Das Loch

Loch

Ach, Selinas Laune war heute wirklich im Keller und das Wetter in Freiburg passte einfach perfekt dazu. Mal nieselte es eiskalt, mal pfiff der Wind so gemein, dass selbst ihr warmer Daunenmantel nichts brachte. Von Winter konnte man da eigentlich nicht sprechen das war eher ein übles Zwischending!

Selina stapfte also von der Schule nach Hause und schimpfte leise vor sich hin. Klar, man lässt sich als Dame nicht von allen hören, wie man flucht so hatte es ihr Oma schon als Kind eingebläut, und die hatte als Direktorin eines Gymnasiums wirklich Ahnung von Erziehung. An genau diesem Gymnasium unterrichtete nun auch Selina Englisch.

Der eigentliche Grund für Selinas schlechte Laune war aber ihr neuer Rock. So schick, so stilvoll und sie hatte ihn extra fürs Date mit Jens gekauft, in der Hoffnung, dass dabei endlich der nächste Schritt in ihrer Beziehung passiert.

Die beiden hingen seit fast sechs Jahren zusammen fest, aber irgendwie ging es einfach nicht voran. Jeder lebte sein eigenes Leben, man sah sich zwischendurch, verbrachte ein paar schöne Stunden, dann verging wieder Zeit, bis es sich von Neuem wiederholte, ohne dass es greifbarer wurde.

Selina ahnte schon länger, dass sie die Einzige war, die heimlich auf mehr als Kaffeetrinken und Mondschein-Küsse hoffte. Und irgendwann dachte sie, dass die Zeiten doch längst vorbei seien, in denen Frau still wartet, statt einfach mal auszusprechen, dass sie sich mehr wünscht Familie, Kinder, morgens gemeinsam am Frühstückstisch.

Deshalb bereitete sie das wichtige Gespräch monatelang vor. Sie wählte mit Bedacht Worte, Outfit, Frisur… und dann kam alles anders.

Darauf war sie wirklich nicht gefasst: Immer noch fanden es Schüler im Jahr 2023 offenbar lustig, dem Lehrer Klebestreifen auf den Stuhl zu schmuggeln. Sie mochte ihre Klasse wirklich und dachte, die Kids mögen sie genauso. Die 6a hatte sie mitten im Schuljahr übernommen, als es hieß:

“Frau Berger, wenn nicht Sie, dann traut sich das keiner zu. Sie haben doch die Gene dafür, Sie kriegen die Truppe schon gebändigt!”

Selina hatte Bedenken, willigte aber ein und bereute es keine Minute. Die Sechstklässler waren lebhaft, kreativ, ein bisschen wild. Meist kam diese Energie wunderbar bei Schulwettbewerben und im Theaterprojekt raus. Doch zuletzt wurde der Ton rauer, die Streiche gröber, das Engagement weniger.

Pubertät eben, was erwarten Sie?, sagte die stellvertretende Schulleiterin achselzuckend. Heutzutage denken die nur noch an Instagram und Co.

Dass Selina selbst einmal das Opfer eines Social-Media-Trends zum Thema Lehrer reinlegen werden würde, daran hatte sie keinen Moment gedacht.

An dem Morgen wollte sie in ihrer Klasse Mitspieler fürs nächste Theaterstück finden. Aber die Reaktionen waren lau. Als sie nachfragte, kicherte nur irgendwer aus der hinteren Reihe.

Selina wollte das klären, aber dann klingelte es. Unterricht, große Pause, ein spontanes Meeting bei der Schulleitung sie hetzte in ihr Klassenzimmer und kritzelte gerade noch schnell die Aufgabe an die Tafel, als ihre Klasse ungewöhnlich still wurde.

Irgendetwas passiert?, fragte sie, weil sie die Anspannung förmlich spürte.

Nee, Frau Berger, alles super! Setzen Sie sich! Sie sind doch eh ganz schön außer Atem, rief Paul, einer ihrer Lieblingsschüler. Ein Kichern huschte durchs Zimmer.

Nichtsahnend setzte sich Selina und spürte nach wenigen Minuten diese seltsame Spannung zwischen den Kindern. Plötzlich liefen Tränen bei der sonst so fröhlichen Annika. Selina sprang auf, wollte hinterher und da brach schallendes Gelächter los, Handys mit laufender Kamera wurden blitzschnell gezückt, die Katastrophe war da. Sie realisierte schlagartig, dass sie zum Gespött der Stunde werden würde, das Video würde durch die Klassen gehen, dann zu den Eltern…

Sie zwang sich zur Ruhe: Alle Hefte raus! Wir schreiben jetzt eine unangekündigte Arbeit! Wer protestieren will, kann das gleich im Direktorat tun. Ihr Ton ließ keinen Zweifel.

