Ein Platz in der Küche
Anna, schläfst du da in der Küche ein oder was? Die Gäste sitzen schon am Tisch, nur mal so nebenbei!
Die Stimme von Schwiegermutter durchschneidet das geschäftige Küchengetöse wie ein scharfes Messer. Anna-Maria Behrens bleibt ungerührt. Diese Stimme, diesen Tonfall, dieses nur mal so nebenbei kennt sie längst.
Gleich, Frau Behrens, noch eine Minute.
Welche Minute! Es sind schon vierzig vergangen!
Anna-Maria wendet schweigend die Frikadellen in der Pfanne. Es zischt, duftet nach gebratenen Zwiebeln und Knoblauch. Sie setzt den Deckel auf, dreht den Herd runter und blickt auf die Uhr. Acht Minuten noch bis zum Servieren. Alles exakt kalkuliert, wie immer.
Im Wohnzimmer summen die Stimmen. Heute ist ein besonderer Tag: fünfunddreißigster Hochzeitstag von Inge und Karl Behrens. Die beiden Söhne sind gekommen, die Schwiegertöchter, vier Enkel, und auch Nachbarin Hannelore mit Ehemann ist da. Anna-Maria hat seit fünf Uhr morgens gekocht. Erst Sülze. Dann Salate: Kartoffelsalat, Schichtsalat, Wurstsalat. Dann Krautkuchen, denn Karl isst keinen anderen. Dann Suppe. Dann ihre Hausmannsfrikadellen mit Zwiebeln, eingeweichtem alten Brötchen in Milch. Und die Torte, gebacken schon am Vorabend: eine klassische Schwarzwälder Kirschtorte mit zwölf Schichten, die einzige Sorte, die Inge wirklich liebt.
Sie hängt die Schürze auf, richtet ihr Haar, nimmt die Platte mit den Frikadellen und betritt das Esszimmer.
Ach, endlich! ruft Inge, spricht aber ins Zimmer, nicht zu ihr.
Die Gäste summen anerkennend. Hannelore greift nach der Platte.
Anna, wo ist denn die Kartoffel? fragt ihr Mann Markus, ohne aufzublicken, vertieft ins Smartphone.
Bringe ich gleich.
Sie geht zurück in die Küche, füllt die Kartoffeln in eine Schüssel, mit viel Petersilie und Sauerrahm genau wie Schwiegervater, wie Markus es lieben.
Als sie mit dem nächsten Gang kommt, lacht der ganze Tisch über einen Witz. Nicht einer von ihr.
Anna-Maria ist zweiundfünfzig Jahre alt.
Sie gehört seit siebenundzwanzig Jahren zu dieser Familie. Zunächst teilte sie mit Markus eine kleine Wohnung, später zogen sie in die große Behrens-Wohnung am Rosengartenweg, als Benni geboren wurde. Es hieß: Praktischer so, Eltern helfen. Mit der Hilfe war es nicht weit her. Eher gab sie ihre Hilfe zuverlässig, täglich, zu jedem Feiertag, an jedem Sonntag.
Anna, bring noch Brot! ruft Inge.
Anna bringt Brot.
Und den Senf bitte.
Anna bringt Senf.
Sie isst stehend an der Anrichte. Ihr Platz ist an der Kante des Tisches, doch muss sie ohnehin ununterbrochen aufspringen. Da bleibt sie lieber gleich stehen.
Dann die Torte.
Inge schneidet sie selbst an, feierlich, Karl legt die Hand darüber. Alle machen Fotos. Die Gäste staunen über die Schichten.
Ist die gekauft? fragt Hannelore.
Aber nein, sagt Inge stolz, unsere, selbstgemacht.
Unsere. Anna nimmt ihre Teetasse, schluckt stumm.
Zum Toast erhebt sich Karl: spricht von Familie, von Treue, wichtigstes Gut seien Kinder. Er nennt Inge die Hüterin des Herdes. Inge lächelt bescheiden. Alle applaudieren.
Auch Anna klatscht.
Dann räumt sie ab. Spült, verstaut Reste, wischt Tische und Herd, trägt den Müll raus. Ein typisches Ende eines deutschen Familienfestes.
Gegen elf kommt Markus in die Küche, alle Gäste sind gegangen.
