Herzlicher Besuch

21.März2025 Donnerstag

Heute früh, noch im dämmernden März, stand ich vor den gläsernen Türen der Seniorenresidenz Heller Garten in einem kleinen Ort südlich von Heidelberg. Der silbrige Reif lag noch auf den Zweigen der Linden am Eingang, und eine Hausmeisterin schob vorsichtig einen Eimer mit Tauwasser über die Kopfsteinpflaster. Ich zog meine Handschuhe an, prüfte, dass der Ausweis des privaten Sicherheitsdienstes fest im Brusttaschenfach lag, und drückte die warme Tür auf.

Vor vierzig Jahren hatte ich als Kadett das erste Mal den Platz betreten; nun, mit 55, trat ich als neuer Sicherheitsmitarbeiter in dieses luxuriöse Haus für Senioren ein. Die Militärpension reicht gerade, aber die Hypothek für die Wohnung meines Sohnes und die Medikamente meiner Frau drücken schwer auf das Einkommen. Die Weiterbildung, die ärztliche Untersuchung, das Führungszeugnis alles liegt hinter mir. Heute war meine erste Schicht.

Der Administrator Jens, ein schlanker junger Mann in tadellos gebügeltem Sakko, führte mich durch den Flur. An den Wänden hingen Reproduktionen von Caspar David Friedrich, und von der Decke her strömte ein sanftes gelbliches Licht. Ihr Posten liegt neben dem Arztzimmer, erklärte Jens. Sie protokollieren die Ein- und Austritte und sorgen dafür, dass Fremde die Bewohner nicht stören.

Ich setzte mich an den kompakten Schreibtisch mit den Überwachungsbildschirmen. Auf dem Monitor sah der großzügige Eingangsbereich aus wie ein Aquarium: Ledersessel, ein Kaffeemaschinenautomat, und an der Tür ein Plastikmodell einer lächelnden Großmutter. Ich streifte mit dem Finger über die laminierten Karten: drei Wohnflügel, Physiotherapie, Schwimmbad. Der Luxus war unbestritten, doch die Geräusche des menschlichen Lebens drangen kaum bis zu mir.

Zur Mittagszeit begleitete ich die Krankenschwester Lydia bei ihrem Rundgang und lernte einige Bewohner kennen. Der pensionierte Oberstleutnant KarlHeinz Schmitt, ebenfalls einst Diener des Bundes, war sieben Jahre älter als ich. Die ehemalige Institutsleiterin Dr. Anneliese Weber hielt ein EBook in den Händen. Beide nickten mir freundlich, doch ihre Blicke blieben wachsam, als warteten sie auf einen Befehl, der alles ändern könnte.

Nach dem Mittagessen roch die Mensa nach frischem Dill und dem Dampf der Sterilisationsgeräte. Wohlhabende Bewohner aßen DiätLachs, teilten die Stücke mit der Präzision eines Chirurgen. Hinter einer Glaswand saßen seltene Gäste Enkel in teuren Daunenjacken, die winkten, das Smartphone zuklappten und eilig zum Ausgang eilten.

Am zweiten Arbeitstag trat ich in den Innenhof. Das schwache Sonnenlicht glitzerte auf den nassen Fliesen, und Dr. Anneliese, eingehüllt in einen langen Schal, blickte den Weg entlang. Ich warte auf meine Enkelin. Die Uni ist gleich um die Ecke, aber der Weg fühlt sich an wie zum Mond, sagte sie schmunzelnd. Am Abend vermerkte der Nachtwächter, dass niemand die Wohnung von Frau Lenz betreten hatte.

Die Szenerie erinnerte mich an das Landkrankenhaus, in dem meine Mutter einst lag. Dort gab es weder Marmorböden noch importierte Trainingsgeräte, doch die Sehnsucht hallte mit demselben dumpfen Echo. Wohlstand allein rettet nicht vor Einsamkeit.