Ganz langsam verschwanden die Handys, die Klasse wurde wieder Schüler-typisch wortkarg. Selina spürte das Pochen in den Schläfen Kopfschmerzen waren bei ihr immer das Alarmsignal für Stress. Abends half da meist nur: Lichter aus, Sofa, und Omas altes Schlaflied summen.

Oma, warum singst du das immer, wenns dir nicht gut geht?
Weils hilft. Die Kopfschmerzen verschwinden dann ein bisschen. Versuchs mal.
Ich habe ja gar keine.
Na Gott sei Dank. Aber wenn dus mal brauchst: Sing mir eins, ja? Allein ist es nicht so schön.

Selina hatte den Text nie vergessen. Auch nicht, als ihre Oma am Ende nur noch aus purer Willenskraft durchhielt und Selina alles tat, um ihr die letzten Tage zu erleichtern.

Du wirst glücklich, Kind. Glaub mir!, hatte Oma damals gesagt die blauen Augen ganz seesturm-dunkel. Vertrau einfach! Dann kommt alles.

Selina hatte damals geweint, aber sie sang. Noch als ihre Oma längst fort war, blieb ihr das Lied als kleine Kraftquelle.

Im Klassenzimmer, während die Schüler immer noch schrieben, summte sie die vertraute Melodie leise im Kopf. Dann bimmelte die Schulklingel Selina richtete sich auf.

Abgeben, Leute! Morgen sehen wir uns wieder.

Annika lugte vorsichtig herein. Kann ich die Arbeit nachholen, Frau Berger?
Klar, bring sie mir morgen vor dem Unterricht.

Die Mädchen schien erleichtert, und Selina lächelte ermutigend.

Dann stand sie vor dem Dilemma: Wie sollte sie bitteschön mit einem Rock, der hinten ein ordentliches Loch hatte, durch das ganze Schulhaus? Ihr Mantel hing an der Garderobe im Erdgeschoss, Schals hatte sie keinen dabei. Nach kurzem Hin und Her wollte sie gerade ihre Freundin und Kollegin Caroline anrufen, da öffnete sich wie aus dem Nichts die Tür Paul stand da, den Mantel auf dem Arm.

Hier, Frau Berger. Sorry… Wir habens total übertrieben.

Er drückte ihr wortlos den Mantel in die Hand und war wieder weg. Draußen im Flur war es mucksmäuschenstill. Reue? Oder Angst vor der eigenen Courage?

Selina zog den Mantel über, nahm die Tasche mit den Klassenarbeiten und verließ das leere Klassenzimmer. Der Heimweg kam ihr endlos vor. Dabei wohnte sie erst seit Omas Tod wieder in deren Wohnung, nur fünf Minuten entfernt.

Der Wind peitschte ihr eiskalt ins Gesicht, Schnee schmolz auf den Wimpern, die Nase war rot nicht nur vom Wetter, sondern auch vor Wut und Ohnmacht.

Warum? Was hab ich eigentlich verbrochen?, platze es aus ihr heraus.

Sie wusste selbst, dass sie sich gerade eher wie ein beleidigtes Schulmädchen als wie eine Lehrerin aufführte. Es war so ein Tag, an dem man sich einfach nach dem alten, gemütlichen Sessel, nach einem fetzigen Heulkrampf und ein bisschen Trost sehnte.

Aber selbst das wurde ihr heute nicht gegönnt.

Denn vor ihrer Wohnungstür stand Jens.

Was machst du denn hier?, fragte sie, reckte wie gewohnt das Gesicht zum Begrüßungskuss hin.

Jens küsste sie außerhalb ihrer vier Wände nie richtig. Früher fand Selina das schräg-charmant, heute nervte es einfach nur noch.

Äh, hab meine Schlüssel verbummelt. Selina, wir müssen reden.

Selina zuckte die Schultern, öffnete die Tür. Dachte ich mir schon. Komm rein.

Jens stolperte beim Reingehen prompt über die Schwelle. Verdammt! Wann wechselst du endlich diese blöde Tür aus? Du wohnst seit über einem Jahr hier!

Verblüfft über diese neue Tonlage schwieg Selina. Jens hatte sich noch nie im Ton vergriffen.

Was guckst du denn so dämlich? Glaub nicht, dass ich heute gute Laune hab! Jens fuchtelte genervt mit den Armen herum. Selina hatte schon instinktiv den Mantel abgestreift, als Jens auf das Loch im Rock starrte und lauthals loslachte.

Sag mal, wie läufst du denn rum? Hat dich jetzt schon die Schülermeute auf dem Kieker, oder was? Wirds nicht Zeit, dass du erwachsener wirst? Wenn die dich so treaten, lässt du das zu.