Alles ok?
Ja.
Bist du müde?
Ein bisschen.
Er nickt, schenkt sich Wasser ein, verschwindet vorm Fernseher.
Es ist der ganz normale Abend. Es ist nichts passiert. Und doch irgendetwas ist passiert. Unmerklich, klein. Wie ein feiner Sprung im Glas, den man erst bemerkt, wenn das Glas plötzlich zerbricht.
Anna-Maria löscht das Licht. Bleibt noch einen Moment stehen, der Duft von Frikadellen hängt in der Luft. Der Geruch von Zwiebeln. Der Geruch dieses Tages.
Dann geht sie schlafen.
Die nächsten drei Wochen verlaufen wie immer: Sie kocht Frühstück, Mittag, Abendessen. Sie wäscht, bügelt, geht auf den Markt, kauft ein, plant Menüs, denn Markus sagt, er hasse Graupen, Schwiegervater isst werktags keinen Fisch, und die Schwiegermutter macht nur manchmal Diät, wenn es ihr passt. Anna behält alles im Kopf immer.
Sie arbeitet Teilzeit als Buchhalterin in einer kleinen Firma. Drei Tage die Woche. Den Rest des Lebens gibt sie dem Haus.
An einem Freitag beginnt alles mit einer Kleinigkeit.
Zum Abendbrot gibt es Hähnchen in Sauerrahm. Ein altes Rezept, das alle lieben. Doch an diesem Abend erscheint Inge wieder ungemeldet, wie so oft, mit einem Sack Äpfel vom Schrebergarten.
Aha, Hähnchen, sagt sie, späht in den Topf. Schon wieder in Sauerrahm. Markus bekommt Sodbrennen von Sauerrahm, weißt du das nicht?
Doch, sagt Anna ruhig, das ist ein leichter Sauerrahm, fünfzehn Prozent. Er wollte es so.
Hm, also ich hätte es einfach geschmort, ohne den ganzen Rahm.
Gut, Inge.
Inge setzt sich und tippt auf dem Handy herum.
Übrigens, sie liest dabei, ich habe gestern mit Frau Lange gesprochen, unsere alte Nachbarin. Ihre Schwiegertochter arbeitet als Köchin. Da gäbe es zu Hause immer frisches, fertiges Essen.
Anna-Maria wartet.
Ich meine ja nur, vielleicht solltest du dir auch eine richtige Arbeit suchen? So drei halbe Tage, was ist das? Wärst du wenigstens etwas nützlich.
Anna wendet das Hähnchen, blickt sie an.
Ich arbeite, Inge.
Na, du weißt ja. Ich sag ja nur.
Sie sagt es immer nur so. Ohne Böswilligkeit, ohne Vorwurf. Wie nebenbei.
Anna legt den Deckel drauf, stellt den Herd runter. Spürt, wie auch innerlich etwas eng wird. Nicht zum ersten Mal. Doch diesmal besonders fest.
Am nächsten Tag ruft sie ihre Freundin Karin Schulte an, mit der sie seit der Berufsschule befreundet ist. Karin lebt am anderen Ende von Hamburg, arbeitet in einer Bibliothek, ist seit fünfzehn Jahren geschieden und sagt, sie sei zufrieden.
Karin, alles gut bei dir?
Ja, und bei dir? Klingst so erschöpft
Alles ok.
Anna.
Stille am Telefon.
Ich bin einfach müde, Karin. Wirklich müde.
Karin hält keine Vorträge und gibt keine Ratschläge. Sie fragt nur:
Kommst du mal vorbei?
Ja, irgendwann.
Komm lieber bald. Tee ist da, und Gespräche auch.
Anna lächelt. Zum ersten Mal seit Tagen.
Dann kommt jener Abend.
Markus lädt kurzfristig seinen Bruder Stefan und dessen Frau Jana zum Essen ein.
Stört es dich, wenn die beiden morgen vorbeikommen?
Wann?
So gegen sieben.
In Ordnung.
Sie sagt nichts Weiteres. Steht am Samstag um acht auf, geht auf den Markt, kauft Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Auberginen. Plant: Schweinebraten aus dem Ofen, griechischer Salat, Kürbiscremesuppe, Quark-Pfannkuchen zum Nachtisch. Nichts Besonderes, einfacher Samstag.
