Die Rivalin um die Sachen ist erschienen
Ich bin Lara, wir arbeiten zusammen. Wir lieben einander und Sie stehen im Weg! Geben Sie mir bitte meinen Peter zurück!
Wie stehe ich Ihnen denn im Weg? fragte Brigitte nervös, eine Mischung aus Empörung und echter Verwunderung. Kommen Sie mit Fakten!
Die andere Frau, eine gewisse Lara, stutzte einen Moment. Er will einfach nicht von Ihnen weggehen!
Peter, bist du denn völlig verrückt?
Dieses geniale Zitat stammt von Moritz, dem Jungen aus einem berühmten Roman von Irmgard Keun. Nachdem der Erwachsene, Onkel Peter, ihn mit einer hübsch eingewickelten, aber leeren Praline beschenkt hat
Und ehrlich gesagt, ja verrückt. Wie in einem alten Sketch von Otto Waalkes: keine psychischen Krankheiten, bloß ein bisschen verrückt!
Genau das sagte Brigitte ihrem Mann auch, allerdings nicht direkt nach der Ankunft der Nebenbuhlerin das, immerhin, hatte sie irgendwie geschluckt sondern etwas später.
Denn es stellte sich raus, dass ihr Peter Müller, der Hahn im Korb mit dem goldenen Kamm, mit dem sie fast zwanzig Jahre durch das Leben ging, eine Affäre angefangen hatte.
Sie tauchte nicht nur auf, sondern hatte auch noch Ansprüche: Wir lieben uns, überlassen Sie mir Ihren Mann!
Brigitte hatte schon Verdacht geschöpft: Peter setzte plötzlich jeden Tag seinen Rasierer ein früher wars alle zwei Tage. Er hatte ein neues Parfüm und sogar die Jeans sorgfältig gebügelt.
Brigitte verriet dem Ehemann nichts und dachte stichelnd, wie er jetzt mal schön leiden kann. Umhüllt von seinem neuen, ziemlich penetranten Duft verschwand er in die Nacht angeblich, weil er Nachtdienst hätte.
Nachtdienst! Er, der Bauleiter mittlerer Ebene!
Du verstehst, Liebling, schwärmte Peter beim Abendessen, unser Bauunternehmen ist winzig, und der Wachmann hat gekündigt! Das Budget reicht nicht für Ersatz.
Nun rotieren wir abwechselnd nachts im Büro, um Langfinger fernzuhalten! Würde viel lieber zu Hause bleiben selbst Schlafgelegenheiten gibts dort keine!
Und wie machst du das die ganze Nacht? Sitzend?, fragte Brigitte ländlich.
Peter verzog das Gesicht: Wer spricht so? Sitzend, das kann er doch nicht ernst meinen.
Aber Partizip, veraltet! Brigitte unterrichtet Deutsch an der Berufsschule; sie weiß das. Ihr Mann nicht.
Brigitte war längst klar: Peter log. Da lief was hinter den Kulissen.
Sie waren schon Jahre verheiratet, Tochter lebte längst woanders. Da hatte Peter wohl diese Beziehung angefangen.
Gut, kommt vor man verliebt sich, gibts wenigstens ehrlich zu und geht: die Wohnung gehörte Brigitte von Anfang an.
Was solls ist halt passiert! Ein Teufel im Leib, wie man sagt Aber Peter rückte nicht raus mit der Wahrheit. Warum? Liebte er Brigitte noch? Oder war das dort nicht ernst?
Fakt bleibt: Peter lebte weiter zu Hause, als sei nichts passiert und erfüllte brav seine Pflichten als Ehemann.
Bis auf ein paar kleine Hinweise gabs keinen echten Beweis für den Seitensprung.
Vielleicht bildete sie sichs ein? Neues Parfüm! Frisch gebügelte Hose! Brigitte dachte, da muss sie sich wohl zusammenreißen Doch dann kam sie die gerissene Lara.
Peter war nicht da. Brigitte wischte Staub im Wohnzimmer, als Lara eintrat und sofort loslegte: Sie fordert ihren Petra zurück!
Brigitte, gegen ihre Gewohnheit, ließ sie herein. Wie in einem Loriot-Film mal gucken, was die will!
Später würde sie herausfinden, dass Lara fünf Jahre jünger als Brigitte war sah aber eher wie eine Frau Mitte vierzig aus.
Lara erklärte sich:
Ich bin Lara, wir sind Kollegen. Wir lieben uns, und Sie behindern uns! Geben Sie mir Peter!
Wie behindere ich Sie? fragte Brigitte überrascht. Sagen Sie es konkret.
Naja, stammelte Lara. Er will einfach nicht von Ihnen weg!
Das liegt ja an ihm! Mir wärs recht, wenn er ginge ich kann seine Sachen auch gleich packen! grinste Brigitte und fragte:
Und was hat er Ihnen erzählt? Dass ich todkrank sei und er mich nicht verlassen könne?
Nicht direkt todkrank, murmelte Lara, aber ziemlich angeschlagen.
