Heike leckte die weiße Creme vom Teelöffel.
„Frau Brandt, Sie sind jetzt Rentnerin. Sie haben keine großen Ausgaben. Jörg und ich haben beschlossen, die Unterstützung zu kürzen.“
Auf dem Tisch stand eine Torte für 180 Euro. Gekauft aus Giselas Rente.
Gisi starrte in die leere Tasse. Der Tee war längst kalt. In ihrem Inneren klickte es trocken.
„Was heißt kürzen?“, fragte Gisela.
Heike legte den Löffel beiseite und tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab. Ihre Bewegungen waren langsam und herrisch.
„Im Wortsinn. Gestern ist Ihre erste Rente eingegangen. 2100 Euro. Die Wohnkosten betragen 500. Für Essen reicht das locker. Wofür mehr?“
Jörg saß daneben. Er starrte auf seinen Teller und stocherte mit der Gabel in den Biskuitresten.
„Jörg, denkst du auch so?“, fragte Gisela.
Der Sohn zuckte mit den Schultern.
„Mama, wir zahlen eine Hypothek. Der Wagen ist finanziert. Heike muss zum Zahnarzt. Du sitzt zu Hause. Du brauchst weder eine Monatskarte noch neue Kleider.“
Gisela schob sich eine Papierserviette zurecht und nahm einen Stift.
„Ich sitze zu Hause. Mit euren Kindern.“
„Aber Sie sind doch die Oma!“, empörte sich Heike. „Das ist doch Ihre Freude!“
„Die 1500 Euro, die ihr mir gegeben habt“, sagte Gisela und schrieb die Zahl auf die Serviette. „Das war keine Hilfe. Das war der Lohn für meine Arbeit.“
Heike lachte kurz auf. Nicht vor Vergnügen. Vor Wut.
„Ach bitte. Jetzt schalten Sie in den Buchhalter-Modus. Was für Arbeit? Sie sitzen bei Ihren leiblichen Enkeln!“
„Vierzig Stunden pro Woche. Dazu hole ich sie aus der Kita ab. Dazu koche ich ihnen aus meinen eigenen Vorräten das Mittagessen.“
„Wir haben Ihnen Enkel geschenkt!“, die Stimme der Schwiegertochter schoss in die Höhe.
„Die habt ihr für euch selbst bekommen, Heike.“
Jörg knallte die Gabel auf den Tisch.
„Mama, fang nicht an. Heike hat recht. Die eigene Mutter für die Zeit mit den Enkeln zu bezahlen, ist absurd. Wir überweisen kein Geld mehr. Punkt.“
Gisela stand wortlos auf, ging zur Kommode, öffnete die oberste Schublade und holte ein Schlüsselbund heraus.
Sie trat an den Tisch und warf die Schlüssel vor ihren Sohn. Das Metall klirrte auf dem Teller.
„Was ist das?“, fragte Jörg mit gerunzelter Stirn.
„Die Schlüssel zu eurer Wohnung. Da ich jetzt nur noch die liebe Oma bin und keine kostenlose Nanny, ändert sich mein Einsatzplan.“
Heike bekam rote Flecken am Hals.
„Wie soll ich das verstehen, Frau Brandt?“
„Ganz einfach. Ab morgen bringt ihr Timo und Lotte selbst in die Kita. Krankentage übernehmt ihr selbst. Die Wochenenden gehören den Kindern und euch.“
„Ich arbeite!“, knurrte die Schwiegertochter.
„Ich habe auch gearbeitet. Vierzig Jahre im Werk. Jetzt ruhe ich mich aus.“
Gisi ging zur Wohnungstür und öffnete sie.
„Tee getrunken? Torte gegessen? Der Ausgang ist da.“
Jörg stand zuerst auf, das Gesicht rot. Er riss seine Jacke von der Garderobe.
„Das wirst du bereuen, Mama. Du wirst anrufen, wenn du einsam bist.“
Gisela Brandt antwortete nicht. Sie knallte die Tür zu und drehte den Schlüssel.
Am Montag wachte Gisela um acht auf. In der Küche war es still. Keiner verlangte nach Cartoons. Keiner goss Saft auf das saubere Tischtuch.
Sie kochte sich richtigen Kaffee und holte eine hübsche Tasse aus dem Schrank.
Um acht Uhr fünfzehn klingelte es.
Lang. Unverschämt. Pausenlos.
Gisi ging zur Tür und spähte durch den Spion.
Auf dem Treppenabsatz stand Heike, ein Telefon zwischen den Zähnen, in der einen Hand eine gelbe Einkaufstüte, mit der anderen hielt sie die vierjährige Lotte an der Kapuze fest. Daneben wippte der sechsjährige Timo von einem Bein aufs andere.
„Machen Sie auf!“, rief Heike und rüttelte an der Tür.