Gegen eins ist alles im Gang. Braten im Ofen, Suppe auf dem Herd, Teig kühlt im Kühlschrank.
Um drei steht Inge wieder da. Ohne zu klingeln.
Ach, ihr habt was vor? Mir hat niemand was gesagt.
Stefan und Jana kommen, sagt Markus.
Aha. Inge kommt in die Küche, guckt in den Ofen. Anna, hast du Kräuter reingetan?
Ja.
Welche?
Rosmarin, Thymian, Knoblauch.
Ach, Rosmarin mag Karl nicht.
Karl ist heute nicht eingeladen.
Stille. Dann sagt Inge, langsam:
Was?
Anna dreht sich um, schaut sie ruhig an.
Heute essen Stefan und Jana mit uns. Karl mag keinen Rosmarin, aber er ist heute nicht da. Deswegen gibts Braten mit Rosmarin. Schmeckt einfach besser.
Inge sieht sie zum ersten Mal richtig an. Dann schnappt sie nach Luft.
Verstehe, murmelt sie und geht.
Anna hört, wie sie leise mit Markus spricht, damit Anna es nicht hört. Markus kommt kurz darauf in die Küche.
Anna, was war das?
Was meinst du?
Wieso sprichst du so mit ihr?
Markus, ich habe ihr doch nichts Böses gesagt.
Sie ist jetzt verletzt.
Wodurch?
Er schweigt. Weil es keine Antwort gibt. Aber wieder schaut er sie an, als sei sie schuld. Irgendwer muss ja schuld sein. Und am einfachsten, wenn sie es ist.
Stefan und Jana kommen um sieben, heiter, bringen Wein und Bonbons von Confiserie Schmidt mit. Das Essen gelingt. Braten saftig, Suppe cremig, alle holen nach.
Anna, du kannst echt kochen, lobt Jana. Ich könnte das nie. Bin wohl zu faul
Na, dann bestellt ihr halt oft, sagt Stefan.
Ja, aber ihr habts gut. Sieh’ dir an, wie Anna sich Mühe gibt.
Sich Mühe geben. Anna räumt ab, bringt Pfannkuchen, kocht Tee.
Anna, setz dich doch! ruft Jana. Lass das Gehetze.
Anna setzt sich, schenkt sich Tee ein, nimmt einen Pfannkuchen.
Sag mal, wirft Stefan plötzlich ein, stimmt es, dass ihr die Küche renovieren wollt? Mama meinte, du willst alles umgestalten, sie ist dagegen.
Wir haben drüber gesprochen, sagt Anna vorsichtig.
Mama findet, du willst alles verändern und sie hat das Gefühl, das ist nicht mehr ihre Küche.
Inge wohnt da, ich wohne hier. Es sind andere Küchen.
Ist doch logisch, meint Stefan.
Nicht unbedingt, wirft Markus ein. Das ist doch immer noch ihr Haus.
Anna blickt auf.
Wessen Haus ist das, Markus?
Das Elternhaus. Sie haben alles gemacht, aufgebaut.
Wir wohnen hier seit zwanzig Jahren.
Na und?
Stille legt sich auf den Tisch. Jana schaut in ihren Tee. Stefan greift zu Pfannkuchen.
Schmeckt gut, sagt er leise.
Niemand spricht das Thema wieder an.
Nachts liegt Anna wach. Markus atmet gleichmäßig. Sie denkt an seine Worte: Ihr Haus. Nicht unser. Nicht deins. Ihr, fremd.
Zwanzig Jahre hat Anna gekocht, gebraten, gebacken, gebügelt, geputzt. Zwanzig Jahre roch dieses Haus nach ihren Händen. Doch es blieb fremd.
Am Morgen steht sie wie immer auf, macht Kaffee, setzt Porridge auf.
Alles läuft weiter. Zwei Wochen lang.
Dann ist der große Abend. Der Hochzeitstag fünfunddreißig Jahre.
Anna plant das Menü nach Rücksprache mit Inge. Sülze, Hauptgericht, zwei Salate und Hefekuchen weil Karl das liebt und die Torte. Anna notiert, fragt nach der Personenzahl. Inge: vierzehn, vielleicht fünfzehn, sie ruft nochmal an.
