Das war ihr erstes Wort

Das war ihr erstes Wort

Schon wieder ein Mädchen? Was für ein Scherz!, warf meine Schwiegermutter Helga Schröder das UltraschallErgebnis auf den Tisch. In unserer Familie haben vier Generationen Männer bei der Bahn gearbeitet! Und was hast du da gebracht?

Ein Mädchen, flüsterte Lena, während sie ihren Bauch streichelte. Wir nennen sie Liesl.

Liesl, wiederholte die Schwiegermutter. Ein ganz normaler Name. Aber was soll das Kind denn? Wer braucht denn dein Liesl?

Thomas, mein Mann, sah stumm auf sein Handy. Als ich ihn nach seiner Meinung fragte, zuckte er nur mit den Schultern: Was es gibt, das ist es. Vielleicht kommt beim nächsten Mal ein Junge.

In mir zog sich etwas zusammen. Ein nächstes Mal? Sollte das kleine Wesen nur eine Generalprobe sein?

Liesl kam im Januar zur Welt winzig, mit riesigen Augen und einem Tupfer dunklem Haar. Thomas war nur zur Entbindung erschienen, brachte ein Bouquet Nelken und einen Sack mit Babykram.

Schön, sagte er vorsichtig, während er ins Kinderbett blickte. Sie erinnert dich.

Und dein Schnauzbart, lachte Lena. Und das störrische Kinn.

Ach, lass gut sein, wischte Thomas ab. Alle Kinder sind in diesem Alter gleich.

Helga begegnete uns zu Hause mit finsterer Miene. Die Nachbarin Karla wollte wissen, ob es ein Enkelsohn oder eine Enkeltochter ist. Peinlich, das zu sagen, brummte sie. In meinem Alter spielt man noch mit Puppen

Lena zog sich in ihr Kinderzimmer zurück und weinte leise, drückte das Baby an ihre Brust.

Thomas arbeitete immer mehr. Er nahm zusätzliche Schichten in benachbarten Werkstätten an, weil die Familie teuer zu halten sei, besonders mit einem Kind. Nachts kam er erschöpft und wortkarg nach Hause.

Sie wartet auf dich, sagte Lena, wenn er an dem Kinderzimmer vorbeiging, ohne hineinzuschauen. Liesl erwacht immer, wenn sie deine Schritte hört.

Ich bin müde, Lena. Morgen muss ich früher zur Arbeit.
Aber du hast dich nicht einmal bei ihr gemeldet
Das Kind versteht das noch nicht.

Doch Liesl verstand. Lena sah, wie das Kleine den Kopf zur Türdrehe wendet, sobald Vaters Schritte zu hören waren, und dann lang in die Leere starrte, wenn die Schritte fern wurden.

Im achten Monat erkrankte Liesl. Zuerst stieg die Temperatur auf 38°C, dann auf 39°C. Lena rief den Rettungsdienst, doch der Arzt meinte, man könne zu Hause fiebersenkende Mittel geben. Am Morgen kletterte das Thermometer auf 40°C.

Thomas, steh auf!, drängte Lena ihn. Liesl geht es furchtbar schlecht!

Wie spät ist es?, blinzelte Thomas kaum wach. Sieben. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Wir müssen ins Krankenhaus!

Schon so früh? Können wir bis zum Abend warten? Ich habe heute eine wichtige Schicht

Lena blickte ihn an, als wäre er ein Fremder.
Deine Tochter brennt vor Hitze, und du denkst an deine Schicht?
Sie stirbt ja nicht! Kinder werden doch häufig krank.

Lena rief selbst ein Taxi.

Im Krankenhaus legten Liesl sofort auf die Intensivstation. Sie vermuteten eine schwere Entzündung eine Rückenmarkspunktion war nötig.

Wo ist der Vater des Kindes?, fragte die Oberärztin. Wir brauchen die Zustimmung beider Eltern.
Er arbeitet gerade. Kommt gleich.

