Eine Geliebte ist plötzlich aufgetaucht und jetzt ist da die Tochter, juble die Frau, drehte die Augen zu Runden. Und was willst du denn hier?
Ich ist mein Vater da?
Er ist nicht zu Hause. Auf Dienstreise, sagte die Frau und schloss die Tür, doch im Flur hörte Liselotte noch eine tiefe Stimme: Lutz, wer ist da?
Liselotte schmächtig, klein, zurückhaltend, leicht beeinflussbar sah ihrer Mutter Anna zum Verwechseln nach. Anna war ein wenig rundlich, gemütlich, etwas langsam, aber pflichtbewusst und streng. Sie hatte Liselotte allein großgezogen und liebte sie über alles.
Dein Vater ist unschuldig, erklärte Anna ruhig. Er hat sich in eine andere Frau verliebt. Wir werden ihm keinen Ärger machen wir schaffen das selbst.
Liselotte wollte alles über den Vater wissen, doch Annas fester Ton erstickte ihr Verlangen. Wenn er reden wollte, hätte er es getan aber kein Wort.
Anna schuftete, um das kleine Familienleben zu erhalten. Zuerst backte sie zu Hause Sondertorten, dann gründete sie eine winzige Bäckerei in der Altstadt von München.
Liselotte ließ sich nicht in das Geschäft einbinden sie besuchte eine Kunstschule, nahm Musikunterricht, schwamm im Hallenbad, entwickelte sich vielseitig. Als sie ihrer Mutter sagte, sie wolle Erzieherin in einem Kindergarten werden, lächelte Anna nur zärtlich: Das passt perfekt zu dir. Und das Brot mit Butter und Wurst, das verdiene ich mir selbst.
Kurz nach dem Abschluss an der Fachhochschule begann Liselotte zu arbeiten, da kam das Unglück. Anna verstarb an einer schweren Krankheit.
Haben Sie nicht gesehen, dass sie sich schlecht fühlt? fragte ein junger Arzt verwundert.
Nein, stammelte Liselotte. Ich habe nachgefragt, aber Mama meinte, sie sei nur müde
Und sie brach in schluchzende Tränen aus.
Warum jetzt die Schuld bei dir suchen? philosophierte ihr alter Freund Matthias. Tante Anna würde nicht wollen, dass du leidest, also hat sie nichts gesagt.
Mat Matthias und Liselotte kannten sich seit der ersten Klasse; außer ihrer Mutter hatte sie sonst niemanden.
Matthias wuchs mit einem allezeit abwesenden Vater auf, doch sie verbrachten viel Zeit zusammen. Vielleicht, weil Matthias ein unauffälliger, eher häuslicher Typ war, der mehr an Computern als an Partys interessiert war.
Ich hätte es bemerken müssen! Ich hätte Mama zum Arzt schicken sollen, schluchzte Liselotte.
Dann stellte sich heraus, dass das Geschäft und die Wohnung vollständig ihr gehörten.
Ich wusste es nicht, gestand sie Matthias, der ihr erklärte, dass die Bäckereiverwalterin ihr ein Schreiben übergeben hatte.
Hast du das Dokument unterschrieben? fragte er.
Ja, Mama bat mich, ich habe nichts hinterfragt.
Tante Anna hat wohl alles geregelt, seufzte Matthias. Trink nicht so viel. Was steht im Brief?
Der Brief war von Anna geschrieben. Sie erklärte, sie liebe ihre Tochter über alles und wolle sie nicht belasten. Außerdem nannte sie den Namen und die Adresse von Liselottes Vater: Finde ihn. Er ist ein guter Mann und wird dir helfen, wenn du ihn brauchst.
Der Vater, Alexander, lebte am anderen Ende derselben Stadt, im Norden Münchens. Sie wollten gemeinsam losfahren, doch Matthias Großmutter starb in Augsburg, und er musste eine Woche verreisen.
Warte auf mich wir fahren zusammen zu deinem Vater, bat er, bevor er ging.
Liselotte nickte, folgte aber nicht.
Die Tür öffnete eine junge, schlanke Frau in einem blauen Blazer.
Wer bist du? musterte sie die Fremde.
Alexander lebt hier? Ich bin seine Tochter, stammelte Liselotte.
Ach du meine Güte! Da ist ja diese Luder vor zwei Monaten aufgetaucht, und jetzt die Tochter und was willst du?
Ich ist mein Vater zu Hause?
Nein, er ist auf Dienstreise, schloss die Frau die Tür, doch Liselotte hörte ein Murmeln im Flur: Lutz, wer ist da?
Mit tränenden Augen verließ sie das Haus. Die Frau schien ihr Treffen mit dem Vater zu verhindern. Was nun? Soll sie ihn auf der Straße aufsuchen? Das schien ihr lächerlich.
Am nächsten Morgen rief Lydia, die Stiefmutter, selbst an und vereinbarte ein Treffen.
Deine Mutter hat deine Nummer hinterlassen sie kam damals, wollte meinen Mann sehen, aber er war wieder mal nicht zu Hause, sagte Lydia mit einem süßen Lächeln.
Ein gut gekleideter Mann in Jeans und einem schicken Pullover trat zu Liselotte. Hallo, Tochter, sagte er, du bist aber hübsch. Schade, dass wir uns unter solchen Umständen kennenlernen.
Liselotte starrte ihn an: Sie hatte nie mit einem so jungen Vater gerechnet.