Freitags, spätabends: siebzehn Leute.
Anna rechnet neu, kauft nach.
Samstag, vier Uhr früh. Die Sülze steht seit zehn Uhr auf dem Balkon, geliert gut. Sie schöpft das Fett ab, prüft: Klar, fest.
Dann Teig für die Hefeküchlein. Sie mag den Teig: warm, lebendig, fügt sich willig in die Hände, nach Hefe duftend. Ihre Mutter sagte immer: Den Teig muss man spüren, der sagt dir, wann er fertig ist.
Die Mutter ist schon acht Jahre tot.
Anna rollt Teig aus, denkt an sie wie sie da stand, im Hauskleid, Puderzucker auf dem Ärmel, singend alte Schlager.
Um zehn sind die Hefeküchlein fertig. Gegen zwölf die Salate. Um zwei das Hauptgericht. Sie schafft alles.
Um drei kommen die Gäste.
Anna nimmt Mäntel, bietet Getränke an, bringt Häppchen, kontrolliert nebenher die Soße.
Anna, sollen die Küchlein schon raus? fragt sie sich selber halblaut. Sonst fragt ja niemand. Alle sitzen schon.
Sie trägt die Küchlein die Gäste freuen sich.
Oh, selbstgemacht! ruft eine ältere Bekannte, Frau Hoffmann.
Ja, Anna hat die gemacht, sagt Stefan.
Sehr ordentlich, lobt Frau Hoffmann, dreht sich sofort zu Inge: Sag mal, Inge, du hast eine tüchtige Schwiegertochter!
Sie macht das ganz gut, sagt Inge.
Anna verschwindet wieder in die Küche.
Um vier serviert sie das Hauptgericht, schwer, groß, mit beiden Händen. Sie öffnet die Türe mit der Hüfte, betritt das Esszimmer.
Endlich! ruft Inge, für alle hörbar. Wir dachten schon, du hast uns vergessen!
Gelächter, gutgemeint, harmlos.
Anna stellt das Tablett ab, richtet sich auf.
Toll, lobt Karl. Bravo.
Anna, kommt die Kartoffel separat? fragt Markus.
Sofort.
Sie nimmt die Schüssel und geht.
Und da, in der Tür stehend, hört sie es. Frau Hoffmann fragt Inge leise, aber es ist in einer Gesprächspause gut zu hören.
Was macht Anna eigentlich beruflich?
Sie ist Buchhalterin. Drei halbe Tage irgendwo. Aber eigentlich, ihr Platz ist halt die Küche. Da gehört sie hin.
Ihr Platz ist die Küche. Da gehört sie hin.
Anna bleibt stehen, mit dem Rücken zum Zimmer. Blickt auf den Herd.
Frau Hoffmann kichert trocken.
Koch muss eben auch einer.
Genau, bestätigt Inge.
Anna veweilth einen Moment. Nimmt dann die Kartoffelschüssel, betritt den Salon.
Danke, Anna, sagt jemand.
Sie nickt. Setzt sich an ihren Randplatz. Schenkt sich Wasser ein statt Wein.
Isst schweigend. Antwortet, wenn sie gefragt wird. Lächelt, wenn sie soll. Räumt ab. Bringt Nachtisch.
Ihr Platz ist die Küche. Da gehört sie hin.
Nachts kann Anna-Maria wieder nicht schlafen.
Sie dreht die Worte hin und her, ohne Wut, prüft sie von allen Seiten. Platz in der Küche. Siebenundzwanzig Jahre frühmorgens Hände im Mehl, im Teig, in heißem Wasser. Hände, die Essen für siebzehn Leute tragen. Hände, die niemand beachtet.
Wohin der Weg führt dahin, wo sie schon so lange steht.
Markus schläft. Anna blickt ihn an. Sie kennt ihn besser als er sich selbst. Weiß, dass er Hitze nicht verträgt, dass seine Schulter schmerzt seit dem Unfall, dass er kein Graupen mag aber isst, wenns sein muss. Eigentlich ist er gutmütig. Einfach gedankenlos, ganz unsichtbar für das, was sie trägt.
Leise steht sie auf, zieht den Bademantel über, geht in die Küche.
