Im Dorf Hohenfeld war Vreni am selben Tag verurteilt, an dem ihr Bauch unter der Jacke sichtbar wurde. Zweiundvierzig Jahre alt! Witwe! Was für ein Skandal! Ihr Mann, der gute Sebastian, war seit zehn Jahren im Erdreich begraben, und sie musste nun mit dem eigenen Nachwuchs durch die Gegend torkeln.
Von wem?, zischten die Frauen am Brunnen.
Wer weiß das, die alte Spaßvogel!, gaben sie zurück. Leise, bescheiden und dann, schau nur, was sie da rückt!
Die Töchter sollen heiraten, und die Mutter schwirrt umher! Schande!
Vreni sah zu keinem von ihnen hinauf. Sie kam von der Post zurück, trug die schwere Tasche über der Schulter, und starrte nur noch in den Boden. Ihre Lippen verzogen sich zu einem müden Grinsen. Hätte sie gewusst, wie das ausgehen würde, hätte sie vielleicht die Nase nicht vollgestopft. Doch wie sollte man nicht eingreifen, wenn das eigene Blutsverwandte in Tränen ertrinkt?
Und das Ganze begann nicht mit Vreni, sondern mit ihrer Tochter, Lieselotte.
Lieselotte war kein gewöhnliches Mädchen, sondern ein Abbild ihres verstorbenen Vaters, des gut aussehenden Sebastian. Er war einst der Schönste im Ort blond, blauäugig, ein richtiger Macho. Und so wuchs Lieselotte zu einer kleinen Kopie heran. Das ganze Dorf blickte ihr nach. Ihre jüngere Schwester, Katja, war dagegen vollends unscheinbar: dunkles Haar, braune Augen, eher zurückhaltend.
Vreni hegte keine Hoffnungen für ihre Töchter. Beide liebte sie, aber auf eine Art, die fast schon verflucht wirkte. Tagsüber arbeitete sie als Postbeamtin, abends wusch sie die Ställe. Alles für die beiden, für ihr Blutsverkündete.
Ihr Mädels müsst was lernen!, pflegte sie zu sagen. Ich will nicht, dass ihr euer ganzes Leben im Dreck und mit schweren Taschen verbringt. Auf in die Stadt, unter die Leute!
Lieselotte packte es beim Wort. Sie fuhr geschwind in die Stadt, schrieb sich an der Fachhochschule für Handel ein. Dort fiel ihr sofort das Auge zu: Fotos von ihr im feinen Restaurant, im schicken Kleid und plötzlich meldete sich ein Verehrer. Nicht irgendeiner, sondern der Sohn eines Direktors. Mama, er hat mir eine Pelzjacke versprochen!, tippte sie.
Vreni jubelte. Katja jedoch verzog das Gesicht. Sie blieb nach der Schule im Dorf, wurde Krankenschwester im Kreiskrankenhaus. Sie wollte Ärztin werden, doch das Geld fehlte. Der ganze Unterhalt vom verstorbenen Vater und Vrenis Gehalt gingen an Lieselotte und ihr Stadtleben.
—
Im Sommer kam Lieselotte zurück nicht wie sonst, laut und bunt, mit Geschenken, sondern still und ganz grün vor sich hin. Zwei Tage blieb sie im Zimmer, am dritten klopfte Vreni an die Tür, und Lieselotte weinte in ein Kissen.
Mama Mama ich bin weg
Sie erzählte, dass ihr Goldjunge sie verarscht und dann verlassen hatte. Und das im vierten Monat.
Ein Abort ist zu spät, Mama!, schrie Lieselotte. Was soll ich tun? Er will mich nicht mehr! Er sagt, wenn ich das Kind bekomme, krieg ich keinen Cent! Und die Hochschule schmeißt mich raus! Mein Leben ist vorbei!
Vreni saß wie vom Donner getroffen.
Du hast dich nicht schützen können, Kind?
Was soll’s!, kreischte Lieselotte. Was jetzt? In ein Waisenhaus schieben oder in den Kohl werfen?!
Vrenis Herz brach. Das mit dem Waisenhaus? Der Enkel?
In jener Nacht schlief Vreni kaum. Sie schlich durch das Haus wie ein Gespenst. Am Morgen setzte sie sich zu Lieselotte ans Bett.
Nichts,, sagte sie fest. Wir schaffen das.
