Antonchen
Frau! Geht es Ihnen schlecht?
Jemand klatscht Antonia leicht auf die Wangen. Ihr Kopf fällt schlaff hin und her. Die sorgfältig gekämmten blonden Haare sind zerzaust, und die Wimperntusche, die Antonia gestern Abend aus Erschöpfung vergessen hat zu entfernen, läuft nun in schwarzen Linien über die Wangen und entstellt ihr freundliches Gesicht.
Was ist mit Ihnen? Machen Sie die Augen auf! Ich habe schon den Notarzt gerufen, aber bis die da sind…
Die beunruhigte Stimme kippt immer mehr in Panik, also versucht Antonia, sich zusammenzureißen. Es gelingt ihr nicht… Ihre Finger bewegen sich schwach, sofort werden sie von anderen, warmen, beinahe heißen Händen umschlossen.
Ach du lieber Himmel, was soll ich nur mit dir machen?! Kann mal jemand helfen!
Lassen Sie sie doch! Der Rettungsdienst klärt das schon. Oder meinst du, du bist hier die Nächstenliebe? Die spöttische Stimme von Nadine, ihrer Nachbarin aus dem Kiosk, klingt höhnisch in der frostigen Luft und verstummt bald unter einem Schwall wütender Rufe.
Die tiefe, gewohnt gereizte Stimme von Herrn Feldmann erkennt Antonia sofort. Kräftige Arme greifen nach ihr.
Schnell, leg ihr die Jacke untersn Kopf! Lass sie ein bisschen auf dem kalten Boden, das bringt sie schneller wieder zu sich! Antonia! Hörst du mich? Mach die Augen auf! Jetzt darfst du bloß nicht einschlafen du stehst womöglich nicht mehr auf!
Noch einmal versucht Antonia, die Augen zu öffnen. Schwäche breitet sich wellenartig in ihrem Körper aus, wiegt und beruhigt sie. Gleich schläfst du ein, dann wird alles gut, ganz ruhig… Dann tut dir nichts mehr weh, niemand kann dich mehr verletzen, Antonia…
Keine Verletzung mehr… Der Schmerz bäumt sich nochmals auf, lässt die innere Dunkelheit kreisen, nimmt ihr die Luft. Wie konnte das passieren? Sie hat ihnen doch alles gegeben und was bekommt sie?
Die blasse Wintersonne blinzelt hinter einer schweren Wolke hervor, die seit dem Morgen Schnee verspricht, und Antonia kneift die Augen noch fester zu.
Ich will nicht! Ich will dieses Licht nicht mehr sehen! Keine Menschen mehr sehen! Nichts mehr wollen und niemanden mehr brauchen!
Herr Feldmann schnaubt, hebt die schwer gewordene Antonia leicht an und ruft laut:
Hierher! Wo bleibt ihr denn, ihr Gestalten!?
Antonia spürt, wie jemand an ihrem Reißverschluss nestelt und behutsam ihren Arm befreit.
Schon gut, wir kümmern uns jetzt um alles. Können Sie mich hören? Wie heißt sie denn?
Antonia.
Antonia, machen Sie langsam die Augen auf, ganz vorsichtig… Ja, richtig so! Haben Sie gegen irgendetwas Allergien?
Mit blassen Lippen bewegt Antonia kaum hörbar den Mund, aber der junge Notarzt versteht auch so.
Alles klar! Es wird gleich besser. Halten Sie noch etwas durch!
Ab da erinnert sich Antonia an nichts mehr. Nicht an den Moment, in dem sie endgültig das Bewusstsein verliert und Herr Feldmann laut aufbrüllt. Nicht, wie Nadine, die Nachbarin und ehemalige Freundin, ihnen mit süffisantem Grinsen nachblickt, als die Männer, die Menschenmenge beiseite schiebend, fast rennend den Markt zur Rettungswagen durchqueren. Nicht an die Fahrt ins Krankenhaus, als das Martinshorn durch die Stadt Stuttgart schallt und Passanten ihnen nachsehen es scheint sehr ernst zu sein.
Als sie wieder zu sich kommt, ist sie bereits im Krankenhaus.
Herzinfarkt.