Schaltet das Licht an, stellt den Wasserkocher an.
Die Küche ist aufgeräumt. Alles erledigt, mit ihren Händen am selben Tag.
Sie gießt sich Tee ein, nimmt ihr Handy. Öffnet den Chat mit Karin.
Schreibt: Bist du wach?
Nach fünf Minuten: Ja, lese noch. Was ist los?
Anna schaut aufs Display, schreibt: Nichts, ich will einfach kommen. Morgen, ok?
Karin: Na klar. Bin da.
Am Morgen macht Anna Frühstück: Spiegelei, Toast, geschnittene Tomaten, deckt für Markus den Tisch. Er kommt, noch verschlafen.
Morgen.
Morgen.
Sie gießt ihm Kaffee ein.
Markus, ich muss was sagen.
Hm, ja?
Ich fahre weg.
Wohin?
Zu Karin. Für ein paar Tage.
Er blickt auf.
Warum?
Mal raus. Abschalten.
Er schaut sie ratlos an.
Na dann fahr halt. Und ich?
Im Kühlschrank sind Frikadellen, Reste von Suppe, im Gefrierfach Maultaschen.
Und später?
Ihr werdets schon schaffen.
Sonntags nachmittags fährt sie los, kleiner Koffer.
Karin empfängt sie in der Diele. Blickt sie an, fragt nichts. Nimmt sie einfach in den Arm.
Komm, trinken wir Tee.
Sie sitzen bis Mitternacht in Karins kleiner Küche, mit Geranien am Fenster, der alten Stofflampe. Karin kocht Melissentee, bringt Kekse. Sie reden. Anna redet zum ersten Mal alles heraus, manchmal stockend, manchmal verstummend.
Weißt du, sagt sie schließlich, ich bin nicht mal wütend. Ich bin nur müde. Nicht von der Arbeit. Vom Unsichtbarsein.
Ich weiß, sagt Karin. Ich weiß ganz genau.
Was soll ich tun?
Weiß ich nicht. Aber nicht gleich zurückhetzen.
Anna nickt, hält die Tasse in den Händen. Die Wärme dringt tief durch das Porzellan, echt und beruhigend.
Drei Tage später ruft Markus an.
Anna, wann kommst du?
Weiß noch nicht.
Wie, weiß nicht? Der Kühlschrank ist leer.
Geh einkaufen.
Stille.
Ich kann nicht kochen.
Rührei kannst du?
Rührei schon.
Dann koch eben Rührei.
Sie legt auf, lacht zum ersten Mal seit langem.
Am vierten Tag sagt Karin:
Ich hätte da was. Eine Bekannte arbeitet in einer Kochschule. Sie suchen jemanden, der Kurs vertritt Backen und Hausmannskost. Vielleicht auch länger. Willst dus probieren?
Anna schaut sie an.
Ich bin doch keine Lehrkraft.
Du kannst besser backen als all die Kursleiter! Das weiß ich seit zwanzig Jahren.
Da brauchts bestimmt Abschlüsse.
Erst mal reden. Absagen kannst du immer noch.
Zwei Tage später sitzt Anna im Büro der Kochschule Haus & Genuss bei Frau Vogel, einer schnellen, klaren Frau um die Mitte vierzig.
Karin meint, sie sind praktisch begabt. Was können Sie?
Anna überlegt.
Deutsche Hausmannskost. Backen, Hefe und Blätterteig, Fleischgerichte, Einmachen, Marmeladen. Suppen, auch ein paar Sachen aus der europäischen Küche.
Hefegebäck selbst?
Immer selbst. Niemals Fertigware.
Frau Vogel lächelt leicht.
Gut. Probieren wir einen Probekurs. Passt es der Gruppe, schließen wir Vertrag.
Der Probetermin ist Freitag. Thema: Hausbrot mit Sauerteig.
Anna schläft in der Nacht schlecht, sieht die Deckenleuchte von Karins Küche. Fragt sich: Warum eigentlich kümmer ich mich, was Markus sagt? Was Inge sagt?
Am Freitag steht sie im Kursraum: acht Teilnehmende, verschiedene Altersgruppen, fast alle Frauen, eine junge mit vielleicht fünfundzwanzig. Sie sehen sie mit gespannter Neugier an.