Selina schluckte. Der Frust der letzten Jahre kochte hoch. Und? Passt das so? Findest du mich auch einfach nur lächerlich? Sechs Jahre… und ich weiß eigentlich gar nicht, wer ich für dich bin. Freundin? Nullnummer? Bequemer Lückenfüller? Oder nur die, zu der du abends kommst, mit der du aber nie ein Morgen willst?

Jens war irritiert. Was hast du denn plötzlich? Ich hab echt die Faxen dicke. Ich wollte dir schon lange sagen, dass ich keine Lust mehr hab! Deine Selbstgefälligkeit geht mir auf die Nerven! Ich wär längst weg, wenns einfacher wär!

Na dann geh doch einfach!, rief Selina plötzlich befreit.

Jens starrte sie überrascht an. Wer hindert mich?

Niemand. Sie lachte nervös. Da ist die Tür, Jens. Tschüss! Und wehe, du stolperst noch mal Taschentuch zum Winken habe ich zwar nicht, aber…

Impulsiv riss Selina sich den Rock herunter, schwenkte das zerschlissene Teil über dem Kopf und krähte lauthals: Gute Reise, Herr Oberlehrer! Danke für alles!

Jens war völlig überrumpelt, schüttelte den Kopf, stapfte aus der Wohnung.

Selina ließ den Rock auf den Boden fallen, sank selbst an der Wand zu Boden. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

So war das mit der großen Liebe

Sie weinte sich in den Schlaf, eingemummelt im kaputten Rock als Decke. Am nächsten Morgen war sie entschlossen, nicht einfach alles zu schlucken. Glaubst du wirklich alles, was die über dich sagen?, fragte sie das Spiegelbild. Die Antwort war klar.

Pünktlich zum Schulbeginn stand sie am nächsten Tag in der Schulleitung, erzählte in aller Kürze, was passiert war und ging dann in ihre Klasse.

Morgen ist Elternabend. Ausnahmslos alle da, bitte, samt Eltern.

Wieso denn?, fragte Paul, sichtbar eingeschüchtert.

Deshalb, Paul. Ich werde Fragen stellen. Und jetzt verteile bitte die Arbeiten ihr habt gestern grottig geschrieben, wir gehen jetzt alle Fehler gemeinsam durch. Diesmal mit der Direktorin im Raum. Fragen?

Stille.

Selina nickte. Sie wusste, dass es nicht leicht werden würde. Dass ihre Schüler sie noch öfter überraschen würden angenehm und weniger angenehm. Aber sie würde nicht aufgeben. Nicht wegen Omas Foto im Wohnzimmer, nicht mal, weil Jens fort war und sie endlich klar hatte, was sie wollte.

Nein, sie dachte daran, dass vielleicht in ein paar Jahren einer dieser Kids an der Hand sein eigenes Kind in diese Schule bringen würde und sie mit daran Anteil hätte, wie dieser Mensch wird.

In ihrer Klasse gab es bald die erste Handy-Schublade überhaupt die Eltern fanden es nach einer Extra-Elternversammlung und mit der berühmten Rock-Vorführung völlig okay. Ihre Frage an die Eltern lautete schlicht:

Wollen Sie einen neuen Klassenlehrer? Ich nehme jede Entscheidung an.

Ein paar Jahre später würde sie mit leichtem Herzen ihre Klasse ins Leben verabschieden. Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Paul einer der jüngsten Ingenieure einer großen Chemiefirma würde, oder dass Annika, die sie damals so bemitleidet hatte, selber Grundschullehrerin werden würde.

Das lag alles in ferner Zukunft.

Auf dem Abiball, viele Jahre später, würde Selina ihren alten, schwarzen Rock aus der Tasche holen, über dem Kopf schwenken und mit den Abiturienten lachen. Erkennt ihr ihn? Mein Glücksbringer! Alles Gute, ihr Lieben! Möge euch das Leben nur das Schönste bringen!

Ihre Tochter, wild tanzend, würde angelaufen kommen, Selinas Hand greifen und fragen: Mama, darf ich den Rock mal nehmen?

Selina würde ihr das Lederstück geben, ihren Mann suchen und ihm zuzwinkern. Es wird Zeit, oder?

Beim Verlassen des Saals würde sie, mal wieder, dankbar aufs Leben zurückschauen.

Für das Loch im Rock.

Für Jens, bei dem sie endlich gelernt hatte, was sie wert ist.

Für ihren Mann, der kam, als sie längst nicht mehr daran geglaubt hatte.

Und für ihre Tochter, deren Augen genauso strahlend blau waren wie die ihrer Oma…

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Homy
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Das Loch
Ein Platz in der Küche