— Leg die Schlüssel auf den Tisch. Schnell. — Inge stand in der Tür ihrer eigenen Wohnung, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie zitterte vor Wut.
Im Flur, umgeben von drei riesigen karierten Reisetaschen, stand Gertrud. Die ehemalige Schwiegermutter. In der Hand hielt sie den Zweitschlüssel, den Inge vor drei Jahren, als sie noch mit Gertruds Sohn Uwe verheiratet war, unvorsichtigerweise „für alle Fälle“ überlassen hatte.
— Das werde ich schön bleiben lassen, Ingelein, — antwortete Gertrud gelassen, zog die Schuhe aus und stellte sie akkurat ins Schuhregal. — Ich habe jedes Recht, hier zu sein. Mein Sohn hat die besten Jahre seines Lebens in diese Wohnung gesteckt. Außerdem lebst du nach der Scheidung viel zu gut. Da muss die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden.
— Welche Gerechtigkeit? — Inge machte einen Schritt nach vorn, spürte die Wut in sich hochkochen. — Uwe hat nicht einen Cent für diesen Kredit bezahlt! Wir sind vor zwei Jahren geschieden. Die Wohnung wurde mit Geld meiner Eltern gekauft, noch vor unserer Ehe. Nur sein Anteil war eingetragen, und den hat er freiwillig abgetreten, um den Unterhalt zu drücken. Sie haben hier gar nichts zu sagen.
— Juristisch vielleicht, — die Schwiegermutter strich sich vor dem Flurspiegel die Frisur zurecht und musterte Inges Gesicht kritisch. — Aber nach menschlichem Ermessen? Uwe sitzt am Ende. Er wohnt in einem WG-Zimmer, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Und du? Sieh dich an. Renoviert, Auto getauscht, die Tochter in die private Kita geschickt. Wo kommt das Geld her, Inge? Sicher hast du deinem Ex nicht alles abgedrückt. Deshalb bin ich hier. Ich werde wohnen, bei der Enkelin helfen und die Ausgaben kontrollieren.
— Die Enkelin ist sechs, Sie haben sie zuletzt zum dritten Geburtstag gesehen! — Inge zückte das Handy. — Ich rufe jetzt die Polizei. Sie sind hier unerlaubt in fremdem Wohnraum.
— Ruf nur an, — grinste Gertrud, ging selbstbewusst ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. — Ich sag’ dann der Polizei, ich sei auf Einladung des Vaters zu meiner leiblichen Enkelin gekommen. Uwe wird das bestätigen. Wir machen einen Skandal vor der ganzen Nachbarschaft, oder? Das willst du doch nicht, oder? Du bist doch so eine Korrekte, die Chefin in ihrer Firma.
Inge senkte das Handy. Die Schwiegermutter traf einen wunden Punkt – mit einer streitsüchtigen alten Frau vor den Nachbarn und erst recht vor der sechsjährigen Lena, die gerade bei einer Freundin war, wollte sie sich nicht anlegen. Sie musste raffinierter vorgehen, aber die Nerven lagen blank.
— Sie haben genau dreißig Minuten, um ihre Taschen zu packen und zu gehen, — sagte Inge betont langsam. — Oder ich lasse noch heute die Schlösser austauschen. Der Schlüsseldienst kommt in einer halben Stunde.
— Wird er nicht, — Gertrud zog eine gehäkelte Deckchen aus der Tasche und legte es auf den Couchtisch. — Ich habe schon mit Ihrem Hausmeister gesprochen. Ich sagte, ich sei Ihre Mutter, zu Besuch, und Sie wollten die Schlösser wechseln, weil Sie vorübergehend umnachtet seien. Er fand das völlig in Ordnung. Also setz dich ruhig hin, Ingelein. Wir haben ein langes Gespräch vor uns.
