Ein Mensch braucht einen Menschen

14. März 2024

Mein Telefon vibrierte plötzlich bei dem ersten zaghaften Klingeln, dann brach ein dröhnendes, unaufhörliches Klingeln los. Schon wieder?

Der Klang schnitt die Stille des Zimmers wie ein Messer durchs Brot. Ich schloss die Augen. Es war wieder sie die Dame aus den Liebesromanen, deren Name ich kaum mehr aussprechen kann: Liselotte. Wir hatten uns nur ein paar Mal getroffen, und aus dummer, flüchtiger Schwäche hatten wir Nummern ausgetauscht. Wer sonst könnte anrufen? In letzter Zeit hatte mich niemand mehr angerufen. Es war, als hätte das Leben mich aus seiner Kontaktliste gestrichen und ließ mich allein mit dieser lästigen Melodie und meinen eigenen Gedanken.

Ich drückte den Kopf in das Kopfkissen, um das Dröhnen zu ersticken. Am liebsten hätte ich das Handy aus dem Fenster geschleudert, auf den Asphalt geknallt, sodass nur noch ein Haufen Glas und Plastik liegen blieb. Wenn das eigene Leben nicht zu reparieren ist, kann man wenigstens das verbinden, das einen zur Außenwelt hält, zerschlagen.

Doch das Telefon ließ nicht nach.

Ich stand auf und ging zum Klang. Das Gerät schallte lauter, fast herausfordernd, als wolle es sagen: Na los, nimm ab! Und ich, getrieben von einem uralten Instinkt, tat es.

Ja?

Hier ists Liselotte!, erklang eine lebensfrohe Stimme, die mir fast in die Ohren schnitt. Warum hast du so lange nicht geantwortet?

Ich bin beschäftigt, murmelte ich.

Warum bist du dann dran gekommen?, fragte sie, und ich hatte das Bild einer leicht spöttischen Lächeln auf ihrem Gesicht.

Weil meine Nerven nicht aus Stahl sind!, knurrte ich. Was soll das? Du nervst mich mit deinen Anrufen!

Ich spüre, dass du zu Hause bist… und dass es dir nicht gut geht, sagte sie.

Und was fühlst du noch?, erwiderte ich mit beißendem Spott. Ich habe nur darauf gewartet, dass du anrufst.

Ich? Gewartet?, schnaufte ich.

Einfach musste ich auflegen und die hässlichsten Worte raushauen. Diese drei Wochen voller Anrufe von ihr drückten mich an den Grund meiner Existenz. Ich wollte weder arbeiten, noch faulenzen, noch essen, noch trinken. Alles, was ich wollte, war zu verschwinden wie ein Sandkorn im riesigen, gleichgültigen Fleischwolf des Lebens.

Hör zu, versiegte meine Stimme plötzlich, wurde flach und müde. Was willst du von mir? Was überhaupt?

Stille.

Nichts. Ich glaube, du brauchst Hilfe.

Hör mir nicht in den Kopf. Ich brauche deine Hilfe nicht. Überhaupt nicht.

Aber ich fühle!

Fühl doch nicht!, platzte mein Geduldsfaden. Wer glaubst du, bist du, dass du hier herumschwirrst wie eine Heilige? Geh lieber den alten Damen beim Zebrastreifen helfen, füttere streunende Katzen. Und lass mich in Ruhe! Verstanden?

Die Stille im Hörer wurde dicht, schwer. Dann ein kurzer Piepton, und sie legte auf.

Na wunderbar, dachte ich. Sie drängt sich ein, wo sie nicht gefragt wird.

An diesem Tag rief niemand mehr an. Am nächsten Tag ebenfalls nicht. Liselotte tauchte weder nach einem Tag noch nach einer Woche wieder auf.

Und die Stille, nach der ich mich gesehnt hatte, drückte plötzlich schwer auf meine Ohren. Sie war laut, allumfassend und unerträglich. Kein Ausweg, nur Einsamkeit. Ich ertappte mich dabei, wie ich abends unwillig immer wieder zum Telefon starrte, erwartend. Eine lächerliche, demütigende Hoffnung wuchs in mir: Vielleicht jetzt… vielleicht gleich…

Ich ging abends nicht mehr hinaus, aus Angst, einen Anruf zu verpassen. Was, wenn sie anruft und ich ihn nicht höre? Dann denkt sie, ich ignoriere sie, ist für immer beleidigt. Das Wort für immer jagte mir mehr Angst ein als die knurrenden Streunerhunde, die aus der Ecke zu kommen schienen, als wüssten sie um meine Schwäche.

Kurz darauf kam das zweite Ungeheuer: das Bedürfnis, alles auszusprechen. Diese schwarze, klebrige Masse in mir musste heraus. Aber wem? Dem Nachbarn? Der lebt in einer einfachen Welt aus Gehalt, Fußball und Frauen ein glücklicher Kerl.

Also sprach ich mit mir selbst, laut. In meiner leeren Wohnung hallte meine Stimme hohl und unnatürlich.

Warum ruft sie nicht?, fragte ich mein Spiegelbild im dunklen Fenster.

Du hast sie selbst weggeschoben. Grob und ohne Anstand, antwortete ich.

Aber sie rief doch jeden Tag! Das heißt, ihr war es nicht egal!

Und du hast ihr gesagt, sie sei nicht erwünscht. Du hast ihre Hand zurückgeschoben, als sie dich in deiner dunkelsten Stunde hielt.

