Bis zum Abend muss die Katze aus dem Treppenhaus verschwunden sein, brüllte der Hausmeister. Bei 30 Grad Frost.

Gertrud stand am Fenster und sah zu, wie der Frost Blumen auf die Scheibe malte. Minus dreißig hatten sie angesagt. Vielleicht auch mehr.

Sie horchte.

Unten Stimmen. Dann ein Schrei:

– Bis zum Abend! Hören Sie?! Bis zum Abend ist der Kater weg!

Herr Müller. Der Hausmeister.

Gertrud trat vom Fenster zurück, warf sich das Kopftuch über und ging auf den Treppenabsatz. Sie stieg ins Erdgeschoss hinab. Da standen schon die Nachbarn – manche in Hausschuhen, manche im offenen Mantel. Alle schwiegen und starrten Herrn Müller an, der mitten im Hausflur stand, rot vor Wut, und mit dem Finger in die Ecke deutete.

Dort, auf der Heizung, kauerte ein roter Kater.

Mager. Mit einem zerschundenen Ohr. Er zitterte.

– Da! – brüllte der Hausmeister. – Da ist euer Findling! Überall Haare! Gestank! Ich bin für Ordnung zuständig, und ihr macht hier ein Heim fürs Getier!

– Herr Müller, – sagte leise Frau Liesel aus dem dritten Stock, – er stört doch niemanden.

– Stört nicht?! – Herr Müller fuhr zu ihr herum, so heftig, dass die Frau zurückwich. – Wer hat sich denn beschwert, dass überall Haare sind?! Wer hat gesagt, dass er Flöhe hat?! Ich treibe hier doch keinen Unsinn!

Frau Liesel senkte den Blick.

Gertrud ballte die Fäuste.

Sie wollte etwas sagen. Wollte. Aber die Kehle war wie zugeschnürt, und die Worte blieben irgendwo innen stecken.

– Kurz und gut, – schnitt der Hausmeister ab, – bis sechs heute Abend – seine Spur darf hier nicht mehr sein. Räumt ihr ihn nicht selbst weg, dann werfe ich ihn auf die Straße. Verstanden?

Er sah in die Runde. Niemand antwortete.

– Verstanden, sage ich?!

– Verstanden, – brummte einer der Männer.

Herr Müller nickte, knallte die Tür zu und ging.

Die Nachbarn trollten sich langsam, seufzend.

Der Kater aber blieb auf der Heizung liegen – ein roter Knäuel, der gar nicht begriff, dass man ihn gleich in die Kälte werfen würde.

Gertrud stieg in den vierten Stock hinauf. Schloss die Tür. Setzte sich in der Küche und starrte die Wand an.

Am Abend würde es minus dreißig haben.

Er würde erfrieren.

Das wusste sie genau.

Denn einmal, im Winter, hatte sie unter dem Hauseingang einen Spatz gefunden – einen kleinen, erfrorenen, mit an den Körper gepressten Flügeln. Sie hatte ihn mit nach Hause genommen, ihn aufgewärmt, aber es war zu spät gewesen. Viel zu spät.

Gertrud stand auf, ging zum Fenster.

– Herr, – hauchte sie leise, – was soll ich nur tun.

Sie setzte sich wieder. Die Hände zitterten.

Sie hatte Angst. Angst vor dem Krach. Angst, dass Herr Müller losschreien würde. Dass die Nachbarn sich abwenden. Dass man sie verrückt nennen würde.

Aber am meisten hatte sie Angst, sich auszumalen, wie der rote Knäuel im Schnee lag – erstarrt, mit offenen Augen.

Gertrud ging gegen Abend wieder hinunter.

Der Kater lag noch immer auf der Heizung. Hob den Kopf, als sie kam. Sah sie an – mit gelben, misstrauischen Augen.

– Was machst du denn hier? – murmelte sie. – Hast du kein Zuhause?

Der Kater schwieg.

Gertrud streckte die Hand aus – strich über den zerschundenen Rücken. Er zuckte zusammen, lief aber nicht weg. Er fing an, leise zu schnurren.

Sie stieg wieder hinauf.

Um halb sechs hörte man wieder Stimmen im Hausflur. Gertrud spähte durch den Türspalt.

Herr Müller stand unten. Neben ihm zwei Männer aus dem Nachbarhaus. Einer trug einen Sack.

– Da ist er, der Schädling, – sagte der Hausmeister und deutete auf den Kater. – Holt ihn.

Der Mann mit dem Sack trat vor.

Da – wie gerufen – kam die Nachbarin Liesel aus ihrer Wohnung. Sie sah es, blieb stehen.

– Was macht ihr da?

– Siehst du das nicht? – fauchte Herr Müller. – Wir räumen auf, wie abgemacht.

– Herr Müller, vielleicht nicht? – sagte Frau Liesel leise. – Vielleicht nimmt ihn ja jemand?

– Wer nimmt ihn?! – brüllte er. – Du?! Oder die da, die im Haus wohnen und schweigen?! Nein! Schon wieder ich, der den Dreck wegmacht!

Frau Liesel senkte den Blick.

– Eben, – zischte der Hausmeister.

Gertrud stand oben und hörte zu. Das Herz hämmerte so, dass es ihr fast aus der Brust sprang.

