Elterngespräche aufgezeichnet: Einblick in die Familienkommunikation

Der Schlüssel klickte im Schloss, und Lena, bemüht, keinen Laut zu machen, glitt in die Wohnung. Im Flur war stockdunkel, nur ein schmaler Lichtstreifen drang aus der Küche. Die Eltern schliefen noch nicht, obwohl es längst nach Mitternacht war das wurde inzwischen zur Gewohnheit, nächtliche Gespräche hinter verschlossener Tür. Meist leise, gelegentlich in ein gedämpftes Gezanke ausartend.

Lena zog die Schuhe aus, stellte die Tasche mit dem Laptop auf den Nachttisch und schlich den Flur hin zu ihrem Zimmer. Sie wollte nicht erklären, warum sie spät heimkam, obwohl der Grund selbstverständlich war: ein Projekt im Büro hakte und die Frist drängte.

Durch die Wände drangen gedämpfte Stimmen.

Nein, Thomas, das geht so nicht mehr, flüsterte die Mutter, ihr Ton sprühte vor Ärger. Du hast das schon letzten Monat versprochen.

Lena, versteh mich, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, beschimpfte ihr Vater, der offenbar wieder eine Ausrede parat hatte.

Lena seufzte müde. In letzter Zeit stritten die Eltern ständig, doch vor ihr spielten sie das Bild einer funktionierenden Ehe vor. Sie waren schon über fünfzig, Lena war längst erwachsen trotzdem war es unangenehm zu merken, dass etwas nicht stimmte.

Sie zog sich aus, wusch sich das Gesicht und kuschelte sich ins Bett, doch der Schlaf ließ nicht zu. Immer wieder drehte sie dieselben Gedanken im Kopf: Ihr Bruder Karl lebte in München, kam selten zu Besuch. Was, wenn die Eltern sich scheiden ließen wer bekommt die Wohnung? Warum verstecken sie ihre Probleme?

Die Stimmen hinter der Wand verstummten nicht. Lena griff nach den Kopfhörern, um die fremden Gespräche mit Musik zu übertönen. Ihr Telefon rutschte vom Tisch, landete auf dem Teppich. Beim Aufheben öffnete sie aus Versehen die Diktierfunktion. Der Finger zitterte über dem Bildschirm.

Was, wenn sie das Gespräch aufzeichnen würde? Einfach, um zu wissen, was wirklich vor sich geht, statt zu spekulieren. Direkt nachfragen, würde sicher ein Alles gut hervorrufen.

Ein schlechtes Gewissen biss. Lauschen war schon mies genug, Aufzeichnen noch schlimmer. Aber es waren ja ihre Eltern, ihre Familie. Sie hatte ein Recht zu wissen, wenn etwas Ernstes im Busch war.

Entschlossen drückte Lena den Aufnahmeknopf, stellte das Telefon näher an die Wand und deckte sich mit der Decke zu.

Am Morgen, beim Anziehen, fiel ihr auf, dass beide Eltern ungepflegt wirkten. Beim Frühstück war das Gespräch nur ein Austausch von Pflichtfloskeln.

Du bist gestern spät nach Hause gekommen, bemerkte die Mutter, während sie Tee einschenkte. Wieder Überstunden?

Ja, das Projekt hat noch nachgereicht, nickte Lena. Habt ihr wenigstens geschlafen?

Film geguckt, sagte die Mutter abweisend, ohne Lena anzusehen.

Der Vater blätterte in der Zeitung, tat so, als fände er den Artikel spannend.

Heute werd ich nicht zum Abendessen zurück sein, sagte er, ohne aufzublicken. Kundenmeeting, kann länger dauern. Die Mutter zog die Lippen zusammen, schwieg aber.

Den ganzen Weg ins Büro kämpfte Lena mit der Versuchung, die nächtliche Aufnahme anzuhören. In der UBahn war es zu voll, außerdem fühlte es sich schäbig an also ließ sie es bis zum Abend liegen.

Der Tag zog sich endlos. Zu Hause erwartete sie eine leere Küche: Die Mutter war zu einer Freundin gegangen, ein Zettel erklärte, sie komme erst spät zurück. Der Vater hielt sein Versprechen und war noch immer im Büro. Perfekter Moment.

