**Tagebucheintrag**
Meine liebe Tochter hat mir heute gesagt, ich müsse bis morgen aus der Wohnung ausziehen.
Der Wasserkessel pfiff leise auf dem Herd, während Elke die Teebeutel sortierte. Kamille, Pfefferminze, Schwarztee mit Bergamotte Viktoria hatte sie von ihrer letzten Dienstreise nach London mitgebracht. Elke lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie ihre Tochter ihr vor fünf Jahren feierlich diese Wohnung übergeben hatte.
Jetzt hast du endlich dein eigenes Zuhause, Mama, hatte Viktoria gesagt und ihr die Schlüssel überreicht. Keine gemieteten Zimmer mehr.
Die alte Küche war längst ihr Lieblingsort geworden. Alles hier strahlte Gebügtheit aus: die abgewetzte Tischdecke, die Geranientöpfe auf dem Fensterbrett, selbst der Riss in der Fliese neben dem Herd fühlte sich vertraut an. Gerade wollte Elke sich eine Tasse einschenken, als es an der Tür klingelte.
Vor ihr stand Viktoria im strengen Businessanzug, mit perfektem Haarschnitt und einem eiskalten Gesichtsausdruck.
Mama, wir müssen reden.
Elke trat zur Seite und ließ ihre Tochter eintreten. Etwas in ihrer Stimme ließ ihr Herz enger werden.
Komm herein, Liebes. Ich habe gerade deinen Lieblingstee aufgegossen, den du aus London mitgebracht hast.
Nein, danke, Viktoria blieb mitten in der Küche stehen. Ich bleibe nicht lange. Mama, du musst die Wohnung räumen. Bis morgen.
Elke erstarrte mit dem Kessel in der Hand. Sie musste sich verhört haben.
Wie bitte?
Die Wohnung muss frei sein. Morgen. Ich kann das nicht länger hinauszögern.
Heißer Tee lief über ihre Hand, aber Elke spürte keinen Schmerz.
Viktoria, ich verstehe nicht Das ist doch mein Zuhause. Du selbst hast
Es ist nur eine Wohnung, Mama. Viktoria holte ihr Handy heraus und überflog etwas auf dem Display. Du hast hier gewohnt, aber ich kann dich nicht länger unterstützen.
Unterstützen? Elke lachte nervös. Liebes, ich zahle doch selbst die Nebenkosten, mache sauber
Mama, lass das. Viktoria verzog das Gesicht. Die Entscheidung steht fest. Lass die Schlüssel auf dem Tisch.
Sie drehte sich zum Gehen um, doch Elke packte ihren Arm:
Warte! Erklär mir wenigstens warum? Was ist passiert?
Nichts ist passiert. Es ist nur Business, Mama. Die Wohnung lässt sich teurer vermieten.
Die Tür fiel ins Schloss, und Elke blieb allein zurück. Ein Ohrensausen erfüllte ihre Ohren. Langsam sank sie auf den Hocker und starrte auf die verschüttete Teelache. In ihrem Spiegelbild tanzten die Reflexe der Abendsonne.
Wie im Traum stand sie auf und ging ins Wohnzimmer. An der Wand hingen Fotos: Viktoria auf dem Abiball, strahlend im weißen Kleid. Dort am Meer sie bauten gemeinsam eine Sandburg, und Elke lachte, während sie versuchte, sie vor den Wellen zu schützen. Damals hatte sie ihr Ferienhaus verkauft, um Viktorias Studium zu finanzieren. War das ein Opfer gewesen? Nein, nur Liebe.
Mein Kind, flüsterte Elke und strich über das Foto. Wie konnte das passieren?
Die Nacht brach herein. Mechanisch packte Elke ihre Sachen in den alten Koffer, blieb immer wieder stehen, um vertraute Details der Wohnung zu betrachten: die abgeblätterte Farbe in der Ecke, die sie nie gestrichen hatte, das warme Licht der Lieblingslampe, den Schatten der Geranie an der Wand Jedes Detail erschien ihr plötzlich unendlich kostbar.