Der ältere Arzt sieht sie mit leicht vorwurfsvollem Blick an.
Meine Liebe, warum passen Sie denn so wenig auf sich auf? Haben Sie sich aufgeregt?
Antonia dreht sich weg. Wie sollte sie ihm nur alles erzählen? Ein Fremder ist er, und was sie auf der Seele trägt, würde sie nicht einmal einem Vertrauten sagen.
Herrn Feldmann vielleicht. Aber sie wusste nicht, dass er schon zurück ist, nachdem er seine Tochter besucht hat. Ein guter, aufmerksamer Mensch.
Das Schicksal hat ihn hart getroffen, doch er ist ein Held geblieben. Zwei Kinder hat er nach dem Tod seiner Frau allein großgezogen. Sie starb bei der Geburt hinterließ ihm eine Tochter und ein ganz kleines Söhnchen. Ohne Hilfe, denn auch seine Frau war ein Waisenkind, sie hatten beide im Kinderheim gelebt.
Und trotzdem! Er hats geschafft! Die Tochter arbeitet inzwischen als Krankenschwester im Nachbardorf, der Sohn ist zur See gefahren. Drei Enkelkinder gibt es schon eines vom Sohn, zwei von der Tochter, die gerade erst entbunden hat, und für die der Opa nun auch zum Helfen gekommen war und den Markt für kurze Zeit verlassen hat.
Seit so vielen Jahren schleppt er Waren auf dem Wochenmarkt in Stuttgart. Jeder Hund kennt ihn, und er kennt alle. Nicht nur kennt: er hält den ganzen Markt zusammen. Er schlichtet Streits, duldet keine Krakeeler, sorgt für Ordnung. Jemand hat ihn nicht dazu ernannt das hat sich einfach ergeben. Man respektiert ihn. Weil er Menschen sieht. Und spürt.
Und auch sie, Antonia, kennt er in- und auswendig. Weiß, wie es in ihr aussieht, begreift alles, fühlt sogar mit. Doch Antonia hat ihm nie erzählt, was wirklich in ihr vorging.
Sie hat es keinem erzählt. Es war einfach zu schmerzhaft. Heute früh zum Beispiel hat Nadine sie zufällig ertappt, als Antonia zu früh zur Arbeit erschienen war.
Antonia zuckt zusammen bei der Erinnerung daran, wie eisig es nachts im Kiosk war. Sie hat zwar einen Heizlüfter, aber bei solcher Kälte draußen in Baden-Württemberg hilft nichts mehr. Als ihr Mann sie vor dreißig Jahren nach Stuttgart brachte, hätte sie, die damals so junge, naive Antonia, sich nie vorstellen können, dass sich alles so wenden würde.
Ein leises Lächeln erreicht ihre spröden Lippen.
Volker…
Wenn er noch leben würde, wäre das alles nicht passiert. Wie sehr er sie geliebt hat… Antonia presst die Bettkante in den Mund, um nicht laut loszuheulen.
War sie damals nicht die glücklichste Frau?
Stark war sie, flink, leicht wie eine Feder! Wo ist das bloß hin? Erkennt sich in der Spiegelung kaum wieder das Gesicht, der Körper. Nach der ersten Grippe und nach der Geburt des jüngsten Sohns hat Antonia sich nie wieder die Zeit für ihre eigene Gesundheit genommen. Zwei Kinder, wo hätte sie da sich um ihre Zipperlein kümmern sollen? Und damals war die Zeit noch härter als heute. Beide haben sie gearbeitet, aber das Geld reichte kaum. Was war schon das Gehalt eines Fahrers und einer Lehrerin?
Volker hat nie nur dagesessen. Er schuftete sich ab, entlud die Güterzüge, reparierte für Nachbarn alles Mögliche. Arbeitete, so viel es eben ging. Sie hat ihm nie Vorwürfe gemacht, ihnen reichte es. Vielleicht war gerade das der Grund, warum sie eine glückliche Ehe hatten. Wer weiß… Volker kann sie nicht mehr fragen, aber Antonia wusste genau, dass sie ihn, auch wenn er reich gewesen wäre, nicht anders behandelt hätte. Lieben tut man ja nicht wegen des Geldes.