Mama! Was?, sprang Lieselotte auf. Alle werden es erfahren! Schande!
Niemand wird es erfahren, schnitt Vreni ab. Sagen wir es war meiner.
Lieselotte traute ihren Augen nicht.
Deine? Du bist doch 42!
Ja, meine, wiederholte Vreni. Ich gehe zu meiner Tante im Landkreis, sage, ich helfe dort. Da wohne ich weiter. Du kehrst zurück in die Stadt, machst deine Ausbildung.
Katja, die hinter einer dünnen Trennwand schlief, hörte alles. Sie lag da, kaute auf ihr Kissen, während Tränen wie Geschosse ihre Wangen hinunterliefen. Sie hatte Mitleid mit der Mutter und Ärger mit der Schwester.
—
Einen Monat später fuhr Vreni fort. Das Dorf vergaß sie fast. Ein halbes Jahr später kehrte sie zurück, nicht allein. Ein blauer Umschlag in der Hand.
Hier, Katja, sagte sie zu ihrer bleichen Tochter, darfst du kennenlernen. Dein Bruder Mitja.
Das Dorf staunte. Da ist ja die ruhige Vreni! Und die Witwe!
Von wem?, zischten die Frauen erneut. Von dem Dorfvorsteher?
Nein, von dem alten Agronomen! Ein angesehener Junggeselle, alleinstehend!
Vreni schwieg und ließ das Gerede verrauschen. Das neue Leben begann, und man konnte nicht neidisch werden. Mitja wuchs zu einem unruhigen, lauten Knirps. Vreni fiel die Posttasche, die Ställe, und nun auch schlaflose Nächte zu. Katja half, wo sie konnte still die Tücher wischend, still das Brüderchen schaukelnd. Doch in ihr brodelte ein Sturm.
Lieselotte schrieb aus der Stadt. Mama, wie gehts? Ich vermisse euch! Noch kein Geld, aber ich halte durch. Bald kommt was!
Ein Jahr später kam das Geld: hundert Euro. Und eine Jeans für Katja, die zwei Nummern zu klein war.
Vreni drehte sich im Kreis. Katja stand ihr zur Seite. Ihr Leben, Katjas Leben, geriet ebenfalls ins Wanken. Männer sahen sie an, dann warfen sie sie ab. Wer brauche schon eine Braut mit so einem Mitgift? Eine Mutter, die herumzieht, ein Bruder mit Krawall
Mama, sagte Katja, als sie fünfundzwanzig geworden war, sollen wir es erzählen?
Was, Kind!, erschrak Vreni. Das geht nicht! Wir würden Lieselotte das Leben verderben! Sie ist schon verheiratet, mit einem guten Mann.
Lieselotte hatte tatsächlich eine gute Partie gemacht. Sie hatte das Ingenieurstudium abgeschlossen, einen Kaufmann geheiratet und war nach Berlin gezogen. Dort schickte sie Fotos: sie am Nil, in der Türkei alles voller Glanz. Sie fragte nie nach ihrem Bruder. Vreni schrieb ihr: Mitja geht jetzt in die erste Klasse, bekommt immer Zehners.
Lieselotte schickte ihr teure, aber völlig nutzlose Spielsachen zurück. So flogen die Jahre dahin.
Mitja wurde achtzehn. Er wuchs zu einem stattlichen, blauäugigen jungen Mann, fast wie Lieselotte. Fröhlich, fleißig, ohne jede Spur von Vrenis Sorgen. Auch Katja hatte sich eingependelt: Sie war jetzt leitende Krankenschwester im Kreiskrankenhaus. Alte Jungfer, flüsterten manche hinter ihrem Rücken. Sie trug ihr Kreuz selbst. Ihr ganzes Leben drehte sich um die Mutter und um Mitja.
Mitja schloss die Schule mit Auszeichnung ab.
Mama! Ich will nach Berlin, zur Technischen Universität! verkündete er.
Vrenis Herz pochte. Berlin dort war Lieselotte.
Vielleicht an die Fachhochschule hier im Landkreis?, schlug sie zaghaft vor.
Ach, Mama! Ich muss mich durchsetzen! Ich zeig euch, Katja, was ich kann! Ihr wohnt dann in meinem Palast!
Und als Mitja die letzte Prüfung abgelegt hatte, rollte ein glänzender schwarzer Wagen vor dem Hof vor.
Aus dem Auto stieg Lieselotte.
