28. Oktober 2026 Tagebuch
Der Oktober zeigte sich erbarmungslos. Hinter dem Fenster prasselte ein Dauerregen, der Wind heulte durch den Hof und pfiff durch die Rohre, während ich, Johann Müller, allein in der kleinen Küche im dritten Stockhaus in Berlin stand und ins Leere starrte. Seit zwei Jahren verliefen meine Tage wie nach Uhrwerk: Aufstehen um sieben, Frühstück um acht, Nachrichten um neun alles pünktlich, alles geordnet. Die Hausschuhe standen gerade vor der Tür, die Tassen im Schrank standen in einer Linie, Griff nach rechts ausgerichtet. So lebte ich seit dem Tod meiner geliebten Elise.
Schön, ganz schön, murmelte ich leise zu mir selbst. Liese würde das gern sehen.
Am Abend wie gewohnt ging ich zur Bäckerei um ein frisches Roggenbrot zu holen. Dort fiel mein Blick auf ein ungewöhnliches Wesen: Auf den Stufen vor dem Hauseingang saß ein kahler, rotbrauner Kater, ein Auge halb vernebelt, zitternd entweder vom kalten Regen oder aus Angst.
Na, du armer Kerl, setzte ich mich neben ihn. Siehst nicht besonders gut aus.
Der Kater sah mich an, als wolle er sagen: Du sprichst das falsche Wort, Opa, das Leben ist hart.
Ich streckte meine Hand aus. Das Tier wich nicht zurück, ließ sich sogar streicheln und schnurrte kaum hörbar.
Du bist ein echter Frostbeule, schüttelte ich den Kopf.
Plötzlich erklang das Klirren von Schritten. Meine Nachbarin vom dritten Stock, Gisela Klein, kam herunter, um den Müll hinauszubringen.
Johann!, rief sie laut. Was machen Sie da mit diesem Tierchen?
Er ist ja gefroren, antwortete ich.
Genau! Was soll er hier treiben? Er trägt Flöhe und Krankheiten mit sich.
Ich stand auf, warf einen Blick zuerst zu Gisela, dann zu dem Kater.
Komm, wir gehen ins Warme, flüsterte ich.
Sie spinnen!, protestierte Gisela. Sie wollen doch nur Dreck ins Haus holen!
Und wenn er hier stirbt, wäre es wenigstens sauberer, erwiderte ich trocken.
Ich brachte den Kater nach Hause. Er folgte zögerlich, blieb aber stets an meiner Seite. Vor der Wohnungstür schnüffelte er die Luft.
Keine Angst, komm rein, ermutigte ich ihn. Das ist keine Straße.
Zuerst brachte ich ihn ins Bad. Warmes Wasser und ein wenig Katzen-Shampoo er wehrte sich nicht, ganz im Gegenteil, er schloss die Augen vor Wohlbehagen.
Armer Kerl, murmelte ich, während ich seine Narben und Abschürfungen betrachtete. Wer hat dir das angetan?
Ich fütterte ihn mit Würstchen und Käse; das Futter verschwand in wenigen Minuten.
Du heißt jetzt Rotkehl, sagte ich. Passt doch gut.
Ich legte ein altes Handtuch auf die Heizung, der Kater rollte sich zusammen und schlief sofort ein. Ich sah ihn an und dachte: Wie soll ich jetzt weiter? Ich brauche Futter und einen Tierarzt.
Doch im Haus war plötzlich etwas Lebendiges.
Na gut, du bleibst wenigstens eine Nacht, entschied ich. Dann sehen wir weiter.
Am nächsten Morgen erwachte ich von einem lauten Poltern. In der Küche herrschte Chaos: Der Topf umgekippt, Erde auf dem Boden, eine Tasse zersplittert. Rotkehl saß da, leckte sich bedeutungsvoll die Pfote.
Was hast du angerichtet?, schrie ich.
Der Kater hob den Kopf, sah mich mit einer Gleichgültigkeit an, als würde er sagen: Guten Morgen, wie war dein Schlaf?
Genug!, seufzte ich erschöpft. Ich schicke dich wieder zurück. Ich bin nicht bereit dafür.
