Ingrid schloss das Schloss und atmete erleichtert aus. Na endlich. Zwei freie Tage lagen vor ihr, keine Schlangen, kein Abwiegen von Waren, kein Ein- und Ausladen.
„Frau Schröder, arbeiten Sie morgen?“, drang eine vertraute Stimme von hinten an ihr Ohr.
Sie drehte sich nicht einmal um – sie wusste sofort, wer es war. Herr Müller. Immer zur Unzeit.
„Morgen ist Sonntag“, sagte sie knapp, ohne sich umzudrehen. „Frei.“
„Ach so. Verstehe. Na gut, dann komme ich Montag.“
Ingrid drehte sich doch um. Der alte Mann stand da mit einer abgenutzten Einkaufstasche, in einer ausgeblichenen Jacke, und sah sie so verunsichert an. Als ob er etwas erhoffte.
„Wieder wird er ewig die Cent-Stücke zählen“, schoss es ihr durch den Kopf.
„Kommen Sie am Montag“, warf sie hin und marschierte nach Hause.
Dabei war es immer dasselbe: Er kam kurz vor Ladenschluss, suchte zwei, drei Kleinigkeiten aus, und dann fummelte er an der Kasse im Geldbeutel herum und zählte die Münzen. Die Schlange hinter ihm wurde länger, die Leute seufzten, aber er schien es nicht zu bemerken. So langsam. Einfach nervig.
Sonntagmorgen, als Ingrid am Laden vorbeiging, blieb sie wie angewurzelt stehen.
Vor der Tür saß eine Katze. Eine ganz normale Streunerkatze, grau, struppig und sehr dürr. Aber das Merkwürdige war: Sie saß nicht einfach da. Sie rannte von der Tür zum Fenster, kratzte mit den Krallen an der Schwelle, spähte durch den Spalt und miaute. So kläglich, so verzweifelt.
„Husch, weg hier!“, winkte Ingrid ab.
Die Katze rührte sich nicht. Sie starrte nur auf die Tür.
„Eine Streunerin“, dachte Ingrid und ging weiter.
Am Montag näherte sich Ingrid dem Laden mit einem mulmigen Gefühl. Die Katze war noch da. Sie lag zusammengerollt vor der Schwelle, erschöpft.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür schwang auf.
Da hörte Ingrid es. Ein feines, kaum hörbares Fiepsen. Irgendwo in der Ecke, hinter den Regalen.
Sie trat ein, schaute genauer hin – und ihr Herz rutschte in die Hose.
Ein Kätzchen.
Winzig, blind, hilflos. Es lag zwischen den Pappkartons, fiepte kläglich und strampelte mit den Pfötchen.
Die Katze schoss hinter Ingrid hinein, sprang zu dem Kätzchen, begann es zu lecken und zu schnurren.
„Mein Gott“, flüsterte Ingrid. „Also hast du versucht, zu ihm zu kommen.“
Ingrid stand über dem Pappkarton und wusste nicht, was tun. Die Katze hatte sich neben das Kätzchen gekuschelt, leckte es, schnurrte – zum ersten Mal seit einem Tag war sie ruhig.
Aber Ingrid hatte nur einen Gedanken: „Im Laden darf man keine Tiere halten. Wohin bloß damit?“
„Also, du hast mir echt was eingebrockt“, murmelte sie laut. „Wie bist du hier reingekommen? Wann hast du das geschafft?“
Die Katze drückte sich nur noch enger an ihr Junges.
Ingrid erinnerte sich: Am Freitagabend, als sie abschloss, drängten sich Kunden am Eingang. Hektik, Eile. Wahrscheinlich war sie da reingeschlüpft. Unbemerkt. Und nachts hatte sie geworfen, als der Laden leer stand.
Und den ganzen Sonntag war sie draußen hin- und hergerannt, hatte versucht, wieder hineinzukommen.