Vreni schnappte nach Luft. Katja, die die Stufen hinaufkam, erstarrte mit einem Handtuch in den Händen.
Lieselotte war fast vierzig, sah aber aus wie ein Model aus einem Hochglanzmagazin schlank, im teuren Anzug, ganz in Gold.
Mama! Katja! Hallo!, sang sie, küsste Vreni überrascht auf die Wange. Wo seid ihr?
Sie erblickte Mitja, der gerade seine Hände mit einem Lappen abtrocknete.
Lieselotte erstarrte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Guten Tag, sagte Mitja höflich. Sind Sie Marina? Schwester?
Schwester, wiederholte Marina echoartig. Mama, wir müssen reden.
Sie setzten sich im Wohnzimmer. Marina zog eine Packung dünner Zigaretten aus ihrer Handtasche.
Mama ich habe alles: ein Haus, Geld, einen Mann nur keine Kinder. Sie weinte und schminkte sich mit teurer Mascara.
Wir haben alles versucht. IVF Ärzte nichts. Mein Mann ist wütend. Und ich ich halte das nicht mehr aus.
Warum bist du gekommen, Marina?, fragte Katja tief aus ihrer Stimme.
Marina hob die tränennassen Augen zu ihr.
Ich für meinen Sohn.
Bist du verrückt? Welchen Sohn?
Mama, schrei nicht!, erhob also auch Lieselotte ihre Stimme. Er ist meiner! Ich habe ihn geboren! Ich werde ihm ein Leben geben! Ich habe Kontakte! Er wird an jeder Uni aufgenommen! Wir kaufen ihm eine Wohnung in Berlin! Mein Mann stimmt zu! Ich habe ihm alles erzählt!
Erzählt?, staunte Vreni. Hast du ihm von uns erzählt? Von dem Schandfleck, dass ich verachtet wurde? Von Katja?
Katja!, winkte Lieselotte ab. Sitzt in dem Dorf, wird dort bleiben! Und Mitja hat eine Chance! Mama, gib ihn zurück! Du hast mir das Leben gerettet, danke! Jetzt gib mir den Sohn!
Er ist kein Gegenstand, den man zurückgibt!, schrie Vreni. Er ist mein! Ich habe nachts nicht geschlafen, ihn aufgezogen! Ich
In diesem Moment trat Mitja ein. Er hatte alles gehört. Bleiche wie ein Blatt stand er im Türrahmen.
Mama? Katja? Wovon redet sie? Welcher Sohn?
Mitja! Mein Sohn! Ich bin deine Mutter! Verstehst du? Deine leibliche!
Mitja starrte sie an, als sähe er ein Gespenst. Dann wandte er den Blick zu Vreni.
Mama stimmt das?
Vreni vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte.
Da platzte Katja.
Die sonst stille Katja stand plötzlich auf, griff Lieselotte und verpasste ihr so eine Backpfeife, dass die Dame an die Wand flog.
Ungeheuer!, brüllte Katja, und in ihrem Schrei lag das ganze Elend von achtzehn Jahren, das zerknickte Leben, die Wut über die Mutter. Mutter? Was bist du ihm? Du hast ihn wie einen Welpen rausgeschmissen! Du wusstest, dass ich wegen deiner Sünde allein blieb, ohne Mann und Kinder! Und du kommst jetzt zurück, um ihn zu holen?!
Katja, bitte!, flehte Vreni.
Genug!, schrie Katja zu Mitja. Das hier ist deine Mutter, die dich zu meiner Mutter gemacht hat, damit du in Berlin deine Geschäfte machst! Und das hier, sie zeigte mit dem Zeigefinger auf Vreni, ist deine Großmutter! Die ihr Leben für euch beide im Dreck zugrunde brachte!
Mitja schwieg lange. Dann ging er langsam zu der weinenden Vreni, kniete sich nieder und umarmte sie.
Mama, hauchte er. Mami.
Er richtete den Blick zu Marina, die sich an die Wange hielt und an die Wand rutschte.
Ich habe keine Mutter in Berlin, sagte er leise, aber bestimmt. Ich habe nur eine Mutter. Und das bist du. Und eine Schwester.
Er stand auf, nahm Katja bei der Hand.
Und ihr, Tante, könnt ihr jetzt gehen.
Mitja! Mein Sohn!, kreischte Marina. Ich gebe dir alles!
