Liebes Tagebuch,
Als ich gestern Abend nach Hause kam, fand ich Anneliese im Esszimmer, wo sie bereits den Tisch für das Abendessen gedeckt hatte. Ich nahm sie sanft am Handgelenk, bat sie, kurz stehenzubleiben und sich zu mir zu setzen, weil ich ihr etwas Wichtiges sagen musste: Ich möchte die Scheidung einreichen. Sie verharrte einen Moment, dann fragte sie nach dem Grund. Ich konnte nichts sagen; mein Schweigen brachte sie zum Ausrasten. Das Essen blieb aus, sie schrie wirr, verstummte wieder und fing erneut an zu schreien Am Ende weinte sie die ganze Nacht. Ich verstand ihren Schmerz, doch ich hatte nichts Trostspendendes zu sagen ich hatte meine Frau nicht mehr geliebt und war über Julia, eine andere Frau, verknallt.
Von Schuldgefühlen getrieben reichte ich ihr einen Vertrag zur Unterschrift, in dem ich ihr die Wohnung und das Auto überließ. Sie zerriss das Papier in Stücke und warf die Teile aus dem Fenster. Wieder begann sie zu weinen. Ich fühlte nur ein nagendes Gewissen die Frau, mit der ich zehn Jahre meines Lebens geteilt hatte, war mir völlig fremd geworden
Jahre des gemeinsamen Wohnens schmerzten mich, und ich wollte die Fesseln endlich abwerfen, um zu meiner wahren Liebe zu fliegen. Am nächsten Morgen lag auf dem Nachttisch ein Schreiben mit den Bedingungen für die Scheidung: Anneliese bat mich, den Antrag um einen Monat zu verschieben und während dieser Zeit die Rolle einer harmonischen Familie weiterzutragen. Der Grund: die anstehenden Prüfungen unseres Sohnes Lukas. Und noch etwas Am Tag unserer Hochzeit hatte ich sie noch in den Armen durch die Wohnung getragen. Nun bat sie mich, sie während des gesamten Monats jeden Morgen aus dem Schlafzimmer zu tragen.
Seit Julia in mein Leben getreten war, hatten Anneliese und ich kaum noch körperlichen Kontakt gemeinsames Frühstück am Morgen, gemeinsames Abendessen, und wir schliefen an gegenüberliegenden Enden des Bettes. Als ich sie nach einer langen Pause das erste Mal wieder auf den Armen trug, verspürte ich ein seltsames inneres Aufgewirbel. Der Applaus unseres Sohnes brachte mich zurück in die Realität Anneliese lächelte glücklich, ich jedoch fühlte einen unerklärlichen Stich. Vom Schlafzimmer bis zum Esszimmer waren es zehn Meter; während ich sie trug, schloss sie die Augen und flüsterte leise: Erzähl Lukas nicht von der Scheidung, bis die Frist abgelaufen ist.
Am zweiten Tag fiel mir die Rolle des glücklich-verliebten Ehemanns etwas leichter. Anneliese legte ihren Kopf auf meine Schulter, und ich bemerkte, wie lange ich nicht mehr in die vertrauten Züge geschaut hatte, die einst mein Herz erobert hatten. Am vierten Tag, als ich sie wieder auf den Armen hielt, erinnerte ich mich daran, dass sie mir zehn Jahre ihres Lebens geschenkt hatte. Am fünften Tag drückte ihr kleiner Körper mich an die Brust, und ein Stich der Hilflosigkeit durchzog mich. Tag für Tag wurde das Tragen leichter.
Eines Morgens erwischte ich sie beim Kleiderwechsel ihr ganzer Kleiderschrank war ihr plötzlich zu groß geworden. Ich sah, wie dünn und gebeugt sie geworden war. Das erklärte, warum meine Last mit jedem Tag leichter wurde. Eine plötzliche Erkenntnis traf mich wie ein Faustschlag ins Sonnengeflecht. Instinktiv strich ich ihr über das Haar. Anneliese rief Lukas, umarmte uns beide fest. Tränen stiegen in meinen Hals, doch ich wandte mich ab, weil ich meine Entscheidung nicht ändern wollte. Ich nahm sie erneut auf die Arme und trug sie aus dem Schlafzimmer. Sie drückte ihren Hals an mich, und ich hielt sie fest, wie am Tag unserer Hochzeit.
In den letzten Tagen der vereinbarten Frist tobte ein Sturm in mir. Etwas hatte sich verändert, ein Umbruch, den ich nicht benennen konnte. Ich ging zu Julia und sagte ihr, dass ich nicht mehr scheiden würde. Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, dass die Monotonie des Familienlebens nicht daher kommt, dass die Liebe erloschen ist, sondern weil Menschen die Bedeutung des Anderen im Alltag vergessen. Ich bog vom Weg ab, kaufte einen Blumenstrauß und legte eine Karte darauf: Ich werde dich bis zum letzten Tag meines Lebens in den Armen halten. Aufgeregt drückte ich den Strauß an die Tür, betrat die Wohnung und durchkämmte jedes Zimmer bis ich die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Dort lag Anneliese leblos. Monate lang, während ich in Wolken schwebte, hatte sie still gegen eine schwere Krankheit gekämpft. Sie wusste, dass ihr Ende nah war, und setzte ihre letzte Kraft ein, um Lukas vor Stress zu bewahren und ihr Bild als guter Vater und liebevoller Ehemann zu erhalten.
Ich habe gelernt, dass das wahre Fundament einer Beziehung nicht im Drama der Trennung liegt, sondern im stillen Respekt für den Menschen, der neben einem steht, selbst wenn das Herz nach etwas Neuem ruft.





