Die letzte Tasse Kaffee

Die letzte Tasse Kaffee

Zum ersten Mal in diesem Monat beginnt es richtig zu schneien. Kein sparsamer Schauer, der den Dreck bedeckt oder sich als dünnes Mäntelchen auf Bäume und Zäune legt nein, der Schnee fällt dicht und schwer vom Himmel. Es wirkt, als hätte jemand ein altes Kopfkissen ausgeschüttelt, eines, das Großmütter in truhenartigen Kästen auf ihren Dachböden hüten. Oder als hätte eine Hausfrau großzügig Mehl auf ein Holzbrett gestäubt, auf das gleich warmer, fluffiger Hefeteig fällt, während sie sich auf Gäste freut

Die schwarzen Streifen der Erde über der Fernwärmeleitung, der graue Asphalt mit seinen schmutzigen Pfützen alles verschwindet unter einer zarten Decke, rein wie das Hochzeitskleid einer Braut, und wie ihre Träume.

Vor dem Restaurant, dessen Veranda immer mit Lichterketten und den tiefroten Weihnachtssternen geschmückt ist, stehen die Menschen Schlange. Leon, der schmale, hagere Garderobier mit seinen immer geröteten Wangen, kommt nicht nach mit dem Annehmen von Mänteln, Jacken, Daunenparka und Umhängen. Er verwechselt die Ärmel, lässt Handschuhe und Mützen fallen und wird dabei noch röter vor Scham, murmelt Entschuldigungen, die ihm, so glaubt er, den Unmut der Gäste einbringen. Oder täuscht er sich? Vielleicht sind die Leute heute mehr mit sich selbst beschäftigt immerhin ist der Tisch längst reserviert, das festliche Kleid gewählt, der passende Schmuck gefunden. Das Fest rückt näher. Und er, Leon, ist ein kleines Hindernis auf dem Weg zu diesem Höhepunkt und dennoch ein entscheidendes.

Na was ist denn das? Eine Schlange wie früher vor den Rollmopsen! Beeilen Sie sich mal bitte, junger Mann! motzt ein untersetzter Herr mit kugeligem Bauch, der keck aus seinem Sakko herausragt.

Seine Frau, vermutlich, zischelt ihn ständig an, bittet Leon um Nachsicht.

Entschuldigen Sie Bruno hat einfach einen langen Tag hinter sich. Ach, das Jahr, Sie wissen ja und die Migräne, nicht wahr, mein Schatz? Sie reibt ununterbrochen die Hände, als würde sie Handcreme verteilen. Verzeihen Sie Bruno, jetzt hör auf! Die Leute schauen!

Und was schert mich das, Gudrun?! Was kümmert mich das?! Merk dir das!, keift der Mann, beugt sich über den Tresen, packt Leon bei der frisch gestärkten Manschette von Tante Annemarie gebügelt, bei der Leon seit knapp drei Monaten wohnt. Lass dich nicht so behandeln, hörst du? Sonst trampeln sie dir noch auf der Seele herum! Ich hab mir das verdient! Hast du das verstanden?

Leon nickt. Er versteht. Er hat schon immer verstanden. Sein Vater hat ihm oft genug gesagt, dass er ein Niemand sei, ein Nichtsnutz. Er, Leon, esse nur das Geld des Vaters auf, könne selbst aber nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen.

Na so einer! Häh!, lachte der Vater früher, auf seinem Hocker in der engen, dunklen Küche. Essen kannst du, aber fürs Studium hat’s nicht gereicht. Studium! Das ist ja einfach, Leon! Wie eine Ausbildung. Und selbst da haben sie dich nicht genommen!

Ja, Leon hat es nicht geschafft, obwohl er es wollte und sich vorbereitet hat. Aber beim Aufnahmetest tanzten ihm die Buchstaben vor den Augen, in seinem Kopf brummte ein unaufhörlicher Ton. Er wollte sich zusammenreißen, aber es ging einfach nicht. Viel lieber hätte er sich in die Dunkelheit sinken lassen, lautlos, ohne einen Ton, so schwarz wie eine mondlose Winternacht. Dann würde alles leichter sein. Die Woche vor den Prüfungen rannte Leon regelmäßig ins Krankenhaus zu seiner Mutter.