Gisela drückte den Sprechknopf.
„Ich schlafe, Heike.“
„Frau Brandt, jetzt machen Sie keine Witze! Ich muss um neun auf der Arbeit sein! In der Kita ist Quarantäne, dahin bringe ich sie nicht.“
Die Kinder quengelten. Lotte rieb sich mit dem dreckigen Fäustling die Augen.
„Ich bin Rentnerin. Ich habe meinen Tagesrhythmus.“
Heike trat mit dem Stiefel gegen die Tür.
„Dann lasse ich sie jetzt hier! Auf der Fußmatte! Ihr könnt euch später beim Jugendamt erklären!“
Gisela lehnte die Stirn an das kalte Metall der Tür.
„Lass sie da. Frau Niemann von nebenan ist zufällig zu Hause. Sie ruft sofort die Polizei. Ich sage, die Mutter hat ihre Kinder im Treppenhaus zurückgelassen und ist abgehauen.“
Es wurde still. Man hörte nur das schwere Atmen der Schwiegertochter.
„Sie sind wahnsinnig. Alte Hexe“, zischte Heike.
Die Schritte entfernten sich. Der Aufzug ratterte. Sie fuhren weg.
Gisi ging in die Küche. Der Kaffee war kalt. Sie goss ihn in den Ausguss und machte sich neuen. Ihre Hände zitterten ein wenig, aber in ihr war Ruhe.
Mittags rief Jörg an.
Gisi nahm erst ab, als er zum dritten Mal anrief.
„Ja?“
„Mama, bist du nicht ganz bei Trost?“, schrie Jörg ins Telefon. Im Hintergrund dröhnte der Verkehr. „Heike hat eine Abmahnung bekommen! Zwei Stunden kam sie zu spät, weil sie die Kinder quer durch die Stadt zu meiner Schwiegermutter fahren musste!“
„Und wie geht es Hildegard?“, fragte Gisela Brandt mit ruhiger Stimme. „Haben sich die Enkel gefreut?“
„Reg mich nicht auf. Warum hast du das inszeniert?“
„Jörg, ich habe gewarnt. Meine Dienste kosten Geld. Ihr habt euch geweigert.“
„Was heißt Geld? Das ist dein Fleisch und Blut!“
Gisi nahm die Serviette mit den gestrigen Notizen.
„Blut? Na gut. Vor drei Monaten hast du dir 13.000 Euro von mir geliehen. Für das Getriebe deines Autos. Zurückbekommen habe ich nichts.“
Jörg stockte.
„Ich zahle zurück. Das Gehalt kommt spät, aber ich zahle.“
„Nein, das wirst du nicht. Ich habe einen Kredit dafür aufgenommen und zahle die Zinsen aus meiner Rente. 2100 Euro, Jörg. Abzüglich 500 für Miete und Nebenkosten. Abzüglich 400 für deinen Autokredit. Was bleibt übrig?“
„Ich bringe dir doch Lebensmittel!“
„Einmal im Monat. Zwei Packungen Nudeln und ein Hähnchen. Für 200 Euro. Und die Kinder haben bei mir in der Woche für 300 Euro aufgegessen.“
„Mama, du musst immer alles ausrechnen!“, stöhnte Jörg.
„Das musste ich lernen, wenn der eigene Sohn über meine Rente nachdenkt.“
Gisela legte auf und stellte das Handy stumm.
Am Abend kam eine Benachrichtigung von der Bank.
Eine Überweisung von Jörg. 500 Euro. Nachricht: „Hier. Schluck dran.“
Gisela überwies das Geld zurück, ohne Nachricht.
Zwei Wochen vergingen.
Man lebte wie Fremde. Keine Anrufe. Gisela ging im Park spazieren, las Bücher, brachte ihren alten Mantel zur Reinigung.
Freitagabend backte sie einen Apfelkuchen, nur für sich. Der Geruch von Zimt zog durch die kleine Küche.
Die Türglocke ging.
Gisi öffnete. Auf der Schwelle stand Jörg Brandt, zerknittert, die Augen unstet. Neben ihm Timo in einer schmutzigen blauen Jacke.
„Mama, hilf mir.“
Jörg schob den Jungen in den Flur.
„Was ist passiert?“
„Heike liegt im Krankenhaus. Verdacht auf Blinddarmentzündung. Ich muss los, die Chirurgen abfangen. Meine Schwiegermutter hat Lotte genommen, aber Timo kann ich nirgends lassen. Nimm ihn bis morgen. Bitte.“
Gisi schaute den Enkel an. Der stand mit hängendem Kopf da, ein Tablet in den Händen.
„Na gut. Komm rein, Timo. Zieh dich aus.“
Jörg atmete aus, als wäre eine große Last von ihm gefallen.