Lena sprang auf das Sofa, kuschelte sich in die Decke und drückte Play.

Zuerst nur vereinzelte Ausschnitte, dann wurde es klarer.

sollen wir es Marlene sagen?, fragte der Vater besorgt.

Ich weiß nicht, seufzte die Mutter. Ich fürchte, sie versteht das nicht. So viele Jahre

Aber sie hat ein Recht zu wissen.

Natürlich hat sie das, aber warum haben wir all das geschwiegen?

Lena stockte. Was verheimlichten sie ihr?

Erinnerst du dich, wie alles anfing?, fragte der Vater, ein leichtes Lächeln im Klang.

Natürlich, erwiderte die Mutter schmunzelnd. Ich dachte, das hält nur kurz, dann war es für immer.

Aber das Leben, das wir daraus machten, brummte der Vater. War nicht immer einfach.

Besonders seit Marlene dabei ist.

Marlenes Herz zog sich zusammen. Besonders? Sollte sie das Kind sein, das allen Kummer bringt? Oder etwas anderes?

Aber wir haben es geschafft, fuhr der Vater fort. Und sie ist zu einer wunderbaren Frau herangewachsen.

Ja, sagte die Mutter stolz, und Lena entspannte sich ein wenig. Jetzt müssen wir entscheiden, wie es weitergeht. Ich bin die Nase voll von diesem Doppelleben, Thomas.

Doppelleben? Lena fröstelte. Ein Seitensprung? Beide betrogen einander? Der Gedanke war ekelhaft.

Lena, wir warten einfach ab, bis Karl kommt, dann reden wir als Familie.

Einverstanden, sagte die Mutter. Aber danach gibt es keine Ausflüchte mehr. Entweder wir ändern alles, oder

Die Aufnahme brach ab, vermutlich weil sie das Zimmer verließen oder das Telefon ausging.

Lena saß wie betäubt da. Was ging hier vor? Warum das ständige Flüstern? Sollte sie noch ein weiteres Gespräch aufnehmen? Das wäre zu viel. Besser den Bruder anrufen. Vielleicht weiß Karl mehr. Oder Tante Ingrid, die Schwester der Mutter, die immer offen war.

Entschieden: Morgen ruft sie Karl und am Wochenende fährt sie zu Tante Ingrid.

Karl meldete sich den ganzen Tag nicht, erst am Abend kam er zurück.

Hey Lena, tut mir leid, war den ganzen Tag auf der Baustelle, Handy im Auto, sagte er fröhlich.

Wann kommst du?, fragte Lena ohne Umschweife.

Am Wochenende, warum?

Die Eltern verhalten sich seltsam. Sie reden nachts, tun so, als wäre alles okay, aber

Wie?, fragte Karl misstrauisch.

Sie flüstern von einem Doppelleben, sagte Lena.

Also du weißt, was los ist?

Nur Mutmaßungen. Aber wenn sie nicht reden, sind sie wohl noch nicht bereit. Warte bis ich da bin, okay? Ich komme Samstag, dann reden wir.

Okay, antwortete Lena zögerlich. Und was mit Tante Ingrid?

Lass sie lieber außen vor, sagte Karl schnell. Lass das zwischen uns bleiben.

Nach dem Gespräch wirkte Lena noch nervöser. Vielleicht wusste er wirklich etwas. Und warum sollte er die Tante außen vor lassen? Affäre?

Am Abend kam die Mutter lachend zurück von der Freundin.

Stell dir vor, Tobi verkauft die Wohnung!, rief sie beim Betreten. Will aufs Land ziehen, hat die Stadt satt.

Lena nickte, wusste nicht, wie sie reagieren sollte.

Würdest du gern aufs Land?, fragte sie plötzlich.

Die Mutter zögerte, dann leise: Manchmal denke ich schon. Ruhe, frische Luft, ein Garten

Und der Vater?

Frag ihn, sagte die Mutter und wurde plötzlich ernst. Er kommt heute spät nach Hause, erwart ihn nicht beim Abendessen.

