Der selbstverliebte Egoist

Der selbstverliebte Egoist

Welch eine Langeweile…

Albert hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht, lehnte sich zurück und griff nach einer Handvoll Kartoffelchips aus der Schale. Ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden, drückte er auf die Fernbedienung, und der Fernseher erwachte zum Leben. Bunte Bilder einer Sportsendung flimmerten über den Bildschirm: gestählte Athleten präsentierten ihre Leistungen, während die enthusiastischen Stimmen der Kommentatoren ihn eher nervten als unterhielten. Albert brummte leise, beinahe herablassend, als wolle er das Gesehene bewerten, und warf einen schnellen Blick auf die Wanduhr. In einer Stunde müsste Marie aus dem Fitnessstudio zurückkommen.

Vor gut einem Jahr hatten sie sich das erste Mal gesehen, damals in einem kleinen Café unweit ihres Sportzentrums, mitten in München.

Marie betrat das Café leicht außer Atem vom schnellen Gehen. Sie atmete erleichtert auf, als ihr die angenehm kühle Luft der Klimaanlage entgegenströmte. An der Theke bestellte sie grünen Tee und schaute sich suchend nach einem freien Platz um.

Fast zeitgleich kam auch Albert herein. Unter dem Arm eine Mappe mit Unterlagen, im Gesicht lag die Müdigkeit eines langen Arbeitstags. Ohne viel zu überlegen, bestellte er einen kräftigen Hamburger mit Pommes. An einem freien Tisch nicht weit vom Eingang legte er seine Mappe ab und wartete mit spürbarer Vorfreude auf sein Essen.

Maries Tee wurde als Erstes gebracht. Sie nahm die Tasse, drehte sich um und im selben Moment wollte auch Albert sein Handy aus der Tasche ziehen, verdrehte sich dabei ungeschickt. Er riss seinen Orangensaft um, und ein Schwall Saft ergoss sich prompt über Maries T-Shirt.

Ach herrje! Entschuldigung! rief Albert, sprang hastig auf, das Gesicht tiefrot, die Augen weit aufgerissen vor Scham. Zittrig zog er ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche. Es tut mir wahnsinnig leid Hier, bitte…

Unsicher hielt er ihr das Taschentuch hin und mied den Blick auf den nassen Fleck. Er war ehrlich verlegen vor allem gegenüber einer so charmanten Frau.

Kein Problem, erwiderte Marie mit einem ehrlichen Lächeln. Ist ja bloß Saft. Halb so wild.

Ihre Gelassenheit und das Lächeln beruhigten Albert merklich. Er atmete hörbar aus, die Schultern sanken.

Aber wirklich, es ist mir sehr unangenehm, stammelte er, Taschentuch immer noch in der Hand. Darf ich Ihnen wenigstens das nächste Getränk spendieren? Das wäre nur fair.

Seine Stimme klang ehrlich, ohne aufgesetzte Höflichkeit. Hoffnungsvoll blickte er sie an, fast so, als fürchtete er eine Ablehnung.

Marie hob die Augenbrauen, ein Anflug von Belustigung zuckte in ihren Augenwinkeln. Sie nahm das Tuch und tupfte das Malheur von ihrem Oberteil.

Wenn Sie so darauf bestehen…, meinte sie mit zuckersüßer Stimme dann nehme ich doch tatsächlich ein Stück Käsekuchen. Wollte ich schon die ganze Zeit probieren.

Hervorragend! meinte Albert erleichtert und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend aufrichtig. Ich warte auf meinen Burger. Nach so einem Arbeitstag brauche ich den einfach.

Ich verstehe Sie, nickte Marie. Nach dem Training reicht mir meist ein Tee, aber ab und zu könnte ich auch schwach werden… Wenn ich Ihren Burger sehe, bin ich fast neidisch.

Wollen Sie nicht auch noch was essen? schlug er vor. Die Mandelcroissants hier sind köstlich. Oder vielleicht ein Eis?

Na schön, Sie haben mich überredet, gab Marie auf, den Kopf leicht geneigt. Eis. Aber nur, weil Sie sich so charmant entschuldigen!

Dann ist meine Mission ja erfüllt, grinste Albert, das Eis endgültig gebrochen. Ach so, ich bin übrigens Albert.

Marie, sagte sie, reichte die Hand und lächelte. Angenehm, Sie kennenzulernen, Albert.

