Frau Gertrud Schmitt, ich habe doch gesagt, dass Sie meine Sachen nicht anfassen sollen!, rief ich, während ich an der Badezimmertür stand und das rosa Oberteil in den Händen hielt. Das ist Wolle! In heißem Wasser darf man das nicht waschen!
Gertrud, eine rund sechzigjährige kräftige Frau, drehte sich von dem Herd um, wo gerade Frikadellen brutzelten.
Was schreißt du? Ich wollte nur helfen. Da lag schmutzige Wäsche, ich habe sie einfach gewaschen.
Aber ich habe nicht darum gebeten! Ich kenne meine eigene Waschroutine und weiß genau, wann und was ich waschen muss!
Routine, schnaufte Gertrud. Drei Tage liegen die Klamotten dreckig rum, und du spielst die strenge Hausfrau. In meinem Alter habe ich das Haus immer im Griff gehabt.
Ich drückte das Oberteil fester zusammen. Noch vor einem Monat lebten mein Mann Andreas und ich friedlich in unserer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin. Dann brach Gertrud sich das Bein, und Andreas bestand darauf, dass seine Mutter bei uns einzieht, bis sie wieder auf den Beinen ist.
Ich habe keine Zeit, jeden Tag zu waschen!, platzte es aus mir heraus. Ich arbeite von neun bis siebzehn Uhr, danach koche ich und putze!
Und ich?, kontert Gertrud und wendet die Frikadelle. Ich bereite das Mittagessen zu, wische den Boden.
Ich habe nicht um Hilfe gebeten!
Andreas!, rief Gertrud in Richtung Schlafzimmer. Hörst du, wie deine Frau mit mir spricht?
Andreas kam in Unterhose und T-Shirt, das Gesicht müde und genervt.
Was ist los?
Deine Mutter wäscht meine Sachen ohne zu fragen!, hielt ich das rosa Oberteil hoch. Sie ist jetzt völlig zerknittert!
Andreas sah erst das Oberteil, dann Gertrud, dann mich.
Na und? Sie wollte doch nur helfen.
Ich habe nicht nach Hilfe gefragt!
Lass dich nicht aufregen, Lieschen. Wir kaufen einfach ein neues.
Für welches Geld? Das Teil hat fünfzig Euro gekostet!
Gertrud hob die Hände. Fünfzig Euro für ein Stück Stoff! Das ist Verschwendung! Und dann jammert sie, dass kein Geld mehr da ist!
Ich drehte mich um und schlich zur Schlafzimmertür, schlug sie hinter mir zu und legte mich mit dem Gesicht auf das Kissen. Tränen drängten sich, aber ich hielt sie zurück.
Das war nicht der erste Streit in den drei Wochen, seit Gertrud bei uns wohnte. Jeden Tag etwas Neues: Sie verstellte die Tassen in der Küche, sodass ich nichts fand; sie kochte so viel, dass der Vorrat für eine Woche reichte, dann beschwerte sie sich, dass wir nicht alles aufessen; sie ließ den Fernseher morgens laut aufdrehen.
Ich arbeite als Buchhalterin in einer Baufirma, habe einen vollen Terminkalender und viele Berichte. Nach einem langen Arbeitstag muss ich mich noch mit den Vorwürfen meiner Schwiegermutter auseinandersetzen. Andreas stellt immer seine Mutter zur Seite, sagt, wir müssten Geduld haben, sie sei krank und würde bald wieder ausziehen.
Doch das war ein Wunsch, der nicht in Erfüllung ging. Gertruds Bein heilte nur schleppend, und sie zog es nicht vor, in ihre eigene Wohnung zurückzukehren. Sie sagte, allein sei es zu beängstigend, wenn sie wieder stürzen könnte.
Am nächsten Morgen schlief ich zu lange. Der Wecker blieb unbeachtet ich hatte die ganze Nacht das gestrige Gezänk im Kopf durchgespielt. Panisch sprang ich aus dem Bett, sah auf die Uhr: halb neun.
Verdammt!, schrie ich und stürzte ins Bad.
Gertrud stand bereits an der Waschmaschine und lud die Wäsche ein.
Guten Morgen, sagte sie trocken.
Morgen, erwiderte ich, griff nach der Zahnbürste.
Ich zog mich in fünf Minuten an, schnappte meine Tasche und wollte gerade das Haus verlassen, da rief Gertrud:
Lieschen, warte!
Was? Ich komme zu spät!
Wo hast du gestern deine Jeans hingelegt? Die blauen?
Auf dem Stuhl im Schlafzimmer.