Über die Kamera des dritten Flügels beobachtete ich, wie Oberstleutnant Schmitt lange am Fenster saß, das Tablet ausgeschaltet. Am Vortag brachte sein Sohn Trockenobst, unterschrieb ein paar Formulare und fuhr nach fünfzehn Minuten wieder ab. Jetzt starrte der Vater den grauen Himmel an, als berechne er die Flugbahn einer Artilleriesalve, nur ohne Ziel.

In der Raucherecke für das Personal erzählte mir der Hausmeister Andreas: Die Bewohner dürfen jederzeit anrufen, aber viele Telefone schweigen schon lange die Familien haben die Nummern geändert. Ich nickte und notierte mir ein weiteres Puzzleteil zum Bild des stillen Zerreißens.

Am Abend brachte ich eine Packung Tee, die mein Sohn geschickt hatte, in den Gemeinschaftsraum. Die Schachtel mit dem Aufdruck Für alle stand neben einem Wasserglas, doch niemand kam, um sich eine Tasse zu gießen. Ein vertrautes Dienstgefühl drückte mich: Ich wollte eingreifen, doch welche Macht hat ein Wachmann?

In der Nachtschicht hörte ich ein gedämpftes Schluchzen aus dem dritten Stock. In der Sitzecke, während ein Fernsehserien-Glanz flackerte, wischte Frau Theresa König, die ein großes SmaragdRing trug, mit einer Serviette die Tränen ab. Soll ich die Tochter anrufen? bot ich an. Nein, sie erholt sich gerade am Meer, antwortete sie und wandte sich dem Bildschirm zu.

Bis zum Morgengrauen formte sich ein Plan in meinem Kopf. In der Kaserne organisierte ich Familienabende mit Feldküche warum nicht hier? Um acht Uhr meldete ich mich bei Jens: Wir sollten einen Tag der Familie veranstalten Lieder, Tee, Fotowand. Er stimmte zu und leitete mich an die Direktorin weiter.

Direktorin Lieselotte Krause, die mit dem Zeigefinger rhythmisch auf das Glas des Schreibtischs trommelte, hörte mir zu. Budget? fragte sie. Ich kümmere mich um die Lieferanten, die Musikanten aus der Internatsschule treten kostenlos auf. Der Zutritt bleibt bei mir. Ich sprach fest, doch innerlich vibrierte das Herz.

Die Genehmigung kam. Eine Stunde später druckte ich Einladungen. Auf den Flyern stand: Sonntag, 31.März Tag des Miteinanders. Ich verteilte sie am Empfang, rief durch das Telefonverzeichnis, sendete Fax Stille. Der erste lebendige Ton kam von der Enkelin von Dr. Anneliese: Wenn Sie alles wirklich organisieren, kommen wir. Der Auftrag war angenommen.

Der Sonntag brach an. Die Morgensonne brach durch die halbtransparenten Vorhänge des Wohnzimmers und spiegelte sich im glänzenden Fliesenboden. In den Ecken standen Vasen mit Hyazinthen, und ein leichter Frühlingsduft mischte sich mit dem Aroma frischgebackener Brötchen aus der Küche.

Ich prüfte den Saal. Die Stühle standen im Halbkreis, in der Mitte eine kleine Bühne und ein tragbarer Lautsprecher für Hintergrundmusik. Auf den Tischen dampfte Tee, daneben lagen Kuchen, die die örtliche Konditorei freundlicherweise gespendet hatte. Ich atmete tief ein: Jetzt hing alles von den Gästen ab.

Um die Mittagszeit trafen die ersten Verwandten ein. Zuerst kam die Enkelin von Dr. Anneliese mit ihrem jüngeren Bruder, brachten alte Fotoabzüge und eine große Schokoladentorte. Dr. Anneliese lächelte, als würde sie erneut ihre erste Vorlesung halten.

Kurz darauf trat der Sohn von Oberstleutnant Schmitt ein. Der ehemalige Offizier richtete sich auf, strich das Sakko glatt, als stünde er gleich im Aufmarsch. Sie umarmten sich, das Gespräch floss plötzlich leicht, ohne die übliche Anspannung.