Ich stand mitten in der zerstörten Küche und spürte, wie in mir alles zu kochen begann. Zwei Jahre makelloser Ordnung und das alles in einer einzigen Nacht. Wie ein Stall voller Unrat.
Bruderchen, wandte ich mich an den Kater, ich schaffe das nicht allein. Ich nahm ihn hoch und ging zur Tür. Dort traf ich Gisela, die gerade ein Stück Papier sammelte.
Aha!, rief sie hochnäsig, als sie das Chaos sah. Ich habe doch gesagt, das wird schlecht enden!
Ich sah sie an, dann Rotkehl, der sich an meine Brust schmiegte und leise schnurrte.
Ich gebe ihn nicht her, sagte ich plötzlich.
Was? Wie können Sie das nicht tun?
Er wird sich gewöhnen. Ich werde ihn erziehen.
Er wird das ganze Haus ruinieren!
Na und? Das ist kein Palast, den ich habe.
Gisela schnaufte, schlug die Tür zu und ging. Ich blieb zurück mit dem Kater und einer zertrümmerten Küche.
Na gut, Rotkehl, atmete ich tief. Da du schon hier bist, verhalte dich ein Stück artig. Dann machte ich mich daran, das Haus zu säubern, während er still neben mir saß.
Siehst du, wie das läuft?, sagte ich beim Fegen. Ich bin müde, du bist nur ein stiller Beobachter. Der Kater maunzte zustimmend.
Bis zum Mittag glänzte alles wieder. Doch kaum hatte ich mich hingesetzt, sprang Rotkehl plötzlich auf das Regal und ließ einen Stapel Bücher zu Boden fallen.
Du machst mich wahnsinnig!, fluchte ich.
Die Wut verflog schnell. Etwas in mir klickte oder kehrte zurück an seinen Platz.
Am Abend ging ich zur Drogerie, um Katzenfutter zu kaufen. Die Verkäuferin hob überrascht die Augenbrauen:
Haben Sie einen Kater zu Hause?
Sieht ganz danach aus, antwortete ich.
Und Sie haben ein Tier? Na, das ist ja
Ich bin selbst überrascht, sagte ich.
Zuhause fütterte ich Rotkehl das neue Futter, er fraß begeistert.
Gefällt es dir?, fragte ich.
Der Kater schmiegte sich an mein Bein.
Eine Woche später war mein Leben kaum wiederzuerkennen. Ich stand nicht mehr vom Wecker auf, sondern weil Rotkehl plötzlich eine Expedition auf meine Brust startete. Abends sah ich keine Nachrichten mehr, sondern spielte mit ihm an einer Schnur.
Liese würde lachen, dachte ich. Was aus ihrem ordentlichen Mann geworden ist.
Die Wohnung füllte sich mit einem kleinen Katzenhaus, Kratzbaum, Futternäpfen. Die tote Stille war verschwunden. Das Heim pulsierte vor Leben.
Gisela kam wie gewohnt vorbei, stellte Fragen, die kaum einen Sinn hatten, doch immer wieder war ihr Blick auf Rotkehl gerichtet.
Du hast hier einen Tierpark eröffnet!, schnaufte sie. Bald kommen die Kakerlaken.
Kakerlaken?, lachte ich. Sauberer als bei vielen anderen.
Sie schüttelte den Kopf, ging und ließ ein warmes Licht zurück. Die Wohnung roch nicht mehr nach Sterilität, sondern nach Wärme und Leben.
Drei Wochen später geschah das Unfassbare: Ich streichelte die Heizung, stand auf einem Hocker, und Rotkehl schlüpfte unter meine Hand, tropfte mit einer Pfote in die Farbe und verteilte weiße Spuren im ganzen Haus.
Du kleiner Künstler!, lachte ich und hob den Kater hoch.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
Was haben Sie jetzt wieder für ein Chaos?, rief Gisela wütend herein.
Rotkehl übt Kunst, erklärte ich und zeigte die Farbspuren.
Unfug!, schrie sie.
Ach, lassen Sie doch, Gisela. Es ist schön!, erwiderte ich.
In der vierten Woche kaufte ich ein neues Spielzeug. Die Verkäuferin seufzte nur:
Sie verwöhnen Ihren Kater ja richtig gut.
