In unserer kleinen Stadt in Niedersachsen, wo Geheimnisse sich wie ein Lauffeuer verbreiten, dachte ich, mein Traum vom Abiball sei zerstört, bevor er überhaupt eine Chance hatte. Doch am Morgen des Balls passierte etwas Unerwartetes: Ein rotes SUV fuhr in unsere Einfahrt.
Ich bin 17, eine Abiturientin in einer Gegend, wo jeder dein Lieblingsgetränk und deine größte Enttäuschung kennt. Neben der Schule jobbte ich, um mein Abiballkleid zu bezahlen bis ich herausfand, dass meine Stiefmutter das Geld gestohlen hatte. Gerade als ich dachte, alles wäre verloren, tauchte dieses Auto auf und änderte alles.
In unserer Stadt sagt man scherzhaft, man könne nicht mal im Supermarkt niesen, ohne dass es in der Eltern-WhatsApp-Gruppe landet. Die Kassiererin bei DM weiß, welches Kaugummi du magst, und der Verkehrspolizist könnte vermutlich deinen Notendurchschnitt aufsagen.
Ich arbeitete nachmittags in der Apotheke, räumte Regale ein und fegte den Boden, wenn der ältere Apotheker mal wieder seine Brille verlegt hatte. Am Wochenende babysittete ich.
Jeder einzelne Euro, jedes Trinkgeld von Kunden, die sagten: Behalt den Rest, Mädel, landete in einer alten roten Jacobs-Kaffeedose unter meinem Bett. Diese Dose enthielt nicht nur Geld sie enthielt meinen Traum.
Seit der neunten Klasse hatte ich mir mein Abiballkleid vorgestellt, während ich durch Instagram scrollte und Bilder von Satin und Tüll speicherte. Ich wollte nichts Extravagantes, nur etwas Schlichtes und Magisches etwas, das mich fühlen ließ, als gehöre ich in eine Welt, in der Träume wahr werden.
Meine Mutter, die starb, als ich zwölf war, sagte immer: Ich will, dass dein Leben Glanz hat. Ich mochte glauben, sie würde mich vom Himmel aus sehen, wie ich etwas Glänzendes trage. Seitdem jagte ich diesem Glanz hinterher, als wäre es eine Ziellinie.
Mein Vater heiratete wieder, als ich 14 war, und so kam Sabine ins Spiel. Sie trug Designer-Parfum, hatte eine makellose Haltung und eine Stimme, die immer klang, als wüsste sie es besser. Mit ihr kam ihre Tochter Nina in meinem Alter , die im vorletzten Schuljahr einzog.
Wir waren keine Feinde, aber auch nicht eng. Wir existierten nebeneinander, wie Fremde, die denselben Zug nehmen, aber in entgegengesetzte Richtungen fahren.
Als der Februar kam, begann das Abiball-Fieber. Die Mädchen in der Schule erstellten Gruppenchats über Kleiderfarben und Playlists. Pinterest-Boards wurden wie Schatzkarten geteilt.
Sogar Sabine steckte sich mit der Energie an. Sie klebte eine Abiball-Planungstafel an den Kühlschrank, als wäre es ein Wissenschaftsprojekt. Darauf standen Checklisten: Location, Nägel, Bräunung, Schuhe, Frisuren-Proben, Corsage-Etikette.
Ninas Name prangte in glitzerndem Lila, unterstrichen mit Glitzerstift. Mein Name? Nirgends.
Es kümmerte mich nicht. Ich sparte still.
Bis März enthielt die Kaffeedose 280 Euro. Ich zählte sie zweimal an jenem Morgen. Genug für ein Kleid im Sale bei Peek & Cloppenburg, ein paar schlichte Absätze und vielleicht ein Lockenstab, wenn es ein Angebot gab.
In meinem Handy wartete meine eigene Checkliste:
Kleid: unter 180 Euro
Schuhe: vielleicht vom Outlet
Frisur: DIY-Locken von YouTube
Make-up: Drogerie-Foundation plus meine eine gute Palette
Corsage: für Florian, meinen Nachbarn und Ballbegleiter
Florian und ich waren kein Paar. Wir hatten einfach ausgemacht, zusammen zu gehen. Er ist der Typ, der seinen Hund zur Apotheke bringt, damit Kinder ihn streicheln können. Harmlos, lustig, nett. Ich mochte ihn.