…Papa! Es war doch er, oder? Sag nicht, du bist auf der Treppe ausgerutscht, Mama! So stürzt man doch nicht Es war er! Komm, wir zeigen ihn an! Er hielt ihre schmale, von Adern durchzogene Hand fest umklammert. Die Mutter starrte resigniert an die Decke über dem gewaschenen, mittlerweile vergilbten Laken, zugedeckt bis unters Kinn mit einer dünnen Wolldecke. Sie war zerbrechlich, die Hand zu schwach, Leon hätte sie beinahe zerquetscht.

Nein, Leon! Ich habe doch gesagt, es war keiner. Ich bin ausgerutscht. Wirklich. Schließlich wandte sich Nina leise ab, warf einen raschen Blick zu den anderen Frauen in der Station, die so taten, als wären sie beschäftigt, in Wahrheit aber jedes Wort aufschnappten. Jeder will in fremde Leben graben, seine fiesen Fragen in andere Seelen stecken und dort atmen. Auch der Arzt war neugierig: Wer hat das getan? Aber was geht ihn das an? Soll er behandeln, wie ein Arzt, und sich nicht einmischen!

Sie wurde entlassen, kam selbst nach Hause zurück. Der Mann saß da, schmatzte, wischte sich die Hände am T-Shirt ab. Als er die Tür hörte, blieb er einfach sitzen, zu bequem zum Aufstehen.

Ah, du bist da? Stell Wasser auf! Ganz schön mager bist du geworden, Nina. Zum Wegsehen. Du dürre Latte! Ohne Grund wurde er plötzlich wütend, hob die Hand, wie er es nannte, mal Dampf machen. Doch diesmal hielt Leons Hand ihn zurück. Ah, du bist das, grunzte der Vater, löste sich los, schubste Leon Richtung Wand. Leon fiel, wedelte hilflos mit den Armen.

Nina blickte nur starr vor sich hin. Es war ihr egal. Sie war wie ein alter, zerrupfter Hund und der Herr entscheidet: mal streicheln, mal zuschlagen, es ist Gesetz. Und der Hund liebt seinen Peiniger trotzdem. Wohin sollte Nina auch gehen? Jahr für Jahr, Tag für Tag, so blieb alles beim Alten. Veränderung? Warum?

Leon zog nach diesem Streit aus, nach einem Monat. Packte seine Sachen, kaufte ein Ticket, fuhr zu Tante Annemarie.

Und, wie gehts den beiden? fragte sie, als sie Leon in der Tür stehen sah.

Leon zuckte nur mit den Schultern. Immer noch schlecht.

Warum, Tante Anni? Warum bleibt sie bei ihm? Ich hab sie gebeten, mitzukommen, wir könnten was Neues anfangen, ich finde eine Arbeit, für sie und mich. Aber sie hat einfach abgelehnt Leons große, treue Augen blickten die Tante so traurig an, dass ihr das Herz brach. Sie meinte nur, ich solle nichts Schlechtes über Papa sagen und ich solle verschwinden. Warum, Tante Anni?

Ach Junge Annemarie fuhr ihm übers Haar. Deine Mutter war schon immer irgendwie abwesend Wahrscheinlich ist das was Psychologisches, verstehst? Sie hätte schon so oft gehen können, auch vor deiner Geburt. Peter hat sie schon damals geschlagen, aber als würde es ihr gefallen Es ist schwer zu fassen. Du bist jedenfalls gut weggekommen. Du kannst ihr nicht helfen, wenn sie nicht will. Aber du hast genug gelitten, jetzt bist du dran, Leon. Wir suchen dir eine Arbeit, und nächstes Jahr versuchst dus mit dem Studium nochmal. Einverstanden?

So kam Leon zu seinem Job als Garderobier. Tante Anni kannte Leute, eine Empfehlung genügte dem Besitzer.

Und heute steht vor ihm Bruno so nennt ihn seine Frau. Auch er schreit, ballt die Fäuste, während Gudrun ihn beruhigt und Ruhe bittet. Ekelhaft!

Leon nimmt Gudruns Mantel entgegen, hängt ihn zum Pelzmantel des Mannes an den Haken, gibt die Garderobenmarke zurück.

Bruno verzieht das Gesicht, stampft in den Saal. Die Empfangsdame, Frau Mareike Stein, lächelt ihn schon an, will wissen, ob der Tisch reserviert ist, und macht sich dabei ganz klein, um weniger aufzufallen.

Leon muss heute die ganze Silvesternacht arbeiten. Natürlich ist er geschafft. Eigentlich wollte er mit Tante Anni feiern, oder zu Freunden gehen Andererseits der Chef hat einen guten Lohn versprochen.