Glücklicherweise kam der Vater früher zurück, als er zugesagt hatte. Lena stand gerade am Herd, als die Wohnungstür zuschlug.

Papa, willst du Tee?, rief sie.

Ja, bitte, antwortete er, während er die Krawatte abzog. Wo ist Mama?

Sie schaut einen Film, sagte Lena und goss Tee nach. Wie läuft die Arbeit?

Gut, der Kunde hat zugesagt, das Projekt startet, sagte er, ließ sich auf den Stuhl fallen. Übrigens, wir haben ein Gespräch mit dir, aber lass uns zuerst Karl abwarten.

Redet ihr über meine Scheidung?, fragte Lena unverblümt.

Der Vater runzelte die Stirn: Nein, warum denkst du das?

Ihr flüstert, Mama spricht von ‘doppeltem Leben’, sagte Lena.

Der Vater wirkte zuerst verwirrt, dann erleichtert: Marlen, das hast du falsch verstanden. Wir trennen uns nicht. Im Gegenteil, er stockte kurz. Wir planen etwas anderes. Warte bis zum Wochenende, dann erzähle ich alles.

Das ist echt?, fragte Lena skeptisch. Kein Schlimmes?

Kein Schlimmes, versprach er und drückte ihre Hand. Jetzt lass uns den Tee trinken, bevor er kalt wird.

In dieser Nacht fand Lena keinen Schlaf. Sie drehte sich, versuchte die Puzzle-Stücke aus Stimmen und Pausen zusammenzusetzen. Wenn keine Scheidung, dann was? Krankheit? Geldprobleme? Umzug? Der Gedanke ließ ihr das Herz schwer werden. Sie stand gerade erst am Anfang ihrer Karriere, hatte Freunde, liebte Berlin.

Da klopfte es leise an die Tür.

Kannst du nicht schlafen?, fragte die Mutter, die ins Zimmer kam.

Nein, hob Lena den Ellbogen. Und du? Warum bist du wach?

Denk an vieles, setzte die Mutter sich ans Bett. Wie war euer Gespräch?

Nur an Arbeit und Karl, sagte Lena. Er kommt am Wochenende.

Ich weiß, nickte die Mutter. Er hat angerufen.

Stille folgte.

Mama, seid ihr wirklich okay?, fragte Lena.

Ellen, die Mutter, lächelte seltsam: Ja, alles in Butter. Manchmal wirft das Leben uns aber Überraschungen zu, auch mit fünfzig.

Gute oder schlechte?

Beides, strich sie ihr über die Haare, wie früher. Mach dir nicht so viele Sorgen, bald weißt du alles.

Sie küsste Lena auf die Stirn und verließ das Zimmer, ließ die Tochter noch verwirrter zurück.

Das Wochenende kam plötzlich, wie ein Blitz. Karl tauchte am Samstagnachmittag, sonnengebräunt, laut und mit ein paar Geschenken, aber mit einem seltsamen Blick.

Also, Familienrat eröffnet?, witzelte er, als alle im Wohnzimmer saßen.

Die Eltern tauschten Blicke.

Ja, es wird Zeit, sagte der Vater. Wir haben Neuigkeiten.

Lena hielt den Atem an.

Wir ziehen, verkündete die Mutter.

Wohin?, fragte Lena.

Auf das Land, antwortete der Vater. Genauer gesagt nach Sankt Marienkirchen, etwa 300km von Berlin entfernt.

Warum?, drängte Lena.

Weil das unser wahres Zuhause ist, sagte die Mutter schlicht. Wir haben dort ein Haus.

Dann stellte sich heraus, dass das Haus vor fünfzehn Jahren gekauft worden war. Was als Ferienhaus begann, war zu einem echten Bauernhof gewachsen: Obstbäume, Beeren, ein kleiner Obstgarten, sogar ein Bienenstock.

Ihr habt Bienen?, staunte Lena. Und Hühner, Ziegen?

Fünfzehn Bienenstöcke, ein paar Hühner, und wir wollen eine Kuh holen, prahlte der Vater stolz.

Also seid ihr Bauern?, fragte Lena.