Mit Peter über Krankheit gesprochen? Nie! Eigentlich war die Beziehung fast rein fiktiv Alles, was nicht nach Zufall aussah, existierte nur in Laras Fantasie.
Aber Brigitte wusste davon nichts.
Nun sehen Sie ja, mir gehts bestens! Also können Sie Peter ruhig nehmen keine Einwände: Ich reiche morgen die Scheidung ein.
Und Ihnen grünes Licht, alles Gute, Segen ins Haus!, meinte Brigitte lächelnd.
Wirklich?, Lara war baff. Sie sind aber nett! Ich hatte schon mit Schlimmem gerechnet!
Du kennst mich noch gar nicht!, dachte Brigitte finster und lächelte weiter: Wirklich, wir respektieren uns, mein Mann und ich. Ich sag ihm alles, gehen Sie ruhig.
Das klang wie und nun ruhen Sie sanft.
Aber Lara nahm in ihrer Euphorie nichts davon wahr.
Dann richten Sie ihm aus, ich warte heute mit seinen Sachen!, verabschiedete sich Lara und schwebte, um ihre Besiegte triumphierend anzulächeln, in ihr Glück.
Aber sicher, Liebes!, versprach Brigitte, die Deutschlehrerin. Warten Sie!
Peter fand abends einen gepackten Koffer im Flur viel hatte er nicht einzupacken, nach Gegenstand das Maß.
Dem Gesicht nach ahnte Peter nichts. Keine Spur von Unruhe, er küsste Brigitte wie gewohnt und fragte:
Na, was gibts zum Abendessen? Und warum steht da ein Koffer? Fährst du weg?
Deine Freundin war da!, sagte Brigitte schnörkellos.
Meine Freundin?, Peter staunte.
Na, die Nachtwächterin! Mit der du nachts im Büro wachst! Wegen der Diebe!
Peter lief rot an und flüsterte:
Lara, etwa? Ich hab nie Nachtdienst mit ihr gehabt!
Gibts noch eine außer Lara? Du bist ja ein richtiger Schlingel im Spätherbst!
Das ist nicht, was du denkst, begann Peter.
Was denk ich denn? Los, Messing, telepathier mal! Sagst jetzt bestimmt, da war nie was, oder, dass sie einfach so kam?
Sag ich nicht! schniefte Peter. Es war einmal, nach dem Betriebsfest, du weißt doch, ich war betrunken! Aber ich wollte nicht, ehrlich, Brigitte! Sie hat einfach Das war nur Trieb!
Ich versteh, Peter Liebe, die überkommt einen, wie Polt mal sagte! Und, klar, war halt eine Jugendsünde, wie Scharwitzki meinte. Peinlich muss dir das nicht sein!
Ehrlich, Lara wartet, ich habs ihr versprochen.
Wohin soll ich dich denn entlassen? Peter erblasste: Lara wohnte zur Untermiete, irgendwo. Warum muss ich gehen?
Weil man Gefühle nicht verstecken muss, Peter! Ich sehs dir doch an! Also los, und sieben gute Vorsätze unter die Sohlen!
Aber ich will nicht! moserte Peter, und diesmal meinte er es wirklich.
Was ist los schwitzt du etwa? Zu warm zum Schlafen? stichelte Brigitte.
Lara war tatsächlich eine größere Frau und tupfte beim Gespräch pausenlos den Schweiß von der Oberlippe mit einem gestickten Taschentuch.
Peter schwieg. Mit Lara war nach dem Betriebsfest tatsächlich eine peinliche Nacht passiert. Von Liebe konnte keine Rede sein.
Aber Lara verfolgte ihn. Brigitte hatte langsam alles kombiniert, wie im Krimi.
Wenn ihr wüsstet, wie viele Bräute von Udo Jürgens in deutschen Anstalten so herumliefen. Unzählbar!
Völlig normale Leute oft nur eben auf einem Spleen total fixiert.
Zum Glück hatte Lara für Milde gesorgt: Extra Urlaub genommen, wohl für das Gespräch. Peter war froh: Die Peinlichkeit im kleinen Team war enorm.
Peter, probier mal die Eierkuchen selbst gemacht! Oder kocht deine Frau etwa gar nicht?
Wie war dein Wochenende? Reden wir drüber?
Ich hab heute von Ihnen geträumt! Wolln Sie wissen, was wir gemacht haben?
Ach du lieber Himmel! dachte Peter. Wie bin ich da reingeraten? Am besten kündigen!
Er bereute den Moment der Schwäche wer hätte ahnen können, dass Lara so daneben ist?
Gut, gab Brigitte nach, vorausgesetzt, du lügst nicht, Casanova. Wie soll es weitergehen? Glaubst du, ich kuschele nach der Aufdeckung mit dir im Bett?
Ich schlaf auf dem Sofa! versprach Peter reumütig. Er wäre für Brigitte auf der Fußmatte im Flur geblieben. Sie erlaubte es: Mal sehen, wies läuft.