Sie erinnert sich gut daran, wie Volker morgens eine Stunde früher aufstand, um ihr beim Waschen zu helfen. Die Waschmaschine besaßen sie damals noch nicht alles per Hand.
Später hat Volker ihr die Waschmaschine geschenkt.
Das war ein Glück! Wunder der Technik. Wäscht und schleudert ganz von allein. Antonia war selig…
Hätte sie nur geahnt, dass nur ein halbes Jahr später Volker nicht mehr bei ihr sein würde. Dass die Krankheit ihn aus dem Leben reißen sollte, mit solchen Schmerzen, dass Antonia die Qualen jedes Mal mit durchlitt.
Volker ist gegangen, die Kinder blieben. Sie waren ihr Halt, fest, fordernd, verlangten Liebe und Aufmerksamkeit. Und Antonia lebte weiter. Trotz allem.
Ihren Job als Lehrerin gab sie schweren Herzens auf. Von dem Gehalt konnte sie nicht mehr leben. Sie ging auf den Markt verdiente dort zwar nur geringfügig mehr, aber es reichte. Immerhin gabs dort auch Lebensmittel. Die Kinder waren nie hungrig.
Zuerst hatten die Söhne nichts dagegen. Später hingegen, als sie älter wurden, hörte sie, dass sie sich für sie schämten.
Wofür? Dafür, dass sie arbeitet? Versteht sie nicht. Sie betrügt doch niemanden, wiegt nie zu wenig ab. Die Waren, die es gibt, kannst du niemandem zu teuer verkaufen. Und sie hats nie versucht, so war sie erzogen worden. Ihr Chef glaubte zunächst gar nicht, dass man ehrlich auf dem Markt verkaufen kann. Später hat er sie sogar ein bisschen respektiert. Und als er den zweiten Kiosk öffnete, gab er Antonia die Aufsicht über die Verkäuferinnen sie genoss sein Vertrauen. Anfangs freute sie sich, später wurde sie traurig.
Was bringt es, wenn dich ein Fremder schätzt, aber die eigenen Kinder dich wie Dreck behandeln? Was hat sie ihnen getan? Warum tun sie ihr das an?
Die Krankenschwester kommt in den Raum, wechselt den Tropf und streichelt Antonia vorsichtig über den Arm:
Geht es Ihnen etwas besser?
Diese flüchtige Geste, diese karge Zuneigung eines fremden Menschen trifft Antonia so tief ins Mark, dass sie in Tränen ausbricht wie als Kind. Erschrocken läuft die Schwester davon, kommt zurück, gibt Antonia eine Beruhigungsspritze und alles wird sanft und klebrig-süß, schließlich ruhig. Die Gedanken wandern nur noch langsam, aber es ist leichter so.
Sie sollten schlafen.
Das möchte Antonia so sehr, aber wie soll sie erklären, dass sie schon lange nicht mehr richtig schläft? Höchstens halbe Stündchen, und dann ist alles wie zuvor, nur neue Sorgen.
Wo hat sie ihre Kinder verloren? Warum hat sie den Jungen nicht genug Liebe mitgegeben, damit ihre harten Herzen vielleicht doch hätten weich werden können?
Antonias Söhne wuchsen auf, ohne nein zu hören. Erst unter dem Vater, dann ohne ihn. Sie dachte, sie müsse sie besonders verwöhnen, weil sie schon den Vater verloren hatten. Sich selbst sah sie nicht als Ersatz. Was kann eine Frau schon bieten? Anziehen, satt machen, Suppe kochen? Über das Herz reden? Das sollte der Vater tun, fand sie. Nicht sie.
Heute weiß sie: Das war falsch. Die Jungs waren nicht bereit, allein gegen die Welt zu stehen. Als Volker ging, war der Ältere, Martin, dreizehn, der Jüngere, Sebastian, erst zehn. Heute siehst du ihnen den Kummer von damals nicht mehr an. Sie duckten sich an sie, wollten getröstet, umarmt werden. Martin wurde schneller selbstständig, Sebastian hingegen war anhänglich bis zum Schluss, sogar noch zur Bundeswehr. Danach kehrte er wie verwandelt zurück hart, unnahbar. Antonia nahm ihm das nicht übel. Männer müssen eben ihren eigenen Weg gehen. Vielleicht war es sogar gut so? Nur eines war nicht gut er brachte eine Schwiegertochter mit.