Genau, grinste die Mutter. Wir haben Äpfel, Birnen, Pflaumen, Himbeeren, Schwarze Johannisbeeren

Und wann geht ihr hin?, fragte Lena. Ich dachte, ihr seid immer im Büro.

Das Büro ist nicht nur das Stadtbüro, sondern auch das Feld, erklärte der Vater. Ich gehe jetzt in Rente, und mein Kollege hat HomeOffice ich bin nur noch einmal pro Woche in Berlin.

Lena wandte sich an Karl: Wusstest du das?

Natürlich, zuckte er mit den Schultern. Ich war oft dort, half beim Ausbau. Das Haus hat zwei Etagen.

Und niemand hat mir das gesagt?, ließ Lena nicht locker. Warum?

Die Eltern sahen sich an.

Weil du immer gesagt hast, du magst das Landleben nicht, flüsterte die Mutter. Erinnerst du dich, wie wir dich zur Großmutter geschickt haben? Du hast immer geweint, wolltest nach Hause.

Das war doch Kindheit!, protestierte Lena. Ich bin erwachsen!

Aber du hast nie nachgefragt, wohin wir fahren, bemerkte der Vater. Und irgendwann wurde es peinlich, dir die Wahrheit zu sagen, weil wir das Gefühl hatten, wir verheimlichen etwas.

Ihr habt mich also im Dunkeln gehalten!, rief Lena.

Am Anfang nicht, widersprach die Mutter. Wir nannten es einfach Wochenendhaus, aber es wurde zu einem ganzen Betrieb. Das war unser kleines Geheimnis.

Doppelleben, murmelte Lena, erinnerte sich an das Aufgenommene.

Genau, nickte der Vater. In der Stadt sind wir Angestellte, dort Bauern. Und wir sind glücklich.

Wollt ihr also komplett hinziehen? Und was ist mit der Wohnung?

Ich überlasse sie dir, wenn du willst, bot der Vater an. Oder wir verkaufen und teilen das Geld. Du entscheidest.

Lena lehnte sich zurück, ließ die Infos sacken.

Also hatte ihr die ganze Zeit eine ganze Farm, und ich wusste nichts davon, sagte sie sarkastisch. Super.

Marlen, wir haben das nicht absichtlich, zog die Mutter sie zu sich, drückte sie an die Schulter. Wir wollten dich nicht verletzen, dann wussten wir nicht, wie wir es sagen sollen, und dann Sie senkte den Blick. Entschuldige.

Lena schwieg, ließ alles sacken, dann fragte sie: Darf ich euer Haus besichtigen?

Natürlich!, jubelte der Vater. Schon morgen!

Morgen, bestätigte Lena. Ich komme mit euch.

In jener Nacht lag sie wieder wach. Eine Mischung aus Ärger, Neugier und Aufregung rührte sich in ihr. Sie hatte so viel verpasst, während sie Karriere und Freunde priorisierte!

Am nächsten Morgen fuhren sie los. Je weiter die Landschaft Berlin verließ, desto lebhafter wurden die Eltern. Sie plauderten über Nachbarn, über ihre agrarischen Experimente, über die selbstgebaute Sauna und die von der Mutter eingemachten Marmeladen.

Lena hörte zu und erkannte sie kaum wieder so begeistert, so echt.

Als das Auto die Feldstraße erreichte, drehte die Mutter sich zu ihr: Weißt du, wir wollten dir das schon lange sagen, besonders jetzt, wo wir umziehen. Wir hatten Angst vor deiner Reaktion.

Wir dachten, du würdest über uns lachen, ergänzte der Vater. Stadtpensionäre, die plötzlich zu Bauern werden.

Ich würde nicht lachen, sagte Lena leise.

Wir verstehen das jetzt, lächelte die Mutter. Du bist erwachsen, wir hätten dir mehr vertrauen sollen.

Das Fahrzeug hielt vor einem großen, schönen Holzhaus, umgeben von Feldern und Bäumen.

Willkommen in unserem wahren Zuhause, sagte der Vater, während er den Motor abstellte und sich zu ihr drehte. Bist du bereit, unser geheimes Leben kennenzulernen?