Am nächsten Morgen, Samstag Lara kam schon früh: Na, fahren wir los? Gestern gings ja nicht!
Als Peter ihr öffnete, sackte ihm das Herz: Wie schlimm ist es eigentlich?
Versucht, zur Vernunft zu rufen: Manische Phasen sind kein Spaß
Frau Lara, gehen Sie lieber nach Hause! Und langsam draußen ists glatt!
Und Sie? hakte Lara nach.
Ich bleib hier! Bei meiner Frau!
Aber wir lieben uns! argumentierte Lara.
Das alles ist Fantasie! Es war nicht, war nie! sagte Peter. Er wusste, dass doch, aber was soll er machen?
Nur weil sie zusammen das Büro verließen, heißt das nichts. Vielleicht trennten sie sich sofort wieder?
Das ganze Team wusste längst, dass Lara ein Problem hat.
Peter entschloss sich, es bis zum bitteren Ende zu leugnen.
In Laras Kopf rumorten die Gedanken. Sie schwieg und starrte ihn nur an. Er ist ihr Happy End. Die Ehefrau hatte ihn ja schon freigegeben!
Warum also nicht?
Auf Wiedersehen! sagte Peter Müller und schloss die Tür.
Da sprach Brigitte kommentierend die berühmten Zeilen aus Irmgard Keuns Roman über Onkel Peter. Es passte perfekt. Peter stand da, wortlos.
Lara blieb einen Moment vor der Tür stehen. Vielleicht überlegt ers sich anders? Dann trottete sie zurück wieder nichts!
Peter war nicht Laras erstes Opfer zwei Kollegen hatten schon wegen ihr gekündigt, nur weil sie sie belästigte. Mit denen war nie was passiert!
Am Montag erschien Lara nicht mehr zur Arbeit: brachte alles mit der Personalabteilung in Ordnung. Vielleicht waren drei Versuche genug, um die große Liebe andernorts zu suchen. Wahrscheinlich war sie doch nicht völlig verrückt
Peter atmete auf: Kündigung brauchte er doch nicht! Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert
Brigitte hatte ihrem Peter vergeben. Klar, ein einmaliger Ausrutscher im Suff! Der Rest war wohl tatsächlich harmlos.
Später stellte sich heraus, dass die Männer im Bauunternehmen tatsächlich nachts Wachdienst am Schreibtisch abwechselnd schieben mussten: Der geizige Chef sparte, wo er konnte! Neues Parfüm und Peters gebügelte Jeans waren nur Zufall.
So war das eben, die Karten lagen so. Oder doch alles Schicksal, Mondsüchtigkeit, Magnetstürme Hauptsache, ein Sündenbock war greifbar.
Was lernen wir? Macht euch nicht auf Firmenfeiern betrunken, Leute!
Denn Liebe kann giftig sein. Und heutzutage gibts das unendlich oft. Wenigstens hat Lara nie erpresst.
Und auf den Merkur schieben kann mans nicht mehr Als die nächste Woche begann, schien das Leben im Hause Müller wieder in ruhigeren Bahnen zu laufen. Brigitte beobachtete Peter beim Zeitunglesen, sein Gesicht ruhig, als hätte jemand einen Pinsel genommen und alle Sorgen fortgewischt. In der Küche blubberte der Kaffee. So war die Welt wieder an ihrem Platz, wenn auch mit einer schiefen Kante.
Am Abend saßen sie gemeinsam auf dem Balkon, ein Glas Rotwein in der Hand, und Peter fragte leise: Hast du je an Trennung gedacht, Brigitte? Sie sah ihn lange an, dann schüttelte sie langsam den Kopf.
Wir haben viel zusammen gesehen. Vielleicht nicht die ganz große Romanze, aber echtes Leben. Wer weiß schon, wo die Liebe im Alltag wirklich wohnt? Sie zwinkerte und stieß ihr Glas gegen seines.
Manchmal, so wusste Brigitte, hielt ein Schicksalskoffer mehr als nur ein paar gebügelte Jeans. Vielleicht auch eine neu entdeckte Ruhe, und ein Lächeln, das nie ganz vergeht, wenn man es mit Humor würzt.
Drinnen schlief die Katze auf dem Heizkörper, draußen fiel der Abend herab wie eine Decke aus blauen Schatten. Alles war wieder normal, bis auf die leise Erinnerung an einen Koffer im Flur und an die Gewissheit, dass das Glück manchmal ein bisschen verrückt aussieht.
Brigitte nahm Peters Hand. Weißt du, sagte sie leise, es gibt Schlimmeres als eine Lara, die einmal klingelt. Und über die Balkonbrüstung hinweg wehte ein windiger Hauch, der die Blätter auf den nächsten Tag drehte.
So war es: Die Liebe rollte weiter, holprig vielleicht, aber immer noch gemeinsam. Und die Rivalin? War nur eine Fußnote in einer Geschichte, die niemand so schnell vergessen würde.