Lena rang den ganzen Tag an Thomas Handy, doch er war nicht erreichbar. Erst um sieben Uhr abends meldete er sich.

Lena, ich bin im Depot, unterwegs
Thomas, bei Liesl ist Meningitis! Wir brauchen deine Einwilligung zur Punktion! Die Ärzte warten!
Was? Welche Punktion? Ich verstehe nichts
Komm sofort! Jetzt sofort!
Ich kann nicht, meine Schicht geht bis elf. Danach habe ich noch ein Treffen mit den Kollegen

Lena legte den Hörer heimlich weg.

Die Zustimmung schrieb nur die Mutter sie hatte das Recht. Die Punktion wurde unter Vollnarkose durchgeführt. Liesl wirkte winzig auf dem großen OPTisch.

Die Ergebnisse kommen morgen, sagte der Arzt. Falls es Meningitis ist, dauert die Behandlung lange etwa anderthalb Monate im Krankenhaus.

Lena blieb über Nacht im Krankenhaus. Liesl lag bleich unter der Infusion, ihr Brustkorb hob und senkte sich kaum.

Thomas erschien am nächsten Tag zum Mittagessen, zerzaust, müde.
Wie läufts? Was gibts Neues?
Schlecht, gab Lena knapp zurück. Die Laborwerte sind noch nicht da.
Was haben sie ihr getan? Was war das
Eine Rückenmarkspunktion. Man hat Flüssigkeit aus dem Rücken entnommen.

Thomas wurde blass.
Hatte sie Schmerzen?
Unter Narkose. Hat nichts gespürt.

Er trat ans Bett, blieb stehen. Liesl schlief, ein kleiner Arm lag über die Decke, ein Katheter bis zum Handgelenk befestigt.

Sie ist so klein, murmelte Thomas. Ich hätte das nie gedacht.

Lena schwieg.

Das Labor zeigte, dass keine Meningitis vorlag nur eine gewöhnliche Virusinfektion mit Komplikationen. Die Behandlung könne zu Hause weitergehen, unter ärztlicher Aufsicht.

Glück gehabt, sagte die Oberärztin. Ein bis zwei Tage Verzögerung, und es wäre schlimmer gewesen.

Auf dem Heimweg schwieg Thomas. Erst als das Auto vor dem Haus hielt, fragte er leise:
Bin ich wirklich so ein schlechter Vater?

Lena richtete das schlafende Kind gemütlich und sah Thomas an.
Und du?

Ich dachte, es bleibt noch viel Zeit. Sie ist klein, versteht nichts. Und dann, er verstummte. Als ich sie dort mit den Schläuchen sah, wurde mir klar, was ich verlieren könnte.

Thomas, sie braucht einen Vater, nicht nur einen Ernährer. Einen Vater, der ihren Namen kennt, der weiß, welches Spielzeug sie liebt.

Welches? fragte er leise.

Ein Gummihörnchen und ein GlöckchenRassel. Wenn du nach Hause kommst, kriecht sie immer zur Tür, wartet darauf, dass du sie hochhebst.

Thomas senkte den Blick.
Ich wusste das nicht.

Jetzt weißt du es.

Zuhause wachte Liesl auf und weinte leise. Thomas wollte sie instinktiv halten, zog sich aber zurück.
Darf ich?, fragte er Lena.
Sie ist deine Tochter.

Vorsichtig nahm er das Kleine in die Arme. Das Mädchen schluchzte, beruhigte sich dann und betrachtete sein Gesicht mit großen, ernsten Augen.

Hallo, Kleine, flüsterte Thomas. Entschuldige, dass ich nicht da war, wenn du Angst hattest.

Liesl legte die Hand an seine Wange. Thomas spürte, wie sich sein Hals zusammenzog vor einer fremden, aber tiefen Empfindung.

Papa, sagte sie plötzlich klar.