Mit jeder neuen Familie schmolz die Atmosphäre, wie das MarchenEis. Die Großmütter diskutierten Marmeladenrezepte, die Großväter prahlten mit Dienstfotos. Wer nicht zu Besuch kam, setzte sich an den Gemeinschaftstisch ihnen schenkte man Tee und Kuchen, und ich schob die Gäste unbemerkt näher zusammen.

Am Abend, als die Sonne die Schatten im Garten zerstreute, blickte ich über den Saal. Nicht alle waren gekommen, doch genug, damit das Herz wieder schlug. Das Stimmengewirr verwandelte sich in ein warmes Gemurmel aus Telefonaten und Versprechen, im Mai vorbeizuschauen.

Lachend zwischen den Tischen bemerkte ich Frau Theresa König. Neben ihr saß ihre jüngere Schwester, die mit dem frühen Flug angekommen war. Die beiden hielten Händchen, blätterten ein altes Album, und der Stein auf dem Ring zitterte nicht mehr.

Die Schicht neigte sich dem Ende zu. Ich half den Pflegern beim Abräumen, schob einen Rollstuhl zum Aufzug, trug die Namen der Gäste ins Logbuch ein. In mir wuchs eine simple, feste Zuversicht: Für ein glückliches Leben braucht man nicht viel ein bisschen Beharrlichkeit und Respekt genügt.

Am Ausgang blieb ich noch einen Moment stehen. Im kleinen Garten drangen rosige Knospen durch den Kies. Auch sie fanden ihren Weg zum Licht. Ich lächelte und spürte zum ersten Mal, dass ich an genau dem Platz stehe, wo ich jetzt gebraucht werde.