Die ersten Monate ihrer Bekanntschaft verliefen leicht und unbeschwert. Marie versuchte nicht, ihn zu ändern, lachte über seine Scherze, und an Wochenenden gönnte sie sich sogar ein Stück von der Pizza, die Albert so gern bestellte. Für ihn bedeutete das viel: Da war jemand, der ihn einfach nahm, wie er war, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne viel zu fordern. Er fand, er war selten so glücklich gewesen. An seiner Seite eine lebenslustige, attraktive Frau so ein Glück!

Mit der Zeit aber veränderte sich etwas. Marie sprach immer öfter von gesunder Ernährung. Sie erzählte begeistert von neuen Rezepten, schlug morgendliche Joggingrunden im Englischen Garten vor. Ihre Augen leuchteten, wenn sie davon sprach: Stell dir vor, wie schön der Park am Morgen ist, wenn alles noch ruhig und frisch ist! Albert wiegelte meist ab, lächelnd: Später, alles zu seiner Zeit. Er hatte keinen Drang zur Veränderung, aber auch keine Lust zu streiten.

Er liebte sein geregeltes Leben! Seine Arbeit im Büro gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, die Fernsehabende waren willkommene Entspannung, der Besuch im Lieblingscafé mit frischem Gebäck war ein echtes Highlight der Woche. Warum also etwas ändern?

Doch Veränderungen ließen sich nicht aufhalten.

Im Winter wurde es sichtbar: Die Lieblingshosen zwickten am Bund, Hemden spannten an Bauch und Brust. Beim Treppensteigen in der Kanzlei schnappte Albert plötzlich nach Luft, ein Ziehen in der Brust zwang ihn zum Stehenbleiben. Das machte ihm Angst.

Abends, als er nach Hause kam, merkte Marie sofort seine blasse, müde Miene. Sie reichte ihm ein Glas Wasser und setzte sich zu ihm.

Geht es dir gut, Albert? fragte sie leise und berührte seine Hand. Du siehst erschöpft aus.

Ach was, alles gut, wehrte er ab. Langer Tag, das ist alles.

Du meintest schon mehrfach, dass du beim Treppensteigen nach Luft schnappst. Eben hast du kaum gegessen, das bist du gar nicht.

Albert seufzte, rieb sich das Gesicht.

Ja, Atmen fällt schwerer. Aber sicher nur von der Arbeit.

Albert, sagte Marie sanft, aber bestimmt. Das war nicht das erste Mal. Du solltest wirklich zu einem Arzt gehen. Einfach zur Kontrolle.

Unsinn, lachte er auf. Liegt am Alter. Niemand wird jünger.

Es liegt nicht am Alter, widersprach sie ruhig. Du warst immer aktiv. Jetzt bist du schon beim Treppensteigen außer Atem. Das ist nicht gut. Komm, wir machen einen Arzttermin ich begleite dich, wenn du willst.

Albert blickte zum Fenster hinaus, schwieg.

Von mir aus, brummte er. Aber keine Panik, ja?

Versprochen, lächelte Marie erleichtert. Wir wollen doch nur wissen, worans liegt.

Auf ihr Drängen ging er tatsächlich zum Arzt. Dieser machte kurzen Prozess: Gewicht senken, mehr Bewegung, Ernährung radikal umstellen! Mit plastischen Schilderungen entwarf er für Albert ein düsteres Zukunftsbild, sollte sich nichts ändern. Da erschrak der Mann tatsächlich.

Marie nahm die ärztlichen Empfehlungen als Arbeitsauftrag. Sie setzte für Albert einen detaillierten Ernährungsplan auf, rechnete Kalorien und Nährstoffe akkurat aus. Sogar einen Trainer fand sie, der Hausbesuche machte bequemer hätte es für Albert nicht sein können. Nach und nach verschwanden Colagetränke, Fertigessen, Sahnesaucen aus dem Kühlschrank, stattdessen füllte sie ihn mit Gemüse, magerem Fleisch und Vollkornbroten.

Die Umstellung fiel Albert schwer. Morgens maulte er über seine fade Haferschleimschale: Das ist doch kein Essen! Das Training war anfangs eine Qual, er musste sich zwingen, es nicht hinzuschmeißen. Hin und wieder, halb im Spaß, halb erfolgsarm, unkte er: Fitness ist was für die Jungen nicht für Bürohengste!

Doch nach und nach spürte er Veränderungen. Es fiel ihm leichter zu atmen, die Beinmüdigkeit zum Feierabend verschwand. Im Spiegel erkannte er mit Erstaunen Konturen, wo vorher nichts als Trägheit war: Das Gesicht klarer, der Blick lebendig.