Ich habe sie gewaschen. Sie waren schmutzig.
Und?, fuhr ich ungeduldig fort.
Nichts. Ich sag nur Bescheid.
Ich winkte ab und rannte zur Straßenbahn. Auf dem Weg dachte ich daran, was alles noch in den Hosentaschen seiner Jeans war ein Taschentuch, vielleicht ein Kleingeld.
Im Büro herrschte Hochbetrieb. Der Quartalsbericht musste bis zum Mittag fertig sein, der Direktor verlangte alles pünktlich. Meine Kollegin Sabine brachte mir einen Kaffee.
Du siehst blass aus. Wieder die Schwiegermutter?
Wieder, sag ich mir nur. Ich weiß nicht mehr, wie ich mit ihr leben soll. Jeden Tag etwas Neues.
Sag es Andreas, er sollte mit ihr reden.
Hab ich schon. Er ist immer auf ihrer Seite.
Männer, die Schwiegermütter verehren und die Ehefrauen aushalten müssen.
Zur Mittagspause ging ich in die Kantine, bestellte Suppe und Salat, rührte gedankenverloren mit dem Löffel. Mein Handy vibrierte: eine Nachricht von Andreas.
Mama ruft an. Sie muss am Mittwoch zum Arzt. Kannst du sie fahren?
Ich verzog das Gesicht. Am Mittwoch hatte ich ein Treffen mit Lieferanten. Doch wenn ich ablehne, gibt es wieder einen Streit.
Ich schreibe zurück.
Nach der Arbeit kam ich um acht Uhr nach Hause. Gertrud saß in der Küche, trank Tee und biss in ein Brezel.
Abendessen? Ich habe Borschtsch gekocht.
Danke, später, sagte ich und ging ins Schlafzimmer.
Die Jeans lagen noch immer auf der Heizung, leicht feucht. Ich prüfte hastig die Taschen leer. Zumindest hatte sie nicht den kleinen Geldbeutel zerknittert, dachte ich.
Dann dämmerte es. Mein Pass. Ich hatte ihn gestern beim Bankbesuch aus dem Geldautomaten geholt und in die hintere Gesäßtasche der Jeans gesteckt.
Mein Herz sank. Ich rannte zur Waschmaschine, öffnete die Trommel leer. Ich sah mich um: Handtücher und Bettwäsche hingen zum Trocknen. Ich durchsuchte alles, doch der Pass war weg.
Gertrud!, schrie ich, rannte in die Küche.
Was schreist du?
Mein Pass! Er war in der Jeans! Wo ist er?
Gertrud runzelte die Stirn.
Welcher Pass?
Mein! Ich habe ihn in die Tasche gesteckt!
Das hättest du mir ja sagen können! Wie soll ich das wissen?
Ihr hättet die Taschen prüfen müssen, bevor ihr wascht!
Ich rannte zum Mülleimer, schüttelte den Inhalt aus. Zwischen zerknüllten Papieren und Plastiktüten fand ich ein feucht gewordenes Stück Papier die Seiten meines Passes, kaum noch lesbar, das Foto zu einem nassen Fleck zerflossen.
Ich hob das zerfetzte Dokument zitternd hoch. Gertrud sah darüber hinweg, murmelte: Das war doch mein Pass.
Ja, war er,, flüsterte ich, jetzt ist er nur noch Müll.
Entschuldige, ich wollte nicht. Du hast ihn doch selbst in die Jeans gesteckt.
Ich? Ich habe ihn nur dort vergessen! Und ihr wäscht fremde Sachen ohne zu fragen.
Ich bin alt, ich kann nicht mehr so ruhig bleiben!
Und ich soll jetzt was? Mein Pass ist weg!
Andreas kam nach einer Stunde von der Arbeit zurück. Ich zeigte ihm das zerknitterte Dokument.
Was ist das?
Mein Pass. Deine Mutter hat ihn zusammen mit den Jeans gewaschen.
Andreas drehte die feuchten Seiten in den Händen.
Wie kommt das denn in die Jeans?
Ich habe ihn nach dem Bankbesuch dort gelassen.
Na also, hättest du ihn rausnehmen sollen.
Ich stand auf.
Was?
Genau, hättest du ihn rausnehmen sollen.
Deine Mutter wäscht meine Sachen ohne Erlaubnis! Ich habe sie nicht um Hilfe gebeten!
Sie wollte nur helfen.
Helfen? Sie hat meinen Pass ruiniert! Jetzt muss ich ihn neu beantragen!
Andreas legte die Papiere auf den Tisch.