„Na gut“, seufzte Ingrid. „Jetzt überlegen wir mal was.“
Sie goss der Katze Wasser in einen Plastikbecher und brach ein Stück Wurst von ihrem eigenen Butterbrot ab. Die Katze trank gierig, hastig, als hätte sie Angst, dass man es ihr wieder wegnimmt.
Danach öffnete Ingrid den Laden für die Kunden.
Als Erste kam die Nachbarin, Frau Krause herein. Sie sah die Katze mit dem Jungen und schlug die Hände zusammen:
„Ach, Frau Schröder! Wo kommen die denn her?“
„Ja, äh …“, winkte Ingrid ab. „Irgendwie reingekommen. Sag mal, Waltraud, kannst du sie vielleicht nehmen? Deine Enkel lieben doch Tiere.“
Frau Krause verzog das Gesicht:
„Wir haben schon einen Kater. Alt und böse. Der würde sie alle umbringen. Nein, nein, tut mir leid.“
Als Nächstes kam Herr Schuster, der Klempner. Auch er lehnte ab:
„Meine Frau erlaubt das nicht. Sie bekommt von den Haaren einen Hustenreiz.“
Dann kam eine junge Mutter mit Kind. Der Kleine griff schon nach dem Kätzchen, aber die Mutter zog ihn zurück:
„Nicht anfassen! Das ist schmutzig! Überall Krankheiten. Komm, wir gehen.“
Ingrid stand hinter der Theke und spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren zusammenzog. Jede Absage hallte dumpf in ihrer Brust nach.
„Will denn wirklich niemand sie nehmen?“
Gegen Mittag hatte sie schon alle Hoffnung verloren.
Gegen drei Uhr nachmittags ging die Tür auf, und herein kam Herr Müller.
Wie immer – langsam, vorsichtig. Die Einkaufstasche in der Hand. Er grüßte leise, nickte.
Ingrid konnte nicht einmal antworten – er blieb am Eingang stehen, hockte sich neben den Karton.
„Ach“, sagte er leise. „Wer sind denn die da?“
Die Katze hob den Kopf und musterte ihn misstrauisch.
Herr Müller streckte vorsichtig die Hand aus, streichelte die Katze über den Kopf. Sie schloss die Augen und begann zu schnurren.
„Frau Schröder“, wandte er sich an die Verkäuferin. „Was wird aus ihnen?“
Ingrid seufzte:
„Ich weiß nicht, Herr Müller. Hier drin kann ich sie nicht behalten. Und niemand will sie mitnehmen.“
„Verstehe.“
Er schwieg einen Moment, dann streichelte er die Katze wieder. Das Kätzchen piepste leise und zappelte.
„Darf ich …“, begann Herr Müller und stockte. „Darf ich sie nehmen?“
Ingrid erstarrte. Sie starrte den alten Mann an und traute ihren Ohren nicht.
„Sie?“, fragte sie nach. „Ernsthaft?“
„Na ja.“ Er lächelte schüchtern. „Mir ist allein sowieso langweilig. Da habe ich Gesellschaft. Allerdings weiß ich nicht, wie man sich um sie kümmert. Aber ich lerne es. Ich lese im Internet nach.“
Ingrid spürte plötzlich einen Kloß im Hals. Dieser langsame alte Mann, den sie so oft zur Eile angetrieben hatte, auf den sie genervt gewesen war.
Er war der Einzige, der nicht vorbeiging.
„Herr Müller“, brachte sie hervor. „Vielen Dank. Wirklich. Danke.“
Er winkte ab:
„Ach was. Mir tut es selbst gut. Zu Hause ist es leer. Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben. Kinder haben wir keine. Deshalb komme ich jeden Tag hierher – um mit jemandem ein Wort zu wechseln.“
Ingrid wurde es heiß vor Scham. So heiß, dass sie am liebsten im Boden versunken wäre.
Immer hatte sie sich über seine Langsamkeit geärgert. Dass er die Schlange aufhielt.
Dabei war er einfach nur einsam.
