Fremde Mutter: Eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit und Identität

Ilse, du musst mit deinem Mann zu mir kommen und die Fenster putzen, die Teppiche ausschlagen, sagt Sabine Anders bestimmt.

Ein interessantes Angebot, erwidert Ilse spöttisch, aber ich lehne ab.

Ilse, warum? fragt Hans verwirrt. Du sollst deiner Mutter helfen!

Nein, das will ich nicht!, erklärt Ilse entschlossen und vertreibt ihr Lächeln.

Wie bitte, nicht? Hans gerät noch mehr ins Schwitzen. Es ist doch deine Mutter!

Hans, wir sind seit neun Jahren verheiratet! Hast du etwa Grund, an meiner Vernunft zu zweifeln?, konfrontiert Ilse ihn direkt.

Das habe ich nicht vor, stammelt Hans und deutet unsicher zur Schwiegermutter.

Du musst mir nicht erklären, dass Mutter immer Mutter bleibt.

Warum also nicht helfen, wenn sie um Hilfe bittet?, fragt Hans.

Hast du in ihrem Satz überhaupt einen Hinweis auf eine Bitte gehört?, fragt Ilse. Sie hat gesagt, wir sollen etwas tun! Wir schulden ihr das!

Ja, wir schulden!, ruft Sabine Anders. Du bist meine Tochter, er ist mein SohninGesetz! Aber vom SohninGesetz ist die Schuld geringer! Und von einer Tochter Ich habe dich geboren, das bedeutet, du kannst deine Mutter nicht im Stich lassen!

Mmm, überlegt Ilse. Vielleicht kann ich.

Und was für eine Tochter bist du dann?, schreit Sabine Anders.

Genau so, wie du, Mutter!, antwortet Ilse.

Ilse, das ist doch schamlos!, schreit Hans. Wie kannst du so grob zu deiner Mutter reden?

Ich habe das volle moralische Recht!, behauptet Ilse. Und wenn du nicht alles weißt, würde ich an deiner Stelle nicht meine eigene Frau anschreien!

Ilse, sagt Hans ernst, ich weiß vielleicht nicht alles, aber Mutter muss respektiert werden! Und Eltern sollte man immer helfen! Unhöflich sein ist tabu. Er wirft einen Blick zur Schwiegermutter: Sabine Anders, entschuldige ihr Verhalten! Wir kommen am Wochenende und erledigen alles.

Nein, wir kommen nicht!, knallt Ilse mit der Faust auf den Tisch.

Gut, dann fahre ich allein!, sagt Hans, ohne lange zu überlegen, und übernimmt sofort die Rolle des Familienoberhaupts, das alle Entscheidungen trifft.

Wenn du zu ihr fährst, kommst du vielleicht nie mehr nach Hause!, droht Ilse und wendet sich ab.

Ach ja, nickt Sabine Anders. Meine Tochter ist wirklich ein Schatz!

Genau, das bin ich!, dreht Ilse den Kopf zur Mutter. Warum hast du nicht Klara gebeten, die Fenster zu putzen und die Teppiche auszuschlagen?

Klara? Wer ist das?, fragt Hans.

Du hast doch gesagt, du weißt nichts!, zischt Ilse. Klara ist meine Schwester! Meine leibliche Schwester!

Meine Mutter hat sich ja an mich gewandt, nicht an sie!, wirft Ilse der Mutter entgegen. Warum fragst du nicht deine Schwester, ihr zu helfen?

Hans blickt verwirrt zur Schwiegermutter, die errötet, aber nicht sofort antwortet.

Was, Mami?, neckt Ilse. Keine Worte mehr? Oder du findest nichts zu sagen? Dann helfe ich dir, weil Hans jetzt ratlos ist!

Meine Mutter wendet sich nicht an Klara, weil Klara sie vor Jahren, nach ihrer Heirat, weggeschickt hat! Das ist jetzt sechs Jahre her!, erklärt Ilse.

Genau dann, Hans, hebt Ilse die Stimme, als meine Mutter zurück in das Leben ihrer anderen Tochter kam, hast du sie kennengelernt! Erinnerst du dich?

Ach ja, stimmt!, lacht Hans. Niemand hat je über sie gesprochen, bis sie vor sechs Jahren wieder auftauchte. Ich dachte, du hast gar keine Mutter.

Deine Aufmerksamkeit ist echt ein Witz!, lacht Ilse. Du hast nie gefragt, wie das passieren konnte.

Ich wollte es nur sagen, habe es aber vergessen, gibt Hans zu. Dann ging das Gespräch weiter, aber ich habe dem nicht viel Beachtung geschenkt.

Willst du, dass ich dir alles erzähle, wie es wirklich war?, fragt Ilse hoffnungsvoll.

Nein! Nicht nötig!, schreit Sabine Anders.

Was ist los, Mama? Peinlich? Oder dein Gewissen erwacht?, fragt Ilse.

Er muss das nicht wissen! Und es geht ihn nichts an!, sagt Sabine entschlossen.