Nach einem halben Jahr hatte Albert stolze fünfzehn Kilo verloren. Nicht nur die Anzeige der Waage war anders, der ganze Mensch schien verwandelt. Fernsehabende liebte er noch immer, aber dazu kamen Spaziergänge am Morgen, und die neu gewonnene Leichtigkeit gehörte ganz selbstverständlich zu ihm.

Marie suchte mit ihm gemeinsam sorgfältig die neue Garderobe aus; sie beriet sich sogar mit der Verkäuferin im Laden und achtete auf Schnitt und Farbe. Nun trug er modische Stoffhosen und figurbetonte Hemden, in denen er ganz anders aussah als in seinen alten Klamotten: fit, gepflegt, selbstbewusst.

Selbst der Weg zum Friseur änderte sich. Jahrelang hatte Albert sich nicht um seinen Haarschnitt gekümmert, nun ließ er sich von einem Barbier beraten; die neue Kurzhaarfrisur stand ihm ausgezeichnet. Marie schenkte ihm zum Geburtstag Gesichtscreme. Anfangs stand er dem skeptisch gegenüber, aber schon bald fiel ihm auf, dass seine Haut glatter und gesünder aussah.

Mehr und mehr stieg damit auch die Aufmerksamkeit der Umwelt. In der U-Bahn bemerkte er wohlwollende Blicke, Kolleginnen im Büro verteilten Komplimente: Du siehst klasse aus! oder Wie hast du das nur geschafft? Sogar im Café sprach ihn eines Tages eine Unbekannte freundlich an, lächelte, berührte die Manschette seines Hemds: Hätten Sie einen Tipp für ein gutes Restaurant hier in der Nähe? Es war ein lockeres Gespräch, das dazu führte, dass sie nach seiner Nummer fragte mit der Begründung, sie unterhalte sich gern mit interessanten Menschen.

In Albert wuchs ein noch ganz unbekanntes, aber angenehmes Hochgefühl. Im Fitnessstudio musste er sich nicht mehr schämen umzuziehen, konnte am See selbstbewusst baden gehen, in jeder Runde scherzen und flirten wie es ihm gefiel. Jeder Blick, jedes Kompliment schien ihm Kraft zu geben, sein Selbstbewusstsein festigte sich.

Aber damit schlich sich auch Wandel in sein Denken: Je mehr er Bestätigung und Aufmerksamkeit erhielt, desto weniger schätzte er, was er längst besaß. Selten dachte er noch daran, wie mühevoll der Anfang gewesen war, wie Marie ihn unterstützt hatte ihr Plan, ihr Durchhalten, ihre Geduld, wenn er über den Haferschleim stinkte. Das alles schien wie eine ferne Episode, unwichtig und verblasst.

Eines Abends kam Marie voller Energie nach dem Training nach Hause ihre Augen leuchteten wie immer, wenn sie begeistert erzählen wollte.

Du glaubst nicht, was für einen effektiven Rücken-Workout mein Trainer heute gezeigt hat! rief sie und schlüpfte aus ihren Sneakers. Ich hab alles notiert, ich kanns dir nachher mal zeigen!

Albert, vertieft in seine Serie, winkte gelangweilt ab:

Muss das schon wieder sein? Können wir heute nicht einfach mal nichts tun? Ich wollt einfach den Abend genießen.

Marie war kurz etwas verdutzt, wahrt aber die Ruhe.

Ich wollte nur teilen, weißt du. Es ist einfach wichtig, fit zu bleiben. Das weißt du doch.

Albert schaltete den Fernseher aus, drehte sich mit einer neuen, fast arroganten Selbstsicherheit zu ihr.

Brauch ich nicht. Mir gehts bestens. Dir verdanke ich das sicher, aber jetzt weiß ich selbst, was zu tun ist. Ich brauch kein ständiges Erinnern.

Meinst du das wirklich so? fragte Marie, verwundert, ruhig, aber mit einem Ausdruck, den Albert nicht deuten konnte. Kein Ärger, keine Wut eher Nachdenklichkeit.

Albert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, als wolle er seine neue Dominanz zur Schau stellen.

Natürlich. Schau doch: Ich bin nicht mehr der Dicke von damals. Die Frauen bleiben stehen, sprechen mich an! Ich kann wählen, wie ich will!

Und worauf willst du hinaus? Marie klang ruhig, fast ungeheuer sachlich. Ein Hauch von Ironie blitzte auf, ihre Augen deuteten an, dass sie bereits viel weiter war mit ihren Gedanken, als er ahnte.