Lena nickte, stieg aus. Frischer Duft von Gras und Blüten schlug ihr entgegen, irgendwo muhte eine Kuh, Hühner gackerten. Karl lud bereits die Koffer aus.

Ich kann kaum fassen, dass ihr mir das ganze Leben verheimlicht habt, schüttelte Lena den Kopf. Aber wisst ihr was? Es gefällt mir.

Die Mutter umarmte sie.

Wir haben sogar ein zweites Zimmer für dich vorbereitet, falls du mal am Wochenende vorbeikommen willst.

Vielleicht sogar für den Sommer? ergänzte der Vater hoffnungsvoll.

Lena lächelte.

Dann lasst uns zuerst eure Bienen sehen. Ich will wissen, warum ihr die Stadt gegen das Landleben eingetauscht habt.

Sie gingen den Weg zum Bienenhaus und Lena spürte, dass sie vielleicht mehr gewonnen hatte, als sie verloren hatte nicht nur das Rätsel ihrer Eltern, sondern auch die Chance, ein völlig neues Leben kennenzulernen. Und wer weiß, vielleicht findet sie darin auch ihren eigenen Platz.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Elterngespräche aufgezeichnet: Einblick in die Familienkommunikation
— Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den zerstörten Gartenzaun sah, weinte sie bitterlich. Schon oft hatte sie die morsche Umzäunung mit Brettern gestützt und notdürftig repariert, in der Hoffnung, dass ihre kleine Rente irgendwann für einen neuen Zaun reichen würde. Doch es kam anders: Der Zaun war zusammengebrochen. Seit zehn Jahren hatte sie den Hof allein bewirtschaftet, seitdem ihr geliebter Mann, Peter Andreas, verstorben war. Seine goldenen Hände fehlten überall. Solange er lebte, musste sie sich um nichts kümmern; Peter war handwerklich begabt – Schreiner und Zimmermann. Alles erledigte er persönlich, so gab es nie Bedarf, einen Handwerker zu rufen. Im Dorf war er für seine Güte und seinen Fleiß hoch angesehen. Gemeinsam genoss das Paar vierzig glückliche Jahre – gerade einen Tag vor ihrem Jubiläum verstarb er. Das gepflegte Haus, die reiche Ernte aus dem Garten, das wohlversorgte Vieh – all das verdankten sie gemeinsamer Arbeit. Ihr einziges Kind, ihr Sohn Egor, war der ganze Stolz der Familie. Schon als Junge half er, ohne dazu gedrängt werden zu müssen. Wenn die Mutter müde vom Bauernhof heimkehrte, hatte er bereits Holz gehackt, Wasser geholt, den Ofen geheizt und das Vieh versorgt. Peter kam nach Feierabend, wusch sich, und trat auf die Veranda, um eine Pfeife zu schmauchen, während seine Frau das Abendessen zubereitete. Am Abend saß die Familie beisammen, tauschte Neuigkeiten aus und war einfach glücklich. Unaufhaltsam verging die Zeit, und zurück blieben nur Erinnerungen. Egor wurde erwachsen, verließ das heimatliche Haus und ging zum Studium in die große Stadt, heiratete die Städterin Ludmilla und ließ sich in der Hauptstadt nieder. Anfangs besuchte er die Eltern im Urlaub, doch später bestand seine Frau auf Auslandsreisen im Sommerurlaub – jedes Jahr. Peter Andreas ärgerte sich über die Entscheidung seines Sohnes. „Wovon ist unser Egor denn so erschöpft? Wahrscheinlich hat ihm diese Lucy den Kopf verdreht. Für was braucht er all diese Reisen?