Inge ging ins Zimmer und setzte sich in den Sessel gegenüber der Schwiegermutter. Die Hände zitterten noch, aber im Kopf begann sich ein Plan zu formen. Mit dieser Frau war nicht gütlich zu reden; sie verstand nur die Sprache der Macht und des Vorteils.
— Was wollen Sie wirklich, Gertrud? — fragte Inge direkt. — Ich glaube nicht, dass Sie mit drei Taschen aus Ihrem Vorort hier aufkreuzen, nur um eine mythische Gerechtigkeit wiederherzustellen.
— Ich will, dass mein Sohn wie ein Mensch lebt, — schnitt die Schwiegermutter ab. — Du hast ihm alles genommen.
— Er hat alles selbst verspielt! — schrie Inge und verlor die Geduld. — Sie wissen genau, warum wir uns scheiden ließen. Er hat meinen Goldschmuck aus der Wohnung getragen, den Computer versetzt und das gesamte Sparkonto der Kleinen geplündert!
— Ach, hör auf zu übertreiben, — winkte die Alte ab. — Er war jung, ist gestolpert. Du hättest deinen Mann stützen sollen, statt gleich die Scheidung und Unterhalt zu beantragen. Wegen deines Unterhalts nimmt ihn keiner für einen richtigen Job – gleich wird ihm die Hälfte abgezogen.
— Er ist zweiunddreißig, was heißt jung? — Inge lachte bitter. — Und Unterhalt zahlt er seit einem halben Jahr nicht mehr, er schuldet mir über 2.400 Euro. Wovon reden Sie überhaupt?
— Eben deshalb bin ich hier, — Gertrud beugte sich vor. — Machen wir Folgendes: Du überschreibst die Hälfte der Wohnung zurück an Uwe. Oder du verkaufst sie, kaufst dir eine kleinere und gibst ihm den Rest für eine eigene Bleibe. Und du nimmst den Unterhaltsantrag zurück. Dafür fahre ich wieder und lasse dich in Ruhe.
Inge starrte die Ex-Schwiegermutter an und traute ihren Ohren nicht. Die Frechheit dieser Frau kannte keine Grenzen.
— Sind Sie verrückt? — fragte Inge leise. — Ich soll einem Mann einen Wohnungsanteil abtreten, der sein eigenes Kind bestohlen hat?
— Sonst mach’ ich dir das Leben zur Hölle, — drohte Gertrud. — Ich ziehe ins kleine Zimmer. Wohne hier, bringe die Enkelin in die Kita, erzähle ihr, was für eine egoistische Mutter sie hat. Ich ruf das Jugendamt an und sage, du vernachlässigst das Kind, weil du rund um die Uhr arbeitest. Mal sehen, wie du dann singst.
In diesem Moment hörte man im Flur die Tür. Inges Freundin Käthe kam herein, die Lena mitgebracht hatte.
— Mama! — die kleine Lena stürmte ins Zimmer, blieb aber stehen, als sie die fremde ältere Frau sah. — Wer ist das?
— Das ist deine Oma Gertrud, Lenchen, — säuselte die Schwiegermutter und breitete die Arme aus. — Ich bin zu Besuch gekommen.
Lena drückte sich ängstlich an ihre Mutter. Käthe erfasste die Lage, sah die karierten Taschen im Flur und trat schnell zu Inge.
— Inge, was ist hier los? — flüsterte die Freundin. — Wer ist das?
— Die Ex-Schwiegermutter, — flüsterte Inge zurück. — Sie will mich enteignen. Verlangt die Wohnung.
Käthe runzelte die Stirn und wandte sich an Gertrud.
— Frau, haben Sie sie noch alle? Verziehen Sie sich, bevor ich die Polizei rufe.
— Und wer bist du, dass du mir hier was zu sagen hast? — fauchte die Schwiegermutter. — Die Freundin? Dann halt die Klappe. Das sind Familienangelegenheiten.
— Lena, geh bitte in dein Zimmer und spiel dort, — bat Inge ihre Tochter. Das Mädchen lief gehorsam davon.
