Marina fuhr über Weihnachten und Silvester zu ihren Eltern – und die Verwandten ihres Mannes tobten vor Wut, als sie erfuhren, dass sie das Fest nun selbst vorbereiten müssen

Martina fuhr über Silvester zu ihren Eltern und die Schwiegerfamilie war empört, als sie erfuhren, dass sie dieses Jahr das Festessen selbst kochen sollten.

Glaubst du, ich merke nichts?

Martina stellte diese Frage am Abend, während sie Einkaufstaschen aus dem Supermarkt auf den Küchentisch legte. Viktor saß auf dem Sofa, tief im Handy versunken und zuckte höchstens mit den Schultern.

Was meinst du denn?

Ich meine, dass ich jetzt sieben Jahre lang jedes Silvester am Herd stand, während deine Mutter mit Ute am Tisch saß und sich fragte, warum ich so gealtert bin. Damit ist jetzt Schluss.

Jetzt schaute Viktor doch hoch.

Was redest du denn? Das ist Tradition! Mama kommt, Ute bringt ihre Familie mit und die Kinder auch. So macht das die Familie.

Nein, das ist *deine* Familie. Ich war immer die Küchenhilfe. Diesmal fahre ich mit Konsti zu meinen Eltern. Mein Vater hat eine Eisbahn gebaut und der Junge freut sich seit Oktober aufs Schlittschuhlaufen. Du kannst mitkommen oder dableiben überlass ich ganz dir.

Viktors Gesicht nahm die Form einer Saarlandkarte an.

Das meinst du ernst? Martina, das kannst du doch nicht machen! Alles ist auf uns ausgerichtet. Mama hat schon das Essen besorgt, Ute bringt die Geschenke. Du ruinierst das Fest für alle!

Martina drehte sich zu ihm um, ein Netz Zwiebeln in der Hand, und ließ es mit Karacho auf den Tisch knallen.

Für alle? Viktor, mir ist das ehrlich gesagt völlig wurscht. Ich bin achtunddreißig und habe keine Lust mehr, so zu leben, dass es nur für andere praktisch ist.

Das ist aber deine Aufgabe als Ehefrau! Wer soll denn dann kochen?

Keine Ahnung. Vielleicht deine Mutter? Oder Ute? Oder du selbst, du großer Familienvorsteher.

Viktor verschränkte die Arme, dann grinste er triumphierend.

Du fährst eh nicht. Das hältst du keine zwei Tage durch. Wahrscheinlich bist du morgen wieder ganz die Alte.

Darauf antwortete Martina nichts. Sie drehte sich nur um. Viktor seufzte, zuckte mit den Schultern und starrte wieder aufs Handy. Dass Martina einfach *durchzieht* damit rechnete er nicht.

Aber sie zog durch.

Am 30. Dezember morgens weckte Martina ihren Sohn Konsti früh.

Zieh dich an. Wir fahren zu Opa.

Konsti hüpfte aus dem Bett.

Echt? Zur Eisbahn? Kommt Papa mit?

Nein, Papa bleibt zu Hause.

Konsti runzelte kurz die Stirn, dann war ihm das auch relativ egal.

Darf ich Dimi aus der Schule fragen, ob er mit kann?

Na klar.

Viktor trat aus dem Schlafzimmer, als Martina gerade den Koffer schloss.

Was soll das werden?!

Was ich gesagt habe. Wir fahren jetzt.

Das ist doch verrückt! Komm mal wieder runter!

Sie blickte Viktor eiskalt und erschreckend gelassen an.

Ich bin *genau* richtig runtergekommen. Seit sieben Jahren war ich komplett drüber.

Sie schnappte sich die Reisetasche, winkte Konsti zu sich und stand schon im Flur, als Viktor noch ungläubig starrte. Dann fiel die Tür. Er blieb zurück in einer Wohnung, die plötzlich zu groß wirkte.

Am 31. Dezember um fünf Uhr nachmittags suchte Viktor panisch in der Küche nach einem Anhaltspunkt, wie ein Brathähnchen denn nun tatsächlich gewürzt werden musste. Im Kühlschrank: so leer wie der Bundestag in der Sommerpause. Martina hatte absichtlich gar nichts eingekauft. Er griff zum Telefon.