Ein älteres Paar kommt zur Garderobe. Die Dame so würde Leon sie nennen schenkt ihm ein freundliches Lächeln, gratuliert zum kommenden Jahr. Sie ist schlicht angezogen, ein Hosenanzug, eine weiße Bluse, passend dazu ein Halstuch im Farbton des Blazers, schlichte Stiefeletten. Sie tritt selbstbewusst auf, ohne sich beweisen zu müssen. Sie weiß, wer sie ist für niemanden möchte sie etwas sein. Heute möchte sie nur mit Freunden und der Familie feiern, lachen, zuhören, ihren Schal zurechtrücken. Er verbirgt eine Operationsnarbe am Hals. Alles ging damals so schnell Diagnose, OP-Termin, kaltes, grelles Licht, eine Hand auf der Stirn. Elisabeth, ein Moment ausruhen, dann gehts weiter, haucht der Arzt. Dann ist alles aus, ein weiches, warmes Nichts umfängt sie

Aber an diese Tage will Elisabeth heute nicht denken, keine mitleidigen Blicke, keine falschen Fragen. Sie will einfach nur Silvester feiern, mehr nicht.

Paul, hast du den netten Jungen bemerkt? fragt Elisabeth, als sie am Tisch sitzen und der Kellner das Menü reicht.

Wen? Paul blinzelt, hat die Brille wohl vergessen. Die Menüpunkte verschwimmen zu schwarzen Linien über dem Papier.

Jetzt guck doch mal!, beugt sich Elisabeth vergnügt über ihren Teller, gibt Paul die Brille. Er grummelt, setzt sie auf. Dort, an der Garderobe. So ein lieber, junger Mann. Der erinnert mich an Jan

Elisabeth lächelt. Ihr Sohn Jan kommt heute auch noch, er hatte angerufen, wird später dazustoßen. Macht nichts! Hauptsache, er ist da, sie sind heute als Familie zusammen das zählt.

Ach der … ja Was wollen wir denn nun essen? Du hast doch schon alles bestellt!

Elisabeth beruhigt ihren Mann, will warten, bis die Familie komplett ist.

Ach Lisa, lass mich doch wenigstens schon anfangen, ich hab solchen Hunger!, winkt Paul ab. Die Gäste können ja dann auch noch kommen.

Normalerweise hätte Elisabeth widersprochen, Gäste sind Gäste, man wartet! Aber heute nicht.

Ist gut, Paul, du kannst schon etwas Salat essen. Pauls Augenbrauen schießen in die Höhe. Nein, wirklich ich liebe dich. Lass es dir schmecken!

Sie lehnt ihre Stirn an seine Schulter. Das hat sie schon als Kind gemacht, als Paul, noch groß und unnahbar, neben ihr am Flussufer saß und eine schlechte Mathe-Note tadelte. Damals war sie schon verliebt

Leon wird warm, er zieht seine Weste aus, obwohl er das eigentlich nicht darf. Der Windfang ist voll, er sorgt sich, die Gäste könnten sich beschweren.

Hey Freund! Hier, die Jacke!, drückt ihm ein kleiner, kräftiger Mann einen weißen Pelzmantel in die Hände. Neben ihm, eng an seine Seite geschmiegt, steht ein junges Mädchen auf hohen Absätzen ein, zwei Jahre älter als Leon vielleicht. Julia kennt Daniel erst seit zwei Wochen und ist mächtig stolz, dass er sie zu Freunden zum Feiern eingeladen hat. Julia kaut Kaugummi, wippt von einem Fuß auf den anderen wie ein Zebra im Gehege. Julia, sieh doch wie schön!, zeigt Daniel auf die geschmückte Halle. Julia nickt.

Ja, echt schön!

Richtig schick und festlich!, plustert Daniel sich. Tannen, Kugeln, Girlanden.

Klar sieht es hier festlich aus, Julia stimmt zu was soll’s, Hauptsache, sie isst gleich etwas Leckeres mit Daniel am Tisch! Sie war erst drei-mal im Restaurant, und das auch nur im Café. Dort Tee und ein Eclair geteilt, und am Ende musste Julia selbst bezahlen, weil ihr Ex wieder kein Geld dabei hatte.

Daniel ist anders! Zuvorkommend, wohlhabend, Auto, eigene Wohnung

Julia ist nicht scharf aufs Geld, sie hat es einfach satt, schlecht zu leben jetzt soll es gut werden. Sie glaubt: dieses Jahr hat sie Glück gehabt.