Inge drehte sich zu Käthe:
— Käthe, pass bitte auf sie auf. Wir müssen unter vier Augen reden.
Käthe nickte und ging ins Kinderzimmer, die Tür fest hinter sich schließend.
— Also Erpressung? — Inge stand auf und ging zum Fenster. — Glauben Sie, ich habe Angst vor dem Jugendamt oder Ihren Skandalen?
— Hast du, — sagte Gertrud selbstsicher. — Du bist eine anständige Dame, legst Wert auf deinen Ruf. Probleme bei der Arbeit kannst du nicht gebrauchen. Ich bin Rentnerin, habe nichts zu verlieren. Ich werde dich überallhin verfolgen.
— Gut, — sagte Inge plötzlich ruhig. — Dann machen wir es so. Da Sie ja gekommen sind, um zu helfen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen, fangen wir gleich an. Uwe schuldet mir Unterhalt für sechs Monate. Das sind 2.400 Euro. Plus die rückständigen Nebenkosten aus der Zeit, als er hier wohnte und nicht zahlte – nochmal 600 Euro. Macht insgesamt 3.000 Euro. Zahlen Sie.
Gertrud stockte kurz, fing sich aber schnell wieder.
— Ich habe nicht so viel Geld. Ich bin Rentnerin.
— Und ich habe keine überflüssige Wohnung, — konterte Inge. — Wenn Sie schon die Interessen Ihres Sohnes vertreten, dann zahlen Sie für ihn. Oder dachten Sie, Sie kommen hierher, setzen sich auf meinen Hintern, essen meine Vorräte und diktierten die Bedingungen?
— Ich werde im Haushalt helfen! — schrie die Schwiegermutter. — Kochen, putzen!
— Ich brauche keine Köchin, — Inge ging zu den Taschen im Flur und stieß eine mit dem Fuß an. — Packen Sie Ihr Zeug und gehen Sie. Freiwillig.
— Nein! — Gertrud sprang vom Sofa auf und rannte zu Inge. — Ich gehe nicht! Du musst teilen! Mein Sohn leidet unter dir!
— Unter mir? — Inge drehte sich ruckartig um, die Augen schmal. — Ihr Sohn leidet unter seiner eigenen Faulheit und Dummheit. Und unter Ihnen, weil Sie ihm ein Leben lang in den Hintern gekrochen sind und jede Schweinerei gerechtfertigt haben. Er ist ein erwachsener Mann, und Sie gehen für ihn Wohnungen abpressen. Ist Ihnen das nicht peinlich?
— Wag es nicht, so über meinen Sohn zu reden! — Die Alte holte aus, um Inge eine Ohrfeige zu geben.
Inge fing ihre Hand in der Luft ab. Der Griff der jungen Frau war eisern.
— Wenn Sie in meinem Haus noch einmal die Hand gegen mich erheben, zeige ich Sie wegen Körperverletzung an, — sagte Inge leise und drohend. — Und jetzt hören Sie mir gut zu, Gertrud.
Sie ließ die Hand der Schwiegermutter los. Die Alte atmete schwer, in ihren Augen zeigte sich zum ersten Mal leichte Angst.
— Sie nehmen jetzt Ihre Taschen und verschwinden, — fuhr Inge fort. — Wenn Sie in fünf Minuten noch hier sind, rufe ich meinen Anwalt an. Wir haben die Situation mit Uwes Schulden schon besprochen. Er hat einen Anteil an Ihrem Schrebergarten in Potsdam, den Sie auf ihn überschrieben haben. Diesen Anteil pfänden wir wegen der Unterhaltsschulden. Er kommt unter den Hammer. Wollen Sie das? Dass fremde Leute in Ihren Garten einziehen?
Gertrud erbleichte.
— Das tust du nicht. Uwe sagte, du würdest dich nie auf Gerichte einlassen.
