Der Rückkehrer aus der UnterweltAls er die Lichtstrahlen der Morgendämmerung durch das verlassene Tor sah, wusste er, dass das Böse, das er zurückgelassen hatte, nun seine wahre Heimat finden würde.

Liselotte spürte stets, dass sie nicht hierhergehörte. Schon als Kind flackerten in ihrem Kopf sonderbare Erinnerungen ein altes Fachwerkhaus, durchzogen vom Duft nach Räucherstäbchen und Äpfeln, eine dunkelhaarige Frau, die ihr ein Wiegenlied sang, ein Mann, der sie an die Decke warf und lachte, bis die Fenster zu zittern schienen. Ihre Mutter Brigitte wischte die Bilder beiseite und rief: Das ist nur Fantasie. Doch die Fragmente wurden mit jedem Tag kräftiger.

Auch die Zweifel wuchsen: Bridgets rötliches Haar und blaue Augen passten nicht zu Liselottes dunklem Haar und braunen Augen. Über den Vater wurde nie ein Wort gewechselt.

Als Brigitte an Krebs erkrankte, flüsterte sie kurz vor ihrem Tod: Ich habe dich gestohlen. Wie eine Reisende im Traum erlebte Liselotte ein Erdbeben. In den Trümmern fand sie ein kleines Mädchen in gepunkteten Kleidern das einzige Lebende unter den Toten. Da sie selbst keine Kinder hatte, nahm sie das Kind bei sich und zog es auf. Ich habe dir die Vergangenheit geraubt, doch dir den Namen gelassen. Deine Mutter hieß Elena, dein Vater Friedrich.

Liselotte glaubte das nicht, bis sie ein vergilbtes Foto eines Mannes und einer Frau sah, deren Züge ihr unheimlich vertraut vorkamen. Eine Leere drängte sie, die Wahrheit zu suchen.

Weit entfernt, in einem kleinen Dorf nahe Leipzig, kämpfte der alte Friedrich Timotheus mit einer schweren Krankheit. Ein Taschentuch, getränkt in Blut, versteckte er vor seinem Pflegekind Armin. Er hatte seiner Frau Lena versprochen, zu warten, sollte ihre verschollene Tochter Klara zurückkehren. Lena, einst gläubig an Karten und Omen, starb im festen Glauben, dass ihre Tochter am Leben sei. Friedrich trug die Last von Schuld und Hoffnung wie ein Stein im Magen.

Armin drängte ihn zur Behandlung, doch Friedrich lehnte ab. Stattdessen riet er ihm, eine neue Frau zu finden und die Erinnerung an die verlorene Verlobte loszulassen. Beide Männer verband ein tiefer Schmerz Armin hatte seinen Vater im selben Erdbeben verloren, das Friedrichs Kind hinweggerissen hatte.

Liselotte fasste einen Entschluss. Sie kaufte ein Ticket nach Frankfurt, dem Ort, den sie als Heimat kannte. In ihrer Tasche trug sie nur eine Adresse und das vergilbte Foto. Im Taxi, das sie zum Flughafen brachte, wich der Fahrer plötzlich blass, als er das Bild erblickte, und das Fahrzeug ächzte, als würde es in einen Abgrund stürzen.

Wie heißen Sie? fragte er mit zitternder Stimme.
Zehna, antwortete sie.
Nein, hauchte er. Ihr wahrer Name ist Klara.

Liselotte erstarrte. Zufall oder Schicksal?

Der sterbende Friedrich ahnte, dass die letzte Nacht über ihn hereinbrach. Er hoffte, wie Lena, friedlich zu entschlafen. Doch am Morgen öffnete er müde die Augen, gebrochen, doch wachsam. Das Dröhnen eines Autos und Schritte im Flur drangen zu ihm.

Onkel Vano, das bin ich! rief Armin und fügte hinzu: Ich bin nicht allein! Friedrich dachte, ein Arzt sei angekommen.

Stattdessen trat ein Mädchen ein. Nicht Lena obwohl er im ersten Augenblick fast an sie glaubte. Es war seine Tochter. Seine Klara, erwachsen, doch mit denselben dunklen Augen.

Liselotte jetzt Klara setzte sich an sein Bett, strich zaghaft über seine Hand. Friedrich, Tränen des Glücks im Blick, streichelte ihr Gesicht.

Tochter, hauchte er. Endlich bist du heimgekehrt.

Für einen flüchtigen Moment erstarrte die Welt. Das Versprechen, das er seiner Frau einst gegeben hatte, war erfüllt. Und das lange Warten fand sein Ende.

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Homy
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