaden hatte, wusste das ganze kleine Unternehmen. Peter entschied sich, dabei zu bleiben. Lara dachte nach, schwieg und sah ihre Leidenschaft an. Bei ihnen war doch alles gut! Und die Frau hatte ihn doch freigegeben! Warum also nicht? – Auf Wiedersehen! – sagte Peter Efimowitsch und schloss die Tür. Und genau da sprach die Frau die berühmten Worte aus Vera Panovas Erzählung zu Onkel Petja. Und sie passten perfekt zur Situation. Peter machte nicht einmal den Mund auf: Schweigen ist bekanntlich Gold… Lara stand noch einen Moment vor der Tür: Vielleicht ändert er seine Meinung? Dann ging sie – etwa doch kein Glück? Leider war Peter nicht der einzige: Zwei Kollegen hatten schon vorher wegen Laras Belästigung gekündigt. Und sie hatten mit ihr überhaupt nichts! Montags erschien Larisa nicht mehr im Betrieb: Sie hatte überraschend gekündigt. Vielleicht reichten drei Versuche, um die Liebe in einer anderen Firma zu suchen. Vielleicht war sie doch nicht ganz verrückt… Peter atmete erneut auf: Er hatte schon fast selbst an Kündigung gedacht! Zum Glück war sie nicht „schwanger“ geworden… Und die gutmütige Svetlana verzieh ihrem Mann. Ja, er hatte versehentlich im Suff betrogen! Aber der Rest stimmte doch! Denn später stellte sich heraus, dass die männlichen Kollegen der Baufirma tatsächlich abwechselnd Nachtdienst im Büro machten: Der geizige Chef sparte an der Security! Und das neue Parfüm und die gebügelten Jeans hatten nichts zu sagen. Ja, einfach Zufall: So fiel das Blatt! Oder war alles Mürkes oder Magnetstürme schuld – praktisch, dass man jemandem die Schuld geben konnte… Was bleibt als Fazit? Trinkt nicht zu viel auf der Firmenfeier, Leute! Denn Liebe kann toxisch sein. Und in unserer heutigen Welt gibt’s davon genug. Zum Glück wurde er nicht erpresst. Und alles auf Mürkes schieben, klappt diesmal nicht…