Er ist es wert, murmelte ich verlegen.
Zuhause begrüßte mich Rotkehl mit einem leisen Schnurren.
Hab dich vermisst?, flüsterte ich. Ich habe dich auch.
Ich war wirklich traurig, wenn er nicht da war. Jetzt fühlte ich mich gebraucht wie ein kleiner Tiger, der mir das Leben zurückgab.
Ein Monat später kam Gisela mit einer Bitte:
Darf ich ein Foto von ihm machen? Meine Enkelin würde sich freuen.
Natürlich, sagte ich und wir fotografierten den Kater, der stolz posierte. Gisela lachte, ein Lächeln, das ich lange nicht mehr von ihr gehört hatte.
Nach ihrem Weggang dachte ich: Vielleicht hat sich auch sie verändert. Oder ich sehe das nur so.
Doch am nächsten Morgen weckte mich die altbekannte Stille. Eine bedrückende Stille.
Rotkehl?, rief ich, stand hastig auf.
Keine Antwort, kein Geräusch von Pfoten. Nirgends.
Wo bist du, mein Freund?
Ich suchte unter dem Sofa, im Schrank, hinter dem Kühlschrank alles leer. Auf dem Küchenboden stand eine unberührte Futternapf. Mein Herz zog sich zusammen.
Das kann nicht wahr sein, flüsterte ich, die Stimme bebte.
Ich durchkämmte die ganze Wohnung, dann das ganze Haus, doch keine Spur von Rotkehl.
Der Balkon!, dachte ich plötzlich.
Ich rannte zur Loggia. Das Fenster war offen gelassen, und auf dem Boden lagen zerbrochene Tontöpfe.
Gott im Himmel, dachte ich. Er könnte gefallen sein!
Der Balkon lag im vierten Stock, darunter nackter Beton. Ich zog mich schnell an und stürzte hinunter, durchkämmte jede Hecke, jeden Blumenbeet, sah unter Autos und in Kellern nach.
Rotkehl!, schrie ich. Passanten drehten sich um, ihre Blicke voller Mitgefühl.
Eine junge Mutter, die mit einem Kinderwagen schob, fragte sanft: Ist alles in Ordnung, Herr Müller?
Mein Kater ist verschwunden, schlug ich mir fast die Tränen ab.
Vielleicht läuft er nur spazieren, meinte sie verständnisvoll.
Ich durchstreifte das ganze Viertel, doch Rotkehl blieb verschwunden.
Am Abend, erschöpft, setzte ich mich an die Küche, starrte auf die unberührte Futternapf und fühlte eine tiefe Leere.
Gisela klopfte an der Tür.
Herr Müller, Sie haben laut im Hof gerufen Was ist passiert?
Rotkehl ist weg, sagte ich schleppend.
Wie bitte?
Ich habe ihn heute Morgen nicht gefunden. Vielleicht vom Balkon gefallen, vielleicht weggelaufen, ich weiß es nicht.
Gisela schaute mich fragend an.
Haben Sie überall nachgesehen?
Ja, im Keller, in den Nebenhäusern
Vielleicht hat jemand ihn aufgenommen?
Das kann doch nicht sein, dachte ich, die Hoffnung schwand.
Gisela legte tröstend die Hand auf meine Schulter. Machen Sie sich nichts draus. Katzen finden immer zurück. Sie sind schlau.
In der Nacht fand ich keinen Schlaf. Ich lauschte an der Tür, hoffte auf ein vertrautes Miauen, doch nur Stille.
Am Morgen wurde mir klar: Ohne den Kater konnte ich nicht leben. Rotkehl war ein Teil von mir geworden.
Ich begann die Suche von neuem. Mit Sonnenaufgang ging ich durch die Nachbarschaft, zeigte Passanten ein Foto: Rotkehl, rotbraun, weiße Brust. Viele schüttelten den Kopf. Im Zoogeschäft bot mir die Verkäuferin Hilfe an:
Möchten Sie eine Anzeige schalten? Ich kann das für Sie erledigen.
Ich verstand nichts von Internet, aber sie lächelte und sagte: Kein Problem, wir machen es. So erschien ein Plakat: Kater Rotkehl vermisst. Straße der Einheit. Belohnung garantiert. Doch kein Anruf kam.