Mama, kannst du früher kommen? Ich schaffe das nicht. Martina ist zu ihren Eltern, ich bin komplett allein.

Klang aus dem Hörer: so frostig wie eine Berliner U-Bahn-Station im Januar.

Wie, sie ist weg? Viktor, du bist wohl größenwahnsinnig! Ich stehe doch nicht am Herd an Silvester! Das ist doch die Pflicht der Schwiegertochter. Sorg gefälligst dafür, dass sie sofort zurückkommt!

Aber Mama, ich kann das echt nicht…

Nicht mein Problem. Ich komme um acht, wie immer. Und der Tisch hat gedeckt zu sein.

Klick. Gespräch beendet. Viktor starrte das Handy an, ratlos. Zehn Minuten später rief Ute an ihr Tonfall hätte auch im Orchester als Tusch durchgehen können.

Das meinst du ernst? Mama hat alles erzählt! Martina ist weg, und wir sitzen dann bei dir vor einem leeren Tisch? Glaub bloß nicht, ich stelle mich in eine fremde Küche! Da bin ich doch nicht deppert!

Ute, warte doch mal…

Nichts warte! Wir fahren zu Mama und nehmen sie gleich auf dem Weg mit. Wir feiern Silvester diesmal ohne deine Theaterkünste. Mach was du willst mit deiner Emanzentante.

Klick. Ende der Vorstellung. Vor Viktor lagen eine halb aufgetaute Pute und Gemüse, das vermutlich einmal aus Bayern stammte und jetzt ein trauriges Dasein in seiner Spüle fristete. Um halb sechs war dann auch dem letzten Rest Übermut in ihm klar: Heute bleibt er wirklich allein.

Abends um acht zog er sich seinen Mantel an und fuhr zu Martinas Eltern. Auf dem Beifahrersitz eine Flasche Sekt und eine Packung Pralinen aus dem Supermarkt eine einzige Verzweiflungstracht. Vor dem Haus blinkten Lichterketten, auf der Eisbahn liefen Jungs waghalsige Pirouetten. Konsti mittendrin, prall wie ein Klöße und mit roten Backen.

Viktor schellte. Martinas Vater Werner ließ ihn rein.

Na, da bist du ja endlich. Was stehst du denn draußen rum, es ist eiskalt wie im Gefrierfach!

Drinnen duftete es nach Braten und Tannenzweigen. In der Küche schnippelten Martina und ihre Mutter Salate, daneben hantierten zwei Männer Oleg, der Gatte der jüngeren Schwester, und Herr Weber von nebenan. Es wurde gelacht und Glühwein aus dicken Tassen getrunken. Martina musterte Viktor: Ihr Blick war freundlich neutral, ohne Groll und (leider für ihn) ohne jeden Hoffnungsschimmer.

Setz dich.

Viktor ließ sich niedersacken. Werner schenkte Tee ein.

Na? Kochst du mit, oder willst du nur zuschauen?

Ich kann doch gar nicht kochen…

Der Schwiegervater grinste breit.

Und? Glaubst du, ich bin als Küchenprofi auf die Welt gekommen? Chefkoch wird man durch Übung. Nimm die Kartoffeln und schäl los.

Viktor stellte sich unsicher an die Spüle. Martina reichte ihm ein Messer, ohne ein Wort. Oleg klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.

Wird schon. Erster Kartoffelsalat da war ich fünfunddreißig! Jetzt macht meine Frau Urlaub, wenn ich in der Küche bin.

Viktor warf einen Seitenblick auf Martina. Sie stand mit geraden, stolzen Schultern da: nicht zusammengefallen, nicht abgehetzt ganz einfach befreit. So hatte er sie ewig nicht mehr gesehen.

Das Silvesterfest war laut und herrlich chaotisch. Konsti wich Opa kaum von der Seite: alle halbe Stunde auf die Eisbahn. Martina trug ein rotes Kleid, das Viktor bislang in der heimischen Garderobe nie bemerkt hatte. Sie trank Sekt, lachte, erzählte mit ihrer Schwester alte Geschichten. Kein einziges Mal sprang sie auf, um irgendwem noch irgendetwas zu reichen.