“ Der Vater war traurig, die Mutter sehnsüchtig. Doch was blieb ihnen? Sie lebten in der Hoffnung auf eine Nachricht vom Sohn. Doch eines Tages wurde Peter schwer krank. Er wollte nichts mehr essen, baute sichtlich ab. Die Ärzte verschrieben Medikamente, doch schließlich gaben sie ihn zur Pflege nach Hause zurück. Im Frühling, als die Natur erwachte und die Nachtigallen im Wald sangen, starb Peter. Egor kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, nicht rechtzeitig gekommen zu sein. Er blieb eine Woche zuhause, dann kehrte er nach Berlin zurück. In den darauffolgenden zehn Jahren schrieb er nur drei Briefe an seine Mutter. Alla blieb alleine zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an Nachbarn. Wozu sollte sie noch Vieh halten? Die Kuh blieb lange am alten Zaun stehen und hörte, wie die alte Bäuerin kläglich weinte. Alla verschloss sich im hintersten Zimmer, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände ging alles bergab: Mal tropfte das Dach, mal splitterten die morschen Dielen auf der Veranda, mal überschwemmte das Wasser den Keller … Allerhand versuchte sie selbst zu richten, soweit ihr das möglich war. Sie legte von ihrer Rente Geld für Handwerker zurück, manchmal erledigte sie kleinere Reparaturen selbst, schließlich wuchs sie auf dem Land auf und wusste sich zu helfen. So lebte sie, sparte an allen Ecken und Enden – bis das nächste Unglück über sie hereinbrach. Alla Stepanownas Augenlicht verschlechterte sich plötzlich stark, dabei hatte sie früher nie Augenprobleme. Im Dorfladen konnte sie kaum noch die Preise lesen, und nach einigen Monaten erkannte sie nicht einmal mehr das Geschäftsschild. Die Gemeindeschwester kam vorbei, konnte nur den Kopf schütteln und bestand auf einer Untersuchung im Krankenhaus. „Alla Stepanowna, wollen Sie etwa blind werden? Mit einer Operation könnten Sie Ihr Augenlicht wiedergewinnen!“ Aber die alte Dame hatte Angst vor einem Eingriff und weigerte sich, zu fahren. Nach einem Jahr war ihr Sehvermögen fast ganz verschwunden. Doch sie nahm es gelassen. „Wozu brauche ich die Welt noch zu sehen? Fernsehen tu ich sowieso bloß noch hörend. Die Nachrichten reichen mir so. Im Haus finde ich auch alles im Gedächtnis.“ Manchmal sorgte sie sich jedoch: Im Dorf gab es immer mehr unsichere Gestalten, Einbrüche in leerstehende Häuser häuften sich, alles wurde gestohlen. Alla hätte gern einen Hund gehabt, der mit seiner imposanten Erscheinung und lautem Bellen ungebetene Gäste abschreckte. Sie fragte den Jäger Sören: „Weißt du, ob der Förster Welpen abzugeben hat? Ich würde sogar den Kleinsten nehmen, ich ziehe ihn schon groß …“ Sören, der örtliche Jäger, sah die alte Frau prüfend an: „Oma Alla, wozu willst du ausgerechnet einen Husky? Die sind doch was für den Wald. Ich könnte dir einen richtigen Schäferhund aus der Stadt besorgen.“ „Die sind doch bestimmt teuer…“ „Nicht teurer als Sicherheit, Oma Alla.“ „Na, dann bring einen.“ Alla zählte ihr Erspartes zusammen und kam zu dem Schluss, dass es für einen guten Hund reichen müsste. Doch Sören war nicht sehr zuverlässig und schob das Vorhaben immer wieder auf. Sie schimpfte mit ihm wegen leeren Versprechungen, aber insgeheim hatte sie Mitleid. Er war ein bedauernswerter Kerl – ohne Familie, ohne Kinder. Seine beste Freundin war die Schnapsflasche. Sören, im gleichen Alter wie ihr Sohn Egor, war nie aus dem Dorf herausgekommen. Die Stadt war ihm zu eng. Seine größte Leidenschaft war die Jagd; manchmal blieb er tagelang im Wald. Wenn keine Jagdsaison war, verdingte er sich im Dorf: bestellte Gärten um, zimmerte, reparierte Landmaschinen. Was er bei den alten Damen verdiente, lieferte er direkt am Kiosk gegen Schnaps ab. Nach seinen Saufgelagen verschwand er im Wald, kam nach ein paar Tagen mit Pilzen, Beeren, Fischen, Kiefernzapfen zurück, verkaufte sie zu Spottpreisen und versäufte wieder alles. Dem Trinker half Alla ab und an gegen Bezahlung bei der Hofarbeit. Als nun der Zaun umfiel, musste sie wieder auf ihn zurückgreifen. „Mit dem Hund wird’s wohl noch warten müssen,“ seufzte Alla Stepanowna. „Erst muss ich Sören für den Zaun zahlen, und das Geld reicht kaum.