„Danke, Mama. Ich rufe morgens an.“
Die Tür fiel zu, bevor Gisi den Namen des Krankenhauses fragen konnte.
Timo zog die Jacke aus und ließ sie auf den Boden fallen.
„Heb sie auf und häng sie an den Haken“, sagte Gisela ruhig.
Der Junge schaute sie von unten an und hob die Jacke auf.
„Hast du Hunger?“
„Nein, wir waren bei McDonald’s.“
Sie saßen in der Küche. Gisi schnitt den Kuchen an.
„Wie geht es Mama?“, fragte Gisi. „Hatten die Schmerzen schlimm?“
Timo verschlang den Kuchen.
„Mama hat keine Bauchschmerzen.“
Gisi erstarrte. Das Messer blieb einen Millimeter über dem Teller stehen.
„Warum hat Papa gesagt, sie wäre im Krankenhaus?“
„Weiß nicht. Mama hat zu Hause den Badeanzug anprobiert. Sie und Papa sind ins Wellnesshotel gefahren. Tante Franziska hat Geburtstag.“
In ihrem Innern fiel etwas ins Schloss, dumpf und schwer.
Sie legte das Messer zur Seite, wischte die Hände ab, griff zum Handy.
Sie öffnete Franziskas Profil, der jüngeren Schwester von Heike. Die erste Story lud sofort, mit fröhlicher Musik.
Ein Holzsteg, ein Pool mit warmem Wasser, Heike im neuen grünen Badeanzug, anstoßend mit einem Glas Sekt. Text: „Mädels bleiben Mädels! Die Ehemänner haben das Wochenende spendiert!“ Vor 40 Minuten gepostet.
Landhotel „Kiefernwald“. Zwanzig Kilometer vor der Stadt.
Das Handy plingte. Jörg.
„Mama, Entwarnung. Kein Blinddarm. Die Ärzte sagen, sie muss sich schonen. Wir bleiben bis Sonntag bei ihrer Mutter. Timo kann zwei Tage bei dir bleiben. Küsschen.“
Gisela schaute lange auf den Bildschirm, dann auf Timo, der die Apfelfüllung auf dem Tisch verstrich.
„Timo, zieh dich an.“
Der Junge hob den Kopf.
„Wohin? Wir sind doch gerade erst gekommen.“
„Wir fahren zu Mama. Tante Franziska gratulieren.“
Das Taxi kostete 120 Euro.
Im Auto roch es nach billigem Duftbaum und nassem Schnee. Timo schlief auf dem Rücksitz ein. Gisi schaute aus dem Fenster, an nackten, schwarzen Bäumen vorbei.
Keine Wut. Nur eine kalte Berechnung.
Der Wagen hielt vor dem schmiedeeisernen Tor des Landhotels „Kiefernwald“.
Gisi zahlte, stieg in die frostige Luft und zog den schläfrigen Timo heraus.
Der Junge gähnte, rieb sich die Augen, die Jacke schief zugeknöpft, die Mütze verrutscht.
An der Rezeption stand eine große junge Frau in strenger Uniform.
„Guten Abend. Wo ist die Feier von Franziska Sommer?“
Die Frau schenkte ihr ein dienstliches Lächeln.
„Saal ‚Perle‘, den Flur rechts. Soll ich Sie bringen?“
„Wir finden hin.“
Gisi hielt Timo fest an der Hand. Sie gingen den weichen Teppich entlang, gedämpfte Lounge-Musik, der Geruch von teurem Parfüm und Braten.
Sie stieß die schwere Eichentür zum Saal ‚Perle‘ auf.
Ungefähr zwanzig Leute saßen an einem langen Tisch voller Häppchen, das Licht gedämpft. Ein dicker Mann erhob gerade sein Glas.
Heike saß neben der Geburtstagsfrau, im Abendkleid mit nackten Schultern, die Haare elegant arrangiert.
Jörg saß gegenüber, lachte, zurückgelehnt, einen Whisky in der Hand.
Gisela trat in den Saal.
Die Schritte hallten über das Parkett. Timo stolperte über ein Stuhlbein und wimmerte.
Einige drehten sich um. Das Gerede verstummte.
Jörg drehte den Kopf. Sein Lächeln verschwand, als hätte es jemand weggewischt. Sein Gesicht wurde blass.
„Mama?“, stieß er hervor. Das Glas klirrte gegen den Tellerrand.
Heike fuhr auf. Ihre Augen waren so rund wie Untertassen.
Gisi ging direkt auf ihren Tisch zu.
Sie schrie nicht, fluchte nicht. Sie sprach gleichmäßig, aber der ganze Saal konnte es hören.
„Jörg. Sie haben Ihr Gepäck vergessen.“
Gisi schob Timo vor. Er lief zu seiner Mutter und vergrub das Gesicht in ihrem Abendkleid, wobei ein feuchter Abdruck des dreckigen Ärmels auf der Seide zurückblieb.