Am dritten Tag war ich fast resigniert, saß am Fenster und dachte über das rasante Auf und Ab des Lebens nach. Vor einem Monat war alles vorhersehbar, dann kam Rotkehl Chaos, Wärme, Lachen und nun war er fort, hinterließ eine größere Lücke als je zuvor.
Vielleicht ist das Schicksal so, murmelte ich, während ich mein Spiegelbild betrachtete. Ein alter Mann hat kein Glück mehr. Doch mein Herz widersprach.
Am späten Nachmittag des dritten Tages hörte ich ein leises Miauen in der Ferne. Zuerst dachte ich, es sei Einbildung, doch das Geräusch wiederholte sich, klagend und eindringlich.
Ich sprang auf, rannte die Treppe hinauf:
Rotkehl?!
Stille.
Ich ging weiter zum zweiten Stock und sah zwischen den Fensterrahmen ein zitterndes, schmutziges Kätzchen, das kläglich miaute.
Gott im Himmel, flüsterte ich. Wie bist du da reingekommen?
Der Kater war mager, aber lebendig. Ich holte ihn behutsam heraus, drückte ihn an mich er schnurrte kaum hörbar. Tränen liefen über mein Gesicht das erste Mal seit zwei Jahren.
Du kleiner Dummkopf, hauchte ich. Warum hast du mich so lange allein gelassen?
Zuhause fütterte ich ihn mit warmer Milch und etwas Nassfutter. Gegen Abend erholte er sich, spielte sogar mit meiner Hand.
Jetzt ist Januar, drei Monate seit Rotkehl eingezogen ist und ein weiterer Monat seit seinem kurzen Verschwinden. Ich sitze am Fenster, die Sonne wirft ein warmes Muster auf den Balkon, Rotkehl liegt in der Sonne, fett und zufrieden.
Du hast dich ganz schön eingewöhnt, du Stubenhocker, scherze ich, während er nur leicht schnurrt und die Augen schließt.
Ein Klopfen an der Tür.
Darf ich kommen?, fragt Gisela, die nun wie eine ehrenwerte Besucherin wirkt, trägt eine Tasse Tee und ein selbstgestricktes Mäuse-Spielzeug für den Kater.
Bitte, komm rein, Gisela, sage ich.
Sie streichelt Rotkehl und fragt: Wie geht es unserem König?
Er lebt wie ein Kaiser: frisst, schläft, lässt die Nachbarn nervös werden, antworte ich.
Und Sie? Haben Sie es bereut, ihn anzunehmen?, fragt sie neugierig.
Ich denke nach. Das chaosgefüllte Apartment ist jetzt voller Spielzeug, Futternäpfe, Katzenhaare und Leben. Ordnung ist nicht mehr das Wichtigste.
Keineswegs, sage ich ehrlich. Ich habe nie bereut, ihn zu holen.
Gisela lächelt: Vielleicht nehme ich mir auch einen Kater? Mir wird langsam langweilig.
Nur wenn Sie sofort zum Tierarzt gehen und alle Impfungen erledigen, warne ich.
Sie nickt und lacht. Sie wissen alles, was man wissen muss.
Am Abend sitzen wir beide auf dem Sofa, ich schaue fern, Rotkehl liegt zu meinen Füßen und rollt sich gemütlich zusammen.
Erinnerst du dich, als ich dich rausschmeißen wollte?, streichle ich ihn am Bauch. Das war wirklich dumm von mir. Ich habe das Glück beinahe verpasst.
Draußen heult der Januarwind, die Kälte beißt, doch drinnen ist es warm und heimisch.
Ich sehe Rotkehl an und begreife: Ich lebe wieder, nicht nur existiere.
Morgen wird mich wieder der rote Wecker mit seinen Schnurrhaaren wecken. Das ist das wahre Glück.
Schlaf gut, kleiner Freund, sage ich und falle in den Schlaf, begleitet vom sanften Schnurren der schönsten Wiegenlied, das ich je gekannt habe.
**Lehre:** Das Leben ist kein starres Schema; ein wenig Unordnung und ein warmes Herz können selbst die kältesten Winter erhellen.