Leon hängt Mantel und Trenchcoat schnell auf.

Hier, frohes neues Jahr!, drückt Daniel ihm ein paar Euro in die Hand, zieht Julia in den Saal. Mareike Stein lächelt, kontrolliert die Namensliste, bringt die beiden zum Tisch

Paul isst konzentriert Heringssalat, Elisabeth beobachtet die Gäste.

So viele feiern Silvester auswärts! Warum? Elisabeth ist einfach nur müde, die anderen wohl auch?

Na, keiner will mehr seine Zeit in der Küche verbringen, Lisa, meint Paul, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Die Zeiten sind vorbei. Obwohl ich unsere Wohnung liebe

Nächstes Jahr feiern wir daheim, ich verspreche es!, flüstert Elisabeth. Das wünsche ich mir und es wird wahr, Paul

Paul schaut sie nachdenklich an, nickt kaum merklich. Amen.

Am Tisch in der Mitte schimpft Bruno, Gudrun kichert bemüht und widmet sich dann still dem Essen.

Daniel und Julia sitzen auf ihren Plätzen, schauen sich um. Daniel ist schon leicht beschwipst von Wärme, Lichtern, den Tannenzweigen mit LED-Lichtern auf den Fensterbrettern, von Julias Nähe. Sie wirkt so jung, naiv, ein bisschen albern, aber das gefällt. Der Duft von Gewürzen, Tanne, leichtem Rauch liegt in der Luft. Julia seufzt: So schön! Warum kann Oma nicht hier sein? Sie wird kurz traurig, greift nach Daniels Hand, der nickt ermutigend, denkt, Julia habe Angst vor seinen Freunden aber sie fürchtet sich nicht mehr, sie hat schon genug erlebt.

Mit der Oma war das Leben nicht schwer, nur manchmal einsam aber das ist okay! Oma ist doch Familie!

Hartes Jahr… Zum Vergessen… Bald ist es vorbei!, denkt Julia. Bald… Verrückt, Gut und Schlecht zusammengerührt…

Das Jahr endet bald für Leon und Tante Annemarie, für Elisabeth und ihren Mann, für Daniel und Julia. Schluss. Punkt.

Tanten, Onkel, Cousins kommen zu Elisabeth und Paul, grüßen, küssen, schütteln Hände. Männer ziehen die Sakkos aus, Frauen ordnen Frisuren. Kellner bringen Teller, lächeln. Auch für sie geht das Jahr zu Ende na und?

Was starrst du da so?, fährt ein junger Mann im Lederjacke mit rotem Schal einen älteren Herrn an, der gebeugt am Fenster steht. Sein Blick ist leer, er sieht Elisabeth und Paul, Daniel und Julia, den unzufriedenen Bruno.

Ich schau nur. Grüße…, der Alte dreht sich um. So schöne Menschen hier. Toll gekleidet…, er will weiterreden, verstummt aber plötzlich.

Sie strahlen, weil sie fröhlich sind., zwinkert der Jüngere. Und das Wetter wird besser! Na, bist du lange schon hier? Wozu? Am Ende wirds wieder unangenehm Keine Angst? Er lacht, zupft den Alten am Ärmel. Der windet sich, bleibt stur und starrt wieder ins festliche Restaurant.

Ich will mich verabschieden. Und ich habe keine Angst. Was soll schon passieren?

Das wirst du gleich merken. Ihr Alten seid wie Kinder. Komm jetzt!, sagt der Jüngere, zieht ihn mit sich. Sein roter Schal flattert wie eine kleine Fahne im Wind voraus.

Die lassen mich eh nicht rein., murmelt der Alte.

Doch, ich hab reserviert fürs neue Jahr, ins Licht! Der Jüngere lacht, legt die Hand auf seinen Rücken.

Leon nimmt den Gästen die Mäntel ab, wundert sich ein bisschen, solche Männer feiert man doch sonst nicht im Restaurant. Der Alte sieht aus, als hätte er alles erlebt und wäre jetzt erschöpft

Muss unbedingt Tante Anni anrufen! Sie sitzt bestimmt mit der Nachbarin vorm Fernseher, aber rangehen wollte sie denkt Leon, gibt die Garderobenmarke.

Die beiden bestellen Kaffee.

Trink, wer weiß, wann wieder …, schiebt der Jüngere dem Alten die Tasse zu. Den roten Schal hat er nicht abgenommen.

