Die Katze wurde gebracht und vergessen. Drei Jahre später staunten alle – was aus ihr geworden war.

12. Mai

Minka hat jetzt schon drei Tage nichts gefressen. Lieselotte hat den Napf näher an die Heizung gerückt, obwohl sie genau weiß, dass es nicht an der Temperatur des Futters liegt.

Die Katze liegt auf dem Fensterbrett im Wartezimmer, die Pfoten angezogen. Sie schläft nicht. Sie starrt hinaus, als stünde da draußen jemand und wartete auf sie. Lieselotte fuhr ihr mit dem Finger über den Rücken, Minka zuckte mit dem Ohr, drehte sich aber nicht um. Das Fell war warm und dicht, und unter den Fingern spürte man die Rippen, die früher nicht zu tasten waren.

In der Praxis roch es nach Desinfektionsmittel und Trockenfutter. Dieser Geruch hatte sich in den Wänden festgesetzt, im Kittel, in der Haut der Hände, in den Haaren. Lieselotte nahm ihn längst nicht mehr wahr, aber jeden Morgen, wenn sie die Tür aufschloss und das Licht anknipste, schlug er ihr in den ersten Sekunden entgegen, als wolle er sagen: Du arbeitest hier, du lebst nicht hier.

Dabei lebte sie hier. Vor drei Jahren hatte sie Minka zu sich genommen, weil niemand die Katze abholen kam. Die Besitzerin hatte sie nach der Untersuchung dagelassen, hatte gesagt: „Ich bin in einer Stunde zurück“ – und war nie wieder aufgetaucht. Weder nach einer Stunde, noch nach einer Woche, noch nach einem Monat. Lieselotte hatte vierzehn Tage gewartet, dann hörte sie auf zu warten und holte von zu Hause eine alte Wolldecke.

Im Regal im Behandlungszimmer lag noch immer das Halsband. Ein altes, aus rotem Leder, mit einer metallenen Plakette, auf der kaum noch eine Telefonnummer zu entziffern war. Die Ziffern waren fast vollständig abgerieben, als hätte jemand immer wieder mit dem Finger darüber gerieben. Lieselotte hatte nie versucht, diese Nummer zu entziffern. Sie wollte es nicht. Ein Mensch, der ein Lebewesen wegwirft, verdient keinen Anruf.

Sie hatte Minka das Halsband am ersten Abend abgenommen, als die Katze in der Praxis übernachtete, und es auf das oberste Regal gelegt, hinter die Schachtel mit den Binden. Drei Jahre lag es dort, und der Staub hatte sich in einem gleichmäßigen grauen Ring darum gelegt.

Lieselotte rückte ihre Brille an der Kette zurecht, goss das Restwasser aus dem Napf mit dem Sprung im Boden aus und füllte frisches ein. Der Napf war alt, aus der Praxis, mit dem verblichenen Logo des Futterherstellers. Provisorisch.

Drei Jahre lang hatte Lieselotte vorgehabt, einen ordentlichen zu kaufen, einen keramischen, mit niedrigem Rand, wie er für Katzen mit kurzer Schnauze empfohlen wird. Aber jedes Mal blieb sie vor dem Schaufenster des Tierladens stehen und ging weiter. Denn ein ordentlicher Napf hätte bedeutet, dass Minka ihre war. Aber Minka war fremd. Genauer gesagt: inzwischen herrenlos.

* * *

Das Telefon klingelte um halb zehn, als Lieselotte in der Küche Tee aufbrühte. Gerhard, ihr Helfer, nahm als Erster ab, brummelte etwas in seinen Bart und reichte ihn ihr. Sagte, eine Frau sei am Apparat.

Lieselotte nahm den Hörer. Die Stimme am anderen Ende war leise, ohne Druck. Die Frau stellte sich als Therese vor und sagte, sie habe vor drei Jahren eine Katze in ihrer Praxis gelassen. Eine dreifarbige. Minka.

Der Tee in der Tasse kühlte aus. Lieselotte sah zu, wie der Dampf aufstieg und sich auflöste, und hörte zu. Therese sprach langsam, suchte nach Worten. Sie sagte, sie würde gern wissen, wo Minka jetzt sei, und ob sie sie, wenn möglich, abholen könne.