Viktor schwieg meist, schaute Martina zu und begriff: Hier war sie jemand ganz anderes. Nicht der Packesel seiner Mutter und Ute, sondern eine fröhliche Frau in ihrer eigenen Familie.

Auf der Rückfahrt am 9. Januar begann Viktor das Gespräch.

Es tut mir leid.

Martina drehte den Kopf. Schneebedeckte Felder zogen vorbei.

Wofür?

Dafür, dass ich nicht gesehen habe, wie es dir ging. Dafür, dass ich Mama und Ute habe auf dir rumtrampeln lassen. Dafür, dass ich das für normal hielt.

Martina schwieg einen Moment.

Glaubst du das gerade, weil du willst, dass ich wieder den alten Trott mache? Oder hast du es wirklich verstanden?

Viktor umklammerte das Lenkrad.

Ich habs verstanden. Ich hab gesehen, wie deine Familie alles gemeinsam macht. Wie Oleg abspült und lacht. Wie du kein Dienstmädchen bist, sondern einfach Tochter. Mir war das unangenehm.

Martina nickte. Sie sprach nicht weiter, aber das war schon mehr als genug.

Ein Jahr später, 30. Dezember, abends: Das Telefon klingelte. Viktors Mutter.

Viktor, wir kommen morgen gegen acht wie immer. Sag Martina: Sie soll ruhig mehr kochen. Ute und ich kommen ausgehungert!

Viktor schaute rüber zu Martina. Sie stand am Fenster, packte den Weekender. Konsti schlief schon, sein Rucksack wartete an der Tür.

Mama, wir sind nicht da.

Was heißt das, ihr seid nicht da?! Ist doch Silvester!

Wir haben eine neue Tradition. Wir feiern, wie wir wollen auch mal woanders. Diesmal fahren wir mit den Peters auf die Berghütte Winterwunderland. Falls du Gesellschaft willst du weißt, wos ist.

Stille. Dann war Mamas Stimme so beleidigt wie ein deutscher Dackel mit leerem Futternapf.

Wie, einfach so? Und ich? Und Ute? Sind wir jetzt Luft?

Ihr seid keine Fremden. Aber wir leben nicht mehr nach deinen Regeln. Ich hab dich lieb, Mama, aber ich tue nicht mehr so, als wäre das alles normal. Denn Martina und ich, wir wollen auch leben, nicht nur funktionieren.

Das hat sie dir eingeredet! Früher warst du nicht so!

Früher war ich blind.

Er legte auf. Martina drehte sich um. Ein Lächeln huschte über ihren Mund.

Ernsthaft?

Ja.

Das Handy klingelte weiter erst die Mutter, dann Ute, dann wieder. Viktor schaltete einfach auf lautlos und steckte es weg. Sie fuhren noch in derselben Stunde los, draußen tanzten dicke Flocken. Konsti träumte auf dem Rücksitz von Eiskunstläufern, Martina schaute in die Nacht. Und Viktor? Führte den Wagen und fühlte sich das erste Mal seit Jahren niemandem etwas schuldig.

Die Peters empfingen sie auf der Hütte mit lautem Hallo, Lachen und guter Laune. Der kleine Essraum duftete nach Tanne und Raclette. Die Peterskinder liehen Konsti ihren Schlitten. Martina schlüpfte in gemütliche Kleidung, schenkte sich ein Glas Sekt ein und setzte sich vor den Kamin. Viktor ließ sich daneben plumpsen.

Denkst du, Mama nimmt uns das übel?

Martina zuckte leicht mit den Schultern.

Kann sein. Ist aber nicht mehr unser Problem. Du hast dich entschieden.

Viktor nickte. Ein bisschen Schuldgefühle, aber noch stärker war die Erleichterung. Zum ersten Mal seit Jahren war alles möglich.

Am nächsten Morgen schrieb Ute: Nicht Viktor, sondern Martina.

Du hast unsere Familie zerstört. Mama weint seit zwei Tagen. Die Kinder fragen, warum wir nicht zu euch kommen dürfen. Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden, du Egoistin.

Martina las die Nachricht, reichte das Handy Viktor. Der verzog das Gesicht.