Herr Müller nahm vorsichtig den Karton mit der Katze und dem Kätzchen. Er stützte ihn von unten, damit er nicht wackelte. Die Katze sah ihn misstrauisch an, wehrte sich aber nicht. Als ob sie wusste – dieser Mensch tut ihr nichts.
„Nur weiß ich nicht, wie ich sie nach Hause bringen soll“, sagte er nachdenklich. „Der Karton ist groß, unbequem. Und sie schaukeln so drin rum.“
„Moment“, sagte Ingrid, huschte ins Lager und kam mit einem stabileren, kleineren Pappkarton zurück. „Hier, der ist besser. Und er hat Henkel.“
Sie bettete die Katze und das Kätzchen selbst um, legte einen weichen Lappen auf den Boden. Ihre Hände zitterten. Sie wusste nicht, ob vor Aufregung oder vor Scham, die immer stärker an ihr nagte.
„Frau Schröder, vielleicht können Sie mir raten“, lächelte Herr Müller unsicher. „Was brauche ich für die beiden? Futter wohl? Einen Napf?“
Ingrid sah plötzlich ganz deutlich: Der alte Mann war überfordert. Er hatte Verantwortung übernommen, aber keine Ahnung, wie es weiterging. Und trotzdem hatte er sie genommen. Weil er nicht vorbeigehen konnte.
„Warten Sie“, sagte sie entschlossen.
Sie ging die Regale entlang und sammelte alles Nötige zusammen: eine Dose Fleisch für die Katze, eine Tüte Trockenfutter, zwei Plastiknäpfe, eine Packung Katzenstreu.
„Das ist für Sie“, reichte sie Herrn Müller die Tüte.
„Aber das kann ich doch bezahlen.“
„Nein“, unterbrach Ingrid. „Das ist von mir. Einfach so.“
Er wollte widersprechen, aber sie sah ihn so streng an, dass er nur nickte:
„Danke. Vielen, vielen Dank.“
Herr Müller nahm den Karton und die Tüte und ging zur Tür. An der Schwelle drehte er sich um:
„Frau Schröder, was meinen Sie? Muss ich mit ihnen zum Tierarzt?“
„Ja“, nickte sie. „Gehen Sie morgen hin. Lassen Sie nachschauen, ob alles in Ordnung ist.“
„Gut. Das mache ich.“
Er ging hinaus. Die Tür schloss sich leise klingelnd.
Ingrid blieb allein.
Im Laden war es still. Leer. Nur auf dem Boden, in der Ecke, lag der alte Pappkarton – genau der, in dem das Kätzchen gelegen hatte.
Sie ging hin, hob den Karton auf, wollte ihn wegwerfen. Aber plötzlich konnte sie nicht. Sie setzte sich einfach auf den Boden, drückte den Karton an die Brust und weinte.
Die Tränen liefen ihr über die Wangen, tropften auf die Pappe.
Sie erinnerte sich, wie sie sich über Herrn Müller geärgert hatte. Wie sie ihn zur Eile getrieben hatte. Wie sie jedes Mal geseufzt hatte, wenn er den Laden betrat. Wie sie dachte: „Schon wieder dieser Alte. Schon wieder wird er die Cent-Stücke zählen.“
Und dabei war er so ein Mensch.
Ohne zu zögern hatte er die Katze mit dem Jungen genommen. Obwohl er selbst kaum über die Runden kam – das sah man an seiner Kleidung, daran, wie er das Kleingeld in seinem Portemonnaie zählte.
Aber er war nicht vorbeigegangen.
„Mein Gott“, dachte Ingrid, „was bin ich doch für eine dumme, verstockte Person gewesen.“
Sie wischte sich die Tränen mit der Hand weg, stand auf. Warf den Karton in den Müll. Kehrte hinter die Theke zurück.
Die Kunden kamen.
Ein normaler Arbeitstag.