Tief in ihrem Herzen glomm die Hoffnung, dass am Morgen das Telefon klingeln und Viktoria sagen würde, es sei ein Irrtum gewesen. Ein dummer Scherz. Doch das Telefon schwieg, und die Uhr tickte unerbittlich die letzten Stunden in dem Ort weg, den sie ihr Zuhause nannte.
Die erste Nacht war stickig. Elke saß auf einer Parkbank, den abgewetzten Koffer fest an sich gedrückt, und blickte zu den Sternen. Irgendwo schliefen Menschen in warmen Betten, und sie Mein Gott, wie war es nur so weit gekommen?
Die Schlüssel hatte sie auf dem Küchentisch zurückgelassen, sorgfältig mit einem Tuch poliert. Irgendwie schien es wichtig, dass sie glänzten. Vielleicht würde Viktoria es bemerken und sich erinnern, wie ihre Mutter sich immer um die kleinen Dinge gekümmert hatte.
Guten Abend, sagte eine raue Stimme neben ihr. Elke zuckte zusammen. Ein bärtiger Mann in einer abgetragenen Jacke setzte sich ans andere Ende der Bank. Keine Angst, ich will nur kurz sitzen. Sie übernachten auch hier?
Elke presste den Koffer fester an sich.
Nein, was denken Sie ich bin nur spazieren.
Der Mann grinste: Um drei Uhr nachts? Mit Koffer?
Ja, stellen Sie sich vor, versuchte Elke zu lächeln, doch ihre Lippen zitterten. Ich liebe nächtliche Spaziergänge.
Verstehe. Er holte einen Apfel aus der Tasche und reichte ihn ihr. Wollen Sie? Frisch gewaschen, direkt am Brunnen.
Elke schüttelte den Kopf, doch ihr Magen knurrte verräterisch. Sie hatte seit gestern früh nichts mehr gegessen.
Übrigens, ich bin Stefan, sagte der Mann und biss in den Apfel. Seit drei Monaten auf der Straße. Meine Frau hat mich rausgeschmissen. Und Sie?
Meine Tochter, antwortete Elke leise und wunderte sich über ihre eigene Offenheit.
Hm. Stefan schüttelte den Kopf. Kinder heutzutage Die sind irgendwie anders. Mein Sohn ist in Amerika, warte seit zwei Jahren auf einen Anruf.
Bis zum Morgen wurde es kalt. Elke döste, an die Bank gelehnt. Stefan war längst gegangen, hatte ihr einen zweiten Apfel und die Adresse eines Obdachlosenheims dagelassen. Dort ist es warm, hatte er gesagt, und manchmal gibt es Essen.
Als es hell wurde, stand sie auf und reckte die steifen Beine. Wohin? Ins Heim wollte sie nicht, nein Vielleicht Hanna? Die Nachbarin war immer freundlich gewesen, kam manchmal auf einen Tee vorbei
Der Anruf an der vertrauten Tür im fünften Stock fiel ihr schwer. Mehrmals hob und senkte Elke die Hand, bevor sie sich traute.
Elke?, fragte Hanna im bunten Morgenmantel. Mein Gott, was ist passiert? Sie sehen ja furchtbar aus!
Hanna, ihre Stimme zitterte. Könnte ich ein paar Tage bei dir bleiben?
In Hannas kleiner Küche roch es nach Zucker. Sie buk Brötchen am Morgen galt sich etwas Gutes.
Ach du meine Güte, schüttelte Hanna den Kopf, während sie Elkes wirre Geschichte hörte. Ich habe es dir immer gesagt du hast sie verwöhnt. Erinnerst du dich, wie sie dich an deinem Geburtstag angeschnauzt hat? Und du nur mein Kind, mein Kind
Hör auf, Hanna.
Nein, Elke! Hanna knallte die Tasse auf den Tisch. Wie lange willst du dich noch belügen? Sie war schon immer so. Erinnerst du dich, wie du ihr all deine Ersparnisse für ihre Hochzeit gegeben hast? Sie hat nicht einmal Danke gesagt!
Elke starrte aus dem Fenster, wo die Stadt langsam erwachte. Irgendwo dort draußen eilten Menschen zur Arbeit, hatten ein Zuhause, eine Familie, Sicherheit
Du schaffst das, Elke, Hanna legte ihr die Hand auf die Schulter. Du hast immer alles