Du wirst ihn neu bekommen. Das passiert öfter.
Es geht nicht nur um den Pass. Es geht darum, dass deine Mutter in jedes meiner Dinge hineinschnüffelt!
Sie ist krank, hat nichts zu tun. Wascht, kocht, hilft.
Ich habe nicht um Hilfe gebeten!
Wir stritten, Andreas ging zu seiner Mutter, um sie zu beruhigen. Ich blieb allein in der Küche und weinte leise, damit niemand es hörte.
Am nächsten Tag rief ich meine Freundin Oksana an.
Oks, darf ich zu dir kommen?
Klar, was ist los?
Ich kam abends zu ihr. Sie öffnete die Tür, umarmte mich.
Du bist ausgemergelt. Was passiert?
Wir setzten uns, tranken Tee und ich erzählte ihr von Gertrud, den endlosen Streitereien und meinem Pass.
Sie tut das absichtlich, sagte Oksana überzeugt.
Was?
Absichtlich, um dich zu brechen.
Wozu?
Will dich zurück in ihr Leben holen, damit ihr Sohn bei ihr bleibt.
Ich dachte nach.
Vielleicht ist es ja doch nicht absichtlich. Sie ist einfach aktiv.
Denke nach, Lieschen. Niemand prüft die Taschen vor dem Waschen. Das ist Grundschule.
Vielleicht hat sie vergessen.
Oder wollte es nicht. Vielleicht schadet sie dir bewusst.
Ich schüttelte den Kopf.
Ich weiß nicht. Sie denkt einfach nicht nach.
Zuhause erwartete mich wieder ein Chaos. Gertrud hatte den Küchenschrank ausgeräumt und das Geschirr umgestellt.
Ich habe Ordnung geschaffen, erklärte sie. Es war unbequem, die Töpfe zu finden.
Ich öffnete den Schrank. Meine Lieblingsbecher standen oben, wo ich nie herkam, die Pfannen waren verlegt.
Gertrud, bring alles zurück.
Warum? So ist es jetzt viel praktischer.
Mir ist es unpraktisch!
Du gewöhnst dich dran.
Ich schloss den Schrank, um nicht weiter zu diskutieren, und ging ins Schlafzimmer. Andreas lag im Bett, scrollte am Handy.
Deine Mutter hat wieder alles umgestellt.
Und? Sie stellt es zurück, wenn es dir nicht gefällt.
Sie will das nicht!
Lass sie doch etwas tun! Sie ist krank, sie muss beschäftigt sein.
Lass sie doch lesen oder fernsehen!
Sie hat ihr ganzes Leben im Haushalt verbracht, das ist ihr Ding.
Dann halt es bei ihrem Haus!
Andreas stand auf.
Das ist unser Haus, und das meiner Mutter, solange sie hier lebt.
Wann zieht sie aus?
Wenn der Arzt es erlaubt! Du bist zu hart, Lieschen.
Er schloss die Tür hinter sich. Ich legte meinen Kopf auf das Kissen, wollte schreien, sagte aber nichts.
Am nächsten Tag ließ ich den Pass ersetzen. Ich nahm einen Tag frei, stand in der Passbehörde, bekam ein Ticket und stellte mich vier Stunden an. Als ich endlich an die Reihe kam, sah die Beamtin meine zerschlissenen Seiten.
Sie wurden gewaschen?
Ja.
Das kommt vor. Sie müssen eine Verlustanzeige ausfüllen.
Aber er ist nicht verloren, er ist nur beschädigt!
Trotzdem machen Sie das so. Es ist einfacher.
Ich füllte das Formular aus, zahlte die Gebühr, bekam den Hinweis, dass der neue Pass in zehn Tagen fertig sei.
Wie soll ich ohne Pass auskommen? Ich soll doch bald eine Prämie bekommen!
Sie können einen vorläufigen Ausweis bekommen. Aber das kostet noch eine Warteschlange.
Ich verließ das Amt wütend und erschöpft, setzte mich auf die Bank vor dem Gebäude, nahm das Handy und rief Andreas an.
Der Pass kommt in zehn Tagen. Ich habe einen halben Tag verloren.
Schon gut, du schaffst das.
Andreas, deine Mutter muss ausziehen.
Stille.
Was?
Ich halte das nicht mehr aus. Lass sie zu jemand anderem ziehen.
Sie ist noch nicht geheilt!
Sie geht schon seit einer Woche ohne Krücken.
Der Arzt hat noch nichts freigegeben!
Dann soll sie bei jemand anderem wohnen! Bei deiner Schwester zum Beispiel.