Alex! Du bringst Liselotte durcheinander, lachte Lydia und sah ihren Mann liebevoll an. Gib ihr einen Moment.
Ein ganzes Stunde befragten der frischgebackene Vater und die Stiefmutter Liselotte nach ihrem Leben. Sie erzählte alles über die Mutter, die Bäckerei, den Job. Ein paar Tränen fielen, während ihr Vater tröstend den Kopf streichelte, dann erklärte sie glücklich, dass sie jetzt eine Familie sei.
Wie schaffst du das, Mädel? fragte die Stiefmutter mit Mitgefühl. Ein Unternehmen zu führen, ist nicht jedermanns Sache.
Ich führe es gar nicht, winkte Liselotte. Da gibt es eine Verwalterin, die das regelt. Ich habe keinen Schimmer, worum es geht.
Das ist kein Problem, brummte Alexander. Die nehmen dich sonst aus, das ist sicher.
Was nun?, zitterte Liselotte.
Jetzt hast du uns wir lassen dich nicht im Stich.
Ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
Am nächsten Tag unterschrieb Liselotte eine Vollmacht, den Betrieb für Alexander zu führen. Sie wartete geduldig, bis ihr Freund Matthias nach einer Woche zurückkehrte, um die frohe Botschaft zu teilen: Sie ist nicht mehr allein! Sie hat eine Familie, die sich um sie kümmert.
Am Telefon erzählte sie Matthias nichts, weil er sonst jammern würde, dass er zu lange warten musste. Stattdessen wollte sie ihm alles sofort schildern, ihn mit ihrem Vater und Lydia bekannt machen.
Kaum hatte Matthias die Schwelle ihrer Wohnung überschritten, platzte Liselotte vor Freude heraus.
Der Vater hat die Verwalterin gefeuert er räumt auf. Sie hat gestohlen, kannst du dir das vorstellen?
Nicht wirklich, murmelte Matthias besorgt.
Er ist großartig!, schob Liselotte ihn beiseite. Ich stelle dich ihm vor.
In drei Tagen kehrte Alexander von seiner Dienstreise zurück, doch er zeigte sich nicht. Sein Handy war tot.
Zuerst reagierte Lydia nicht auf Anrufe, dann war ihr Telefon auch nicht erreichbar.
Liselotte und Matthias fuhren zur Wohnung des Vaters, aber niemand öffnete die Tür.
Sascha ist sicher unterwegs, Lydia wie immer irgendwo am Rande, knurrte die mürrische Nachbarin, die die Tür zuschlug.
Etwas ist passiert, flüsterte Liselotte. Wo sonst könnten sie sein? Ins Krankenhaus, ins Leichenschauhaus?, weinte sie. Zur Polizei?
Hör auf zu jammern, seufzte Matthias. Wir werden das erst mal selbst herausfinden.
Drei Tage lang versuchte Liselotte vergeblich, ihren Vater und die Stiefmutter zu erreichen. Dann kam Matthias: Wir treffen uns in einer Stunde, wir müssen los. Er verriet ihr nichts über die Begleitung.
Zu ihrer Überraschung standen sie vor der Tür des Vaters, die von einem kurzen, etwas übergewichtigen Mann mit kahlem Kopf geöffnet wurde.
Ach, ihr seid es? blickte er kaum auf. Kommt rein.
In der Küche stand eine halb leere Flasche Korn und ein einfacher Snack.
Hast du ihr alles erzählt?, fragte der Mann Matthias.
Nein, antwortete dieser.
Erzähl es selbst, ich habe keine Kraft.
Liselotte lauschte gebannt. Es stellte sich heraus, dass Lydia tatsächlich die zweite Ehefrau Alexanders war, die er vor etwa fünf Jahren geheiratet hatte. Der Name Alex war nur ein Spitzname; sein offizieller Name war Alexander.
Er war im Haus, als Liselotte das erste Mal kam, und sie hatten wohl ein Schauspiel inszeniert, um Liselotte zu täuschen, das Geschäft und die Wohnung zu prüfen. Sie sahen in ihr ein leichtgläubiges Opfer.
Du hast dich nie vorher über deinen Vater informiert?, fragte Matthias.
Liselotte schüttelte nur den Kopf.
Das war ihr Plan.
Plötzlich wandte sich Alexander zu ihr. Bleibt die Wohnung bei dir, Kind?
Ja Papa Alex sagte, wir verkaufen sie und kaufen ein Haus, in dem wir alle zusammen wohnen.
Vielleicht verlierst du die Wohnung, fügte Matthias hinzu. Etwas hat sie aus der Bahn geworfen.
Vielleicht haben sie die Bäckerei verkauft und sind geflohen, vermutete Alexander.
Dein Freund ist ein netter Kerl, sagte der eigentliche Vater plötzlich. Er hat alles herausgefunden, ist zu mir gekommen und hat gesprochen. Wenn du ihm noch zuhörst
Liselotte wandte sich nicht an die Polizei, obwohl Matthias sie drängte. Sie blieb bei ihrem Vater, der nun normal wirkte, ein fleißiger Mann, der an diesem Tag nur wegen seiner flüchtigen Frau ein wenig getrunken hatte.
Auf seinen Rat hin überlegte Liselotte, ihren Freund genauer zu betrachten. Vielleicht würde bald ein neuer Partner in ihre Familie treten.