Sie mochte Inga von Anfang an. Ein höfliches, wohlerzogenes Mädchen. Ingas Großmutter war Lehrerin, hatte sie großgezogen. Antonia hoffte, dass das ein gutes Zeichen ist. Sie wollte wenigstens eine gute Schwiegermutter sein, den Jungen nicht in ihre Ehe reinreden, helfen, wenn gefragt wird, und alles mit Freundlichkeit regeln.
Doch so schwer hatte Antonia sich nie getäuscht und sie merkte es lange nicht, bis Ingas Oma mal auf Besuch kam. Die jungen Leute hatten gerade ein Jahr zusammengelebt, zunächst in ihrer eigenen Wohnung, nicht bei Antonias, aber sie waren oft zu Gast. Nun wurde klar, dass Inga ein Baby erwartete.
Antonia freut sich riesig! Ihr erster Enkel! Der ältere Sohn lebte inzwischen in einem Nachbarstädtchen, wollte aber keine Familie gründen zu wenig Geld, die Frauen seien alle zu anspruchsvoll inzwischen, sagte er. Das gefiel Antonia nicht, aber sie schwieg, um keinen Streit zu riskieren. Mit Martin konnte man mit der Zeit ohnehin kaum noch reden; er wurde verschlossen, schroff, ungeduldig. Antonia gewöhnte sich daran, lieber sanft mit ihm umzugehen, um den Frieden zu wahren. Vielleicht war das falsch? Hätte sie strenger sein sollen? Wer weiß…
Mit dem einen Enkel hat Antonia sich schon fast abgefunden, aber jetzt das! Sie schwebte vor Glück, kochte für die Schwiegertochter, freute sich, wenn sie auch Inga half, die ihrerseits schwer schwanger war, an Übelkeit litt und nicht an den Herd konnte, was Sebastian nervte. Verständlich er selbst kam abends heim und es gab nichts zu essen. Also übernahm Antonia alle Arbeiten, kochte extra Diätsachen für Inga, die keinen Fisch essen konnte.
Doch das alles brauchte niemand.
Das erklärte ihr Matilda, Ingas Oma, sobald sie ankam:
Lassen Sie doch bitte das Gekoche, Frau Antonia! Das landet doch alles gleich im Müll. Ungenießbar ist das…
Damals war Antonia die Sprache verschlagen. Inga hatte sich doch nie beschwert. Ihre Kuchen hatte sie immer gelobt.
Was sollte das arme Kind tun? Sie ist zu gut erzogen gewesen, um Ihnen gegenüber die Wahrheit zu sagen. Sie sind doch die Mutter ihres Mannes!
Antonia sagte damals nichts mehr, nahm ihr Essen, ging raus, wollte es wenigstens einer Katze oder einem Hund geben. Doch nicht einmal das kein Tier war da. Stattdessen saß bei der Mülltonne ein abgerissener Obdachloser, der höflich fragte:
Haben Sie was verloren, nette Frau? Suchen Sie wen?
Nach Tieren, Hund oder Katze. Ich hätte hier Fisch und Eintopf.
Und das wollen Sie wegwerfen? Geben Sie es doch mir! Seine Augen blitzten kalt. Bitte…
Antonia gab ihm das Essen. Während er aß, fragte sie ihn nach seiner Geschichte. Es war eine einfache, traurige Geschichte. Er hatte mit Frau und Schwiegermutter gewohnt, war schwer krank geworden, dann rausgeflogen.
Ich war nicht mehr zu gebrauchen. Arbeiten kann ich nicht mehr, die Invalidenrente reicht nicht. Wenigstens bin ich noch gemeldet bekomme ein paar Euro. Aber für ein Zimmer in Stuttgart reicht das nicht. Freunde helfen manchmal. Es gibt Notunterkünfte. Ich klage nicht.
Wie bekommt man da Medikamente?
Seine blauen, klaren Augen blicken offen zu Antonia.