Lieselotte antwortete nicht sofort. Ihre Finger umschlossen den Hörer fester. Dann fragte sie sachlich, wie man eine Kollegin nach einer Diagnose fragt:

– Und wo waren Sie drei Jahre lang? Die Katze lebt seit drei Jahren in der Praxis auf dem Papier.

Therese schwieg. Sie rechtfertigte sich nicht, erklärte nicht. Sie wiederholte nur, dass sie kommen könne, wenn Lieselotte es erlaube.

Lieselotte sagte, sie rufe zurück, und legte den Hörer auf den Tisch. Das Display leuchtete noch, und ein bläulicher Streifen lief über das Wachstuch.

Gerhard stand im Türrahmen und wischte sich die Hände an der Schürze ab, die nach Futter und etwas Saurem roch – nach Sauerkraut aus der Dose, das er sich zum Mittag aufgewärmt hatte.

– Ist das die? Die, die sie ausgesetzt hat?

Lieselotte nickte.

Gerhard kratzte sich am Kinn. Überlegte, dann sagte er, er erinnere sich an die Frau. Ihre Augen seien rot gewesen, als sie die Katze brachte. Das habe er damals schon zu Lieselotte gesagt. Ob sie sich daran erinnere?

Lieselotte erinnerte sich nicht. Oder wollte sich nicht erinnern.

Gerhard zuckte die Schultern und brummte, so sei das hier: Erst setzt man aus, und ein Jahr später fällt es einem wieder ein. Und fügte hinzu:

– Lass sie nicht rein. Dann ging er die Käfige waschen, und aus dem Flur hörte man das Klirren der Metallstäbe und das Plätschern von Wasser.

Lieselotte trank den Tee aus, obwohl er ganz kalt war. Der Geschmack des Aufgusses lag auf ihrer Zunge, zäh und bitter, wie der Nachgeschmack eines Gesprächs, das noch nicht zu Ende ist. Minka saß immer noch auf dem Fensterbrett und starrte nach draußen. Das Trockenfutter im Napf war unberührt.

Am Abend rief Lieselotte an. Sie wählte die Nummer, der Hörer wurde nach dem ersten Klingeln abgenommen, als hätte man die ganze Zeit über am Telefon gewartet.

Lieselotte sagte kurz: Minka lebe seit drei Jahren bei ihr. Sie sei gesund, geimpft, habe ihre Ecke, ihre Decke, ihre Gewohnheiten. Und sie halte es nicht für richtig, die Katze einem Menschen zu geben, der sie ohne ein Wort in der Praxis zurückgelassen habe.

Vier Sekunden Stille. Dann sagte Therese:

– Ich habe sie nicht ausgesetzt.

Zwei Worte, und es lag weder Kränkung noch Wut darin. Nur eine Tatsache.

Lieselotte wollte antworten, aber die Kehle schnürte sich zu, und sie musste sich räuspern. Sie wiederholte: Sie seien nicht gekommen, sie zu holen, das sei Aussetzen. Therese widersprach nicht. Sie sagte nur: „Ich verstehe“ und legte auf. Die Freizeichen kamen gleichmäßig, langgezogen, und Lieselotte hörte sie fast eine Minute lang, bevor sie das Telefon in die Tasche steckte.

Therese kam zwei Tage später. Sie rief nicht an, sie kündigte sich nicht an. Sie stand einfach vor der Tür der Praxis.

Lieselotte sah sie durch die Milchglasscheibe: eine schmale Silhouette in einem viel zu großen Mantel, die Ärmel bedeckten die Finger, die Schultern waren hochgezogen, als fröre die Frau, obwohl es draußen achtzehn Grad plus hatte.

Sie stand regungslos da, klopfte nicht. Sie wartete. Wie man in Warteräumen wartet, in denen die Nummern der Reihe nach aufgerufen werden und man nichts beschleunigen kann.

Draußen nieselte Regen. Ein feiner, warmer Mairegen. Der Geruch von nassem Asphalt und Pappellaub drang durch den Spalt unter der Tür, und die Luft im Flor wurde feucht.