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Herzlicher Besuch
Die Rivalin um die Sachen ist da – Ich bin Lara, wir arbeiten zusammen. Wir lieben einander und Sie stören! Geben Sie mir Petru zurück! – Und wie störe ich Sie denn? – wunderte sich Svetlana Anatóljewna ehrlich. – Fakten, bitte! – Also, nun ja… – zögerte die Rivalin. – Er will nicht von Ihnen weg! Onkel Petja, bist du denn blöd? Diese genialen Worte stammen von dem Jungen Sergej aus Vera Panovas Erzählung, nachdem der erwachsene Onkel Petja ihn mit einer Süßigkeit „bedachte“: aber der schöne Bonbon war leer… Und tatsächlich: blöd. Wie sagte doch mal ein deutscher Kabarettist: Es gibt keine psychischen Krankheiten – man ist einfach nur blöd! Dasselbe sagte Svetlana Anatóljewna zu ihrem Mann. Nicht direkt, als die neue Flamme im Haus erschien – das hat die Ehefrau sogar geschluckt! – sondern ein wenig später. Ja, es stellte sich heraus, dass ihr Peter Efimowitsch, Petja – „Hahn mit goldener Krone“, mit dem sie so viele Jahre verbracht hatte, eine Nebenbuhlerin hatte. Und die kam nicht einfach so, sondern mit Forderungen: „Wir lieben uns – geben Sie mir Ihren Mann zurück!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Svetlana schon einiges geahnt. Petru rasierte sich plötzlich täglich, früher nur jeden zweiten Tag. Er kaufte sich ein neues Parfüm und bügelte neuerdings die Jeans mit Bügelfalten. Svetlana wollte ihren Mann nicht enttäuschen und dachte sich insgeheim, dass ihm das nur recht geschähe. Und er ging – umhüllt von einem aufdringlichen Importduft – in die Nacht hinaus: Er wurde zum Nachtdienst eingeteilt! Ja, ihn – den Mittelstandsmanager! – Weißt du, Liebling, – schwärmte ihr Mann beim Abendessen, – wir sind eine kleine Baufirma und der Wächter hat gekündigt! Und das Budget ist begrenzt! Jetzt müssen wir abwechselnd nachts im Büro Wache schieben, um Diebe fernzuhalten! Ich würde lieber daheimbleiben: Dort kann man ja gar nirgends bequem schlafen! – Und wie willst du die Nacht überstehen? Im Sitzen etwa? – fragte Svetlana im bäuerlichen Ton. Petru verzog das Gesicht: Wie kann man so sprechen? „Im Sitzen“ – was soll das denn? Das ist ein veraltetes Adverb, fast schon russischer Slang! Seine Frau unterrichtete schließlich Deutsch am Berufskolleg, sie wusste Bescheid. Svetlana war klar, dass ihr Mann log. Da stimmte etwas nicht im Hause Dänemark. Sie waren fast zwanzig Jahre verheiratet. Die Tochter lebte bereits getrennt. Und jetzt würde der Mann wohl eine Geliebte haben. Gut, so etwas passiert: Wenn man sich verliebt, ehrlich gestehen und gehen! Die Wohnung gehörte Svetlana nämlich noch aus der Zeit vor der Ehe. Nun ja – kam, wie es kommen musste! Dämon im Alter und so weiter. Aber Peter hatte es nicht eilig, alles zuzugeben. Warum? Liebte er Svetlana noch? Oder hielt er die Sache für nicht ernst? Aber die Tatsache blieb: Der Mann lebte weiterhin zuhause, als wäre nichts passiert! Und erfüllte sogar die ehelichen Pflichten. Abgesehen von kleinen Indizien gab es für Svetlana keine echten Beweise für einen Seitensprung. Vielleicht bildete sie sich alles ein? Ein Parfüm! Gebügelte Hosen! Svetlana wollte schon ein Auge zudrücken, aber dann kam sie – die listige Rivalin „Raissa Zacharowna“. Petja war nicht zuhause. Svetlana war beim Putzen. Und sie – zack – stand vor der Tür! Svetlana, gutgläubig wie in ihrem Lieblingsfilm, ließ die Frau hinein: Wer weiß, warum sie kam. Soll sie erzählen, was sie will! Übrigens, später stellte sich raus, dass die „Geliebte“ fünf Jahre jünger als Svetlana war. Aber sie wirkte wie eine Frau jenseits der Vierzig! Und sie legte los: – Ich bin Lara, wir arbeiten zusammen. Wir lieben einander und Sie stören! Geben Sie mir Petru zurück! – Und wie störe ich Sie? – fragte Svetlana erstaunt. – Fakten, bitte! – Also… – zögerte die Dame – Er will einfach nicht von Ihnen weg! – Tja, das liegt aber an ihm! Ich habe nichts dagegen, sammle ihm gleich