Danke. Kalt ist es geworden , der Alte umfasst die Tasse. Kalt, so kalt. Warum nur?

Weil du jetzt keinem mehr fehlst!, antwortet der jüngere, als würde er Gedanken lesen. Ein hübscher Kerl, strahlende Augen, breite Schultern, fast noch ein Junge mit Flaum auf der Oberlippe, aber stark und vorlaut…

Paul erhebt sich. Elisabeth reicht ihm das Glas, er schnappt es unsicher.

Na dann Auf ein schwieriges Jahr. Möge es zum Teufel gehen!, Paul trinkt, umarmt Elisabeth. Die Freunde nicken. Auch sie hatten ein hartes Jahr, im Job, überhaupt … Hoffentlich wird das nächste schöner!

Daniel ruft vom Nebentisch.

Prost, Leute! Liebe, Glück und jede Menge Bares!, zieht Julia an sich, fügt hinzu: Sollen die Probleme mitgehen, das Jahr hat eh nur mit Geld bezahlt! Julia senkt den Blick, die Gäste nicken mitfühlend.

Daniel ist dieses Jahr schwer reingefallen, konnte sich gerade noch rauskaufen besser, als im Beton zu landen.

Leon trinkt seinen Tee. Zum ersten Mal feiert er Silvester ohne Mutter. Seltsam.

Der Alte sitzt abseits, lauscht, runzelt die Stirn. Sie verabschieden sich schlecht meint er wirklich, er sei so schlecht gewesen?

Siehst du? Tja. Nicht jeder wird ein Star, Opa. Trink ruhig Kaffee, bevor er kalt ist!, sagt der Junge.

Ich wollte das auch nie

Im Restaurant läuft Musik, auf der Leinwand deutsche Schlagerstars, Feuerwerk, glückliche Gesichter. Alle wünschen sich, dass das alte Jahr geht. Und hoffen.

Mit dir wirds genauso laufen!, knurrt der Alte und sieht den Jungen an. Sie vergessen alles Gute. Immer.

Mit mir wird das anders! Wünsche satt, ich machs besser. Die Leute werden traurig sein, wenn ich gehe!, lacht der Junge, bestellt Sekt, lehnt sich entspannt zurück. Er hat noch alles vor sich.

War ein Mistjahr, das muss man sagen!, ruft jemand, eine Frau lacht, Gäste tanzen. Scheinwerferlichter huschen über Gesichter.

Der Alte kennt sie alle. Er hat geholfen, geschützt, so gut es ging. Doch am Ende entscheidet jeder selbst. Jetzt vertreiben sie ihn, voller Hoffnung aufs neue Jahr.

Guten Abend!, setzt sich plötzlich Julia an ihren Tisch. Ihr wird schwindlig, hier ist es warm. Alles Gute! Ich gehe gleich, wollte nur kurz

Sie verstummt, schaut den alten Mann an. Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen, fragt dann leise:

Gabs denn was Schönes in diesem Jahr? Doch, irgendwas gabs doch bestimmt!

Julia zuckt die Schultern.

Doch meinen Job habe ich gefunden, war im Sommer in Hamburg, wunderschönes Wetter. Und Daniel kennengelernt, vielleicht heiraten wir. Es gab Gutes! Entschuldigen Sie, ich muss Oma anrufen!

Sie rennt los, sucht ihr Handy, geht vor die Tür.

Leon hört, wie sie ihrer Oma zuflüstert, wie lieb sie sie hat, dass sie sie immer unterstützen wird

Julia spricht und spricht, Leon lauscht, wird rot ob seines Lauschens.

Dann ruft auch er an. Tante Annemarie braucht lange, geht dann ran.

Danke dir, Tante Anni! Für alles. Ich glaube, dieses Jahr war das erste, in dem ich wirklich gelebt habe. Geht es dir gut?

Annemarie geht es bestens.

Kurz darauf wählt Leon die Nummer seiner Mutter. Die antwortet kurz angebunden, als hätte das Wasserwerk angerufen. Alles gut, Leon. Vater ist zu Hause, wir gehen schlafen.

Ach, feier doch nicht, Leon! Ein Jahr ist wie das andere. Tschüss, ich muss Schluss machen.

Sie legt auf. Leon kann ihr nicht mehr sagen, dass er wartet, dass sich alles ändern muss, dass ein neues Leben beginnt. Aber sie wird ohnehin nichts ändern Veränderung ist beängstigend.