Gar nicht. Die Medikamente sind zu teuer. Aber egal. Dann sterbe ich halt früher. Wen interessiert das schon?
Antonia hält das nicht aus. Es darf einfach nicht sein, dass ein Mensch plötzlich überall überflüssig ist, niemand mehr braucht ihn! Nicht einmal seinem Feind wünscht man das!
Herr Feldmann half. Fand ihm einen Job als Hausmeister in der Kirche. Da gab es ein Kämmerchen, etwas zu essen, und einen Arzt in der Gemeinde. Durch die Fürsprache des Pfarrers kümmerte sich der um den neuen Hausmeister.
Antonia wehrte alle Dankbarkeit ab. Dafür bedarf es keiner besonderen Anerkennung! Wir leben doch nicht im Wolfsrudel. Und Wölfe sind sowieso oft besser als Menschen. Sie helfen und achten aufeinander.
Seitdem hat sie Sebastian und Inga nicht mehr besucht. Sie wollten es auch nicht wirklich. Matilda zog schließlich zu ihrer Enkelin, um mit dem Baby zu helfen. Antonia wollte sich nicht mehr aufdrängen.
Sie kaufte ein Geschenk zur Geburt, fragte den Sohn um Rat, und schwieg gefasst, als sie hörte, dass der Kinderwagen nicht der richtige war.
Sie kehrte heim, ließ die Tränen laufen, klagte Volkers Porträt ihr Leid, dass alles, was sie sich erträumt hatte, plötzlich unerreichbar war.
Mit Matilda wollte sie keinen Streit anfangen. Die hatte scharfe Zunge, bringt dich mit drei Sätzen auf die Palme, lässt dir die Worte ausgehen und du fühlst dich grauenhaft leer und wertlos.
Noch hatte Antonia sich von dem Schock nicht erholt, da schlug das nächste Unglück zu.
Der ältere Sohn, Martin, kam zurück. Nicht allein mit einer Frau. Keine Ehefrau, nein. Aber brachte sie mit nach Hause. Mit zwei Kindern aus erster Ehe.
Antonia war anfangs überrascht, beschloss aber, dass es nichts Schlimmes ist Kinder sind doch kein Problem! Die Mädchen waren ruhig, unkompliziert.
Svetlana, ihre Mutter, fand sofort eine Arbeit im Friseursalon. Sie war eine gute Frisörmeisterin. Verdiente gut. Antonia freute sich, dachte, der Haushalt werde auf Vordermann gebracht. Sie gab ihr Zimmer den Mädchen und zog mit einer Liege in die große Küche. Feldmann fragte besorgt:
Und, wie lebst du da jetzt?
Antonia schwieg. Gut ging es ihr nicht. Svetlana verzog manchmal den Mund, wenn sie Antonia morgens noch im Bett sah. An Werktagen stand Antonia früh auf, verschwand, ehe die anderen auf waren. Am Wochenende las sie noch eine Stunde, bevor sie aufstand. Sie arbeitete inzwischen noch mehr, das Geld reichte nicht und sie selbst wollte den Mädchen ab und an etwas Schönes kaufen, die sie heimlich Oma nannten.
Die Kinder hatte sie rasch ins Herz geschlossen, aber mit dem Sohn und seiner neuen Freundin wurde sie nicht warm.
Ich störe sie nur. Antonia schenkte Feldmann Tee nach, öffnete das Honigglas sein Lieblingsschmaus. Den Honig hatte sie immer im Kiosk, weil sie wusste, dass der Freund zumindest für einen kurzen Plausch vorbeikommt.
Kommt daher? In deiner eigenen Wohnung?
Martin ist gemeldet hier. Gehört auch ihm. Und wohin soll ich denn gehen?
Feldmann runzelt die Stirn, klappert mit der Teelöffel, murmelt etwas und verschwindet verärgert, lässt Antonia ratlos zurück. Was hab ich denn Falsches gesagt?
Die Entscheidung fiel rasch. Nach einem Jahr, als Martin und Svetlana nach einem großen Krach endlich heirateten, musste Antonia die Wohnung verlassen.
Sie hat sich nie gern gestritten, am wenigsten mit den eigenen Kindern. Als der Sohn abends in die Küche kommt, die Mädchen wegschickt, lange schweigt, die Hand auf dem Tisch kreisen lässt, merkt sie ihre Zeit ist vorbei.
Panik überkam Antonia wie eine Lawine alles rollte über sie hinweg, blieb nur ein Gedanke: Der Sohn bittet… Von seinem langen Reden hört sie nur:
Mama, verstehst du… Du störst. Es ist eh schon eng, morgens kann man sich nicht bewegen, kein Platz für Frühstück, keiner kommt zurecht. Svetlana gibt alles, wir sparen für eine Renovierung. Wir wollen, dass die Kinder gut leben. Und… Svetlana ist schwanger.
Antonia hört nicht mehr weiter zu. Sie tritt zu ihrem Sohn, nimmt seinen Kopf, küsst ihn auf die Stirn:
Ich verstehe.
Und noch am selben Abend geht sie.
Wut schlug in ihrem Herzen wie ein Vogel im Käfig. Antonia hätte das Loslassen gern gelernt, doch der Schlüssel war verloren. Sie fährt zum Markt, schließt sich im Kiosk ein und heult. Hier kann sie laut sein, niemanden störts. Sie klagt, schimpft auf ihr Leben und auf Volker, den sie so früh verloren hat… Und sogleich bittet sie ihn um Verzeihung, dafür, dass sie die Söhne nicht so erzog, wie er wollte.
Mir hat die Kraft gefehlt, Volker… Verzeih! Die Jungen sind gut, aber irgendwas fehlt ihnen. Für sie würd ich alles tun! Aber… Wohin jetzt? Niemand braucht mich mehr… Ich bin allein… Warum? Volker, warum hast du mich so früh verlassen?
In der Nacht ebbt das Weinen ab. Sie sitzt am kleinen Tisch, der Teekanne, der Tee ist längst kalt, doch daran denkt sie nicht mal.
Vor ihr läuft ihr Leben zurück…
Da ist sie dreizehn. Der Nachbarsjunge kommt mit dem neuen Fahrrad. Antonia, steig auf! Fahr mit! Sie lässt die Kirschen liegen, die sie für die Mutter auslesen sollte.
Der Protest der Mutter schallt ihr noch nach, aber sie lacht mit dem Wind im Gesicht, so glücklich wie nie zuvor.
Da ist sie in der fremden Stadt zum Studium. Angst! Alles neu. Aber schon nach einem Jahr ist sie daheim, voller Freunde und Energie…
Da… Volker… Das Kennenlernen, die kleine Hochzeit, die Kinder…
Antonia fröstelt, schließt die Augen. Dunkelheit umhüllt sie, bietet Ruhe, doch etwas schmerzt noch in ihr, lässt kein Vergessen zu.
Sie macht sich Vorwürfe. Sie allein ist schuld! Die Kinder trifft keine Schuld. Sie war zu schwach, nicht konsequent genug.
Tränen steigen wieder, Antonia schimpft innerlich auf sich. Was bringt das? Ändern lässt sich nichts. Sollen sie glücklich werden wenigstens sie. Viel braucht sie ja nicht. Sie mietet irgendein Zimmer, lebt weiter.
Aber warum tut es nur so weh…
Am Morgen schließlich spielt ihr Herz verrückt und Nadine, die zufällig etwas früher zur Arbeit kommt, hebt überrascht die fein gezupften Brauen und klopft an die Kiosktür:
Toni! Bist du hier? Haben deine Kinder dich rausgeworfen, oder wie? Was schweigst du? Hab ich wohl getroffen, was? Wer sich bepacken lässt, auf dem wird auch geritten! Nicht viel im Kopf! Dabei warst du mal Lehrerin!
Nadines Worte legen schwere Steine auf die letzten freien Ecken in Antonias Seele. Es ist kaum mehr Platz dort, und jetzt ist es vollends verschlossen. Antonia spürt: Es reicht… Ihre Zeit ist vorbei… Widerstand gegen die Apathie, die sie die ganze Nacht belauert hatte, ist sinnlos. Sie stolpert hinaus, schiebt Nadine beiseite, setzt sich schwer auf die Treppen und schließt müde die Augen, sich vergessend.