die Sachen zusammen! – schlug Svetlana vor und fragte: – Was hat er Ihnen denn erzählt? Dass ich so gut wie tot bin und er mich nicht im Stich lassen kann? – Na ja, so gut wie tot nicht –, zögerte die Besucherin –, aber fast. Ehrlich gesagt: Svetlana hatte mit Petru über das Thema nie gesprochen! Und eigentlich hatten sie beide fast gar nicht gesprochen: Alles außer dem einen Zufalls-Fremdgehen war Frucht der Fantasie… Aber Svetlana wusste das nicht. – Sehen Sie doch, mir geht’s prächtig! Also können Sie Petja ruhig haben – keinerlei Ansprüche: Morgen reiche ich die Scheidung ein! Ihnen wünsche ich alles Gute, Liebe und Glück ins Haus! – lächelte die Ehefrau. – Wirklich? – freute sich die Rivalin. – Sie sind ja so positiv! Damit hätte ich gar nicht gerechnet! Ich war auf das Schlimmste vorbereitet! „Warte nur ab, wie positiv ich wirklich bin“, dachte Svetlana und sagte laut: – Kein Problem! Wir haben großes Vertrauen zueinander! Ich respektiere Peter – und werde ihm alles sagen. Gehen Sie ruhig! Das klang wie „Ruhe in Frieden“. Die Rivalin, vor Glück ganz aufgeregt, bemerkte nichts. – Dann sagen Sie ihm, dass ich ihn heute mit seinen Sachen erwarte! – sprach Lara zum Abschied und schenkte ihrer besiegten Widersacherin ein triumphierendes Lächeln – sie hat sie „geschlagen“! – und lief ihrem Glück entgegen. – Ganz bestimmt, liebe Dame! – verabschiedete sie die Deutschlehrerin. – Warten Sie nur! Abends stand für Petru, der von der Arbeit kam, ein gepackter „Waisen“-Koffer im Flur: So viele Dinge hatte Petja gar nicht – nach der Ware die Zahlung! Am Gesicht des Mannes merkte Svetlana, dass er überhaupt nichts ahnte. Denn Peter Efimowitsch zeigte keine Anzeichen von Nervosität, küsste seine Frau wie immer und fragte: – Svetka, was gibt’s zum Abendessen? Und warum steht der Koffer im Flur? Fährst du weg? – Deine ist da gewesen! – begann Svetlana ohne Umschweife. – Wer ist „meine“? – wunderte sich Petja. – Na, die vom Nachtdienst! Mit der du immer nachts wachst! – erklärte Svetlana. – Gegen Diebstahl! Petja errötete und fragte leise: – Lara etwa? Ich habe nie mit der Nachtdienst gehabt! – Oder gibt’s da noch eine? Da bist du ja auf deine alten Tage zum Schürzenjäger geworden! – Es ist nicht das, was du denkst – begann Peter. – Und was denke ich? Sag’s mir, Messing! Na los! Sag jetzt ja nicht, dass mit ihr nichts war! Oder dass sie einfach so aufgetaucht ist? – Ich sag’s nicht! – schniefte Petja. – Es war – aber nur einmal! Erinnerst du dich, als ich mal betrunken nach Hause kam? So war’s! Ich wollte nicht – ehrlich, Svetka! Sie hat mich einfach überwältigt! Das war nur der Instinkt! Na ja, und dann… – Ich verstehe, Petja – die Liebe ist so: Wenn sie einen übermannt, kommt man nicht raus! Und wie Scharikow sagte: „Das ist was Junges!“ Und sei nicht schüchtern – ich hab’s kapiert. Übrigens, alles geklärt. Lara wartet: Ich habe dir fest versprochen, dich gehen zu lassen! – Wo soll ich gehen? – entfuhr Petja: Lara war „zugereist“ und wohnte zur Untermiete in einer WG. – Wozu gehen? – Weil man seine Gefühle nicht verstecken sollte, Peter! Ich seh’s doch! Also geh und sieben Knoten unter dem Kiel und unter allen anderen Körperteilen! – Aber ich will nicht! – klammerte sich ihr Mann. Er wollte wirklich nicht! – Oder ist es zu heiß? – stichelte Svetlana. – Schlafen bei ihr ist sicher warm? Die Kollegin war wirklich ziemlich beleibt. Beim Gespräch tupfte sie ständig mit einem bestickten Taschentuch den Schweiß oberhalb der Oberlippe ab. Petja schwieg verloren. Und mit Lara war es wirklich nur ein Alkohol-Aussetzer nach einer Firmenfeier gewesen. Von Liebe keine Spur. Aber sie begann, ihn zu verfolgen. Svetlana hatte alles logisch zusammengesetzt. Wenn Ihr wüsstet, liebe Leute, wie viele in alten DDR-Zeiten in der Psychiatrie Bräute von Udo Jürgens waren! Unzählig: Den Sternen keine Zahl, dem Abgrund keinen Grund. Und auch jetzt gibt es Verrückte genug: wie viele „Peters“ gibt es in Brasilien… Sonst waren das durchaus normale Menschen! Sie tickten nur bei ganz bestimmten Themen aus… Aber heute hatte Lara glücklicherweise frei genommen: Schließlich stand ihr ein ernstes Gespräch mit Svetlana bevor. Und Petja atmete durch – vor dem kleinen Kollegenkreis war es ihm peinlich. „Peter, probieren Sie mal die Pfannkuchen – extra für Sie gebacken! Offenbar werden Sie zuhause nicht gefüttert!