Na ja, du könntest dich ruhig ein bisschen mehr freuen, meinte Albert, nun beschwichtigend. Kein ewiges Kritisieren mehr ich weiß schon, was richtig ist.

Es sollte eine Bitte um mehr Wärme oder Nachsicht sein aber es klang, als wolle er sich rechtfertigen, ohne die gewonnene Sicherheit aufgeben zu müssen.

Marie erhob sich langsam und trat ans Fenster. Draußen dämmerten die Straßen Münchens, die Lichter reflektierten im Glas aber sie wirkte weltenfern, als suche sie im Licht einen Rat.

Weißt du, sagte sie, ich dachte, ich helfe dir, damit du für dich selbst besser wirst. Gesund, glücklich, voller Lebensfreude. Nicht für den Applaus, sondern weil du es verdienst. Ich hatte wohl Unrecht.

Ach komm, bist du jetzt beleidigt? Albert zwang sich zu einem Lächeln, doch es misslang. Plötzlich spürte er eine Ahnung von Unsicherheit, die in seinem Brustkorb pochte. Noch hoffte er, Marie würde sagen, wie sehr sie ihn schätze, stolz auf ihn sei…

Doch sie drehte sich um, sah ihn an kein Tadel, nur eine erschöpfte, stille Enttäuschung. Und da schwieg Albert, überlegte ganz plötzlich, ob er wirklich die richtige Richtung eingeschlagen hatte.

Warum sollte ich nicht verletzt sein? Ich hab es doch nur gut gemeint. Und du erzählst mir was von deinen Verehrerinnen und darüber, dass ich zu wenig nett wäre. Langsam frage ich mich, ob ich hier überhaupt noch gebraucht werde.

Das ist Unsinn, winkte Albert ab, in gespieltem Gleichmut, aber innerlich brodelte es. Denkst du, du bist die Einzige für mich? So wie ich jetzt aussehe, findet sich immer eine. Bleib ruhig allein zurück, ich kann wählen, mit wem ich meine Zeit verbringe.

Er sagte das mit einem herausfordernden Grinsen wollte testen, ob Marie um ihn kämpfen würde. Im Grunde hoffte er noch immer auf Zeichen von Unsicherheit oder Angst.

Doch Marie hob bloß die Brauen, als könnte sie nicht glauben, dass er so etwas wirklich dachte.

Glaubst du wirklich, du findest so leicht wen Besseres? fragte sie ruhig mit einem schmalen Lächeln. Du weißt genauso gut wie ich, dass, wenn du dich nicht weiter anstrengst, alles bald wieder beim Alten ist. Und dann? Dass all die Frauen einfach bleiben?

Jetzt stieg leichte Gereiztheit in ihm auf. Warum ließ sie sich nicht zu einer Reaktion hinreißen?

Klar, antwortete er betont locker, ich hab jetzt ja alles im Griff. Ich brauch deine Ratschläge nicht mehr. So wie früher werde ich garantiert nicht!

Während er das sagte, wusste Albert, dass er log vor allem sich selbst. Ohne Marie hätte er es nie geschafft. Im Kopf hatte er noch die ersten mühsamen Trainingseinheiten, die Ernährungspläne und ihr ständiges Aufmuntern. Aber jetzt, im Glanz von Bestätigung und Komplimenten, fühlte sich das alles an wie aus einem anderen Leben, das mit ihm nichts mehr zu tun hatte.

Marie blickte ihn lange an, nickte dann leise. Sie verstummte und verließ wortlos das Zimmer. Er dachte, es sei eine Trotzreaktion, doch Marie klemmte sich tatsächlich die alte Reisetasche, die sie noch vom Ostseeurlaub hatten, unter den Arm und begann, seine Sachen zu packen. Hemden wurden akkurat gefaltet, Jeans gerollt, Socken aufeinandergelegt, alles wanderte in die Tasche.

Als Albert ihr kopfschüttelnd folgte, konnte er seinen Augen kaum trauen.

Marie, was tust du da? Seine Stimme war ungewohnt laut, die Nerven lagen blank.

Ich gebe dir deine Freiheit zurück, erwiderte sie mit ruhiger Sicherheit, ohne aufzublicken. Du wolltest doch sowieso, dass ich mich nicht mehr einmische. Jetzt kannst du machen, was du willst.