Im Behandlungszimmer pfiff der Wasserkocher, und Lieselotte trat vom Fenster weg, um ihn von der Kochplatte zu nehmen. Die Hände bewegten sich automatisch: Wasserkocher, Tasse, Teebeutel. Und im Kopf nur eines: Nicht öffnen. Bitte nicht.

Minka sprang vom Fensterbrett. Zum ersten Mal seit drei Tagen bewegte sie sich von selbst, ohne dass man sie herunterschubste oder Lieselotte sie auf den Arm nahm. Sie ging zur Tür, setzte sich und legte den Schwanz um die Vorderpfoten. Sie starrte auf das Glas. Der Schwanz bewegte sich nicht.

Lieselotte lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Der Wasserkocher dampfte in ihrer Hand. Sie wartete, dass die Silhouette verschwand. Und die Silhouette verschwand. Sie drehte sich langsam um und ging weg, die Schultern gekrümmt, wie ein Mensch, der keine Kraft mehr hat, den Rücken gerade zu halten.

Minka blieb bis zum Abend vor der Tür sitzen. Sie fraß nicht, trank nicht, putzte sich nicht. Als Lieselotte sie auf den Arm nahm und ins Behandlungszimmer trug, drehte die Katze den Kopf und blickte durch das Milchglas. Im Glas war nichts. Nur Regen und das Licht der Laterne.

Gerhard sah es und schwieg. Brummelte aus der Ecke, dass das Schloss an der Eingangstür hakeln würde und man es endlich auswechseln müsse. Lieselotte nickte. Das Schloss tauschte sie nicht aus.

Der Briefumschlag lag am Morgen unter der Tür, als Lieselotte kam, um die Praxis aufzuschließen. Weiß, ohne Briefmarke, ohne Absender. Nur ein Name, handschriftlich: „An Lieselotte“. Die Buchstaben klein, nach links geneigt.

Sie hob ihn mit zwei Fingern auf, als könne der Umschlag verbrennen. Das Papier roch nach fremdem Parfüm, nach etwas Blumigem und Schwachem, wie der letzte Atemzug einer vertrockneten Lavendelblüte in einem Leinensäckchen. Der Umschlag war leicht, aber ihre Hände spürten sein Gewicht, so wie man das Gewicht schlechter Nachrichten spürt, noch bevor man sie gelesen hat.

Darin lagen drei Blätter und ein Foto.

Das erste Blatt. Ein Entlassungsbericht aus dem Onkologiezentrum, datiert auf vor drei Jahren. Diagnose, Stadium, Behandlungsplan. Lieselotte las jeden Tag medizinische Dokumente, sie wusste, was diese Kürzel und Abkürzungen bedeuteten. Bei den Zeilen, im üblichen Krankenhausstandard gesetzt, begannen ihre Finger fein zu zittern, und sie legte das Blatt auf die Knie, um es nicht fallen zu lassen.

Das zweite Blatt. Eine Bescheinigung über den Abschluss der Behandlung. Datum, Unterschrift des behandelnden Arztes, runder Stempel mit dem Bundesadler. Remission. Zwei Jahre stabile Remission.

Das dritte Blatt. Ein handgeschriebener Brief. Dieselbe Handschrift wie auf dem Umschlag, klein, die Buchstaben aneinandergedrängt, als sei wenig Platz auf dem Papier, aber viel zu sagen. Nur ein paar Zeilen.

„Ich habe Minka dagelassen, weil ich nicht wusste, ob ich zurückkomme. Chemotherapie, dann Bestrahlung, dann eine Operation. Ich war ein halbes Jahr nicht zu Hause. Ich konnte sie nicht mitnehmen, und ich konnte sie nicht allein in der leeren Wohnung lassen. Die Tierarztpraxis war der einzige Ort, an dem ich wusste, dass man sich um sie kümmern würde. Ich habe das erste Jahr jeden Monat angerufen. Man sagte mir, die Katze sei vom Tierarzt übernommen worden. Ich habe mich nicht getraut, zu kommen, bevor ich gesund bin. Ich habe ihr versprochen, zurückzukommen.“

Das Foto war klein, sechs mal neun, mit einer geknickten Ecke. Darauf eine Frau mit kurzen Haaren nach der Chemotherapie, die eine dreifarbige Katze auf dem Arm hielt. Die Haare begannen gerade erst nachzuwachsen, ein dunkler Flaum, wie bei einem Neugeborenen. Die Katze rieb ihren Kopf an ihrem Kinn, und die Frau drückte sie mit beiden Armen an sich, direkt an die Brust, wie man das drückt, was man zu verlieren fürchtet und was man schon fast verloren hat.