Aber etwas in Ingrid hatte sich verändert. Sie sah die Kunden mit anderen Augen. Nicht mehr als eine Schlange, die sie möglichst schnell abfertigen musste. Sondern als Menschen, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Und man wusste nie, was in einem vorging.
Morgen würde sie Herrn Müller auf jeden Fall fragen, wie es der Katze und dem Kätzchen ging. Ob sie Hilfe brauchten.
Und nie wieder würde sie ihn zur Eile drängen.
Zwei Tage vergingen.
Ingrid wartete auf Herrn Müller. Sie blickte zur Tür, lauschte auf Schritte im Flur. Aber er kam nicht.
Und die Sorge wuchs. „Ob ihm etwas passiert ist? Vielleicht ist er krank? Oder mit der Katze stimmt was nicht?“
Am dritten Tag hielt sie es nicht mehr aus.
Sie fragte die Nachbarn nach seiner Adresse. Es stellte sich heraus, dass Herr Müller im Nachbarhaus wohnte, im dritten Stock.
Ingrid kaufte eine Tüte Äpfel und eine Packung Kekse – der Form halber, damit sie nicht mit leeren Händen kam – und ging nach der Arbeit zu ihm.
Die Tür öffnete sich nicht sofort. Dann hörte man schlurfende Schritte, und auf der Schwelle erschien Herr Müller. Überrascht, verunsichert.
„Frau Schröder? Sie … bei mir?“
„Ja.“ Sie reichte ihm die Tüte. „Ich dachte, ich schau mal vorbei. Wie geht es Ihnen? Und der Katze mit dem Kätzchen?“
Das Gesicht des alten Mannes erhellte sich zu einem Lächeln. So warm, so ehrlich, dass Ingrid leichter ums Herz wurde.
„Kommen Sie herein, kommen Sie!“ Er trat zur Seite. „Sie haben sich bei mir ganz prima eingelebt!“
Die Wohnung war klein, bescheiden. Alte Möbel, abgenutzter Teppich. Aber sauber, gemütlich.
Auf der Fensterbank, auf einer gefalteten Decke, döste die Katze. Neben ihr wuselte das Kätzchen herum – schon kräftiger, flauschiger.
„Da sind sie“, sagte Herr Müller stolz. „Die Katze habe ich Minka genannt. Und das Kätzchen – Moritz. Weil es so ruhig ist.“
Ingrid ging hin, streichelte vorsichtig Minka. Die öffnete ein Auge, schnurrte kurz und schlief weiter.
„Was für hübsche Tiere“, sagte Ingrid leise.
„Ja, nicht wahr.“ Herr Müller strahlte über das ganze Gesicht. „Wissen Sie, ich war mit ihnen beim Tierarzt. Alles in Ordnung.
Er redete und redete – wie Minka die erste Nacht unter dem Sofa gelegen und das Kätzchen dorthin gezerrt hatte, wie sie sich dann eingewöhnt hatte, wie sie ihn jetzt an der Tür begrüßte, wenn er nach Hause kam.
Als Ingrid ging, blieb sie an der Schwelle stehen:
„Herr Müller, kommen Sie wieder in den Laden. Ich warte auf Sie.“
Er nickte:
„Ich komme.“
Und fügte leise hinzu:
„Danke, Frau Schröder. Für alles.“
„Nein, ich danke Ihnen“, antwortete sie. „Sie sind ein echter Mensch.“
Am nächsten Tag kam Herr Müller wieder in den Laden. Wie immer – langsam, mit der Einkaufstasche.
Aber diesmal empfing ihn Ingrid mit einem Lächeln. Sie holte aus dem Hinterzimmer einen Hocker und stellte ihn neben die Theke:
„Setzen Sie sich, Herr Müller. Keine Eile. Ich habe keine Zeitnot.“
Er nickte dankbar. Setzte sich. Begann in aller Ruhe, seine Lebensmittel auszusuchen.
Und zum ersten Mal drängte Ingrid den alten Mann nicht.