Dann kam dieser Donnerstag. Ich öffnete die Tür und roch fettiges Essen und Ninas kicherndes Lachen. Schuhe ausgezogen, Tasche abgestellt, folgte ich dem Geräusch in die Küche.
Nina stand auf einem Stuhl und drehte sich in einem lila-glitzernden Kleid, das funkelte wie gefrorenes Wasser. Das Preisschild baumelte an ihrer Seite. Auf dem Tisch lag ein Kleiderbeutel von einem Boutique-Laden, den ich von TikTok kannte einer dieser Läden, wo sie dir einen Drink anbieten, während du shoppst.
Gefällts dir?, fragte sie und wirbelte herum. Mama sagte, jedes Mädchen verdient sein Traumkleid.
Ich zwang mich zum Lächeln. Es ist wirklich hübsch.
Sabine drehte sich zu mir, ihr Gesicht strahlend warm. Und du, Schatz, kannst eines meiner Cocktailkleider ausleihen. Wir können es kürzen, aufpeppen. Praktisch, oder?
Ich habe für meins gespart, sagte ich und hob die Brauen.
Sabine blinzelte, dann lächelte sie mich mitleidig an, was mir den Magen umdrehte. Oh, Süße. Ich dachte, du sparst fürs Studium. Der Abiball ist nur eine Nacht. Die Uni dauert ewig.
Mir sank das Herz.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Trotzdem möchte ich mein eigenes Kleid wählen.
Sie winkte ab, als wäre ich ein Kind, das nach einer zweiten Kugel Eis bettelte. Du wirst mir später danken.
Ich ging nach oben, die Brust eng. Ich musste nur meine Dose sehen, den Deckel berühren, mir versichern, dass sie noch da war.
Doch als ich unter das Bett griff nichts.
Ich suchte noch einmal. Immer noch nichts.
Meine Hände zitterten, als ich das Zimmer durchwühlte. Kleiderschrank? Nein. Schreibtischschubladen? Nein. Hinter dem Bücherregal? Nichts.
Papa!, rief ich. Hast du meine Kaffeedose gesehen? Die rote?
Er kam aus dem Wohnzimmer, müde, die Krawatte locker. Welche Kaffeedose?
Die unter meinem Bett, sagte ich, meine Stimme wurde lauter, als ich die Treppe hinunterging. Da war mein Erspartes drin.
Hat jemand meine rote Kaffeedose gesehen?, rief ich, in der Hoffnung, Sabine oder Nina würden antworten.
Sabine erschien, als hätte sie auf ihren Auftritt gewartet. Ach die! Ich wollte es dir sagen ich habe sie mir ausgeliehen.
Ich erstarrte. Ausgeliehen?
Für die Stromrechnung, sagte sie glatt. Wir hatten ein Loch im Budget. Und die Provision deines Vaters ist noch nicht da. Du bekommst es zurück.
Papa runzelte die Stirn. Wie viel war drin?
280 Euro, flüsterte ich.
Sabine zuckte nicht mit der Wimper. Wir brauchten es. Wir haben Ninas Kleid gekauft. Und du bist emotional. Du brauchst kein dummes Kleid. Außerdem gehst du sowieso nicht zum Abiball, weil dein Vater an dem Wochenende nicht da ist. Also wäre sowieso niemand für Fotos mit dir hier.
Ich presste die Zähne zusammen.
Sabine neigte den Kopf. Du bist ein kluges Mädchen. Du verstehst Opfer.
Ich blickte an ihr vorbei zu Nina, die immer noch im Flur wirbelte, die Strasssteinchen warfen Lichtreflexe. Aus Sabines Handtasche lugte ein Kassenzettel: 430 Euro.
Du hast mein Geld für Ninas Kleid benutzt?
Sabines Lächeln erstarrte. Es ist Familien-Geld. Wir teilen hier. Du wirst mir in zehn Jahren danken, wenn du nicht in Schulden ertrinkst.
Papa rieb sich die Schläfen, die Last drückte auf ihn. Wir werden es wiedergutmachen, murmelte er.
Wann?, fragte ich