Albert blieb mitten im Zimmer stehen, fassungslos. Er hatte mit vielem gerechnet Vorwürfen, Tränen, Bitten aber nicht mit dieser Entschlossenheit. Ihm verschlug es die Sprache.

Das war nicht so gemeint, murmelte er.

Was dachtest du denn? Dass ich dich anflehe, zu bleiben? Nein, das bin ich nicht. Ich klammere mich nicht an jemanden, dem ich egal bin.

Sie schloss die Tasche, ging in Richtung Balkon, öffnete die Tür und warf, bevor Albert reagieren konnte, alles hinunter auf den Rasen vor dem Haus.

Er trat nach draußen, es war kühl geworden. Die Tasche lag unten im Gras, Hemden und Hosen kullerten heraus. Ein Schuh war auf einen Strauch geflogen, eine helle Bluse baumelte an einem Busch. Die Szene wirkte beinahe lächerlich, und zum ersten Mal seit Monaten war sich Albert überfordert.

Was tust du da? Das sind meine Sachen!

Jetzt hast du keinen Grund mehr zu bleiben, antwortete Marie trocken. Geh. Zeig allen, wie erfolgreich du bist!

Ratlos stand Albert im Zimmer, schaute von ihr zum Fenster, aus dem das vertraute Licht in den Hof fiel. Sollte er gehen, sollte er bleiben?

Marie war zur Wohnungstür gegangen. Die Hand an der Klinke, sagte sie:

Leb wohl, Albert. Ich wünsche dir alles Gute. Die restlichen Dinge stelle ich dir morgen früh um acht vor die Tür. Sei pünktlich, sonst sind sie weg.

Albert trat an diesem Abend zum ersten Mal bewusst auf die nächtlichen Straßen Münchens hinaus. Die Kälte kroch ihm in den Kragen. Ohne Eile sammelte er seine Habseligkeiten zusammen, streichelte fast liebevoll über ein gebügeltes Hemd, und sah ein letztes Mal zu Maries Fenster auf.

Hinterm Glas brannte Licht warm, gedämpft, so vertraut. Aber er wusste, das in diese Welt würde er nicht mehr gehören.

Was hatte er erwartet? Dass die Tür sich wieder öffnete, Marie ihm ein letztes Mal nachliefe, dass es eine Szene gäbe, bei der er den großzügigen Verzeihenden spielen konnte? Doch stattdessen: Stille. Kein Wort, kein Lichtschimmer mehr.

Alles war vorbei.

Er setzte sich auf die eiskalte Bank vor dem Haus, die Tasche zu seinen Füßen. In seinem Kopf schwankte alles durcheinander.

Er erinnerte sich, wie alles begann: wie sie ihm liebevoll das Prinzip gesunder Ernährung erklärte, die ersten kleinen Sporterfolge feierte, ihm Mut machte, als er aufgeben wollte. Er sah vor sich Maries strahlende Augen nach seinem ersten Fünf-Kilometer-Lauf, hörte ihr Lachen, wenn er ungeschickt einen Salat schnippelte. Ihr geduldiges Hinnehmen des Verzichts auf Butterbrezen, das ständige Du schaffst das ich glaub an dich.

Und nun wurde ihm schlagartig klar: Sie glaubte an ihn, solange er selbst nicht daran glaubte. Sie liebte nicht den Erfolg sondern ihn als Mensch.

Doch er? Hatte ihre Sorge als Gängelung empfunden, ihr Streben für Liebe mit Kontrolle verwechselt. Er hatte gedacht, er würde sich weiterentwickeln dabei hatte er nur das Äußere gewechselt, ohne den Kern zu erkennen: Dass er eigentlich Hilfe brauchte.

Der Wind blies stärker, Albert schauderte. In der Tasche lagen die Zeichen seines Neuanfangs aber sein Herz war leer.

Langsam stand er auf, schulterte das Gepäck, und machte sich auf den Weg fort. Jeder Schritt hallte in ihm nach: Ich habe sie verloren. Für immer. Er hatte den Menschen verloren, der ihn wirklich geliebt hatte, seinen wahren Wert erkannt hatte.

Und nun war er allein einer, der gelernt hatte, anderen zu gefallen, aber nicht wertzuschätzen, was er hatte. Einer, der äußerlich Erfolg gefunden hatte, aber etwas viel Wertvolleres verloren hatte.

Zum ersten Mal seit Langem fürchtete Albert sich vor dem, was vor ihm lag. Denn er begriff jetzt, dass es viel schwerer war, wieder Liebe zu zulassen, als ein paar Kilos zu verlieren…

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Homy
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