Wie kann das ihn nicht angehen, wenn er deine Fenster putzen und Teppiche ausschlagen soll?, beharrt Ilse. Ich will, dass er versteht, warum ich ablehne!

***

Wenn Eltern sich scheiden, leiden die Kinder zuerst. Das Kind bekommt eine Wunde, die nur vernünftige Eltern mildern können. Man kann Treffen vereinbaren, ohne alte Streitereien aufzuwärmen. Für das Kind bleiben die Eltern geliebt, auch wenn sie nicht mehr zusammenleben.

Eltern von Ilse und Klara haben sich nie solche Fragen gestellt sie wollten nur getrennte Wege gehen.

Ich zahle keinen Unterhalt!, erklärt Sabine.

Ich bestehe nicht drauf, aber das Gesetz sagt sonst etwas!, erwidert Hans.

Mir egal! Wenn von meinem Gehalt etwas abgezogen wird, gibst du es mir!, protestiert Sabine.

Genau, das Geld geht an die Kinder!, wirft Hans ein.

Dann versorg sie!, schreit Sabine.

Aber das sind auch deine Kinder! Die Verantwortung teilt sich!, entgegnet Hans.

Ich will nichts hören! Nicht über dich, nicht über die Kinder, nicht über Unterhalt!, schnaubt Sabine.

Erklär das dem Richter!

Die Scheidung soll in zwei Tagen beginnen. Sabine wirft nicht nur den Mann, sondern auch die beiden Kinder zwei Töchter im Alter von vier und zehn aus dem Haus. Ihr liegt einzig der Gedanke an Unterhaltszahlungen am Herzen.

Hans könnte ohne Unterhalt auskommen, weil er gut verdient, doch er genießt es, das Geld seiner ExFrau zu bekommen.

Sabine plant einen Schachzug: Sie überredet die zehnjährige Klara, zu sagen, sie wolle bei der Mutter wohnen. Sie kann ihre Schwester kaum ertragen.

Der Richter gibt den jüngeren Sohn Hans und die ältere Tochter Sabine das Sorgerecht, die jüngere Tochter bleibt bei Hans.

Am Ende hört Hans nur:

Ich habe dir gesagt, ich zahle dir nichts!

Er streitet nicht weiter, obwohl er wüsste, dass die Tochter bei ihr bleibt und er sie erziehen muss.

Klara, von ihrer Mutter manipuliert, sagt im Gerichtssaal Lügen über den Vater und die Schwester.

Natürlich ist das Kind nicht schuld. Sie hat nur wiederholt, was ihr die Mutter eingepflanzt hat.

Hans verliert eine Tochter, aber eine andere bleibt bei ihm, und die Verantwortung dafür bleibt unverändert.

Einige Zeit später versucht er, Klara zu treffen, doch Sabine lässt es nicht zu. Als er sie an der Treppe überrascht, schickt die Tochter ihn so weit weg, dass er sich vor Fremden schämt.

Seit der Scheidung hört Ilse zwanzig Jahre nichts mehr von ihrer Mutter oder Schwester. Und, überraschend, sie trauert nicht.

Hans Petrovich, ein liebevoller Vater, steckt sein ganzes Herz in die Erziehung seiner Tochter.

Ilse kann sagen, sie hatte eine wunderbare Kindheit, eine schöne Jugend und ein glückliches Erwachsenenleben. Sie fühlt sich nie verlassen oder benachteiligt, weil keine Mutter mehr da ist nicht einmal eine PflegeMutter.

Ilse schließt eine Ausbildung ab, bekommt einen Beruf, heiratet, bekommt ein Kind. Ein gutes, glückliches Leben, von dem viele träumen.

Doch Ilse hätte nie gedacht, dass ihre Mutter plötzlich wieder auftaucht. Die Mutter redet, als hätten sie sich erst letzte Woche getrennt, nicht vor zwanzig Jahren.

Das ist so überraschend, dass Ilse die Mutter ins Haus lässt, den Mann vorstellt, dem Enkel die Großmutter präsentiert und ganz normal erzählt, wie sie leben, was sie tun.

Sabine erzählt kaum etwas Besonderes, nur aktuelle Nachrichten und momentane Probleme.

Sie reden, gehen auseinander und erst danach begreift Ilse die Absurdität der Situation. Natürlich ruft sie sofort ihren Vater an.

Ich habe dir nie etwas Schlechtes über sie erzählt. Jetzt sage ich nichts mehr dazu, sagt Hans Petrovich. Ich habe dich zu einer klugen Frau erzogen. Und ich hoffe, du findest selbst heraus, warum sie hier ist und was sie wirklich will.

Ich habe mich vor zwanzig Jahren von ihr scheiden lassen, das ist nicht ohne Grund, fügt er hinzu. Vielleicht hat sie sich geändert.

Das habe ich auch nicht erwartet, antwortet Ilse. Danke, Papa.

Ruf mich, wenn du brauchst, sagt er.

Hans glaubt nicht, dass Sabine sich zum Guten wandeln kann, aber er spricht nicht darüber.