“ „Wie war Ihr Wochenende? Erzählen Sie mal?“ „Ach, Sie sind mir heute im Traum erschienen! Wollen Sie wissen, was wir zusammen gemacht haben?“ „Was für ein Depp bin ich!“, quälte sich Petja. „So hab ich mich in etwas verstrickt! Ich muss wohl kündigen!“ Schon hundert Mal hatte er bereut, dem Alkohol nachgegeben zu haben! Woher hätte er wissen sollen, dass Lara so durchgeknallt war? – Gut, – gab sich die Frau gnädig, – nehmen wir an, du lügst nicht, Casanova. Und wie stellst du dir unsere Zukunft vor? Soll ich nach all dem wieder mit dir ins Bett steigen? – Ich schlafe auf der Couch! – sagte der ertappte Mann mit Überzeugung. Er wäre sogar bereit gewesen, auf dem Flur zu nächtigen – Hauptsache, Svetlana schmeißt ihn nicht raus. Und die Frau ließ es zu: Wir werden sehen! Am nächsten Tag war Samstag – Lara erschien schon am Morgen: Na, fahren wir jetzt los? Klar, gestern ging’s nicht! Peter, der ihr öffnete, war erstaunt: So schlimm stand’s also! Er versuchte an die leicht euphorische Kollegin durchzudringen: Manische Phase – nicht zu unterschätzen… – Larissa Viktoria, liebe Dame – bei den Worten zuckte Lara zusammen: Jetzt kommt’s! – gehen Sie nach Hause! Und ganz vorsichtig – heute ist glatt draußen! – Und Sie? – wunderte sich die Kollegin. – Ich bleibe hier! – sagte der Mann möglichst bestimmt. – Bei meiner Frau! – Aber wir lieben uns doch! – brachte die Frau den Hauptgrund vor. – Das ist alles Fantasie von Ihnen! Es war nie was, nie! – sagte Petja, wohl wissend, dass es doch was war. Aber beweis das mal! Nur weil sie zusammen weggegangen waren – vielleicht sind sie nachher sofort getrennte Wege gegangen? Dass Lara einen Dachschaden hatte, wusste das ganze kleine Unternehmen. Peter entschied sich, dabei zu bleiben. Lara dachte nach, schwieg und sah ihre Leidenschaft an. Bei ihnen war doch alles gut! Und die Frau hatte ihn doch freigegeben! Warum also nicht? – Auf Wiedersehen! – sagte Peter Efimowitsch und schloss die Tür. Und genau da sprach die Frau die berühmten Worte aus Vera Panovas Erzählung zu Onkel Petja. Und sie passten perfekt zur Situation. Peter machte nicht einmal den Mund auf: Schweigen ist bekanntlich Gold… Lara stand noch einen Moment vor der Tür: Vielleicht ändert er seine Meinung? Dann ging sie – etwa doch kein Glück? Leider war Peter nicht der einzige: Zwei Kollegen hatten schon vorher wegen Laras Belästigung gekündigt. Und sie hatten mit ihr überhaupt nichts! Montags erschien Larisa nicht mehr im Betrieb: Sie hatte überraschend gekündigt. Vielleicht reichten drei Versuche, um die Liebe in einer anderen Firma zu suchen. Vielleicht war sie doch nicht ganz verrückt… Peter atmete erneut auf: Er hatte schon fast selbst an Kündigung gedacht! Zum Glück war sie nicht „schwanger“ geworden… Und die gutmütige Svetlana verzieh ihrem Mann. Ja, er hatte versehentlich im Suff betrogen! Aber der Rest stimmte doch! Denn später stellte sich heraus, dass die männlichen Kollegen der Baufirma tatsächlich abwechselnd Nachtdienst im Büro machten: Der geizige Chef sparte an der Security! Und das neue Parfüm und die gebügelten Jeans hatten nichts zu sagen. Ja, einfach Zufall: So fiel das Blatt! Oder war alles Mürkes oder Magnetstürme schuld – praktisch, dass man jemandem die Schuld geben konnte… Was bleibt als Fazit? Trinkt nicht zu viel auf der Firmenfeier, Leute! Denn Liebe kann toxisch sein. Und in unserer heutigen Welt gibt’s davon genug. Zum Glück wurde er nicht erpresst. Und alles auf Mürkes schieben, klappt diesmal nicht…