“ Sören kam diesmal nicht mit leeren Händen. In seinem Rucksack bewegte sich etwas zwischen den Werkzeugen. Er lächelte und rief Alla. „Schauen Sie mal, was ich Ihnen mitgebracht habe.“ Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete nach dem kleinen plüschigen Kopf. „Sören, hast du mir wirklich einen Welpen gebracht?“ wunderte sie sich. „Den Besten vom Besten. Einen echten Schäferhund, Oma.“ Das Hündchen winselte und mühte sich, aus dem Rucksack zu kommen. Alla Stepanowna wurde nervös: „Aber ich habe doch gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun!“ „Jetzt nehme ich ihn doch nicht wieder mit zurück, Oma Alla! Weißt du, was ich für diesen Hund eigentlich gezahlt habe? Tausende!“ Was blieb ihr übrig? Sie musste zum Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Schnaps auf Kredit gab und ihren Namen in das Schuldenbuch eintrug. Bis zum Abend hatte Sören den Zaun fertig repariert. Alla bekochte ihn mit einem herzhaften Mittagessen und spendierte ein Gläschen. Gut gelaunt durch den Schnaps dozierte Sören, während das kleine Hündchen zusammengerollt neben dem Ofen schlief: „Zweimal am Tag muss man ihn füttern. Hol einen ordentlichen Strick, der Hund wird groß und stark. Kenn mich da aus.“ So zog bei Alla ein neuer Mitbewohner ein: Tobi. Die alte Dame schloss den Welpen schnell ins Herz, dankte es ihr mit Treue. Jedes Mal, wenn Alla in den Hof kam, sprang Tobi fröhlich an ihr hoch, wollte ihr Gesicht abschlecken. Nur eine Sache war sonderbar – der Hund wurde riesig wie ein Kalb und lernte dennoch nie zu bellen. Das bekümmerte sie sehr. „Ach, Sören! Was bist du doch für ein Hallodri! Hast mir einen untauglichen Hund verkauft!“ Doch sie brachte es nicht übers Herz, die liebe Kreatur hinauszuwerfen. Er musste ja nicht bellen. Die Nachbarshunde bellten ohnehin nicht, wenn Tobi – mittlerweile bis zu Alla Stepanownas Hüfte gewachsen – vorbeikam. Eines Tages besuchte Matthias, der Jäger aus dem Nachbardorf, das Dorf, um für den bevorstehenden Winter Jagdproviant einzukaufen. Vorbei am Haus von Alla Stepanowna, blieb er schockiert stehen, als er Tobi sah. — Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. „Ach Gott, wie dumm ich war! Dieser Betrüger Sören! Er hat mir versprochen, es sei ein waschechter Schäferhund …“ Matthias riet ihr eindringlich: „Oma, du musst ihn im Wald freilassen. Sonst passiert noch was Schlimmes!“ Die alten Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte sich den Abschied von Tobi kaum vorstellen: ein gutes, sanftes Tier – aber eben doch ein Wolf. In letzter Zeit war er nervös, zog an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Leute im Dorf sahen ihn mit Angst. Sie hatte keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in den Wald. Tobi wedelte kurz zum Abschied und verschwand im Gebüsch. