Nach der Schicht

Nach der Fabrik

Die Sommerhitze lag schwer über der Stadt, auch wenn sich abends die Sonne hinter der Reihe von Plattenbauten verbarg und die Luft leichter wurde. Die Fenster standen weit offen, auf der Fensterbank eine Schüssel mit geschnittenen Tomaten und Gurken die Wohnung roch nach dem frischen Duft vom Markt. Draußen hörte man Stimmen: Streit vor dem Hauseingang, Kinder, die auf dem Asphalt Fußball spielten, und ein gedämpftes Lachen aus der Nachbarwohnung.

Ludmilla Sergejewna, Ingenieurin mit zwanzig Jahren Berufserfahrung, saß am Küchentisch und starrte auf ihr altes Handy. Seit dem Morgen drehten sich die Gespräche in den Stadt-Chats nur um eines: Was würde mit der Fabrik passieren? Gerüchte machten die Runde von Entlassungen war die Rede, von einer möglichen Verkaufsabsicht. Doch heute war die Unruhe besonders greifbar. Ihr Mann, Alexej, schnitt schweigend Brot. Er war nie ein großer Redner, besonders wenn es um Arbeit ging.

Glaubst du wirklich, sie machen dicht?, fragte Ludmilla und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten doch sie zitterte trotzdem.

Alexej zuckte mit den Schultern. Er konnte nicht einmal zum Zwecke der Beruhigung lügen.

Wenn sie nicht schließen wollten, hätten sie längst was gesagt. Die Lohnverzögerungen kommen nicht von ungefähr

Ludmilla erwischte sich dabei, wie sie die Tage bis zur nächsten Lohnzahlung zählte. Vor einem Monat hatten sie noch über eine Badsanierung gesprochen, jetzt hing die Sorge in der Luft: Würde es für Lebensmittel reichen, wie sollten sie die Nebenkosten bezahlen?

Am Abend kamen die Kinder nach Hause: die ältere Tochter Irina nach ihrer Schicht in der Apotheke und der Sohn Kostja er war gerade aus der Bezirkshauptstadt zurückgekehrt, wo er Logistik studiert hatte. Er brachte Tüten mit Lebensmitteln und einen Ordner voller Papiere mit.

Beim Arbeitsamt heißt es, falls die Fabrik schließt, gibt es Umschulungen für Leute wie uns. Sie stellen schon Listen zusammen

Ludmilla spürte einen Stich der Verärgerung bei diesem Leute wie uns. Als würden sie alle plötzlich in eine Schublade gesteckt und müssten von vorn anfangen.

In der Küche wurde es eng: Jeder redete über seine eigenen Themen und unterbrach die anderen. Die Tochter beschwerte sich über die gestiegenen Preise in der Apotheke, der Sohn schlug vor, sich in einem neuen Lager zu bewerben angegenblich suchten sie Leute für die Warenverwaltung.

In diesem Moment lief die Nachrichtenmelodie im Fernsehen. Alle verstummten. Auf dem Bildschirm erschien der Bürgermeister:

Die Fabrik stellt den Betrieb ein. Auf dem Fabrikgelände soll ein Logistikzentrum entstehen

Der Rest ging in einem dumpfen Rauschen unter. Ludmilla sah nur die Gesichter ihrer Familie: Alexej presste die Lippen zusammen, Irina wandte sich zum Fenster, Kostja erstarrte mit dem Ordner auf den Knien.

Im Hintergrund knallte eine Wohnungstür die Nachricht verbreitete sich schneller als jede offizielle Bekanntmachung.

Die Nacht verbrachte Ludmilla schlaflos. Sie erinnerte sich an ihre erste Schicht in der Fabrik: die Angst, am Fließband einen Fehler zu machen, der Stolz auf das Abzeichen Bester Arbeiter. All das wirkte wie aus einem anderen Leben. Sie setzte sich langsam auf die Bettkante, zog die Decke um die Schultern und ging leise in die Küche. Das Licht der Straßenlaterne fiel schräg durchs Fenster, berührte die leere Schüssel auf dem Tisch, den alten Kalender an der Wand, der noch immer auf den Monat zeigte, in dem alles begonnen hatte zu bröckeln. Draußen war es still geworden kein Lachen, kein Fußballgekicke, nur das ferne Rattern eines fahrenden Lastwagens, der Richtung Autobahn fuhr. Morgen würde sie zur Fabrik gehen, nicht um zu arbeiten, sondern um Abschied zu nehmen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: