Zum ersten Mal erkannte sie, dass sie vor nichts Angst hatte.

Im Dorf kannte jeder Heinrich. Nicht weil er die Seele der Gemeinschaft war oder ein großzügiger Wohltäter, sondern weil sein großer Hof am Ortseingang lag und ohne ihn hier kaum etwas entschieden wurde. Heinrich war ein stämmiger, klobiger Kerl, mit ständig geröteten Augen, die in letzter Zeit immer öfter finster blickten.

Seine Frau Gertrud war eine jener Frauen, die wie ein Sonnenstrahl ins Haus kamen. Mit sechsundzwanzig wirkte sie noch wie ein Mädchen, das blonde Haar im Zopf, die Stimme leise, das Lächeln schüchtern. Sie war viel jünger als Heinrich, und das ganze Dorf hatte damals nur darüber getratscht:

— Warum geht eine so Junge zu einem Alten?

Der Grund war einfach: Gertruds Mutter, eine alleinstehende Frau mit einer winzigen Rente, hatte aufgeatmet, als Heinrich um ihre Hand anhielt.

— Tochter, du wirst keinen Mangel leiden. Er hat einen Hof, Arbeiter, ein festes Dach über dem Kopf, Essen, Wohlstand. Wir müssen nicht ewig in unserer Hütte zittern.

Und Gertrud widersprach nicht. Sie war es nicht gewohnt, zu widersprechen. Sie heiratete, und anfangs war das Leben tatsächlich gut. Heinrich behandelte sie erträglich, manchmal sogar zärtlich. Der Haushalt war ein voller Tisch. Die Arbeiter, etwa sieben ledige Männer und einige Familien aus Nachbardörfern, wohnten gleich hier im langen Blockhaus auf dem Hof. Heinrich zahlte pünktlich, hielt nichts zurück, und sie aßen aus einem gemeinsamen Topf. Die Männer waren zufrieden: Sie arbeiteten ohne Murren, der Chef war einer von ihnen, der Boden gehörte ihm. Eigentlich nicht ihm, aber das war nebensächlich.

Diese Nebensächlichkeiten kannten nur wenige. Den Boden unter dem Hof hatte Heinrich nicht ordnungsgemäß als Eigentum eintragen lassen. Er hatte es über Beziehungen durch die Kreisverwaltung geregelt, ein Papier mit der Unterschrift des richtigen Mannes und eine mündliche Absprache mit dem Bürgermeister.

Offiziell war das Land als landwirtschaftliche Fläche geführt, gehörte niemandem, tatsächlich aber herrschte Heinrich darüber wie ein Gutsherr. Steuern zahlte er nach Lust und Laune, schlug einen Teil mit Bekannten unter der Hand ab, den Rest ignorierte er einfach.

— Mal sehen, ob schon wer kommt? — pflegte er zu sagen und klopfte sich auf die Tasche.

Aber in den letzten sechs Monaten war etwas in ihm zerbrochen. Erst still, unauffällig griff er zum Alkohol – abends, dann mittags, bald auch am Morgen fand er einen Grund, einen Schnaps zu kippen. Die Geschäfte gerieten aus dem Ruder: Er verpasste Termine, kaufte schlechtes Futter für das Vieh, zerstritt sich mit den Lieferanten. Die Arbeiter schwiegen zunächst, dann murrten sie.

— Heinrich, wann gibt’s den Lohn? Seit zwei Monaten hast du nicht gezahlt, — wagte sich der alte Ignaz zu fragen, der fünf Jahre bei ihm gearbeitet hatte.

— Ach du, — brüllte Heinrich und schenkte sich einen neuen Schnaps ein. — Halt den Mund! Ich gebe dir ein Dach über dem Kopf, Essen, und du… Warte!

Den ersten Monat hielten die Arbeiter durch. Den zweiten auch, aber sie fingen an zu tuscheln, dass sie gehen müssten. Aber wohin? Hier arbeiteten sie auf seinem Hof, und er schuldete ihnen zwei Monate Lohn. In einem Monat begann der Winter, die umliegenden Dörfer waren abgelegen, Arbeit gab es nirgends.

Gertrud sah alles. Hörte, wie nachts die unzufriedenen Arbeiter im Blockhaus gemeinsam schrien. Sah, wie ihr Mann von ihnen zurückkam, wütend, mit verzerrtem Gesicht, und gleich zum Schrank nach der Flasche griff. Sie versuchte, sich einzusetzen. Leise, auf ihre weibliche Art:

— Heinrich, vielleicht zahlst du den Leuten ihr Geld? Sie arbeiten doch…

— Halt die Klappe! — fuhr er sie an. — Wer bist du, mir Vorschriften zu machen, Undankbare! Ich hab dich aus dem Dreck gezogen, kleide und füttere dich, und du?!

Gertrud erstarrte wie ein Kaninchen vor der Schlange. Aber wenn er eingeschlafen war, wischte sie sich die Tränen und ging zum Kuhstall, um nachzusehen, ob das Vieh gefüttert war. Denn die verärgerten und wütenden Arbeiter pfuschten ebenfalls. Die Schafe waren nicht satt, die Kühe nicht vollständig gemolken.

— Warum beschützt du ihn? — fragte Ignaz eines Tages, als sie für ihn zwei Kühe still gemolken hatte. — Geh fort, Mädchen, solange es noch Zeit ist.

— Wohin soll ich gehen? Er ist mein Mann, — flüsterte Gertrud. — Meine Mutter nimmt mich nicht zurück, es wäre schändlich. Und er… er war nicht immer so… Früher war er anders.

— Früher, — lachte Ignaz. — Früher war das Gras grüner. Jetzt ist er, pah, ein verlorener Mann. Und zieht uns mit sich.

An jenem Abend trank Heinrich besonders viel. Er trat auf die Veranda, schwankte, brüllte, er sei hier König und Gott. Dann ging er zum Blockhaus der Arbeiter, um Streit zu suchen. Gertrud saß in der Küche, presste eine Tasse kalten Tee an die Brust und hörte, wie ihr Mann gegen die fremde Tür donnerte, fluchte, wie jemand – ob Ignaz oder der junge Stefan – ihm antwortete.

Vor dem Fenster nieselte der späte Herbstregen. Auf dem Hof erloschen die Lichter. Irgendwo im Kreis in einem warmen Büro lag auf einem Schreibtisch ein Ordner mit ausstehenden Zahlungen und nicht eingetragenem Land, und jemand fuhr bereits sinnend mit dem Finger über Heinrichs Namen.

Aber Heinrich wusste das nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, sein Leben Stein für Stein zu zerstören, Glas für Glas, Streit für Streit. Und Gertrud saß immer noch im Dunkeln und dachte darüber nach, wie schwer es ist, gut zu sein, wenn der, den man retten will, gar nicht gerettet werden möchte.

In jener Nacht heulte der Wind durch die dünnen Wände der Waldhütte. Gertrud fand keinen Schlaf, starrte aus dem Fenster, durch das das trübe Mondlicht drang. Sie ging hinaus, stand auf der Veranda, eine Jacke übergeworfen. Da legte ihr jemand von hinten die Hand auf den Mund, packte sie, zerrte sie irgendwohin. Sie erschrak.

Als sie zu sich kam, zitterten ihre Hände leicht, nicht vor Kälte, sondern vor Angst, die langsam der Verwunderung wich. Sie sah Johann, ihren Arbeiter, einen kräftigen, hübschen Kerl. Johann tat ihr nichts Böses.

Er trug sie in eine kleine Hütte, grob, aber fast behutsam, wie man ein zerbrechliches Ding trägt, aus Angst, es fallen zu lassen. Er schloss ab, und sie hörte, wie er draußen lange hantierte, etwas richtete, prüfte. Dann Stille. Er hörte sogar auf zu atmen, stand wohl unter der Tür und lauschte, ob sie weinte.

Gertrud weinte nicht. Sie begriff plötzlich, dass es in dieser Gefangenschaft, in dieser Waldhütte mit Lehmboden und einem Kanonenofen, irgendwie leichter atmete als in ihrem eigenen Haus. Am Morgen brachte Johann Brot, Speck, einen Becher Milch. Stellte es auf den grob gezimmerten Tisch, band schweigend das Bündel los. Und wollte schon gehen, da fragte Gertrud leise:

— Warum tust du das, Hannes?

Er blieb an der Tür stehen. Breitschultrig, untersetzt, Hände voll alter Narben von Seilen und Stroh. Sein Blick von unten war nicht böse, eher gehetzt.

— Dein Mann zahlt uns kein Geld, — sagte er dumpf. — Seit zwei Monaten. Meine Mutter lebt allein im Nachbardorf, ihre Rente ist mickrig. Ich versprach zu helfen.

— Und deshalb hast du mich entführt? — fragte Gertrud leise.

Sie hatte nie die Stimme erhoben. Jetzt sah sie ihn an, als ob sie ihn nicht anklagte, sondern zu verstehen suchte. Johann schwieg, dann drehte er sich um und platzte heraus:

— Möchtest du denn länger mit ihm leben? Er sieht dich kaum, schimpft, beleidigt dich. Besoffen wie ein Schwein. Geschrei, Flüche, Handgreiflichkeiten… Ich hörte, wie er letzte Woche in der Küche brüllte. Ich war draußen beim Rauchen, hörte alles.

Sie erbleichte. Senkte den Blick.

— Das geht dich nichts an, Johann.

— Doch, das geht mich was an, — sagte er plötzlich fest und trat einen Schritt auf sie zu, blieb zwei Schritte entfernt stehen. — Weil ich… das nicht mit ansehen kann. Wie du zusammenzuckst, wenn er vorbeigeht. Wie du schweigst. Und er… Verzeih, Bäuerin, aber er ist ein Vieh.

Gertrud hob den Blick. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah sie jemanden nicht mit beklommener Schuld, sondern mit lebendigem, echtem Interesse. Johann war hübsch, breite Wangen, gerade Nase, ein schweres Kinn mit einem Grübchen. Und in seinen Worten lag eine solche Einfachheit, eine seltsame Wärme, die in der Brust brannte.

— Hast du… Mitleid mit mir?

— Ich habe kein Mitleid, — runzelte er die Stirn. — Ich…

Er vollendete nicht. Stürzte hinaus, knallte die Tür. Das Schloss rasselte wieder. So vergingen drei Tage. Johann brachte Essen, brachte ein sauberes Tuch als Handtuch, richtete die Ofenklappe, stopfte die Ritzen in den Wänden gegen den Zug. Sie sprachen kaum miteinander, fürchteten die Worte. Aber eines Abends, als er Wasser auf dem Ofen wärmte, damit sie sich waschen konnte, sagte Gertrud plötzlich:

— Weißt du, das Leben mit Heinrich ist kein Zuckerschlecken. Meine Mutter freute sich, dass ich keinen Mangel leiden würde. Und tatsächlich leide ich keinen Mangel. Außer an einem.

— Woran? — fragte Johann.

— Dass mich jemand wie einen Menschen ansieht. Nicht wie ein Möbelstück. Nicht wie ein Anhängsel zum Hof. Sondern wie einen lebendigen Menschen.

Johann hielt den Kessel in den Händen inne. Dann stellte er ihn auf den Tisch, seufzte schwer und setzte sich ihr gegenüber auf die Bank. Legte seine groben Hände vor sich hin, Finger voller Risse, abgebrochene Nägel.

— Ich sehe dich, — sagte er leise. — Sehe dich schon lange. Seit dem Tag, als du dich um die ungemolkene Kuh sorgtest und nachts selbst in den Stall gingst. Ich folgte dir, dachte, du kontrollierst den Dieb. Aber du hast nur… Mitleid gehabt. Standest neben der Kuh, streicheltest sie und flüstertest etwas Liebes. Und niemand sah dich. Du warst allein. Und eine Träne rann dir über die Wange. Da wusste ich, dass… — ihm gingen die Worte aus. Er schluckte schwer.

Gertrud streckte die Hand aus und berührte seine Finger. Er zuckte zusammen, wich aber nicht zurück.

— Hannes, und wenn er bezahlt? Was dann? Lässt du mich wieder zu ihm gehen?

— Ich weiß nicht, — flüsterte er. — Ich dachte, er zahlt und du bist frei. Aber jetzt… will ich nicht.

Sie lächelte zum ersten Mal seit Jahren nicht das höfliche Lächeln, das sie bei der Schwiegermutter oder auf dem Dorffest gezeigt hatte. Sondern ein anderes, müdes, aber echtes.

— Und ich, Hannes, will nicht zu ihm. Für kein Geld der Welt. Für keine… Versprechungen, — und er drückte zart ihre Hand.

Am dritten Tag fand Heinrich einen Brief. Johann hatte ihn nachts unter die Tür ihres Hauses geschoben. Kurz, ohne Unterschrift: „Zahl den Arbeitern den Lohn für zwei Monate, dann bekommst du deine Frau lebend und unversehrt zurück. Sonst gib acht auf dich.”

Heinrich, mit Zittern im Kater, raste über den Hof. Beschimpfte alle Arbeiter: Ignaz, Stefan, sogar den zugelaufenen Viktor. Johann stand abseits, stocherte mit dem Stiefel im Boden, sein Gesicht war steinern. Nur die Augen waren wachsam wie die eines Wolfes, der eine Falle wittert.

— Wo ist sie? — Heinrich stieß den Finger auf ihn. — Sag schon, Hannes!

— Woher soll ich das wissen? — antwortete Johann gleichgültig. — Vielleicht ist sie aus Verzweiflung abgehauen.

Heinrich knirschte mit den Zähnen. Doch am selben Abend fuhr er in die Kreisstadt, hob fast alle Ersparnisse ab und zahlte die Schulden. Ignaz zählte das Geld auf der Handfläche, schnaubte und grinste zufrieden.

— Endlich ist es so weit.

Aber am nächsten Tag bekam er einen Brief von Gertrud. Mit dünner, blasser Schrift, Bleistift auf grauem Heftpapier: „Heinrich, such mich nicht. Ich lebe und bin gesund. Es stimmt, aber niemand hält mich fest. Ich bin von dir gegangen, aus freiem Willen. Zu dir kehre ich nicht zurück. Das Geld für die Arbeiter hast du gezahlt, gut. Ich brauche nichts von dir. Nicht einmal deinen Namen. Leb wohl. Gertrud.”

Heinrich las den Brief dreimal, dann trank er ein Glas Schnaps, dann zerschlug er das Glas an der Tischkante und heulte auf, halb vor Wut, halb vor gekränktem Stolz. Seine Frau hatte er nicht geliebt, aber eine Hausfrau musste zu Hause sein. Die Arbeiter hörten das Heulen und wechselten Blicke.

Sie saß auf der Pritsche und zupfte trockene Zweige für den Ofen. Johann kam am Abend in die Hütte. Das Schloss hing offen, sie hatte die Klinke von innen hochgezogen. Saß da und zupfte Zweige.

— Nun ist es vorbei, — sagte er, blieb auf der Schwelle stehen. — Er hat gezahlt. Du bist jetzt keine Geisel mehr.

— Also bin ich jetzt einfach Gertrud, — sah sie zu ihm auf. — Und niemandes Frau mehr.

Johann machte einen Schritt, dann einen zweiten. Setzte sich neben sie, ohne hinzusehen. Und schwieg lange. Dann umarmte er sie zum ersten Mal im Leben so, wie er einen geliebten Menschen wirklich umarmen wollte, leidenschaftlich und gierig.

— Bleib hier, — sagte er heiser, sein Gesicht an ihrem Scheitel. — Nicht in dieser Hütte, nein. Ich baue dir eine andere, eine neue, in meinem Dorf. Wir halten eigene Kühe, nicht bei Heinrich, unabhängig. Ich kann arbeiten, wir werden nicht untergehen.

Gertrud legte den Kopf auf seine Schulter. Und dort, in dieser Waldhütte, die nach trockenem Gras und Ofenrauch roch, begriff sie plötzlich, dass sie zum ersten Mal seit Jahren keine Angst hatte vor dem, was kommen würde.

Denn das Leben mit Heinrich war kein Zuckerschlecken gewesen, es war leer, kalt, verhasst. Aber hier, mit diesem schweigsamen, tollpatschigen, guten Kerl, atmeten selbst die Wände Wärme.

— Ich bleibe, — flüsterte sie. — Ich bleibe, Hannes.

Vor dem Fenster nieselte es erneut. Irgendwo im Dorf krähten Hähne, und Heinrichs Hof war nur einen Steinwurf entfernt. Doch jetzt schien dieser Abstand riesig, wie zwischen dem gestrigen und dem heutigen Leben.

Es lag noch viel vor ihnen: ein hungriger Frühling, fremdes Gerede. Sie mussten das Haus Stein für Stein bauen, Kinder großziehen, lernen, einander zu vertrauen. Aber an jenem Abend saßen sie nur eng umschlungen auf der alten Pritsche, und niemand auf der Welt konnte sie trennen – nicht der gestrige Herr, nicht die Gier, nicht der dumpfe, feuchtkalte Herbst.

Auf Heinrichs Hof zerstreuten sich unterdessen die Arbeiter. Manche gingen in die Stadt, manche nach Hause. Zurück blieben nur Kühe, Schafe, das nicht eingetragene Land und die alten Steuerschulden. Und die Stille, in der immer lauter die Schritte derer zu hören waren, die zur Kontrolle kamen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Homy
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Zum ersten Mal erkannte sie, dass sie vor nichts Angst hatte.
Sie meldete ihren Mann nie bei sich an – nach dem Gespräch ging er zur Arbeit und kehrte nie zurück