Lass sie schreiben.

Martina antwortete trotzdem.

Ute, ich habe sieben Jahre für euch das Fest geschmissen. Nie wollte jemand helfen. Jetzt motzt du, weil ich nicht mehr den Hampelmann mache? Überleg mal, wer hier wirklich egoistisch ist.

Es kam keine Antwort.

Im März stand Konstis Geburtstag vor der Tür. Viktor rief Mutter und Ute an und lud sie ein. Beide erschienen mit Miene wie Labskaus nach drei Tagen im Kühlschrank. Beim Essen vorbereiten kam Martina aus der Küche.

Wer beim Salat helfen will, darf jetzt in die Küche kommen. Das Gemüse ist schon vorbereitet.

Ute verschränkte die Arme.

Ich bin Gast. Kochen ist nicht meins.

Martina hob die Schultern.

Dann gibts das Essen später. Ich schaffs, aber halt nicht so flott.

Viktor stand als Erster auf und ging in die Küche. Konsti rutschte mit. Schwiegermutter nestelte nervös an ihrer Serviette, Ute tippte im Smartphone. Zehn Minuten vergingen. Stimmen schallten aus der Küche Gelächter und Geschnipsel.

Irgendwann hielt es Schwiegermama nicht mehr aus, stand missmutig auf und ging hinterher. Nach fünf Minuten kam Ute hinterher. Martina reichte ihr wortlos ein Messer.

Schneid mal die Gurken. Schön dünn.

Ute übernahm wortlos. Schwiegermutter spülte ab, Viktor brutzelte das Fleisch, Konsti deckte den Tisch. Zum ersten Mal seit Jahren tat jeder was frei von Ansprüchen, Erwartungen, alten Zöpfen.

Eine halbe Stunde später saßen sie am Tisch. Einfaches Essen, aber mit Herz. Ute war auffallend stumm, aber Schwiegermama taute etwas auf, lachte sogar, wenn Konsti von der Schule erzählte.

Am Ausgang blieb sie stehen. Schaute Martina lange an.

Irgendwas ist anders an dir.

Ich rede nur nicht mehr drum herum.

Ein Auge leuchtete, dann verschwand sie im Mantel. Ute folgte, ohne sich zu verabschieden. Martina wusste: Etwas war anders. Nie wieder würden sie sie für selbstverständlich nehmen. Denn Viktor hatte sich geändert. Und wenn einer sich wandelt, kann sich alles wandeln.

Am Abend saßen Martina und Viktor in der Küche. Er schenkte ihr Tee ein, setzte sich.

Glaubst du, sie hat’s jetzt verstanden?

Ob deine Mutter? Keine Ahnung. Aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass dus verstanden hast.

Viktor nahm ihre Hand.

Hab ich. Und es geht nie mehr zurück.

Martina lächelte. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich leicht. Nichts war mehr, wie es war aber das war gut. Sie war niemandem mehr etwas schuldig. Sie lebte so, wie sie es wollte.

Draußen schneite es wieder. Irgendwo in der Stadt grübelte die Schwiegermutter, warum sich ihr Sohn so verändert hatte, und Ute jammerte, Martina wäre respektlos geworden. Keine von beiden begriff aber: Martina war nicht anders geworden. Sie hatte nur aufgehört, es allen recht zu machen. Und das war ihr gutes Recht ein Stück Freiheit, das nicht im Krach errungen, sondern durch ein einfaches Nein erkauft worden war. Die Welt war davon nicht untergegangen.

Im Gegenteil sie war ehrlicher geworden.

Viktor schaute Martina an und wusste: Sie hatte nicht nur sich gerettet. Sie hatten sich beide gerettet. Denn ein Leben nach fremden Erwartungen ist kein Leben es ist ein Dahinvegetieren. Und sie? Sie hatten sich fürs Leben entschieden.

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Homy
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Marina fuhr über Weihnachten und Silvester zu ihren Eltern – und die Verwandten ihres Mannes tobten vor Wut, als sie erfuhren, dass sie das Fest nun selbst vorbereiten müssen
„Lass doch nach, du bist doch die Ältere!“ – Wenn Gerechtigkeit in der Familie zur Prüfung wird