Das war ihr erstes Wort.

Thomas blickte mit weit geöffneten Augen zu Lena.
Sie sie hat gesprochen

Seit einer Woche, lächelte Lena. Aber nur, wenn du nicht zu Hause bist. Sie hat wohl auf den richtigen Moment gewartet.

Am Abend, als Liesl in den Armen ihres Vaters eingeschlafen war, legte Thomas sie behutsam ins Bett. Das Kleine drückte im Schlaf fest seinen kleinen Finger.

Sie will mich nicht loslassen, staunte Thomas.

Sie hat Angst, dass du wieder weggehst, erklärte Lena.

Er saß noch eine halbe Stunde am Bett und ließ den Finger nicht los.

Morgen nehme ich mir einen freien Tag, sagte er zu Lena. Und übermorgen auch. Ich will meine Tochter besser kennenlernen.

Und die Arbeit? Noch Schichten?

Wir finden einen anderen Weg zu verdienen. Oder wir leben sparsamer. Wichtig ist, dass wir nicht verpassen, wie sie wächst.

Lena umarmte ihn.
Besser spät als nie.

Ich würde mir nie verzeihen, wenn etwas passiert und ich nicht einmal wüsste, welches Spielzeug sie liebt, flüsterte Thomas, während er die schlafende Tochter ansah. Oder dass sie Papa sagen kann.

Eine Woche später, völlig genesen, gingen die drei in den Stadtpark. Liesl saß auf Thomas Schultern und lachte, schnappte nach den herabfallenden Herbstblättern.

Schau, wie schön, Liesl!, zeigte Thomas auf die gelben Ahornbäume. Und da hinten ein Eichhörnchen!

Lena ging neben ihnen und dachte daran, dass man manchmal fast alles verlieren muss, um zu begreifen, wie wertvoll das Glück ist.

Helga Schröder erwartete sie zu Hause mit missmutigem Blick.
Thomas, mir hat Karla gesagt, ihr Enkel spielt schon Fußball. Und deine nur mit Puppen.

Meine Tochter ist die Beste der Welt, erwiderte Thomas gelassen, setzte Liesl auf den Boden und reichte ihr das Gummihörnchen. Und Puppen sind doch wunderbar.

Die Familie könnte zerbrechen

Sie zerbricht nicht. Sie geht weiter, nur in anderer Form.

Helga wollte widersprechen, doch Liesl kroch zu ihr und zog an den Ärmeln.

Oma!, rief das Mädchen und strahlte breit.

Die Schwiegermutter nahm die Enkelin verwirrt in die Arme.
Sie sie spricht!, staunte sie.

Unsere Liesl ist sehr klug, prahlte Thomas stolz. Stimmts, meine Kleine?

Papa!, jubelte sie und klatschte in die Hände.

Lena sah das Bild und dachte daran, dass Glück manchmal durch Prüfungen kommt. Und dass die größte Liebe die ist, die nicht sofort entsteht, sondern langsam reift, durch Schmerz und die Angst, etwas zu verlieren.

Am Abend sang Thomas leise ein Schlaflied. Seine Stimme war rau, fast brüchig, doch Liesl lauschte mit weit geöffneten Augen.

Du hast nie vorher für sie gesungen, bemerkte Lena.

Früher habe ich viel verpasst, antwortete Thomas. Jetzt habe ich Zeit, das Versäumte nachzuholen.

Liesl schlief ein, hielt fest den Finger ihres Vaters. Thomas blieb still im Dunkeln, hörte ihren Atem und dachte daran, wie viel man verpasst, wenn man nicht rechtzeitig inne hält und erkennt, was wirklich wichtig ist.

Liesl schlief und lächelte im Traum jetzt wusste sie genau, dass ihr Papa nie verschwindet.

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Homy
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Das war ihr erstes Wort
Mein Schwiegervater war sprachlos, als er sah, wie wir leben