Im Krankenhaus bleibt sie über zwei Wochen. Die Ärzte schütteln den Kopf, lassen sie nicht entlassen so sonderbar ruhig ist diese Patientin.
Antonia drängt es nicht. Sie liegt abgewandt zur Wand, nimmt das Essen unwillig entgegen und gibt es oft unangetastet zurück. Ein wenig blüht sie nur auf, wenn Herr Feldmann zu Besuch kommt.
Toni, du musst wieder auf die Beine kommen. Es ist wichtig weiterleben!
Wofür? Ihre hellgrauen Augen sind stumpf, wie ein alter Lappen. Für wen oder was leben, Alex?
Diese Frage blockiert den Mann. Würde man ihn fragen er hätte geantwortet: für die Kinder, die Enkel. Aber Antonia? Er weiß, ihr ist nichts mehr geblieben.
Das ärgert ihn sehr.
Wie kann man so jemanden aus dem Haus jagen? Ist das gerecht? Kann man sich so verhalten?
Sicher wäre ihm so etwas nie passiert. Sein Sohn und seine Tochter laden ihn dauernd ein, bitten um den Umzug zu ihnen. Doch er will nicht. Längst denkt er nicht mehr daran. Seine Gedanken sind ganz woanders. Aber wie das Leben mit Toni weitergehen kann? Er wartet, bis sie bereit ist.
Aber Antonia bleibt zurückgezogen, löst sich fast auf, und Herr Feldmann ärgert sich, weil er ihr nicht helfen kann einer Frau, die ihm längst das Wertvollste geworden ist.
Am Ende der ersten Woche zieht eine weitere Patientin ins Zimmer. Es geht langsam, aber es bewegt sich etwas.
Maria Ilgner ist eine dünne, grauhaarige Frau, liebt es, zu reden, doch zu mehr fehlt die Kraft. Nach zwei Herzinfarkten kann sie kaum den Löffel halten. Antonia sieht das, steht auf, beginnt ihr bei den Mahlzeiten zu helfen…
Ich kann jeden totquatschen, Liebes! Glaubs ruhig! Meine Großmutter war Heilerin, keine Hexe aber sie kannte Kräuter und Menschen. Mich hat sie ein bisschen gelehrt. Ich sehe, dass es dir schwer ums Herz ist, so sehr, dass die Seele schon fast davonfliegt. Lass das nicht zu! Halt sie fest! Es ist noch nicht so weit.
Woher wissen Sie das?
Wann es so weit ist, weiß man. Aber dein Weg ist noch nicht zu Ende. Noch hast du zu tun. Auf die andere Seite das darfst du noch nicht! Nicht mal denken! Sie blickt streng und hebt warnend den Finger. Alles hat seine Zeit, Liebes. Dräng sie nicht es bringt nichts Gutes.
Antonia hört zu, füttert Maria Ilgner mechanisch, denkt bei sich: In meinem Leben wird nichts Gutes mehr kommen.
Eine Woche vergeht im Flug, Antonia wird auf die Entlassung vorbereitet.
Sie packt das, was ihr von Kolleginnen gebracht wurde, als Herr Feldmann an die Tür klopft:
Komm mal kurz raus, Toni.
Maria Ilgner, die gerade fest geschlafen hat und sogar das Tropfwechseln überhörte, öffnet jetzt die Augen, und sagt mit einem blauen Funkeln:
Jetzt kommt das Gute. Lass es dir nicht entgehen, Toni!
Achselzuckend, nichts ahnend, geht Antonia auf den Flur.
Was ist passiert? fragt sie erschrocken.
Mit deinen Kindern weiß ich nichts Neues.
Was dann?
Da fällt es, was Antonia fast umhaut, sie weicht zurück, fuchtelt mit den Händen:
Bist du verrückt, Alex! Was heiraten!? Willst du die Leute zum Lachen bringen?
Was ist schon dabei? Alex zieht an seiner Mütze, schaut Toni von unten an. Du kennst mich. Ich mach keine halben Sachen. Willst du mein Leben mit mir teilen? Ich habe ein Haus im Schwarzwald gekauft, nicht weit von der Stadt. Gute Bedingungen, Berge in der Nähe, ein Fluss, eine große Imkerei… Lass uns Bienen züchten! Ich hab lange darüber nachgedacht. Wir sind zwar nicht mehr jung, aber der Rest unserer Zeit sollte der nicht uns gehören? So wie WIR es wollen?