Bei Lena ist die Wohnung klein, drei Kinder!
Und wir? Wir wohnen in einer kleinen Zweizimmerwohnung! Es ist schon eng genug.
Lieschen, bitte noch etwas Geduld.
Ich kann nicht mehr! Verstehst du das? Ich kann nicht mehr!
Ich legte auf, setzte mich auf die Bank und sah die Menschen vorbeigehen. Tränen wollten kommen, aber nichts blieb mehr übrig außer Leere.
Am Abend kam ich spät nach Hause, fuhr bewusst Umwege, um die Begegnung mit Gertrud zu vermeiden. Doch sie war nicht da.
Wo ist deine Mutter?, fragte Andreas.
Sie ist zu ihrer Schwester gefahren. Sie will nicht stören.
Wie lange?
Weiß ich nicht. Vielleicht für immer.
Wir aßen schweigend, Andreas Kiefer war fest zusammengepresst, meine Schultern verkrampft. Wir wussten nicht, was wir sagen sollten.
In der Nacht schlief ich nicht. Ich dachte nach. Einerseits wollte Gertrud helfen, andererseits fragte ich mich, warum sie nie um Erlaubnis fragte, warum sie in alles hineinschnüffelte.
Am Morgen rief Gertrud an.
Lieschen, können wir reden?
Natürlich.
Ich möchte mich entschuldigen für den Pass, das Oberteil, alles. Ich sehe, dass ich über das Ziel hinausgeschossen bin.
Ich war überrascht.
Danke.
Ich habe immer alles kontrollieren wollen. Mein ganzes Leben war ich allein, habe alles selbst gemacht. Dann kam ich zu euch, wollte nützlich sein und habe übertrieben.
Gertrud, ich habe auch Fehler gemacht. Ich war zu scharf.
Doch du hattest recht. Das ist dein Haus, deine Regeln. Ich hätte fragen sollen.
Wir schwiegten einen Moment.
Kommst du zurück?, fragte ich.
Willst du, dass ich zurückkomme?
Ich überlegte und merkte, dass ich sie doch wollte.
Ja. Aber nur unter einer Bedingung: Du greifst nicht mehr ungefragt meine Sachen an und stellst nichts um, ohne zu fragen. Wenn du helfen willst, frag zuerst.
Abgemacht. Und du sagst sofort, wenn dir etwas nicht passt.
Einverstanden.
Gertrud kam am Abend mit einem Kuchen zurück. Wir drei saßen in der Küche, tranken Tee.
Meine Mutter wird bald wieder nach Hause gehen, sagte Andreas. Der Arzt hat es freigegeben.
Beeilt euch nicht, sagte ich. Bleibt noch ein bisschen, aber nach den neuen Regeln.
Gertrud lächelte.
Danke, Lieschen.
Der neue Pass kam nach zehn Tagen, frisch und unversehrt. Ich steckte ihn in meine Handtasche, in ein separates Fach, und ließ ihn nie wieder in eine Jeanstasche fallen.
Gertrud wohnte noch einen Monat bei uns, dann zog sie endlich in ihre eigene Wohnung. Beim Abschied umarmte sie mich.
Danke, dass du mich ertragen hast.
Komm doch irgendwann zu Besuch.
Gern, aber vorher sage ich Bescheid.
Als sie ging, fühlte ich Erleichterung und ein wenig Wehmut. Ich hatte mich an ihre Borschtsch, ihr lautes Fernsehgerät, ihr ständiges Treiben gewöhnt.
Andreas umarmte mich.
Danke, dass du das durchgestanden hast. Es war hart.
Ja, aber wir sind Familie. Wir müssen einander unterstützen.
Du bist eine gute Ehefrau, und deine Schwiegermutter ist eine gute Schwiegermutter. Wir haben einfach ein wenig Zeit gebraucht, um uns anzupassen.
Hin und wieder kam Gertrud zu Besuch, brachte Kuchen mit und half im Haushalt, aber immer nur, wenn sie vorher gefragt wurde. So wurde die Hilfe zu etwas Positivem und nicht zu Einmischung.
Die Geschichte mit dem Pass wurde ein Familienwitz. Wenn jemand etwas in den Taschen vergaß, sagten wir: Vielleicht ist es der zweite Pass? und lachten.
Manchmal braucht es solche ErschütterungenAm nächsten Morgen, während wir gemeinsam Frühstück schlürften, lachten wir über die verrückten Missgeschicke und wussten, dass wir nun endlich ein echtes Familienleben gefunden hatten.