Wir fangen ganz einfach an, sagt Anna. Gutes Brot beginnt nicht beim Rezept. Es fängt an mit dem Gefühl in den Händen. Sie zeigt: Wenn der Teig sich löst, glatt wird, ist das Wichtigste erreicht. Kein Timer ersetzt dieses Gefühl.
Sie erklärt und knetet, zeigt, warum Temperatur wichtig ist, warum auf Zeit kein Brot wächst.
Eine junge Frau fragt:
Was, wenns nicht gleich klappt?
Klappt beim dritten Mal, entgegnet Anna. Teig nimmts nicht übel.
Die Gruppe lacht. Aufrichtig.
Frau Vogel schaut durch die Tür.
Nachher nickt sie Anna zu.
Sie können Menschen etwas beibringen.
Hätte ich nie gedacht.
Gerade deshalb klappts. Wer zu viel grübelt, ist nicht echt. Sie sind echt. Fangen wir an?
Anna unterschreibt Montag den Vertrag. Drei Kurse wöchentlich. Bezahlung gut, besser als Buchhaltung.
Sie nimmt Frei auf der Arbeit.
Ruft Markus an.
Ich arbeite jetzt in der Kochschule.
Was? Wann kommst du nach Hause?
Weiß ich nicht.
Meinst du das ernst?
Ganz ernst.
Pause.
Mutter sagt, du bist beleidigt.
Nein. Ich bin müde.
Wovon?
Sie überlegt. Spricht schlicht und klar.
Davon, unsichtbar zu sein. Siebenundzwanzig Jahre. Es gibt Frikadellen, frische Hemden aber mich gibt es nicht.
Totenstille.
Anna
Kein Vorwurf. Nur Fakt.
Er weiß nichts zu sagen. Sie hört es daran, dass er schweigt.
Ich melde mich, sagt er leise.
Gut.
Zwei Wochen vergehen. Anna wohnt bei Karin. Hilft beim Kochen freiwillig. Karin bedankt sich, ehrlich.
Eines Tages sagt sie:
Du bist anders. Ruhiger.
Anna denkt nach.
Ja, vielleicht.
Die Teilnehmenden der Kochschule schätzen ihren Kurs: Gruppen sind schnell voll. Frau Vogel meint, manchmal würden Leute nur wegen ihr kommen.
Sie geben etwas, das nicht jeder kann. Man merkts.
Anna gibt es gern.
Jetzt wird es gesehen.
Markus kommt am Ende der zweiten Woche. Ruft vorher an. Karin gibt ihnen die Küche allein.
Anna, komm heim.
Sie sieht ihn an. Ist abgenommen, wirkt müde.
Warum?
Familie, unser Zuhause. Ich bin allein.
Du bist drei Wochen allein. Ich war siebzehn Jahre allein.
Er schweigt.
Ich hab früher nichts begriffen.
Ich weiß.
Und jetzt? Trennst du dich?
Vielleicht nicht. Aber nichts ist wie vorher. Ich arbeite jetzt richtig. Und ich diene zuhause niemandem mehr auch nicht deinen Eltern.
Mutter wollte dich nicht verletzen.
Markus, hast du verstanden, was sie bei Gästen sagte? Ihr Platz ist die Küche, da gehört sie hin.
Er nickt.
Das war falsch von ihr.
Danke.
Ich auch habe dich übersehen.
Ja.
Er sieht sie an, wie sie ihn einmal liebte. Ehrlich und verwirrt.
Was soll ich tun?
Koch mal selber Suppe.
Fast lacht er.
Wirklich?
Wirklich. Zwiebel, Karotte, Kartoffel. Ich erkläre es dir. Ich bin jetzt Lehrerin.
Er schaut sie lange an.
Kommst du zurück?
Anna-Maria denkt nach. Über die Wohnung am Rosengartenweg, den Fettgeruch am Morgen, Markus, das geteilte Leben über fünfzig Jahre, und dass das nichts ist, was man wegwerfen kann.
Und dass sie zweiundfünfzig ist. Nicht mehr achtzehn, aber auch nicht uralt.
Vielleicht, sagt sie. Aber nicht jetzt. Ich brauche Zeit.
Wie viel?
So viel es braucht.