Ich stritt, bewies, schimpfte auf mich selbst. Am Ende siegte mein innerer Kritiker und zwang mich, die harte Wahrheit zu akzeptieren: Diese Anrufe brauchten mich. Wie ein Atemzug für einen Ertrinkenden. Als Beweis, dass ich noch jemandem in dieser Welt etwas bedeutete. Nicht nur ein Gespenst.

Liselotte rief nicht mehr.

Ich saß abends und starrte einfach nur auf das Telefon. In mir dröhnte ein stiller Schrei. Bitte, ruf bitte

Das Telefon blieb stumm.

Erst gegen Mitternacht fiel ich erschöpft ins Bett, ohne ein Wunder erlebt zu haben. Im unruhigen Schlaf schien es, als hörte ich das Klingeln wieder.

Ich öffnete die Augen wie gerissen. Ich schlief nicht. Das Telefon klingelte wirklich das gleiche, unbeirrbare Klingeln. Ich packte den Hörer.

Hallo?, meine Stimme zitterte.

Hey, kam Liselottes Stimme, die ich fast vergessen hatte. Hast du mich gerufen?

Ich schloss die Augen. Ein Lächeln breitete sich langsam über mein Gesicht das erste seit Wochen. Bitter, müde, aber erleichtert.

Ja, hauchte ich. Ich glaube, ich habe dich gerufen.

Eine Pause folgte, nicht mehr die schwere, vorwurfsvollen, sondern lebendig, gespannt wie eine Saite, doch ohne Kampf. Ich hörte ihr ruhiges Atmen, mein Herz hämmerte laut und unregelmäßig.

Ich, stockte ich, suchte Worte, die weder Rechtfertigung noch neue Verletzung waren. Nur Wahrheit. Ich habe gewartet. Jeden Abend.

Ich wusste, sagte sie leise, aber bestimmt. Mir ging es auch schlecht. Aber ich habe beschlossen, nicht mehr zuerst anzurufen. Das muss deine Entscheidung sein.

Ich stellte mir vor, wie sie ebenfalls mit dem Telefon in der Hand sitzt und dem Drang widersteht, meine Nummer zu wählen. Das Bild rührte mich tief.

Entschuldige, stieß ich hervor, das Wort brannte wie glühende Kohle im Hals, doch es musste ausgesprochen werden. Dafür, dass ich mich wie ein Idiot verhalten habe.

Akzeptiert, klang ein Lächeln in ihrer Stimme. Ja, es war ziemlich grob. Ich habe fast den Wasserkocher zerbrochen aus Ärger.

Ich lachte unwillig, kurz, erleichtert. Dieser alltägliche, lebendige Moment brachte mich zurück in die Realität.

Ist er okay?, fragte ich ernsthaft.

Ja. Und ich werde ihn jetzt wie mein Augapfel hüten.

Wir schwiegen wieder, doch nun war das Schweigen beiderseitig, ein gemeinsames Lauschen.

Stefan, wurde ihr Ton wieder ernst. Was geht bei dir?

Früher hätte mich das wütend gemacht. Jetzt fühlte ich nur eine seltsame Schwäche und das Verlangen, endlich alles auszusprechen.

Alles und nichts, sagte ich, ließ mich auf den Boden sinken, an die Couch gelehnt. Die Arbeit ist zur Hölle geworden. Die Schulden wuchern wie ein Schneeball. Ich habe das Gefühl, am Rand einer Klippe zu laufen und jeden Moment abzustürzen. Und eine Leere, die mich innerlich ausbrennt. Nichts will ich. Niemand.

Ich redete lange, bruchstückhaft, ohne Tränen, nur als Diagnose eines Arztes. Zum ersten Mal seit Monaten hörte mir jemand zu ohne zu unterbrechen, ohne Ratschläge, ohne das übliche Reiß dich zusammen. Einfach nur zuhören.

Als ich verstummte, hörte ich nur ihr Atmen.

Danke, sagte Liselotte schließlich. Was hast du gesagt?

Verstehst du jetzt, warum ich nicht ganz bei Verstand war?, fragte ich mit einer bitteren Note.

Ja. Aber das entschuldigt dein Fehlverhalten nicht, erwiderte sie fest. Jetzt weiß ich, womit ich es zu tun habe. Das ist besser, als zu spekulieren.

Und was machst du jetzt damit?, fragte ich plötzlich interessiert.

Zuerst, sagte sie entschlossen, geh in die Küche, stell den Wasserkocher an. Während er kocht, öffne das Fenster. Auch nur fünf Minuten. Frische Luft ist wichtig für das Gehirn, und dir fehlt sie offensichtlich.

Ich stand auf, folgte ihrem Befehl, drückte den Wasserkocher an, öffnete das verklebte Fenster, ließ den Regen und Asphaltduft ins Zimmer strömen. Kleine Schritte, aber Schritte nach vorne zurück ins Leben.

Und ich begriff: Das ist nur der Anfang eines langen, harten Gesprächs, vielleicht sogar eines Treffens. Doch zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich nicht mehr allein in meiner zerfallenen Festung. Jemand reichte mir von außen die Hand, und ich war bereit, sie anzunehmen.

**Persönliche Erkenntnis:** Manchmal ist ein Anruf mehr als nur ein Geräusch; er kann der Anstoß sein, das eigene Leben aus den Trümmern zu holen und wieder zu atmen.

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Homy
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