Unten warf der Mann den Sack über den Kater. Der schrie – wild, verzweifelt. Kratzte. Aber sie stopften ihn trotzdem hinein und banden ihn zu.

– Das war’s, – sagte Herr Müller. – Tragt ihn zum Müll. Wenn er klug ist, kommt er von selbst raus.

Die Männer trugen den Sack zum Ausgang.

Die Tür fiel ins Schloss.

Gertrud ließ die Klinke los. Die Hände zitterten. Die Beine gaben nach.

Sie ging zurück in die Küche. Setzte sich. Starrte die Wand an.

Aber nach einer Minute sprang sie auf.

Schnappte den Mantel. Zog die Filzstiefel an. Warf das Kopftuch über.

Rannte auf die Treppe.

Stieg hinunter – so schnell, dass sie beinahe in der Kurve stürzte.

Riss die Haustür auf.

Gertrud lief zu den Mülltonnen.

Der Sack lag im Schnee neben der Tonne.

Sie knotete ihn auf. Die Hände zitterten – der Knoten gab nicht nach.

Der Sack öffnete sich.

– Lebendig, – keuchte Gertrud. – Lebendig, Gott sei Dank.

Sie hob den Kater hoch – er war leicht, fast schwerelos. Drückte ihn an die Brust, deckte ihn mit den Mantelschößen zu.

Lief zurück.

Im Hausflur wieder Stimmen.

Herr Müller stand an den Briefkästen. Rauchte. Als er sie mit dem Kater auf dem Arm sah, verzerrte sich sein Gesicht.

– Was machst du da?! – brüllte er.

Gertrud blieb stehen. Atmete durch.

– Ich nehme ihn zu mir, – sagte sie. Die Stimme zitterte, aber die Worte kamen klar.

– Wohin nimmst du ihn?! – Herr Müller trat auf sie zu. – Ich habe gesagt, seine Spur darf hier nicht mehr sein!

– Sie haben gesagt, im Hausflur darf er nicht sein, – Gertrud hob das Kinn. – Also nehme ich ihn mit. In die Wohnung. Zu mir.

– Bist du völlig übergeschnappt?! – Er stieß ihr den Finger gegen die Brust.

Gertrud stieg in den vierten Stock hinauf.

Ging in die Wohnung. Schloss die Tür.

Setzte sich auf den Boden – im Mantel, in den Filzstiefeln.

Der Kater lag auf ihrem Schoß. Öffnete ein Auge – sah sie an.

– So, – flüsterte Gertrud. – So. Jetzt bist du zu Hause.

Die Hände zitterten. Tränen liefen ihr über die Wangen.

Aber in ihr – zum ersten Mal seit vielen Jahren – war es warm und still.

Eine Woche später kam Herr Müller zu Gertrud.

Klopfte an die Tür – leise, fast schüchtern.

Sie öffnete. Wunderte sich.

– Sie? Was ist passiert?

Er stand auf der Schwelle – ohne Jacke, in einem alten Pullover.

– Darf ich? – fragte er.

Gertrud nickte. Ließ ihn ein.

Herr Müller ging in die Küche. Setzte sich. Der Kater sprang vom Fensterbrett, beschnüffelte seine Schuhe und verschwand ins Zimmer.

– Tee? – bot Gertrud an.

– Nein, danke.

Er schwieg. Dann seufzte er.

– Ich bin nicht gekommen, um mich zu entschuldigen, – Herr Müller atmete tief durch. – Ich wollte nur sagen. Dass du das Richtige getan hast.

Er stand auf. Ging zur Tür.

– Herr Müller, – rief Gertrud ihn zurück.

Er drehte sich um.

– Vielleicht trinken Sie doch einen Tee?

Er zögerte. Dann nickte er.

– Ja, gern.

Sie saßen in der Küche – tranken Tee, schwiegen. Der Kater sprang Gertrud auf den Schoß. Schnurrte.

– Wie heißt er? – fragte der Hausmeister.

– Rotschopf, – lächelte Gertrud. – Einfach Rotschopf.

Herr Müller nickte. Trank seinen Tee aus. Stand auf.

– So, ich geh dann.

– Herr Müller, – rief sie noch einmal. – Wenn Sie mal wollen – kommen Sie auf einen Tee vorbei.

Er sah sie an. Grinste.

– Komm ich.

Ein Monat verging. Dann ein zweiter.

Rotschopf hatte Speck angesetzt. Das Fell glänzte. Das Ohr war verheilt. Er schlief auf dem Fensterbrett – dort, wo morgens die Sonne hereinschien.

Die Nachbarn hatten sich daran gewöhnt. Frau Liesel brachte manchmal Fischreste. Heike verwöhnte ihn mit Sahne. Sogar der Mann aus dem fünften Stock brachte einmal einen Kratzbaum.

– Hab ihn auf dem Müll gefunden, – sagte er. – Sieht noch ganz aus.

Gertrud nahm die Gaben entgegen – und wunderte sich jedes Mal.

Draußen fiel Schnee. Der Frost malte Blumen auf die Scheibe.

Aber in der Wohnung war es warm.

Und im Herzen auch.

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Homy
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Bis zum Abend muss die Katze aus dem Treppenhaus verschwunden sein, brüllte der Hausmeister. Bei 30 Grad Frost.
Der selbstverliebte Egoist