Wisst ihr, sagt Elisabeths Stimme, in diesem Jahr habe ich wieder gelernt, wie Regen auf Wegen rauscht, wie die Sonne aufgeht, wieder untergeht, wie ihr Licht durch die Lindenblätter draußen scheint… Ich nehme das neu wahr. Am Meer waren wir, und überhaupt Das Jahr war wechselhaft, aber schön. Paul, findest du nicht?

Paul zuckt die Schultern. Vielleicht hat sie recht Job läuft, der Sohn heiratet bald, und Elisabeth lebt das ist Gutes!

Die Musik verstummt, Kellner eilen, zünden Kerzen an, kleine Tropfen Licht dazwischen.

Wir sitzen hier wie Könige, essen im Überfluss ist das Jahr wirklich schlecht gewesen, Leute?, meint einer von Daniels Freunden plötzlich. Was wir konnten, haben wir geschafft. Großes kann man eh nicht richten, aber sein eigenes Leben das war nicht schlecht! Auf uns, Leute!

Das Klirren der Gläser lässt den Jungen im roten Schal zusammenzucken.

Bruno und Gudrun schauen sich an. Wie war das Jahr? Der Verlag schwächelt, wie so viele. Hoffnung gibts: Gute Autoren, die schnell verkauft werden, vielleicht gehts bald wieder gut! Gudrun hat Englisch gelernt und Friseurkurse gemacht nicht schlecht. Zu Hause ist es friedlich, gemütlich, ohne große Romantik, aber in ihrem Alter ist das angenehm. Streiten? Kaum. Abends gibt es immer einen Gute-Nacht-Kuss. Viele beneiden sie, sie beneiden sich manchmal selbst.

Danke, mein Schatz, dass du mich aushältst!, flüstert der Mann, legt seine große, warme Hand über Gudruns. Sie möchte antworten, aber er schüttelt den Kopf. Schon gut.

Leon steht an der offenen Tür, atmet den Schnee ein. Ja, Schnee hat einen eigenen Geruch, so wie Wäsche, frisch gefroren. Es ist egal etwas ist dieses Jahr anders geworden, etwas Wertvolles ist entstanden. Die fallenden Flocken sind wie weiße Seiten, schreib, was du willst, genieß es!

Es wird Zeit!, sagt der Alte, steht auf, richtet die Manschetten, legt ein paar Euro für den Kaffee auf den Tisch. Er ist ruhig, runzelt nicht mehr die Stirn. Seine Zeit war nicht umsonst. Gar nicht!

Der Jüngere erhebt sich, plötzlich voller Angst, diesmal fühlt er sich wie ein Kind, das die Welt retten soll. Was, wenn es misslingt? Was, wenn…?

Hab keine Angst, mein Junge!, sagt der Ältere zum Abschied. Tu, was richtig ist, und der Rest wird werden! Auf Wiedersehen!

Leon beobachtet, wie die einsame Gestalt im dichten Schnee verschwindet, als hätte jemand sie einfach ausradiert. Er geht sogar raus, um nachzusehen.

Aber der Mann ist nicht verschwunden. Er ist nur gegangen, hat seinen Platz einem anderen überlassen.

Morgen nehmen die Menschen überall den alten Kalender ab und streichen mit den Fingern über die Erinnerungen dieses Jahres. Dort, im Vorjahr, gab es vieles. Es ist vergangen. Und doch jede gelebte Minute ist ein Lämpchen in der Lichterkette ihres Lebens. Hätte sie nicht gebrannt, gäbe es das Ganze nicht. Hier gibt es keine Parallelen, nur Serie gestern, heute, morgen. Deswegen zählt jede Minute wie sie war. Und danke, dass sie war

Die Glockenschläge ertönen aus den Lautsprechern. Die Menschen springen auf, umarmen sich. Paul drückt Elisabeth fest an sich, streichelt ihr Haar, küsst Augen, Wangen, Lippen. Sie duftet nach etwas Süßem und Vertrautem. Millionen Augenblicke liegen vor ihnen sie werden sie ohne Reue leben. So und nicht anders!

Leon drückt das Garderobenzeichen des Gegangenen in der Hand zusammen, schließt die Augen. Er möchte gleichzeitig lachen und weinen, rufen und schweigen und tanzen. Das Gute hat schon begonnen!

Und auf der Bühne steht der Junge mit dem roten Schal, nimmt das Mikrofon in die Hand. Er wird noch viele Tage und Nächte den Takt vorgeben. Und es wird ihm gelingen wie sollte es auch anders sein?

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Homy
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