Antonia lehnt sich an die Wand, verschmilzt fast mit ihr.
Ich weiß, dass ich nicht mehr jung bin. Aber ich habe noch Kraft, Toni. Mich um dich zu kümmern. Was meinst du?
Der Moment dehnt sich, Alex senkt den Kopf immer weiter. Sicher, sie lehnt ab…
Doch als alle Hoffnung schon weg ist, macht Antonia einen kleinen Schritt, berührt sacht seine Wange und sagt einfach:
Ich gehe mit. Aber ich werde dich jetzt bei deinem Vornamen nennen Alex.
Und Alex Feldmann atmet so erleichtert auf, dass die Krankenschwestern am Stützpunkt lachen müssen, während Antonia verlegen errötet und ins Zimmer zurückschleicht.
Zwei Jahre später steht auf der Veranda eines kleinen, weißen Hauses im Schwarzwald eine Frau und streckt sich wohlig. Geschickt bindet sie sich die langen Haare hoch, hält Haarklammern zwischen den Lippen. Ein dicker Tigerkater schnurrt um ihre Füße, und ein plüschiger Hund räkelte sich aus seiner Hütte, um Frauchen zu begrüßen.
Die Frau legt sich ein Kopftuch um, läuft die Stufen hinab, sucht ihren Mann mit den Augen.
Toni! Ich bin hier!
Rauch vom Grill lässt Antonia schnuppern.
Schön! Und warum hast du mich nicht geweckt? Die Kinder kommen gleich, und ich bin noch gar nicht fertig!
Du hast so selig geschlafen. Das wollte ich dir lassen.
Ein Hupe ertönt am Gartentor, Antonia lächelt glücklich.
Sie sind da!
Sofort füllt sich der Hof mit Kinderlachen. Antonia umarmt Martin inzwischen ihr Stiefsohn und Lisa, ihre Stieftochter, und drückt alle Kinder ganz fest, nimmt den jüngsten Enkel auf den Arm.
Na, wie bist du gewachsen! Gerade erst gesehen und schon wieder ein ganz anderer!
Vorsicht, Mama Toni! Der beißt! Irina, Alex Tochter, steckt dem Kleinen schnell den Schnuller in den Mund und lacht. Ein wahrer Schrecken! Zähne unten und jetzt knabbert er an allem!
Das kriegen wir hin!
Ein lustiges Stoffhäschen mit langen Ohren, das Antonia die ganze Woche genäht hat, wird dem Kleinen überreicht und sofort getestet und für gut befunden.
Kaum zu glauben! Ich habe ihm extra Beißringe gekauft, nichts war recht.
Stoff tuts auch ein sauberes Taschentuch, das reicht oft.
Man lernt nie aus! Irina küsst Antonia auf die Wange, wendet sich mit einem besorgten Blick an ihren Mann. Mama Toni…
Was ist, mein Schatz?
Sei nicht ängstlich, ja? Irina winkt Alex, stellt sich an Antonias Seite.
Ach was, ihr seid doch schon…
Antonia verstummt.
Sie sieht, wie Sebastian mit dem älteren Sohn den Weg entlangkommt. Für einen Moment sticht etwas tief in ihr, erinnert an jenen Schmerz, der einst alles in ihr umkehrte, aber es vergeht, ausgewaschen von einer Welle des Glücks. Sebastians Sohn sieht seinem Vater so ähnlich, dass Toni für einen Moment glaubt, die Zeit sei zurückgedreht ihr eigener Junge läuft ihr entgegen, im neuen Turnschuhen übers Pflaster.
Irina nimmt vorsichtig ihren Kleinen aus Antonias Armen, streichelt ihre Schulter:
Wie du entscheidest, so wird es sein. Wir sind immer da. Fürchte dich nicht, Mama Toni…
Ich habe keine Angst mehr! antwortet Antonia, berührt Irinas Wange, und geht dann auf die beiden zu. Hallo, Sebastian!