Ich habe alles, was ich brauche, schnitt Mitja ab. Ich habe meine Mutter. Ich habe meine Schwester. Und ihr habt nichts.
—
Marina fuhr am selben Abend zurück. Ihr Mann, der das ganze Schauspiel aus dem Auto beobachtet hatte, fuhr nicht einmal aus. Gerüchte besagen, dass er sie ein Jahr später doch verließ, weil er eine neue Partnerin gefunden hatte, die ihm ein Kind schenkte. Marina blieb allein, mit ihrem Geld und ihrer Schönheit.
Mitja fuhr nicht nach Berlin. Er schrieb sich an der regionalen Fachhochschule für Ingenieure ein.
Mama, wir brauchen ein neues Haus.
Katja hatte inzwischen die Leitung der Pflegestation übernommen. Alte Jungfer, flüsterten die Kolleginnen, doch sie trug ihr Kreuz mit Würde. Ihr ganzes Leben drehte sich um die Mutter und um Mitja.
Mitja schloss die Schule mit Medaille ab.
Mama! Ich will nach Berlin, zur Baumschule! verkündete er.
Vrenis Herz klopfte. Berlin dort war Lieselotte.
Vielleicht an die Fachhochschule hier im Landkreis?, flüsterte sie zaghaft.
Ach, Mama! Ich muss mich durchboxen! Ich zeig euch, Katja, was ich kann! Ihr wohnt dann in meinem Palast!
Und am Tag, als Mitja seine letzte Prüfung ablegte, fuhr ein glänzender schwarzer Wagen vor der Tür.
Aus dem Auto stieg Lieselotte, fast vierzig, doch noch immer wie vom Cover eines Modemagazins. Schlank, im teuren Anzug, ganz in Gold.
Mama! Katja! Hi!, rief sie, küsste Vreni überrascht auf die Wange. Wo seid ihr?
Sie sah Mitja, der gerade seine Hände mit einem Lappen abtrocknete.
Lieselotte erstarrte, Tränen füllten ihre Augen.
Guten Tag, sagte Mitja höflich. Sind Sie Marina? Schwester?
Schwester, wiederholte Marina, ihr Echo hallte im Raum. Mama, wir müssen reden.
Sie setzten sich. Marina zog eine Packung dünner Zigaretten aus ihrer Tasche.
Mama, ich habe alles: Haus, Geld, Mann nur keine Kinder. Sie weinte, schminkte sich mit teurer Mascara.
Wir haben alles versucht. IVF Ärzte nichts. Mein Mann ist wütend. Und ich ich halte das nicht mehr aus.
Warum bist du gekommen, Marina?, fragte Katja tief.
Marina hob die tränennassen Augen zu ihr.
Ich für meinen Sohn.
Bist du verrückt? Welchen Sohn?
Mama, schrei nicht!, erhob auch Lieselotte ihre Stimme. Er ist meiner! Ich habe ihn geboren! Ich werde ihm ein Leben geben! Ich habe Kontakte! Er wird an jeder Uni aufgenommen! Wir kaufen ihm eine Wohnung in Berlin! Mein Mann stimmt zu! Ich habe ihm alles erzählt!
Erzählt?, staunte Vreni. Hast du ihm von uns erzählt? Von der Schande, dass ich verachtet wurde? Von Katja?
Katja!, winkte Lieselotte ab. Sitzt im Dorf, bleibt dort! Und Mitja hat eine Chance! Mama, gib ihn zurück! Du hast mir das Leben gerettet, danke! Jetzt gib mir den Sohn!
Er ist kein Gegenstand, den man zurückgibt!, schrie Vreni. Er ist mein! Ich habe nachts nicht geschlafen, ihn aufgezogen! Ich
In diesem Moment trat Mitja ein. Er hatte alles gehört. Bleiche wie ein Blatt stand er im Türrahmen.
Mama? Katja? Wovon redet sie? Welcher Sohn?
Mitja! Mein Sohn! Ich bin deine Mutter! Verstehst du? Deine leibliche!
Mitja starrte sie an, als sähe er ein Gespenst. Dann wandte er den Blick zu Vreni.
Mama stimmt das?
Vreni vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte.
Da platzte Katja.
DieUnd so fanden sie, trotz aller Verwicklungen, endlich ihren eigenen Frieden im kleinen Dorf, wo das Lachen der Kinder über den Klang der alten Scheune hinweg hallte.