— Uwe ist ein Idiot, — schnitt Inge ab. — Er hat mich nach der Vera beurteilt, die nachts ins Kissen geweint hat, während er das Familienbudget verspielte. Diese Vera gibt es seit zwei Jahren nicht mehr. Vor Ihnen steht eine Frau, die ihr Kind allein versorgt, eine Vertriebsabteilung leitet und mit Geld umgehen kann. Wenn Sie nicht gehen, reicht mein Anwalt morgen früh die Pfändung von Uwes Vermögen ein. Und sein einziges Vermögen ist der Anteil an Ihrem Haus und Ihrem Garten.
Die Schwiegermutter erstarrte. Die Logik von Inges Worten traf sie sofort. Die Erpressung mit der Wohnung war gescheitert, und die Aussicht, den geliebten Garten durch die Schulden des Sohnes zu verlieren, war mehr als real.
— Du bist eine Schlange, Inge, — zischte Gertrud, aber ohne die frühere Überzeugung.
— Wie man’s nimmt, — Inge öffnete die Wohnungstür. — Die Zeit läuft. Fünf Minuten.
Die Schwiegermutter flatterte im Flur umher. Ihr ganzer Kampfgeist war verpufft. Sie begann hastig, ihre Schuhe anzuziehen, verhedderte sich in den Schnürsenkeln.
— Uwe wird erfahren, was für eine Bestie du bist, — murmelte sie, schnappte sich die erste Tasche. — Er wird dir das Kind wegnehmen.
— Soll er’s versuchen, — Inge sah ihr gleichgültig zu. — Bei seinen Einkünften und Schulden. Die würden ihm nicht mal einen Goldfisch anvertrauen.
Gertrud schleifte zwei Taschen auf den Treppenabsatz. Die dritte Tasche schob Inge selbst mit dem Fuß zur Tür hinaus.
— Die Schlüssel, — Inge streckte die Hand aus.
Die Schwiegermutter warf ihr wütend das Schlüsselbund vor die Füße. Es klirrte über die Fliesen. Inge hob es gelassen auf.
— Und lassen Sie sich hier nie wieder blicken. Nie. Lena sehen Sie nicht, bis Uwe den letzten Cent Unterhalt gezahlt hat. Und wenn Sie vor der Kita lauern, engagiere ich einen Sicherheitsdienst und verklage Sie auf Stalking. Haben Sie mich verstanden?
Gertrud antwortete nicht. Sie keuchte schwer, während sie versuchte, alle drei riesigen Taschen auf einmal zu packen. Die Fahrstuhltür öffnete sich, und sie, vor sich hin schimpfend, trat ein.
Inge knallte die Tür zu und drehte den Schlüssel zweimal um. Ihre Knie gaben nach, sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und rutschte langsam zu Boden. Das Herz hämmerte.
Aus dem Kinderzimmer kam Käthe, hinter ihr lugte Lena hervor.
— Weg? — fragte Käthe, die vor Inge in die Hocke ging.
— Weg, — Inge atmete durch und lächelte. — Sie kommt nicht wieder. Der Garten war ihr zu heilig.
— Mama, warum hat die Oma so geschrien? — fragte Lena, trat näher und schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter.
Inge drückte ihre Tochter, vergrub die Nase in ihrem weichen Haar. Die ganze Wut und Anspannung verflogen, nur ein Gefühl der Erleichterung und des absoluten Triumphs blieb.
— Ist schon gut, mein Schatz, — sagte Inge leise und stand auf. — Oma hat sich nur in der Adresse geirrt. Sie wird uns nicht mehr stören. Komm, wir trinken lieber Tee mit dem Kuchen, den Käthe mitgebracht hat.
Käthe zwinkerte Inge zu und ging in die Küche. Das Leben kehrte in sein normales, ruhiges Fahrwasser zurück, und keine Gespenster der Vergangenheit konnten es mehr erschüttern.