Lieselotte setzte sich auf den Boden, mitten im Flur. Sie las den Brief noch einmal. Und dann noch einmal.

Minka kam lautlos und legte sich neben sie. Das Fell war warm und weich, wie immer. Drei Jahre lang hatte Lieselotte sie gestreichelt und Minka für ihre gehalten. Und Minka hatte all die drei Jahre auf dem Fensterbrett gesessen und aus dem Fenster gesehen.

Lieselotte rief mittags an. Die Stimme zitterte nicht, aber der Hals war trocken, und die Worte kamen kurz daher, wie Nummern auf einem Rezept.

– Therese. Kommen Sie. Holen Sie Minka ab.

Stille. Dann die Frage:

– Sind Sie sicher?

Und Lieselotte antwortete „ja“, und dieses „Ja“ war das kürzeste und schwerste Wort, das sie seit drei Jahren gesprochen hatte.

Therese kam nach vierzig Minuten. Sie trat leise ein, blieb an der Schwelle stehen. Der Mantel war derselbe, zu groß, mit den langen Ärmeln. Aber die Augen waren anders. Nicht bittend, nicht schuldbewusst. Dankbar, ohne ein einziges Wort, mit einem einzigen Blick.

Minka saß auf dem Fensterbrett. Als Therese ins Wartezimmer trat, drehte die Katze den Kopf. Sie hielt inne, einen Augenblick, als müsse sie prüfen. Dann sprang sie herunter und ging zu ihr. Nicht rennend, nicht springend. Sie ging einfach, wie man zu dem geht, auf den man lange gewartet hat und den man endlich gefunden hat.

Lieselotte holte das Halsband aus dem Regal. Rotes Leder, rissig und an einer Stelle weich geworden, die Plakette mit dem Kratzer von einer Kralle. Sie reichte es Therese und sagte nur:

– Das gehört ihr.

Therese nahm das Halsband und schloss es Minka um. Ihre Finger waren dünn, und der Verschluss gab nicht sofort nach, sie musste drücken. Das Klicken war leise und präzise, wie ein Punkt am Ende eines langen Satzes.

Minka hob den Kopf und stupste Therese ans Handgelenk. Therese legte die Hand auf sie und stand so eine Sekunde lang, ohne sich zu rühren. Dann hob sie die Katze auf den Arm, und Minka vergrub den Kopf in ihrem Hals, in der Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen, und schloss die Augen.

Lieselotte räumte den Napf mit dem Sprung vom Tisch. Sie wusch ihn aus, wischte ihn mit einem Handtuch trocken und stellte ihn in den Schrank. Gerhard stand in der Tür des Behandlungszimmers, aber er brummelte nicht und kommentierte nicht.

– Kaufen Sie ihr einen richtigen Napf, sagte Lieselotte, ohne sich umzudrehen. – Der hier war nur provisorisch. Drei Jahre provisorisch.

Therese nickte. Drückte Minka mit beiden Armen an die Brust und ging.

Die Tür schloss sich. Im Flur roch es nach Regen und nach fremdem Blumenparfüm. Lieselotte stand am Fenster und sah zu, wie Therese zum Auto ging, die Katze an sich gedrückt.

Auf dem Regal blieb eine leere Stelle, wo das Halsband gelegen hatte. Lieselotte fuhr mit dem Finger über den staubigen Umriss und verwischte ihn. Dann setzte sie die Brille auf, schaltete das Licht im Wartezimmer ein und öffnete die Tür für den ersten Patienten.

Und ich stand da, sah ihr zu, und dachte: Manchmal ist die größte Liebe, loslassen zu können. Nicht weil man aufgibt, sondern weil man versteht, dass man nur ein Kapitel war, nicht das ganze Buch.

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Homy
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Die Katze wurde gebracht und vergessen. Drei Jahre später staunten alle – was aus ihr geworden war.
Tönnchen