Der Ruhestand legt die jahrelang angestaute Einsamkeit offen.
Sobald ich in den Ruhestand ging, begannen die Probleme, heißt es: Wie das Alter eine lange Zeit aufgestaute Einsamkeit ans Licht bringt
Ich bin sechzig. Zum ersten Mal fühle ich mich, als wäre ich für meine Kinder, meine Enkelkinder, meinen ExEhemann und sogar für die Welt gar nicht mehr da und doch existiere ich. Ich gehe zur Apotheke, kaufe Brot, kehre den kleinen Hof hinter dem Fenster. Innen jedoch herrscht Leere, die mit jedem Morgen schwerer zu tragen ist, seit ich nicht mehr zur Arbeit eilen muss. Niemand ruft an und fragt: Mama, wie gehts dir?
Ich lebe allein schon seit vielen Jahren. Meine Kinder sind erwachsen, haben eigene Familien und wohnen in anderen Städten: Mein Sohn lebt in Lyon, meine Tochter in Marseille. Meine Enkel wachsen auf, doch ich kenne sie kaum. Ich sehe nicht, wie sie zur Schule gehen, stricke ihnen keine Schals mehr und erzähle ihnen abends keine Geschichten. Nie wurde ich zu ihnen eingeladen. Nie.
Eines Tages fragte ich meine Tochter:
Warum willst du nicht, dass ich komme? Ich könnte bei den Kindern helfen
Sie antwortete kühl und gelassen:
Mama, du weißt doch Mein Mann mag dich nicht. Du mischst dich immer ein, und du hast deine Art
Ich schwieg. Es war beschämend, schmerzhaft. Ich wollte nur in ihrer Nähe sein, nicht aufdrängen. Und dann die Worte: Er mag dich nicht. Weder die Enkel noch die Kinder. Es war, als wäre ich ausgelöscht. Selbst mein ExEhemann, der im Nachbardorf wohnt, findet nie Zeit für ein Treffen. Einmal im Jahr ein kurzer Geburtstagsgruß fast wie eine Pflicht.
Als ich in den Ruhestand ging, dachte ich: Endlich Zeit für mich. Ich will stricken, morgens spazieren gehen, Malstunden nehmen, wie ich immer geträumt habe. Stattdessen brachte die Zeit nicht Freude, sondern Angst.
Zuerst kamen unerklärliche Anfälle: Herzrasen, Schwindel, plötzliche Todesangst. Ich besuchte Ärzte, ließ MRT und EKGUntersuchungen machen. Nichts. Ein Arzt sagte schließlich:
Das liegt in Ihrem Kopf. Sie sollten mit jemandem reden, Kontakte pflegen. Sie sind allein.
Das war schlimmer als jede Diagnose, weil es kein Medikament gegen Einsamkeit gibt.
Manchmal gehe ich zum Supermarkt, nur um die Stimme der Kassiererin zu hören. Dann setze ich mich auf die Bank vor dem Gebäude, tue so, als lese ich, in der Hoffnung, dass jemand mit mir spricht. Aber alle hetzen, laufen vorbei. Und ich bleibe dort, atme, erinnere mich
Was habe ich falsch gemacht? Warum hat sich meine Familie von mir abgewandt? Ich habe sie allein großgezogen. Ihr Vater ging früh. Ich arbeitete Tag und Nacht, kochte, bügelte Uniformen, pflegte sie im Krankheitsfall. Ich trank nicht, feierte nicht. Alles für sie. Und jetzt bin ich nutzlos.
Vielleicht war ich zu streng? Zu kontrollierend? Ich wollte nur das Beste: verantwortungsbewusste Menschen. Ich schützte sie vor schlechten Einflüssen, vor Fehlern. Und nun stehe ich hier, allein.
Ich suche kein Mitleid, nur ein Verständnis: Bin ich eine so schlechte Mutter? Oder ist es einfach die Zeit, in der jeder seine eigenen Sorgen, Kredite, Schule, Aktivitäten hat und für die Mutter keinen Platz mehr findet?
Man rät mir manchmal: Finde einen Mann, melde dich bei DatingSeiten. Doch das geht nicht mehr. Ich habe kein Vertrauen mehr. Jahrzehnte der Einsamkeit haben meine Kraft erschöpft, mich zu öffnen, zu lieben, einen Fremden aufzunehmen. Und meine Gesundheit ist nicht mehr wie früher.
Arbeiten kann ich nicht mehr. Früher gab es Kollegen Gespräche, Lachen. Jetzt herrscht Stille, so drückend, dass ich den Fernseher einschalte, nur um eine Stimme zu hören.
Manchmal denke ich: Was wäre, wenn ich verschwinde? Würde es jemand bemerken? Meine Kinder, mein Ex, die Nachbarin im dritten Stock? Der Gedanke macht mich ängstlich, weint mich aus.
Dann stehe ich auf, gehe in die Küche, mache mir einen Tee und denke: Vielleicht wird morgen besser. Vielleicht denkt jemand an mich, ruft an, schreibt. Vielleicht zähle ich noch für jemanden.
Solange ein Funken Hoffnung bleibt, bin ich noch am Leben.