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Alla weinte ihrer geliebten Kreatur nach und verfluchte Sören. Auch der war betrübt; eigentlich hatte er es gut gemeint. Als er in jüngeren Tagen im Wald auf Bärenspuren stieß, hörte er in der Nähe Winseln. Schon wollte er fliehen, aber unter den Büschen entdeckte er eine Höhle. Neben einer toten Wölfin lagen totgebissene Wolfbabys, wohl ein Bär hatte den Bau überfallen. Nur eines hatte überlebt und sich gerettet. Sören hatte Mitleid, nahm das Tier mit und brachte es später zu Alla, fest in der Hoffnung, das Tier würde groß werden und in den Wald zurückkehren. In der Zwischenzeit, so seine Überlegung, würde er der Oma einen echten Hund organisieren. Doch Matthias hatte alles kaputtgemacht. Lange traute sich Sören nicht, bei Alla zu klingeln, wanderte im Schnee um ihr Haus, während die alte Frau den Ofen heizte, um nicht zu erfrieren. Da pochte es plötzlich an der Tür. Alla tappte hin und öffnete. Vor ihr stand ein Mann. „Guten Abend, Oma. Darf ich bei Ihnen übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt.“ „Wie heißt du denn, mein Lieber? Ich sehe schlecht …“ „Boris.“ „Aber wir haben im Dorf gar keinen Boris …“ „Ich bin erst vor Kurzem hergezogen. Hab ein Haus gekauft, wollte es besichtigen, bin festgefahren – und jetzt zu Fuß durch den Schneesturm!“ „Hast du etwa das Haus vom verstorbenen Herrn Danilitsch gekauft?“ Der Mann nickte. „Ganz genau.“ Sie bat den Fremden herein und stellte den Wasserkessel auf. Nicht bemerkend, dass er den alten Buffetschrank mit begehrlichen Blicken musterte – üblicher Geld- und Wertsachenplatz auf dem Land. Als sie in der Küche hantierte, begann er, im Schrank zu wühlen. Alla hörte das leise Knarren der Tür. „Was suchst du da, Boris?“ „Es war doch eine Währungsreform! Ich helfe Ihnen nur, die alten Geldscheine loszuwerden.“ Sie runzelte die Stirn. „Unsinn. Von einer Reform war keine Rede! Wer sind Sie wirklich?“ Der Mann zückte ein Messer und hielt es ihr an den Hals. „Ruhe jetzt, Oma. Hol Geld her, Gold, Essen!“ Alla wurde angst und bange. Ein auf der Flucht vor der Polizei befindlicher Verbrecher – sie hatte ihr Schicksal besiegelt … Doch plötzlich sprang die Haustür auf: Ein riesiger Wolf stürmte herein und fiel den Räuber an. Der rief vor Schreck auf, aber ein dicker Schal rettete ihn vor dem tödlichen Biss. Der Einbrecher stach mit dem Messer nach dem Wolf, traf ihn an der Schulter. Tobi rollte zur Seite, der Verbrecher nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Im selben Moment kam Sören auf den Hof – er hatte sich zum Entschuldigen aufgemacht. Am Zaun sah er einen Mann mit Messer davonspringen, wild fluchend. Sören rannte zu Alla und fand drinnen den blutenden Wolf. Er begriff sofort und stürmte zum Dorfpolizisten. Der Dieb wurde gefasst und zu einer neuen Haftstrafe verurteilt. Tobi wurde zum Helden des Dorfes. Die Leute brachten ihm Futter, grüßten ihn auf der Straße. Der Wolf wurde nie mehr angekettet, hatte seine Freiheit – doch er kam immer wieder zu Oma Alla zurück, meistens zusammen mit Sören nach ausgedehnten Jagden. Eines Tages parkte ein schwarzer SUV vor ihrem Haus. Jemand hackte Holz – ihr Sohn Egor. Als er Sören sah, breitete er die Arme aus. Am Abend saßen alle um den Tisch, und Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, mit in die Stadt zur Operation zu kommen, um das Augenlicht wiederzuerlangen. „Na gut, wenn’s sein muss …“ seufzte die Alte. „Im Sommer kommt mein Enkel, den will ich unbedingt sehen. Sören, halte bitte Haus und Tobi in Ordnung, ja?“ Sören nickte. Tobi kuschelte sich am Ofen ein, zufrieden die Pfoten unter der Schnauze. Sein Platz war hier – bei seinen Freunden. Um keine neuen Geschichten zu verpassen, folgt uns auf der Seite! Schreibt eure Gedanken und Gefühle in die Kommentare und schenkt uns ein Like!