„Mama, ich will essen!“, jammerte Timo.
Heike presste die Zähne aufeinander, die Wangenmuskeln traten hervor.
„Frau Brandt, was soll das?“, zischte die Schwiegertochter. „Sie machen uns vor den Freunden lächerlich! Verschwinden Sie und nehmen Sie ihn mit!“
Franziska, das Geburtstagskind, erhob sich.
„Jörg, was ist das für ein Zirkus? Du hast doch gesagt, die Kinder sind untergebracht.“
Jörg sprang auf und riss Gisi am Ellbogen herum. Die Finger gruben sich schmerzhaft hinein.
„Warum musst du hier aufkreuzen? Ich habe dich gebeten!“
Gisi schaute langsam auf seine Hand, dann in seine Augen. Wie auf ein Hindernis. Wie ins Leere.
„Nimm deine Hand weg, Jörg.“
Er riss die Hand zurück.
„Sie haben mich belogen“, sagte Gisela deutlich, damit es die Gäste hörten. „Wegen des Blinddarms, wegen des Krankenhauses. Sie haben das Kind wie einen Koffer ins Schließfach gesteckt und sind zum Feiern gefahren.“
„Wir sind erschöpft! Wir haben ein Recht auf Erholung!“, rief Heike.
„Haben Sie. Aber auf eigene Rechnung. Erholen Sie sich zusammen mit den Kindern. Ich bin Rentnerin. Mein Arbeitstag ist vorbei.“
Gisela drehte sich um.
„Oma!“, schrie Timo.
Sie drehte sich nicht um, sondern ging zur Tür, den Blick geradeaus.
Der Schrei ihres Sohnes traf sie im Rücken: „Du bist nicht mehr meine Mutter! Vergiss unsere Nummer!“
Die Tür fiel zu und trennte sie vom Lärm des Saals.
Im Flur war es still. Gisela strich ihren Mantelkragen glatt und rief ein Taxi für den Rückweg. In ihr war eine seltsame Leere, durch die das Atmen merkwürdig leicht fiel.
Am Sonntagmittag drehte sich der Schlüssel schwer im Schloss von Gisis Wohnung.
Die Tür erzitterte unter einem Schlag.
Dann klingelte es. Lang, wie besessen.
Gisela Brandt bereitete Tee in ihrer Lieblingstasse mit Katzenmotiv. Sie ließ sich Zeit, nahm den Teekessel von der Herdplatte und wischte den Tisch mit einem Schwamm.
Sie ging zur Tür, öffnete aber nicht.
„Wer ist da?“, rief Gisi.
„Mach auf!“, Jörgs Stimme überschlug sich. „Hast du die Schlösser getauscht?“
„Ja. Heute Morgen war der Schlüsseldienst da. 250 Euro. Aus meiner Rente.“
Jörg schlug mit der Faust gegen die Tür.
„Mama, bist du noch normal?! Heike spricht seit zwei Tagen nicht mit mir! Franziska hat uns von der Feier gejagt! Mein Chef war dort, er hat alles gesehen!“
„Dein Problem, Jörg.“
„Bring meine Sachen raus!“, brüllte der Sohn vom Treppenhaus. „Werkzeug, Angelruten, Schlittschuhe. Alles, was auf dem Balkon lag.“
„Mache ich. Am Freitag. Ich packe alles in Kartons und stelle sie zum Müllschlucker.“
„Du bist krank! Du hast deinen Enkel für alle zum Gespött gemacht! Du hast dem Kind die Psyche kaputt gemacht!“
„Die Psyche kaputt machen ihm die Eltern, denen er beim Sekt im Wellnesshotel im Weg ist.“
Hinter der Tür entstand ein schweres Schweigen. Dann presste Jörg durch die Zähne hervor:
„Du wirst allein verrecken. Niemand wird dir ein Glas Wasser bringen.“
Gisela lächelte dem Spiegelbild im Spion zu. Ein hartes Lächeln.
„Ich kaufe mir einen Wasserspender, mit Hauslieferung. Leb wohl, Jörg.“
Sie trat zurück. Im Treppenhaus wurden die Schritte leiser.
In der Küche roch es nach frischem Tee und Ruhe. Keine fremden, dreckigen Schuhe, kein kaputtes Spielzeug, keine schreienden Verwandten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren gehörte sie wieder allein sich selbst.
Gisela Brandt setzte sich an den Tisch und nippte am heißen Tee.
Und wie hätten Sie sich an Giselas Stelle verhalten: hätten Sie das Kind behalten und die Lüge geschluckt – oder hätten Sie es ebenfalls direkt auf die Party seiner Eltern gebracht?