Er fährt. Sie bleibt. Blickt auf die Geranie am Fenster, draußen wirbelt der Oktober.
Sie steht auf, holt Mehl, Butter, Eier. Sie backt nur für sich.
Der Teig ist warm. Lebendig. Fügt sich in die Hände.
Sie denkt an nichts.
Ein Monat später bietet Frau Vogel ihr eine Festanstellung.
Wir brauchen Sie. Nicht als Vertretung als vollständige Dozentin. Drei Module pro Woche, dazu ein Workshop im Monat. Hier das Angebot.
Anna prüft. Gehalt solide keine Reichtümer, aber ihre Freiheit.
Ja, sagt sie.
Sie unterschreibt und atmet draußen Herbstluft ein.
Ruft Karin an.
Fest angestellt!
Anna, das ist fantastisch! Wir feiern?
Wir feiern. Ich koche was.
Klar.
Sie lächelt.
Mit Markus telefoniert sie ruhig. Er berichtet, was er kocht. Erst Spiegelei, dann fragt er nach Eintopf. Sie erklärt ihm die Reihenfolge, wie viel Salz, wann das Gemüse rein
Anna, wie ist das jetzt?
Gut, sagt sie.
Ende Oktober kommt Markus zu Besuch. Bringt ihr Chrysanthemen ihre Lieblingsblumen, die er früher nie beachtete.
Schön, sagt sie.
Ich wusste, dass du die magst.
Sie trinken Tee, reden lange. Über den Enkel, Stefans Umzugspläne, dass es Karl wieder besser geht.
Markus sagt:
Mutter will mit dir sprechen.
Anna bleibt ruhig.
Ich weiß.
Sie hat zum ersten Mal seit ewig selbst gekocht. Kuchen gebacken war nicht so toll, aber sie hats probiert.
Anna nickt.
Gut.
Sie weiß, dass es falsch war.
Ich spreche mit ihr. Wenn ich bereit bin. Nicht jetzt.
Ich verstehe.
Sein Tempo ist entschleunigt. Früher wollte er alles gleich wieder zurechtbiegen. Jetzt kann er warten.
Im Flur bleibt er stehen.
Anna.
Ja?
Du hattest recht. All die Zeit. Ich habs nicht gesehen. Es war falsch.
Sie schaut ihn an.
Ich weiß.
Tut mir leid.
Sie nickt. Sagt nicht, dass alles wieder gut sei. Es ist nicht alles wieder gut. Aber vielleicht kann etwas gut werden. Irgendwann.
Ruf morgen an. Berichte, wie der Eintopf wurde.
Mach ich.
Die Tür fällt ins Schloss.
Anna bleibt im Flur stehen. Dann geht sie in die Küche, setzt Tee auf. Der Blick aus dem Fenster fällt auf das Lichtermeer der Stadt. Draußen beginnt ein neuer Abend, golden und ruhig.
Sie denkt daran, dass sie übermorgen Kurs gibt: Mürbeteig. Der muss kühl verarbeitet werden, Butter darf nicht schmelzen. Darin liegt das Geheimnis nicht zu hastig sein. Nicht zu viel Druck geben, sonst wird er zäh und verliert seine Leichtigkeit.
Sie wird das erklären. Das kann sie. Wie man fühlt, was der Teig braucht.
Der Wasserkocher pfeift. Sie gießt Tee auf. Setzt sich ans Fenster.
Irgendwo in der Stadt lebt ihr Leben. Das alte, das neue, verwoben. Sie weiß nicht, wohin alles führt. Ob sie zurückgeht, bleibt, etwas Drittes wählt.
Aber heute Abend, an Karins Fenster, verdient sie ihr eigenes Geld. Bringt Menschen bei, Teig zu fühlen.
Das ist jetzt echt. Das genügt.
Am nächsten Tag ruft Markus mittags an.
Eintopf, sagt er.
Und?
Schmeckt. Sogar Farbe stimmt.
Hast also die Karotten erst später reingegeben?
Ja. Hat geklappt.
Gut gemacht.
Pause.
Anna. Wie geht’s dir?
Gut, sagt sie. Und diesmal stimmt es.
Es ist nie zu spät, den eigenen Platz zu finden und zu zeigen, was in einem steckt.