Nach dem Gespräch beruhigt Ilse sich, weil ihr Vater immer beruhigend wirkt. Sobald sie ruhiger ist, beginnt sie zu denken.

Suchen war früher mühsam, heute sind es nur ein paar Klicks im Internet. Hauptsache, man weiß, wie man sucht!

Ilse arbeitet als SoftwareEntwicklerin und sucht so gut, dass sogar Behörden neidisch wären.

Über ihre Mutter findet Ilse nichts Besonderes. Zwei Ehen, nach der Scheidung vom Vater. Zwei Kinder: Ilse und Klara.

Sie muss sowohl den Vater als auch die Mutter zu Klara befragen. Der Vater nennt nur das Alter, sonst nichts.

Sabine hat viel mehr Infos, teilt sie aber wie bei einer Vernehmung. Man bekommt ein paar Details, aber nicht mehr als bei einem Fremden.

Sie hat studiert, gearbeitet, geheiratet, zu ihrem Mann gezogen

Dann stellt sich heraus, dass Klara Geografie lehrt. In ihrer Stadt gibt es nur zwei Hochschulen, die das anbieten.

Ilse findet Klara über den Nachnamen in den sozialen Netzwerken, schreibt ihr und bittet um ein Treffen.

Du willst also, dass ich mich einmische?, bestätigt Klara. Nicht überrascht, sie kann das nicht allein schaffen! Sie braucht ein Opfer.

Wer?, fragt Ilse verwirrt.

Ein Opfer! Das ist die Person, an die sie sich klammert, um alles zu kontrollieren, grinst Klara. Ich bin nicht einfach nur geheiratet! Ich bin vor ihr weggelaufen!

Sie wollte mich heiraten, dann zurücknehmen das war ihr Plan!

Schick sie einfach weit weg und denk nicht daran, sie zurückzuholen! Sie wird lügen, bis du den Verstand verlierst! Und am Ende bist du schuld!

Ilse verlässt das Treffen nachdenklich.

Vorsicht ist Vorbereitung, sagt sie zu sich selbst.

Wenn die Mutter nach Nähe schreit, bekommt sie sie doch wenn sie übergriffig wird, gibt es eine klare Antwort.

Komisch, aber sechs Jahre lang hat Sabine nur Kontakt gesucht. Es gab kleine Gefälligkeiten, wie man sie Nachbarn anbietet.

Klara warnt noch:

Gibst du einmal nach, bist du in ihrem Netz und sie quält dich, bis du verrückt wirst. Sie hat zwei Stiefsöhne fast in ein Irrenhaus gebracht, um ihr Vermögen zu rauben.

Ilse wartet nicht ewig, aber sie wartet.

***

Ilse drängt den Vater, die ganze Geschichte zu erzählen, die er teilweise selbst erlebt hat. Er gibt schließlich nach, nachdem Ilse das Gespräch mit Klara erwähnt hat.

Als alle Fakten gesammelt sind, wartet er auf den richtigen Moment.

Hans sitzt mit offenem Mund und schaut die Schwiegermutter an. Er kann nicht begreifen, was passiert. Aber Sabines Reaktion zeigt, dass Ilse die Wahrheit sagt.

Die Frau erstarrt, ihr rotes Gesicht und Schweißperlen verraten, dass sie kein Denkmal, sondern ein Mensch ist.

Willst du immer noch zu ihr fahren und schuften?, fragt Ilse.

Hans schüttelt den Kopf.

In Ordnung, nickt Ilse ihrem Mann zu und wendet sich zur Mutter: Mama, wenn du normalen menschlichen Kontakt willst, auch wenn du ihn nicht verdient hast, leugne ich das nicht.

Aber ein weiteres Wort, dass ich dir etwas schulde, werfe ich raus und lasse dich nie wieder an die Tür.

Wie wage ich das zu sagen?, kreischt Sabine. Ich bin deine Mutter!

Alles klar!, breitet Ilse die Arme aus. Niemand hat dich zum Schweigen gebracht!, lächelt sie. Hau ab! Wenn du nochmal auftauchst, erstelle ich Anzeige wegen Belästigung.

Sabine blinzelt überrascht.

Was soll das? Beine weg? Dann helfe ich dir mit magischen Tritten bis zur Tür!

Sabine steht gerade und wirkt, als hätte sie den Rücken gebrochen. Sie versucht, Würde zu bewahren, geht zur Tür. Ilse ruft ihr nach:

Raus, du Miststück!

Sabine wirft noch einen Blick zurück, als wäre noch Kraft vorhanden.

Hans lacht, nachdem die Schwiegermutter geflüchtet ist:

Was wollte sie eigentlich?

Ilse zuckt die Schultern. Zwanzig Jahre war sie weg, jetzt taucht sie plötzlich auf und sagt, du schuldest mir! Vielleicht dankt sie ja, dass ich sie nicht mit den Tritten erwischt habe.

Na ja, Mama, murmelt er.

Auf Papier bist du meine Mutter, in Wirklichkeit bist du eine fremde Frau, fasst Ilse zusammen.

Damit ist das Thema für immer beendet.

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Homy
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